Nahtoderfahrung – Blick in die Ewigkeit

Nahtoderfahrung – Blick in die Ewigkeit

Blick in die Ewigkeit

Gleichzeitig eins und verschieden – die Gotteserfahrung eines Neurowissenschaftlers

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 57

 

Der Neurowissenschaftler Dr. med. Eben Alexander lag sieben Tage im Koma und war hirntot. Während dieser Zeit hatte er eine intensive Gotteserfahrung. Erstaunlicherweise berichtet er davon, dass er Gott als unendliche Liebe wahrnahm, aber »nicht ganz eins« mit ihm werden konnte. Mit Blick auf die monistische Tradition des Advaita und moderner New Age-Lehren diskutiert der Artikel die Frage der Einheit mit Gott und die personale Individualität von Gott und dem Lebewesen.

 

Das Buch von Eben Alexander war wochenlang auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegel und der New York Times. Aber nicht nur deshalb lohnt es sich, seinen Bericht näher zu untersuchen. Seine Nahtoderfahrung besticht zunächst durch eine hohe Intensität und Ausführlichkeit. Sie ist außerdem von einem sehr reflektierten und neurowissenschaftlich gebildeten Menschen niedergeschrieben worden, was dem Bericht eine nüchterne, unideologische Klarheit verleiht. Zudem war Dr. Alexander vor seinem Erlebnis ein in der Hauptsache materialistischer Wissenschaftler ohne esoterisches Vorwissen. Das Erlebnis hat aus ihm einen spirituellen Menschen gemacht. Somit handelt es sich hier um ein lebendes Beispiel für inneren Wandel und die Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität, aber auch ein starkes Indiz und Zeugnis für die Echtheit spiritueller Realitäten. In Teil 1 des Aufsatzes (erschienen in Tattva Viveka 56) wurde die Nahtoderfahrung und deren Bedeutung für Wissenschaft und Spiritualität dargestellt. Teil 2 möchte spezifisch auf das Thema der Gotteserfahrung eingehen. Es sei betont, dass es sich um eine Erfahrung handelt, nicht um eine philosophische Spekulation. Alexander hat eine reale und bewusste Erfahrung Gottes gemacht.

 

Gleichzeitig eins und verschieden

 

Gleichzeitig eins und verschieden
Im Folgenden sei eine Stelle aus dem Buch genannt, die ein sehr interessantes und strittiges Problem in der Spiritualität auf dem Weg einer unmittelbaren persönlichen Erfahrung anspricht. Es geht um die Frage der Vielheit oder Einheit der Wirklichkeit. Wie an vielen Stellen im Buch kann man auch hier sehen, dass Alexander von Hause aus ein relativ unbeschriebenes Blatt ist, was Spiritualität betrifft. Er sagt selbst, dass er sich vor seinem Nahtoderlebnis nicht mit Spiritualität oder Themen der Metaphysik beschäftigt hat und fest auf dem Boden der materialistischen Wissenschaft stand. Dieser Umstand gibt seinen spirituellen Erfahrungen etwas Unmittelbares, nicht durch Ideologien und Glaubenssysteme Verstelltes, eine Art roher Befund oder nackte Daten, die nicht durch konzeptuelles Vorwissen gefärbt sind. Dennoch ist er natürlich geneigt, seine Erfahrung in eine Art von Erklärung zu bringen.

An der folgenden Stelle also wird deutlich, wie er versucht, seine unmittelbar gefühlte Erfahrung in ein intellektuelles Konzept zu übersetzen. Offensichtlich hat er nach seiner Erfahrung im Zuge der intellektuellen Orientierung vage etwas von der spirituellen Theorie des »Einsseins« gehört. Einige spirituelle Ansätze, die vom indischen Advaita-Konzept abstammen, wie z.B. Osho, Maharishi, Neal Donald Walsh oder Eckhardt Tolle, gehen davon aus, dass der tiefste Grund der Wirklichkeit eine unterschiedslose Einheit ist, in der es keine Trennung und keine Dualität, mithin keine Vielheit mehr gibt. Dieses Verständnis lehnt Dualität als Illusion ab und vertritt die Rückführung der Wirklichkeit auf ein einziges Prinzip eines allumfassenden göttlichen Einen ohne Trennung. Philosophisch nennt man dies Monismus.
Alexander ringt in seiner Wahrnehmung und Erfahrung mit diesem Einssein und Verschiedensein von Gott. Dabei scheint mir seine unmittelbar gefühlte Erfahrung die einer Verschiedenheit zu sein, der Versuch der intellektuellen Erklärung jedoch durch das Konzept des Monismus bestimmt zu sein. Lesen wir die folgende Stelle:

