Das Sehen als weibliche Form der Erkenntnis – Tattva Viveka Magazin
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Das Sehen als weibliche Form der Erkenntnis

Ein theoretischer Versuch

Autorin: Gabriele Sigg
Kategorie: Mann/Frau
Ausgabe Nr: 67

Das weibliche und männliche Prinzip funktionieren verschieden. Heute ist in der westlichen Kultur das Wissen um weibliche Erkenntnis weitestgehend verloren gegangen. Die Autorin sucht das weibliche Wissen für das männlich geprägte Bewusstsein zu beschreiben, damit seine Qualitäten wieder erkannt und geschätzt werden können. Letztlich soll dies aber nicht zu einer erneuten Überhöhung des weiblichen Prinzips wie im Matriarchat führen, sondern vielmehr ist es für die heutige Gesellschaft notwendig, die lichtvollen Seiten des weiblichen wie männlichen Prinzips in Einklang zu bringen. So werden wir alle zu Seherinnen bzw. Sehern.

Weibliche Erkenntnis verläuft nicht linear, sie verläuft parallel.

Vorbemerkung

Das weibliche Grundprinzip ist das Gefühl. Wichtig ist es deshalb diesen Text, wie auch die anderen und bestenfalls alle Texte, mit Ihrem Gefühl zu lesen. Dies ist eine Empfehlung meinerseits, Sie werden erstaunt sein, was Sie durch einen Text alles spüren können, über den Wahrheitsgehalt des Textes oder die Integrität der Person. Ich für meinen Teil bin immer so verfahren. Anfangs habe ich unbewusst Bücher oder Artikel mit dem Gefühl gelesen, denn ich dachte das wäre normal, bis ich herausfand, dass dem wohl nicht so sei. Ich persönlich kann deshalb manche Bücher auch nicht lesen, weil sie zu negativ sind. Das heißt nicht, das Sie aufhören müssen zu denken. Es gilt das Denken in das intuitive Gefühlsleben zu integrieren.

Weibliches Wissen ist grundsätzlich nicht planbar, unstrukturiert und nicht kontrollierbar – es wird gar als irrational bezeichnet. Leicht werden in einer Gesellschaft, die stark nach männlichen Maßstäben wertet, diese Aspekte als negativ konnotiert. Ich gehe angelehnt an C.G. Jung von der Grundannahme aus, das männliche wie weibliche Prinzipien Licht- und Schattenseiten aufweisen, in einem anderen Artikel habe ich mich bereits dem »weiblichen Schatten« gewidmet. In dieser Abhandlung sollen nun die positiven Elemente des weiblichen Prinzips dargelegt werden, die aber erst ganz in ihre Strahl- und Wirkungskraft kommen können, wenn männliche wie weibliche Schattenseiten überwunden und transformiert worden sind.

Ich schreibe deshalb von einem »theoretischen Versuch«, da Theorie etwas dem männlichen Prinzip Zuzuordnendes ist, das weibliche Prinzip agiert direkt und unmittelbar aus dem Moment und der Erfahrung heraus. Ich nenne es einen Versuch, da das weibliche Prinzip nicht als theoretisches Konzept einzufangen ist. Schreiben heißt etwas in eine Form bringen und ist dem männlichen Prinzip zuzuordnen, Sprache muss geordnet werden, um verstanden werden zu können. Es kann insofern nur ein Versuch sein, da die weibliche Kommunikationsstruktur in Textform nicht verstanden werden würde – zumindest von dem heutigen Bewusstseinsstand der Menschheit aus gesehen. Jedoch erhoffe ich mir durch diesen Versuch, das weibliche Prinzip salonfähiger zu machen und eine Annäherung dazu zu finden, d.h. den im männlichen Bewusstsein verhafteten Menschen, und das sind heute Männer wie Frauen, die Qualität und Schönheit des weiblichen Prinzips aufzuzeigen sowie die Angst davor (vor dem Kontrollverlust) zu nehmen. Genauer gesagt, möchte ich den Männern die Angst nehmen und die Frauen dazu ermutigen, sich ihre weibliche Kraft und Schönheit wieder zu eigen zu machen.

Dieser Artikel wechselt zwischen der weiblichen Seherperspektive, der männlichen Außenperspektive sowie der integrierten Seherperspektive. An manchen Stellen wird in diesem Artikel die Wir-Form verwendet, dies geschah erst unbewusst intuitiv und ich wollte es wieder ändern, da es nicht den gängigen Gepflogenheiten entspricht. Ich merkte aber, dass es sich unstimmig anfühlte. Mir wurde klar, dass das weibliche Prinzip ein Wir-Gefühl und die Verbindung darstellt, das männliche Prinzip steht für das Ich und die Trennung bzw. auch das Unterscheidungsvermögen. Wir benötigen beides. Ich habe mich deshalb dazu entschieden nach Gefühl zu entscheiden, ob ich W i r oder I c h schreibe.

