Auf dem Weg zu einer spirituellen Gesprächskultur?

Auf dem Weg zu einer spirituellen Gesprächskultur?

Eine Bestandsaufnahme

Autor: Gabriele Sigg
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 57

 

 

 

 

Der Ruf nach einer Kultur, die Spiritualität integriert, wird lauter. Es vermehren sich die Foren, in denen offen über die Zusammenhänge von Wissenschaft und Spiritualität, die Rolle der Religion gesprochen und eine Gesprächskultur praktiziert wird, die es erlaubt, transzendente Erfahrungen auszutauschen und zu kommunizieren.

 

Im Jahr 2013 fanden drei Symposien in Berlin statt, bei denen sich Wissenschaft und Spiritualität begegneten. Tattva Viveka war vor Ort. Am Sonntag, den 23. Juni, veranstaltete die Stiftung Rosenkreuz in der Urania ein Symposium zu der Frage: »Spiritualität ohne Religion?«. Am Freitagabend des 28. Juni versammelten sich unter der Regie von Brahma Kumaris Raja Yoga e.V. Wissenschaftler und Yoginis um über »Die Ökologie des Bewusstseins« zu sprechen. Darüber hinaus stellte »Mind & Life« seine Arbeit in Europa mit einem ersten Symposium vom 10. bis 13. Oktober vor: »Individuelle und gesellschaftliche Veränderungen aus der kontemplativen Perspektive«. Im Folgenden werde ich eine kleine Berichterstattung zu den jeweiligen Veranstaltungen geben und diese am Schluss in den Gesamtkomplex des Feldes »Wissenschaft und Spiritualität« einordnen.

 

Spiritualität ohne Religion?
Auf dem Symposium der Stiftung Rosenkreuz trafen drei durchaus streitbare Wissenschaftler zusammen. Dr. Joachim Kahl, Prof. Dr. Harald Walach und Dr. Gunter Friedrich. Das Symposium war gut besucht. Der Raum war angenehm gefüllt, aber nicht überfüllt. Wohl ist aufgefallen, dass der Großteil der Besucher eher älteren Datums war. Vereinzelt traten jüngere Besucher hervor.

Der Philosoph und Humanist Dr. Dr. Joachim Kahl vertritt die Position eines weltlichen Humanismus. Spiritualität heißt für ihn heute eine Geistesorientierung und ist nicht zu verwechseln mit einem Gott, der die Welt erschaffen hat. Die Welt entwickelt sich beständig. Sie ist nicht erlösbar, auch nicht durch Gott. Kahl versteht sich als A-theist, was nicht zu verwechseln ist mit Anti-Theismus. Das menschliche Dasein sieht er als etwas zutiefst Fragiles und niemals als vollkommen an. So ist die Welt in seinen Augen auch nicht heilig. Er möchte die Welt im Weberschen Sinne entzaubern, aber nur um den »faulen« Zauber von dem »realen« Zauber, den er als der Welt immanent sieht, unterscheiden zu können.

 

Stiftung Rosenkreuz: Dr. Gunter Friedrich, Dr. Joachim Kahl, Prof. Dr. Harald Walach (v. li. n. re.)

Stiftung Rosenkreuz: Dr. Gunter Friedrich,
Dr. Joachim Kahl, Prof. Dr. Harald Walach (v. li. n. re.)


 

Spiritualität ist für Joachim Kahl eine wichtige Bewusstseinsdimension, die nicht zwingend religiös sein muss. Definitorisch macht er auf zwei Kategorien aufmerksam: erstens die formale und zweitens die inhaltliche. Auf formaler Ebene ist Spiritualität eine Verschränkung von Verstand und Gefühl. Auf der inhaltlichen Ebene ist es die Verschränkung von Relativem und Absolutem. Immanenz und Transzendenz sieht er als untaugliche Begriffe an. Ohne Melancholie ist keine wirkliche Lebensfreude möglich. Ontologisch gesehen – und hier beruft er sich auf die antike griechische Philosophie – gibt es unveränderliche Grundstrukturen des Seins. Raum und Zeit sind absolute Bestimmungsfaktoren aus denen wir nicht herausfallen können. Die Fähigkeit, in dieser Raum-Zeit-Dimension zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, kann als eine Meisterung der Alltagsspiritualität gesehen werden.

Der Kern der Arbeit von Harald Walach ist vor allem die Verbindung von Spiritualität und Aufklärung. Die historische Epoche der Aufklärung war zur Befreiung aus Ideologien und verkrusteten Strukturen notwendig gewesen, jedoch sind wir zu weit gegangen und haben »das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet«. Da die Spiritualität als Ganzes über Bord geworfen wurde, müssen wir heute nun wieder alle einzelnen Puzzlestücke zusammensuchen. Die Idee der Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität geht weit zurück in das 13. Jahrhundert. Es war die kulturelle Zeit der universitas, der ganzheitlichen Universität. Zu dieser Zeit war ein gewisser freier Geist namens Roger Bacon (1214-1294) am Werke. Im Franziskanerorden, dem er zugehörte, wurde die freie Gelehrsamkeit etwas enger beschnitten, und so suchte Bacon den Papst auf, um die Erlaubnis zu erbitten, sein Forschungsprojekt durchzuführen. Es wurde ihm gestattet. Bei Bacon finden wir schon den ersten Ansatz einer Verbindung von äußerer und innerer Wissenschaft. In sieben Stufen legte Bacon den Weg der inneren Wissenschaft dar, deren Kulminationspunkt in der siebten Stufe »raptus«, dem göttlichen Entzücken, erreicht wurde:

