Buen Vivir

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Buen Vivir

 

Die Politik des guten Lebens

Autor: Steven Sello
Kategorie: Politik
Ausgabe Nr: 62

 

 

Aus den indigenen Traditionen haben die Regierungen von Uruguay, Ecuador und Bolivien das Prinzip »Buen Vivir« in die Verfassung übernommen. Dieses besagt, dass Politik nicht nur dazu dienen soll, den Menschen ein gutes Leben zu verschaffen, sondern auch die Natur und Mutter Erde mit einzubeziehen. Tatsächlich wurde von diesen Regierungen Mutter Erde als eigenes Rechtssubjekt in die Verfassung aufgenommen.

 

Noch nie hat die Menschheit über so viele materielle Ressourcen und über so viele technische und wissenschaftliche Kenntnisse verfügt. (…) Nichts beweist, dass sie glücklicher ist.« Diese Worte stehen am Anfang des konvivalistischen Manifests, verfasst vom einem Kollektiv französischsprachiger Philosophen und Sozialwissenschaftler (Adloff/Leggewie 2014).

Nach welchen normativen Erwartungen richtet sich die politische Praxis aus? Die Mehrung des materiellen Wohlstands und die Steigerung des Wirtschaftswachstum waren und sind Maxime politischen Handelns. Diese wurden seit geraumer Zeit immer wieder kritisch hinterfragt – man denke an die Studie des Club of Rome Grenzen des Wachstums Anfang der 1970-er und an die ökologische Bewegung. Diese Gegen- und Reformbewegungen fanden Eingang in den politischen Diskurs und in die Gesetzgebung. Der hart umkämpfte deutsche Atomausstieg ist dafür nur ein besonders prominentes Beispiel von vielen. Zunehmend rücken andere Konzepte in das Licht der Aufmerksamkeit, die Glück, Wohlbefinden und eine veränderte Vorstellung von einem erfüllten Leben zu Leitlinien erheben. Der kleine Himalaya-Staat Bhutan hat das »Bruttonationalglück« zu einem wichtigen Ziel der Wirtschaftspolitik erhoben und dafür eigens eine Staatskommission eingesetzt. In vielen lateinamerikanischen Ländern werden Ansätze einer neuen Politik unter dem Sammelbegriff Buen Vivir diskutiert, die sich unter anderem an indigenen Vorstellungen eines harmonischen Lebens im Einklang mit »Mutter Erde« orientieren. In einem Beitrag für die politikwissenschaftliche Fachzeitschrift Leviathan beschäftigen sich Ana Agostino und Franziska Dübgen mit dem Potential und den Widersprüchlichkeiten lateinamerikanischer Transformationsmodelle.

 

Unsere zentrale Aufgabe besteht in der Verteidigung des Lebens an sich. – José Mujica, Präsident von Uruguay

 

Unter dem Begriff Buen Vivir – eine spanische Übersetzung und Übertragung indigener Wörter wie küne mongen der Mapuche in Peru oder sumak kawsay der Kichwa in Ecuador – versammeln sich unterschiedliche indigene Kosmovisionen (Agostino/Dübgen 2014: 271). Mit diesem Konzept werden lange Zeit unterdrückte und marginalisierte Indigene zu Autoren nationaler Entwicklungsstrategien. »Als Alternative zum neoliberalen Wachstumsmodell propagiert das Modell des guten Lebens sowohl ein harmonisches Zusammenspiel von Menschheit und Natur als auch ein innergesellschaftliches soziales Gleichgewicht« (ebd.: 272). Immer wieder wird dabei auf Pachamama verwiesen. Das beinhaltet die Idee der Rechte für und von der ›Mutter Erde‹. Das heißt, es geht nicht mehr nur um das unmittelbare Wohl des Menschen, wie das in sozialistischen Entwicklungsmodellen der Fall ist, sondern die Idee des guten Lebens beinhaltet die Ewigkeit des Gegenwärtigen und die Fülle des Lebens. Das kann nicht allein durch den Einzelnen erreicht werden, sondern nur in Gemeinschaft. »Ein tatsächlich geglücktes gutes Leben darf weder auf der Ausbeutung der Natur noch auf der Ausbeutung anderer Menschen gründen. Es basiert auf Suffizienz (span.: suficiencia) – Genügsamkeit angesichts der gegebenen Mittel – und Reziprozität« (ebd.: 273).

 

Buen Vivir

 

Die Prinzipien des Buen Vivir wurden 2008 in Ecuador und 2009 in Bolivien in die Verfassung aufgenommen. Ein rechtstheoretisches Novum ist auch die Festlegung genuiner Rechte der »Mutter Erde« innerhalb der ecuadorianischen Verfassung. Mit Pachamama wird die Natur zu einem eigenständigen Rechtssubjekt. Ecuadors Regierung erstellte einen »Nationalen Plan für das gute Leben«, der in einem partizipativen Prozess unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft entstand.
Doch vorerst stützt sich die Wirtschaft Ecuadors zu über 70% auf den Export von Primärgütern, vor allem aus der Ölförderung, der Fischerei und dem Obstanbau. Ecuadors Präsident Rafael Correa bezeichnet dies als eine Übergangsstrategie. Die Mittel fließen unter anderem in Sozialmaßnahmen zum Abbau extremer Armut. Auch Boliviens Abhängigkeit vom Rohstoffexport ist hoch. Einerseits ist es für diese Länder eine vordringliche Aufgabe, die immense soziale Ungleichheit zu beheben. Andererseits befindet sich genau jenes Wirtschaftsmodell, das diese sozialen Probleme lösen soll, selbst in einer Fundamentalkrise und verlange nach einem »zivilisatorischen« Wandel (ebd.: 277).

Das Austarieren dieser Spannung erzeugt fortlaufend Widersprüchlichkeiten. Die bolivianische Verfassung verlangt einerseits die Orientierung an den Bedürfnissen der Natur, andererseits sollen die vorhandenen Ressourcen für das Wohl des Volkes genutzt werden. Pachamama und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen scheinen unvereinbar zu sein. Die ecuadorianische Regierung betont zwar die Regeneration und Bewahrung der Natur, rechtfertigt jedoch als mittelfristigen Weg ebenfalls ein Wirtschaftsmodell, das auf Rohstoffausbeutung basiert (vgl. ebd.: 278). […]

 

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Unser Autor Steven Sello schreibt einen Blog über spirituelle und sozialwissenschaftliche Themen: seinswandel.wordpress.com

 

Bildnachweis: © juntandocorazones.ning.com

 


 

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