 

Genau wie mein Bewusstsein sowohl individuell als auch gleichzeitig völlig eins mit dem Universum war, zogen sich die Grenzen dessen, was ich als mein »Ich« erlebte, bisweilen zusammen und erweiterten sich dann wieder, um alles einzuschließen, was bis in alle Ewigkeit besteht. Das Verschwimmen der Grenze zwischen meinem Bewusstsein und dem Bereich um mich herum ging bisweilen so weit, dass ich zum gesamten Universum wurde. Ich könnte es auch so ausdrücken, dass ich in dem Moment ein Gleichsein mit dem Universum bemerkte, welches die ganze Zeit existiert hatte, für das ich aber bisher blind gewesen war. (216)

 

Erläuterung: Alexander leitet die Passage mit einer Stellungnahme ein, die eine relativ dualistisch formulierte Mischung aus Erfahrung und Interpretation ist: »Genau wie mein Bewusstsein sowohl individuell als auch gleichzeitig völlig eins mit dem Universum war …«. Er präzisiert es dann jedoch – das ist wohl seiner wissenschaftlich geschulten Arbeitsweise zu verdanken – und spricht davon, dass er zum gesamten Universum wurde. Dieses »wurde« ist im Original in kursiv gesetzt, was wohl darauf hinweisen soll, dass Alexander diesem Wort eine besonders tiefe Bedeutung zumisst. Ich finde es auch ziemlich gut formuliert, denn was hier mit dem Begriff des »Werdens« beschrieben wird, ist eine Entwicklung oder ein Veränderungsprozess. Er ist manchmal verschieden vom Universum und manchmal ist er das Universum. Beides ist vorhanden. Er formuliert es dann nochmal mit anderen Worten, was wie der Versuch anmutet, es noch besser auf den Begriff zu bringen (»Ich könnte es auch so ausdrücken:«) und benutzt dann den Begriff des »Gleichseins«, das er in einem bestimmten »Moment« erlebt. Dieses Gleichsein setzt eigentlich das Vorhandensein von zwei Entitäten voraus, die gleich sind. Wenn es nicht zwei wären, könnten sie nicht gleich sein. Alexander fährt fort:

 

Eine Analogie, die ich oft gebrauche um ein Bewusstsein auf dieser tiefsten Ebene zu verdeutlichen, ist die eines Hühnereis. Während ich mich im Zentrum aufhielt, hatte ich, selbst als ich in alle Ewigkeit eins wurde mit der Lichtkugel und dem gesamten mehrdimensionalen Universum und eins mit Gott war, das starke Gefühl, dass der kreative, uranfängliche Aspekt Gottes (der erste Beweger) die Schale um den Inhalt des Eis war, durchweg eng mit ihm verbunden (denn unser Bewusstsein ist eine direkte Erweiterung des göttlichen), aber für immer jenseits der Möglichkeit, absolut identisch mit dem Bewusstsein des Erschaffenen zu sein. Selbst als mein Bewusstsein mit allem und der Ewigkeit gleich wurde, merkte ich, dass ich nicht ganz eins werden konnte mit dem kreativen, ursprünglichen Lenker von allem, was ist. Im Innersten der grenzenlosesten Einheit war immer noch diese Dualität. Möglicherweise ist eine so offenkundige Dualität einfach das Ergebnis des Versuchs, eine derartige Bewusstheit mit zurück in diese Welt zu bringen. (216f.)

 

Wenn man diese Passage genau liest, kann man sehr schön sehen, wie er sich in der Widersprüchlichkeit von Einssein und Verschiedensein verheddert. Es ist nicht klar und eindeutig formuliert. Einerseits ist da dieser Versuch oder Wunsch, dass Einssein zu legitimieren und zu bestätigen. Andererseits kann er doch nicht von seiner Erfahrung Abstand nehmen, dass hier trotz allem noch eine Verschiedenheit bleibt. Er kann nicht ganz eins werden mit Gott.