Gesellschaftlicher Ausgangspunkt

Die gegenwärtige Gesellschaft ist stark geprägt vom männlichen Bewusstsein, das heißt: Logik, Geradlinigkeit, Rationalität, Durchsetzungskraft, Zielstrebigkeit, Unabhängigkeit usw. stehen im Vordergrund. Auch Frauen, die in dieser Gesellschaft leben, sind von diesem Bewusstsein durchdrungen. Es ist insofern auch eine logische Entwicklung, da in der traditionellen Gesellschaft die Frau für den inneren Raum des Hauses und damit einhergehend das seelische und emotionale Innenleben als Gesamtes verantwortlich war. Der Mann hatte die Welt dieses Hauses und den Innenraum zu verteidigen und zu schützen, sich also in der äußeren Welt des Marktes oder der Politik durchzusetzen. Hierzu war ein ausgebildetes Verstandesdenken notwendig. Schulen waren in dieser Zeit und erst für Männer zugänglich, sodass hier die Dinge, die ein Mann zu wissen hatte, ausgebildet wurden, hierzu gehörten insbesondere die kognitiven Fähigkeiten. Als die Frau sich ihr Anrecht auf Bildung erkämpfte, wurde sie somit in ein gesellschaftliches Feld entlassen, das männliche Aspekte ausbildete und kultivierte. Sicherlich gab es dann auch Fächer wie Hauswirtschaft, die die Frau auf ihre spätere Rolle als gute Ehefrau vorbereiten sollten, aber das ist nicht, was mit dem weiblichen Prinzip zwangsläufig zu verbinden ist. Es geht um die Art und Weise, wie wir etwas lernen, durch logisches sachliches Wiederholen in Form einer Lehre oder durch einen spielerisch intuitiven Zugang, der nicht allgemein gleich, sondern individuell verschieden ist. Insofern haben die Aneignung von kognitivem Wissen und die Schulbildung auch zu einem Zurückdrängen des weiblichen Wissens beigetragen.

Der Feminismus, dessen einstiges Anliegen es war, mehr Rechte und Freiheiten für Frauen zu erlangen, hat das männliche Bewusstsein stark mitgeprägt. Meine These ist sogar, dass die Frauen heute selbst das weibliche Bewusstsein am meisten negieren und für minderwertig erklären. Dies tun sie insofern sie, um sich als wertvoll zu erfahren, männliche Attribute übernehmen und sie auch nur solche als anerkennungswürdig empfinden. Bei der rasanten Entwicklung und dem Ausbau der Gender-Studies wurde es bis heute nicht geschafft, Berufe, in denen hauptsächlich Frauen tätig sind, angemessen zu entlohnen. Weitaus mehr als die bekannte Lohnlücke zwischen Mann und Frau in der Wirtschaft finde ich es erschreckend zu sehen, dass die klassischen Frauenberufe, in denen es um Kümmern, Sorgen, Erziehen, kurz gesagt um emotionale Komponenten geht, geringer wertgeschätzt werden als klassische Männerberufe. Berechnen, Argumentieren und Managen wird somit als wichtiger eingestuft. So geht auch die Forderung der Feministen oftmals dahin, Frauen in den klassischen Männerberufen stark zu machen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn dies jemand aus innerer Freiheit als seine Berufung erkennt, jedoch klingt dies meiner Wahrnehmung nach eher nach einer Umerziehung denn nach einem mehr an Freiheit und Selbstbestimmung.

Auch ich selbst bin in dieser Gesellschaft sozialisiert worden, in denen in allen Bildungssystem vor allem männliche Prinzipien gelehrt werden: Allen voran standen analytisches Denken und abstraktes Schlussfolgern im Vordergrund, alles musste über den menschlichen Verstand eruiert werden, Gefühle und Emotionen wurden ausgeklammert. Ob es Glück oder Fluch ist, kann ich nicht genau sagen, jedoch war ich mit einem gut funktionierenden analytisch-denkenden Intellekt ausgestattet worden, so dass ich diese Systeme problemlos und erfolgreich meisterte. Dies ermöglichte mir, mich in meiner Freizeit meinem inneren Gefühlsleben zu widmen. Es gab einen Platz im großen Garten meiner Kindheit, an den ich mich in jeder erdenklichen Minute zurückzog, um meinem inneren Lehrer zu lauschen, der mir nach und nach meine Gefühlswelt ausbildete und emotionale Verletzungen in die Heilung brachte, so dass sich ähnlich meines ausgebildeten Denkapparates, den ich durch die gesellschaftlichen Institutionen ausbilden konnte, mein Herz- und Bauchgehirn entwickelte. So erkannte ich, dass Gefühle nicht etwa wirre wahllose Logik nach sich ziehen, sondern in sich stimmige »Denkprozesse«, besser bezeichnet als Synchronisationen, nach sich ziehen. Heute zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, das wir eine Art Gehirn im Herz und im Bauch haben, deren Informationsverarbeitungskapazität die des klassischen Gehirns bei weitem übersteigt.

