Das Dao des Denkens

Das Dao des Denkens

Vom gesellschaftlichen zum natürlichen Denken

Autor: Peter Hubral
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: 51

 

Peter Hubral zeigt mittels daoistischer Lehren die dialektische Interaktion zwischen diskursivem Denken und intuitivem Denken auf. Diskursives Denken ist in der westlichen Welt weit verbreitet und baut auf Sprache und Verstand. Wirkliche Einsicht ist jedoch erst jenseits des Denkens erfahrbar. Intuitives Denken bedient sich anderer Werkzeuge. Der Autor eröffnet Zugang zu dieser erweiterten Erkenntnisdimension durch die Praktiken der Daoisten.

 

Peter Hubral - Das Dao des Denkens

 

Wie ich in Tattva 50 angedeutet habe, gilt: Einsicht ist dort, wo das Denken nicht hingelangt. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der Erforschung des Denkens durch Denken Grenzen gesetzt sind. Diese haben Daoisten vor Jahrtausenden erkannt. Sie haben gezeigt, dass sich Denken durch Meditation (Daoxing) erweitern lässt. Sie erkannten, dass es zwei Denkweisen gibt, die in dialektischer Interaktion (Yin-Yang) stehen: Intuitives und diskursives Denken. Das Diskursive nutzt die Sprache. Das Intuitive nicht.

Auch haben sie gezeigt, dass das intuitive Denken in einer jenseitigen Welt erfolgt, in die das diskursive Denken, das durch die diesseitige Welt geprägt ist, nicht eindringen kann. Dabei handelt es sich um die schöpferische Mischwelt aus Bekanntem (You) und Unbekanntem (Wu). Sie nennen sie Taiji (Tai Chi) oder Dadao (großes Dao). Sie zeigten, wie man das intuitive Denken meditativ fördern kann, so dass das vertraute kulturell und gesellschaftlich geprägte Denken zunehmend zu einem natürlichen Denken wird.

Die Mischung entspricht, wie ich zeige, dem, was der griechische Naturphilosoph Heraklit (ca. 535-475 v.u.Z.) lógosnennt. Dazu schreibt Karl Jaspers (1883-1969): Für Heraklit ist per definitionem der lógos »alles zugleich und nichts ausschließlich«. Diese wirr erscheinende Definition geht weit darüber hinaus, lógos mit »Wort« zu übersetzen. Lógos entspricht vielmehr Taiji, Dadao und anderen Umschreibungen.

Zur Rechtfertigung von lógos = Taiji benutze ich die daoistische Lehre der drei Welten, auf die schon der gelbe Kaiser Huangdi (2698-2598 v.u.Z.) verweist.Sie erklärt, wie Einsicht aus der Mischwelt (lógos = Taiji), in der »alles zugleich und nichts ausschließlich« ist, »aussich heraus (auta kathauta)«, also spontan, zustande kommt.

Die Lehre (Xue) der drei (San) Welten (Jie), die ihren Ursprung in der meditativen Selbstbeobachtung (Daoxing) nimmt, liefert die Theorie dafür, spontane Einsichten und Heilen bewusst zu fördern, so wie ich es in Tattva 50 (Die heilende Kraft des Nicht-Tun) angedeutet habe. Sie gibt den Worten von Sir Karl Popper (1902-1994) einen tiefgründigen Inhalt: Wir sind dann mit der Realität in Kontakt, wenn wir alle Theorien vergessen. Sie lässt uns Albert Einstein (1879-1955) verstehen: Imagination (schöpferische Einsicht) ist wichtiger als (etabliertes) Wissen.

 

Imagination ist wichtiger als Wissen.
– Albert Einstein

 

Platons Vorstellung über Einsicht

Wir lesen in Platons (428-348 v.u.Z.) Timaeus: Nur das daimónion hat Einsicht, der Mensch kann nichts vollbringen. Dazu liefere ich folgende Interpretation unter Einbezug der Lehre der drei Welten: Einsicht ist dort, wo das diskursive Denken, das an die Sprache gekoppelt ist, nicht hingelangt. Sie kommt in der Mischung Taiji = lógos (»alles zugleich und nichts ausschließlich«) aus Bekanntem und Unbekanntem zustande, auf die das intuitive Denken ohne Bezug zur Sprache zurückgreift.

Ich werde diese Erklärung ausführlich begründen. Ich werde zeigen, warum der »Mensch«, der sich durch sein Denken und die Sprache definiert, so wie es René Descartes (1596-1650) in seinen berühmten Worten cogito ergo sum (Ich denke also bin ich) zum Ausdruck bringt, »nichts vollbringen« kann.

In anderen Worten, Platon hatte ein tiefgründigeres Verständnis vom Denken als diejenigen, die sich mit Descartes Worten identifizieren. Er wusste es, so wie es Daoisten immer noch tun, zu erweitern, wie ich im Folgenden erkläre. Doch zuvor analysiere ich erst einmal das uns allen vertraute Denken, das stark gesellschaftlich geprägt ist.