Es ist sinnvoll, hier zunächst die Unterscheidung zwischen Universum und Schöpfer zu verdeutlichen. Zuerst sprach er von dem Universum, mit dem er bisweilen gleich wurde. Alles, was im Universum existiert, ist Erschaffenes. Gott indes ist der Schöpfer, der Erschaffer. Ein Gleichsein mit dem Universum ist viel mehr spürbar als mit Gott, da ich als erschaffenes Geschöpf mit dem erschaffenen Universum zu derselben Kategorie gehöre. In Bezug auf Gott, den Schöpfer, spricht er eindeutig davon, dass immer ein letztes Gefühl davon blieb, dass hier eine Verschiedenheit von Gott existiert. Wie er sagt, fühlte er zwar eine enge Verbundenheit, aber er sah auch eine nicht weiter reduzierbare Verschiedenheit. Mir scheint dies richtig gefühlt, denn es ist nicht möglich, dass der Erschaffer zum Erschaffenen wird.

 

Die Gotteserfahrung eines Neurowissenschaftlers

 

Ich finde, die Einheit von Schöpfer und Geschöpf ist eine logische Unmöglichkeit und wer behauptet, dass dies trotzdem geht, schafft damit lediglich die Erkennbarkeit der Welt ab. Natürlich kann man immer alles auf eins reduzieren, dann gibt es keine Unterschiede, keine Kausalitäten und keine Abhängigkeiten mehr. Aber es dürfte dann auch sehr schwierig werden, noch irgendetwas zu unterscheiden.

Verschiedenheit bzw. Trennung wird in der monistischen Spiritualität als Illusion und als Ursache des Leidens betrachtet. Ich kann jedoch nicht nachvollziehen, warum die Verschiedenheit ein Problem sein soll. Vielmehr finde ich, dass mit der Annahme des Axioms einer grundsätzlichen Verschiedenheit von Schöpfer und Geschaffenen die Struktur und der Aufbau der Welt in allen Aspekten offenbar wird. Natürlich haben wir die Sehnsucht nach Verbindung mit diesem Schöpfer. Dies ist die ursprüngliche Natur unserer Seele. Wie das Kind sich immer seiner Mutter oder seinem Vater zugehörig fühlt, so suchen auch wir die Zugehörigkeit zu unserem göttlichen Vater bzw. unserer göttlichen Mutter. Dies ist nur natürlich. Die Schönheit und Liebe dieser Beziehung, ebenso wie die Tatsache, dass hier überhaupt eine Beziehung stattfindet, verdankt sich dem Umstand, dass es die Verschiedenheit gibt. Die Verschiedenheit ist der Ursprung der Liebe und der Ekstase in der alchemistischen Vereinigung der Beziehung. Es ist die Dialektik von Einheit und Verschiedenheit, ja die dynamische Asymmetrie zwischen mir und Gott, die alles, was existiert, in Bewegung hält. […]

Anmerkung: Dieser Artikel hat zwei Teile. Lesen Sie den ersten Teil: Blick in die Ewigkeit

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 57

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Ronald Engert TV57 (PDF)

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Preis: 2,00 EUR
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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 18-19: Heiko Helbig – Der Baum der vedischen Schriften.
Von den Anfängen bis zum Ende des Wissens

TV 20: Narayana Maharaja – Nitya Dharma.
Religion jenseits der Bedingtheit von Raum und Zeit

TV 22: Ronald Engert – Kann die Seele sterben?
Aus den Lehren der Bhagavad-gita

TV 25: Ronald Engert – Vedische Erkenntnistheorie.
Das ewige Wissen von der Transzendenz

TV 34: Balendu Swami – Mein Gott ist die Liebe. Erfahrungen eines Eingeweihten

TV 39: Gabriele Schindler – Das Geheimnis vom Wiedererkennen des Selbst. Kashmir-Shivaismus

TV 45: Hardy Fürch – Die Bhagavad-gita, das Gehirn und ich.
Hirnforschung und Ich-Illusion

 

Bildnachweis: © Imaginechurch

 

 

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