Der ANDERE in mir

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Wegmarken einer Suche

Autor: Gunter Friedrich
Kategorie: Spiritualität
Ausgabe Nr.: 49

 

 

 

 
Der Andere ist der geistige Körper des Menschen, das Lichtwesen, das die Erlösung in sich trägt. Durch die Lichtkräfte und die innere Entwicklung kann der Andere in mir wachsen. Wenn dieser Prozess fortgeschritten ist, kommt es zur »alchimischen Hochzeit«, wie die Rosenkreuzer sagen. Dann erlangt der Mensch seinen Auferstehungskörper.

 

Es geschah im Alter von etwa fünf Jahren. Ich saß auf einer kleinen Mauer im Hof. Es war ganz still. Unerwartet trat die Frage vor mich: »Warum bin ich eigentlich hier?« Etwas hatte mich berührt, wie im Vorbeigehen – Unergründliches, Tiefes, Beunruhigendes. Ich schob es weg, blinzelte in die Sonne, dachte an etwas Schönes. Doch das Beunruhigende blieb. Immer wieder geschah es mir, dass ich das Normale als eigenartig empfand. Unausgesprochen, meist unbewusst begleitete mich die Frage: Warum ist es so? – Mit anderen Kindern zu spielen, war oft von einer besonderen Empfindung begleitet, der Empfindung des Eigentümlichen, nicht Selbstverständlichen. Ich sann nach, ohne zu wissen worüber.

Bis in meine späte Jugendzeit hinein war ich nur teilweise »da«, im übrigen verträumt und »anderswo«. Mitunter hatte ich das Gefühl, hier nicht existieren zu können. Aber wo sonst? Eine Alternative zeigte sich nicht, wohl aber ein unbestimmtes Drängen, das in die Weite des Universums ging (»Ich werde mal Astrophysiker«) oder auf die Bühne des Theaters (»Ich werde mal Dramaturg«) oder in andere Länder (»Ich werde mal Diplomat«).

Mit 17 oder 18 Jahren traf mich die Empfindung des Existierens plötzlich mit solcher Wucht, dass ich mich in einem kurzen Moment vor der Schwelle zum Wahnsinn wiederfand. Es war die nackte Tatsache, das Dasein, die Existenz, die in mein Bewusstsein drängte. Ich war dem nicht gewachsen und lenkte mich ab.
Sie kam jedoch wieder, die Tatsache forderte Verarbeitung. Philosophie, Dichtung und religiöse Schriften halfen mir dabei. Sie waren überlebensnotwendig. Bewusst wählte ich einen Beruf, der erdet, versuchte, mich mit der Welt zu identifizieren. Die Regelmäßigkeit des Berufes schuf eine Grundlage, ein Terrain, auf dem ich mich bewegen konnte. Die strukturierende Macht der Gedankensphäre erzeugte Sicherheiten, wob einen Schleier vor den Abgrund. Und ich gründete eine Familie. Damit schien ich etabliert zu sein.
Doch das Existieren, diese ungeheuerliche Tatsache, wühlte in mir weiter. Zwangsläufig begann ich eine spirituelle Suche. Der religiöse Glaube bot sich an. Aber er war nicht ausreichend. Er musste sich zu einem Weg entfalten, das wurde mir deutlich, einem Weg, der durch mich hindurch führt, Licht auf alles wirft und Richtung weist. Das Dasein verlangte danach, erkannt zu werden, im Innern wie im Äußeren. Ich benötigte Erkenntnislicht, das wie von außen auf die Welt fällt und auf mich – und auf das Existieren.
Nach Jahren der Suche fand ich eine Rosenkreuzergruppe, das Lectorium Rosicrucianum. Hier begegnete ich Menschen, die in ähnlicher Weise berührt waren wie ich. Sie suchten das Licht, das allem zugrunde liegt und den Weg zu ihm.
Die Hinwendung zur geistigen Sphäre in einer Gruppe Gleichgesinnter hat mir geholfen. In mehr als drei Jahrzehnten konnte ich auf besondere Weise mehr und mehr von mir durchleben. Zusammen mit meinen Weggefährten folgte ich den Impulsen, die Jan van Rijckenborgh (1896-1968) und Catharose de Petri (1902-1990) gegeben haben. Es sind Impulse der christlich-gnostischen und hermetisch-rosenkreuzerischen Strömung. Sie erweckten Resonanz in mir.

 

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Nach ersten beglückenden inneren Erfahrungen wurden mir nach und nach schmerzhaft meine Charaktereigenschaften bewusst. Ich begann, ihnen nachzuspüren. Sie haben ein Wurzelwerk, das in kaum ergründbare Tiefen reicht. Ich erlebte mich in ihnen, bewusster als zuvor, erahnte Unerlöstes. Einmal kam es zu einer Erfahrung besonderer Art. Ich hatte eine Auseinandersetzung mit Weggefährten und erfuhr einen tiefen Schmerz. Am nächsten Tag schob sich ein Vorhang zur Seite. Es geschah in einem einzigen Moment. Ich sah eine Szene, in der eine Auseinandersetzung stattfand, in fremdartiger Umgebung, zu anderer Zeit. Die Konstellation entsprach jedoch derjenigen vom Tag zuvor. Das Erlebnis rief eine unbändige Freude hervor und eine Entschlossenheit. »Diesmal soll es gelingen«, so sagte etwas in mir.
So lernte ich die Gesichter meines Ich kennen. Auf vielerlei Weise sage ich »ich«. In dem Bündel meiner Eigenschaften bin ich ein schillerndes Wesen. Wer ist aber derjenige, der das alles trägt, der sich in die Gewänder meines Ich-Seins kleidet? Wer trägt die nicht auslotbare Vergangenheit in mir? Ich konnte die Lehre der Rosenkreuzer annehmen, dass der Mensch in einen »Mikrokosmos« aufgenommen ist, das ist eine Welt im Kleinen, eine geistige, unsterbliche Struktur. Sie ist es, die immer wieder inkarniert und die Resultate eines jeden Lebens in sich aufnimmt. In ihrer Mitte befindet sich der göttliche Kern, der Keim einer göttlich-menschlichen Identität. […]

 

Den kompletten Artikel finden Sie in der Tattva Viveka Ausgabe 49

 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben

TV 15: Dr. Wolfram Frietsch – Fama Fraternitatis (Rosenkreuzer)

TV 24: Ronald Engert – Wer bin ich? Eine Erfahrung der Transzendenz

TV 29: Gabriele Quinque – Lichtblitz der Ewigkeit. Pistis Sophia

TV 32: Dr. Wolfram Frietsch – Wissenschaft und Esoterik

TV 40: Clemens Zerling – Rosenkreuzerische Initiation

TV 44: Dr. Thomas Wachter – Jenseits von Satsang. Ein Erfahrungsbericht

TV 45-46: Thomas Hübl – Hier, Jetzt und Gott. Das spirituelle Leben

 

Bildnachweis: © Lyonel Feininger: Vogelwolke, 1926; Hartwig Kopp-Delaney

 

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