 

Lehre der drei Welten

Der Ursprung der Schöpfung liegt im Unbekannten (Wu). Alles, was uns definiert, liegt im Bekannten (You). Dazwischen liegt die vermittelnde Welt (Mischwelt), die moderne Taiji-Lehrer (Hubral 2008, 2009) mit Wuyou bezeichnen. Damit habe ich die drei Welten oder Bewusstseinsebenen der Lehre der drei Welten, der Dao-Schöpfungslehre, kurz angesprochen. Weitere Übersetzungen der Welten sind:

 

Wu (無) = unzugängliche Welt = Nichtsein = oberste Welt = Himmel

Wuyou (無有) = erste Natur = Zwischenwelt = Mischung aus Wu und You

You (有) = zweite Natur = vertraute Welt = Sein = unterste Welt = Erde

 

Die drei Welten zeigen, dass das Dasein umfassender ist als die uns vertraute Welt (You). Es besteht aus der diesseitigen Welt (You) und der jenseitigen Welt (Wuyou, Wu). Von zentraler Bedeutung ist dabei Wuyou, das von Laozi (ca. 604-531 v.u.Z.) Dadao (großes Dao), Chaos (Unbestimmtes) oder Mutter der 10.000 Dinge und von Konfuzius (ca. 551-479 BCE) Taiji (Tai Chi) genannt wird.

Auch habe ich die Natur zweigeteilt. Die erste Natur (Wuyou) ist die kreative Natur (natura naturans), die dem diskursiven Denken auf der Basis der Sprache unzugänglich, aber dem intuitiven Denken, das auf die Sprache verzichtet, zugänglich ist. Die zweite Natur (You) ist die daraus hervorgegangene diesseitige kreierte Natur, die dem diskursiven Denken zugänglich ist und es prägt. You ist die Welt der Sprache, Kultur und Gesellschaft. Das Nichtsein (Wu) ist weder intuitiv noch diskursiv erfahrbar. Es hat aber, wie ich zeige, einen wesentlichen Einfluss auf das Denken.

Damit ist die Lehre der drei Welten, Sanjiexue, noch nicht ausreichend dargestellt. Dazu bedarf es der zwei Triebe, die in dialektischer Interaktion miteinander stehen:

 

Wuwei (無爲) = natürlicher Trieb = Wirken (Wei) aus dem Nichtsein (Wu)

Youwei (有爲) = gesellschaftlicher Trieb = Wirken (Wei) aus dem Sein (You).

 

Wuwei wirkt in Wuyou. Es wird durch Nicht-Tun oder Nicht-Handeln aktiviert, was ebenfalls Wuwei genannt wird. Es wirkt in der Welt der Sprachlosigkeit, im willentlichen Kontrollverlust.

Youwei wirkt in You. Es umfasst Tun, Streben, Kontrolle und Wille. Es wirkt in der Welt der Sprache, in willentlicher Konzentration.

Youwei wirkt Wuwei entgegen. Auf dem Höhepunkt von Wuwei wird Youwei erzeugt und umgekehrt. Damit ist die Lehre der drei Welten zusammengefasst. Auf ihre Entstehung durch meditative Selbstbeobachtung (Daoxing) gehe ich im Anhang von Hubral (Tattva 46) ein.

Ich erkläre nun damit einen kreisenden Gedanken, der uns die Schöpfung in Bezug auf das Denken verstehen lässt. Dabei werden nicht nur wichtige Aspekte von Wuyou = Taiji = Dadao = Mutter der 10.000 Dinge = Chaos = lógos, sondern auch der schöpferische Übergang Wuyou > You angesprochen. Er lässt sich diskursiv nicht erfassen. Ebenso lässt sich nicht diskursiv bestätigen, was Daoxing offenbart: Das Gehirn ist ein Werkzeug des Herzens. Das Gehirn ist diskursiv zugänglich, nicht aber das ihm übergeordnete Herz (Xin). […]

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 51

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:
TV 07: Ronald Engert – Henri Bergsons Kritik des Intellekt. Erkenntnis zwischen Statik und Fluss
TV 41: Dr. Stephan Krall – Empirie und Intuition. Die wissenschaftliche Methode
TV 43: Prof. Dr. Johannes Heinrichs: Der Geist als Widersacher der Seele? Das Verhältnis von Denken und Fühlen
TV 44: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Sokrates. Erkenntnis durch Nicht-Tun
TV 45-46: Prof. Dr. Peter Hubral – Mythos und Lógos. Ursprung und Untergang der Philosophie
TV 50: Prof. Dr. Peter Hubral – Die heilende Kraft des Nicht-Tun. Yin-Yang im Erkennen und Heilen

 

Bildnachweis: © Wittenstein