 

»Die siebte Stufe besteht in spiritueller Erfahrung geistlicher Entrückung. Jeder wird auf seine je eigene Weise von ihr erfasst, auf dass er vieles schaut, worüber dem Menschen zu sprechen verwehrt ist. Wer in diesen Erfahrungsweisen, oder besser in vielen von ihnen, wohl bewandert ist, der kann sich und anderen nicht bloß in geistlichen Dingen, sondern auch in allen, die die menschliche Wissenschaft betreffen, Gewissheit verschaffen. […] Wir brauchen [also] eine Wissenschaft, die Erfahrungswissenschaft heißt. Und ich will sie erläutern, nicht nur inwiefern sie nützlich ist für die Philosophie, sondern auch für die Gottesgelehrtheit und die Lenkung der ganzen Welt.«

Harald Walach (2011): Spiritualität. Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen. S. 47f
zitiert nach Roger Bacon (1897): The Opus Majus of Roger Bacon 2 Bd. Oxford. S. 169ff

 

Von Bacons Werk »Opus Majus« gab es drei Kopien, eine schickte er dem Papst. Dummerweise starb der amtierende Papst und der Nachfolger steckte das Buch unbedacht in sein Bücherregal, wo es dann erst einmal für die nächsten 200 Jahre stand. Diese Anekdote zeigt, dass es in der Geschichte immer wieder Impulse für eine Verbindung von äußerer und innerer Wissenschaft gab – aber vielleicht war einfach die Zeit damals noch nicht reif genug. Walach betont, dass er Wert auf eine »undogmatische Spiritualität« legt.

Undogmatisch heißt vor allem auch, Spiritualität nicht in Konzepte zu pressen und somit die lebendige Erfahrung zu zerstören. Dies ist leider oft durch Religionen geschehen, die er als »geronnene Erfahrung« bezeichnet.

 

Mind & Life-Symposium: v.l.n.r. Prof. Dr. Martijn van Beek, Prof. Dr. Dennis J. Snower, Prof. Dr. Tania Singer, Dr. Matthieu Richard

Mind & Life-Symposium: v.l.n.r. Prof. Dr. Martijn van Beek,
Prof. Dr. Dennis J. Snower, Prof. Dr. Tania Singer, Dr. Matthieu Richard


 

Der letzte Vortrag von Dr. Gunter Friedrich entführte uns in den Zauber des Augenblicks: Spiritualität als ein Erfahrungsweg von Herz und Verstand. Der ehemalige Jurist sprach in poetischer Form von seiner Erfahrung auf dem spirituellen Weg. Es gibt eine Empfindungsebene jenseits der Emotionen. Einerseits müssen Empfindungen geklärt werden und andererseits das Denken, um dann in einem Zusammenspiel zu einer höheren Wahrheit zu gelangen. »Denken« kommt etymologisch interessanterweise von »Danken«. Denken und Fühlen müssen sich gegenseitig begrenzen und korrigieren um in keine Einseitigkeit zu verfallen. Dies ist kein statisches, sondern ein sehr dynamisches Tun, das Friedrich in dem Sinnbild und Archetypus des Abenteurers verdeutlicht. Alle Kinder lieben Abenteuerromane, aber als Erwachsene vergessen wir dies wieder und richten uns in den »Realitäten« des Lebens ein. Doch in jedem von uns steckt weiterhin der Abenteurer oder die Abenteurerin, das Kind, das die Welt immer wieder neu entdecken will. Tief in uns spüren wir die Sehnsucht diesem inneren Ruf zu folgen. Friedrich stellt neben das Zusammenspiel von Herz und Verstand als drittes Element die Motivation oder Sehnsucht, die aus einer »geistigen Quelle« im Herzen stammt. Nicht aber als unreife Kinder dürfen wir im Leben stehen, der Alltag muss immer wieder der Prüfstein sein für gelebte spirituelle Praxis. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 57

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 33: Didi Sudesh – Die Töchter Adams.
Weibliche Yogis verändern die Welt

TV 45/46: Prof. Dr. Peter Hubral – Mythos und Logos.
Ursprung und Untergang der Philosophia

TV 46: Ronald Engert – Die Pforte zu sich selbst.
Kongress »Meditation und Wissenschaft«

TV 49: Dr. Gunter Friedrich – Der Andere in mir.
Wegmarken einer Suche

TV 53: Prof. Dr. Rupert Sheldrake – Tabubruch.
Die spirituelle Dimension der Wissenschaft

TV 53: Prof. Dr. Harald Walach/ Dr. Nikolaus von Stillfried
Erkenntnistheorie der ersten Person.

TV 56: Gabriele Sigg – Die höhere Einsicht des Herzens.
Jenseits gesellschaftlicher Prägungen

 

Bildnachweis: © Stiftung Rosenkreuz

 

 

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