Für Frauen, die verstärkt im weiblichen Prinzip leben, ist das Schul- und Ausbildungssystem jedoch oftmals problematisch, da es nur die intellektuellen Fähigkeiten fördert. So können sich diese Frauen leicht als unfähig erfahren, weil ihre Fähigkeiten weder anerkannt noch gefördert werden. Die sogenannte Emanzipation der Frau in westlichen Ländern hat heutzutage insbesondere zur Anpassung des weiblichen Prinzips an den männlichen Habitus geführt.

Die weibliche Struktur als unstrukturierte Struktur

Weibliche Erkenntnis verläuft nicht linear, sie verläuft parallel, denkt an fünf Aspekte gleichzeitig, springt zwischen den Themen – alles Dinge, die in unserer Gesellschaft als falsch und unprofessionell angesehen werden. Dies kann aber nur ein Geist abwerten, der dies eben nicht kann und dieser Art des Erkenntnisgewinns zu folgen nicht fähig ist. Das lineare logische Folgern und Argumentieren hat sicherlich seine Berechtigung, es ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Mein Anliegen ist, das männliche Prinzip um das weibliche Prinzip in der Gesellschaft zu ergänzen.

Weiblich zu forschen das können heute nicht mehr viele Frauen in westlichen Gesellschaften. Ich habe eine Freundin, mit der dies möglich ist und wo ich das Muster beobachte, dem eine derartige Problemerörterung folgt, denn das weibliche Prinzip ist keinesfalls unstrukturiert, wie dies oft dargestellt wird, sondern es hat eine in sich inhärente Logik, die mittels des Gefühls arbeitet. Ich habe einmal unsere Kommunikationsstruktur beobachtet und analysiert und möchte sie im Folgenden darlegen.

Wenn ich mit dieser Freundin spreche, zeigen sich zu Beginn immer alle Themen, die gerade im Raum stehen. Das können durchaus drei bis fünf sein. Während des Gespräches ergänzen wir diese Themen – aus Sicht des männlichen Prinzips: wild durcheinander. Aber es ist nicht wild, es ist geleitet vom Gefühl und irgendwann kommt der Punkt, an dem alles, was es zu reden gibt, gesagt wurde und wir befinden uns in einem Raum der Ganzheit mit dem Gefühl, dass im Moment alles besprochen wurde. Eine derartige Kommunikationsstruktur ist für die meisten Männer (und heute auch viele Frauen) nicht nachzuvollziehen. Als ich mir noch nicht so darüber bewusst war, sprach ich so mit Freunden oder anderen Menschen – sie wurden dabei fast wahnsinnig und fingen an mich zu verurteilen und zu sagen, wie man »richtig« zu kommunizieren hätte. Diese weibliche Kommunikationsstruktur ermöglicht jedoch durch ihre »Logik« einen weitaus tieferen Blick auf unterschiedliche Problemlagen, weil sie sich nicht auf einen Punkt konzentriert und diesen detailliert eruiert, sondern weil sie die Gesamtheit der Bezüge in ihren Blick nimmt.

Der weibliche Zugang erfolgt über das Gefühl, es ist mehr ein Erahnen und Erfühlen, was aber nicht objektiv messbar ist, sondern man kann es intuitiv nach-fühlen. Hier ist es nun wichtig, zwischen dem emotionalen Ego-Gefühl und dem Gefühl der Seele unterscheiden zu können. Es gibt hier oftmals sprachliche Verwirrungen, denn Emotionen und Gefühle werden oft synonym benutzt. Auch sagen wir, wir fühlen Emotionen und wir fühlen Gefühle. Jedoch liegt hierin ein großer Unterschied. In der Ego-Struktur sind unsere individualpsychologischen sowie kollektivgeschichtlichen Konditionierungen gespeichert, die wir individuell fühlen. Ein Ego-Gefühl und ein Seelengefühl fühlen sich jedoch jeweils unterschiedlich an, das heißt, ich kann es nur über das Gefühl unterscheiden lernen. Das Gefühl der Seele wird von Wahrheit, Freiheit, Liebe, Dankbarkeit, Freude geleitet. Es schwingt fein und unaufdringlich, während Emotionen meist dramatisch und laut sind.

Gabriele Sigg

Über die Autorin

Gabriele Maria Sigg, M.A. Studium der Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg (2004-2009). Arbeitet aktuell an ihrer Promotion im Fach Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und in der Redaktion der Zeitschrift Tattva Viveka.

Dieser Artikel ist auch zum Download als PDF erhältlich:

Gabriele Sigg TV67

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Headerbild: © Loui Jover