Der Andere

Erkenntnis jenseits des Ich

Erkenntnis jenseits des Ich

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 66

 

Die abendländische Philosophie, die mit Platon ihren Anfang nahm, betrachtet die Welt aus der Perspektive des Ichs, des Subjekts, dem eine Welt der Objekte gegenübersteht. Philosophie und Wissenschaft sind Versuche, diese Objekte zu identifizieren. Der folgende Aufsatz diskutiert die Frage, inwiefern uns nicht die Identität sondern die Differenz zu einer höheren Erkenntnis der Wirklichkeit zu führen vermag. Der Andere ist der Nicht-Identische.

 

René Descartes war ein großer Mann, der das moderne Selbstbewusstsein maßgeblich begründet hat. Er steht aber auch am Schnittpunkt einer viel älteren Entwicklung und ist eher der Vollstrecker als der Begründer einer Weltanschauung, die das Ich als den Dreh-und Angelpunkt aller Welterkenntnis betrachtet. Das Ich war bei Descartes die einzige evidente Basis der Gewissheit: Ich denke, also bin ich. Es liegt mir fern, seine Leistungen in Abrede zu stellen. Das Ich oder das Subjekt ist unreduzierbar und es steht nicht zur Debatte, den subjektiven Faktor zu eliminieren. Vielmehr geht es um eine Erweiterung hin zur Intersubjektivität, in der das Subjekt erhalten bleibt und sich vielmehr erst findet.

Die Entwicklung der Subjektivität setzte bereits in der griechischen Antike an, nicht nur mit dem berühmten Ausspruch gnothi seauton: »Erkenne dich selbst!«, sondern mit der viel umfassenderen Figur epimeleia heauton: »Sorge dich um dich selbst!« Die Herausbildung des Ich ist einerseits Befreiung aus Unmündigkeit, schafft aber andererseits neue Probleme durch die Kollision der Ichs, die durch widerstreitende Interessen in Konflikt geraten. In der griechischen Antike war deshalb die Sorge um sich selbst zugleich die Voraussetzung dafür, ein produktives Mitglied der Gesellschaft sein zu können, d.h. um am Gemeinwesen der Polis teilzuhaben. Das Christentum antwortete auf das Problem der Ego-Logik mit dem Konzept der Nächstenliebe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das Christentum führte damit jedoch auch zu einer Negierung des Selbst. Es wurde moralisch verwerflich, sich selbst wichtig zu nehmen und der ethisch-moralisch bevorzugte Wert ist der der Selbstlosigkeit.

 

Der Andere heißt Anderer, weil er anders ist.

 

Demgegenüber ging die moderne abendländische Philosophie konsequent den Weg der Erkenntnis aus dem Ich heraus. Descartes markiert den historischen Bruch mit der Tradition und der Überlieferung. Er verwarf methodisch alles, was keine sichere Erkenntnis und Gewissheit aus sich selbst heraus gewährleistete. Nur aus seinem eigenen Geist heraus konstituierte er die Welterkenntnis von Grund auf neu, jedoch mit der Bereitschaft, am Ende bei den gleichen Dingen wieder herauszukommen, die bereits zum Wissensschatz der menschlichen Kultur gehörten. Allein um den Weg dorthin ging es ihm, den er auf die eigene geistige Gewissheit gründen wollte. Damit bereitete er den Weg für das erkennende Subjekt, das als Referenzpunkt ausreichen sollte, und schuf die Voraussetzungen für das moderne autonome Ich, das als sein eigener Souverän frei, unabhängig und selbstbestimmt sein Leben lebt, wie es in der Folge von vielen Philosophen weiterverfolgt wurde, u.a. vom berühmten Immanuel Kant. Der Höhepunkt dieser Entwicklung stellen im 20. Jahrhundert die Phänomenologie Edmund Husserl und die Ontologie seines Schülers Martin Heidegger dar. Die Ontologie ist die Lehre des Seins. Sie unterscheidet zwischen Sein und Nicht-Sein und untersucht die Frage, was wirklich ist und was ich wirklich erkennen kann. Die Phänomenologie ist eine Methode der konsequenten Reduktion auf das essenziell Verifizierbare, auf das, was nicht von einer weiteren Ableitung abhängig und damit allein auf sich selbst gegründet ist. Sie sieht den Ursprung der Erkenntnisgewinnung in unmittelbar gegebenen Erscheinungen, eben den Phänomenen.

Es war wiederum ein Schüler von Edmund Husserl, der den Weg zu einer grundlegenden Kritik an der Ontologie und zur Öffnung zum anderen Menschen hin bereitete: Emanuel Levinas. Er kritisierte die Lehre vom Sein scharf als einen unerkannten Versuch, die absolute Herrschaft des Ich über alles andere implizit zu stabilisieren, denn das Ich bestimmt das Sein aus seiner cartesianischen Perspektive ohne Rückbezug auf ein Anderes, Nicht-Identisches. Der Andere als ein Phänomen, das nicht auf mein Bezugssystem reduzierbar ist, wurde schlichtweg übersehen. Für Levinas ist jedoch der Andere eine grundlegende Andersheit, eine Alterität, die nicht auf das Selbe reduzierbar ist. Außerdem begegnet mir diese Andersheit von außen, d. h. der Andere stellt eine Exteriorität dar. Der Andere ist bei Levinas eine Art grundlegender Befehl, mich ihm zuzuwenden und mich ihm zu unterwerfen, ein Befehl vor jeder Freiheit.

Der Andereimageshack


Die intersubjektive Struktur der Wirklichkeit wurde von einigen anderen Philosophen aus Frankreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch aktuell weiter vertieft. Ein besonderes Werk zu diesem Themenfeld ist das von Jean-Luc Marion 2003 auf Französisch und 2011 auf Deutsch erschienene Buch Le phénomène érotique bzw. Das Erotische. Ein Phänomen. Sein Buch thematisiert die Erotik. Diese Erotik ist aber nicht wie im landläufigen Sinne als sexuell anzügliche oder im besseren Sinne reizende körperliche Attraktion zu verstehen, sondern als die Liebe schlechthin, sofern sie sich zwischen zwei besonderen, einzigartigen Personen vollzieht. Erotik meint bei ihm Intimität der Seelen, eine Begegnung von zweien, die eine neue Wirklichkeit erschließen, die eine Person alleine nie erschließen kann. Das erotische Phänomen ist für ihn die nicht weiter reduzierbare Wahrheit, dass ich mich selbst nur erkennen kann, wenn der Andere da ist und wir uns in Liebe begegnen. Es geht ihm also um die Liebe und sein Buch beginnt folgendermaßen:

»Die Philosophie spricht heute nicht mehr über die Liebe, oder nur selten. Dieses Schweigen ist übrigens besser, als dass sie sie schlecht macht oder verrät (…) Man könnte fast bezweifeln, dass die Philosophen sie überhaupt erfahren, wenn man nicht eher glauben würde, dass sie sich davor fürchten, etwas über sie zu sagen. Mit Recht, denn sie wissen besser als alle anderen, dass wir nicht mehr die Wörter haben, sie zu benennen, noch die Begriffe, sie zu denken, noch die Kraft, sie entsprechend zu würdigen. Die Philosophen haben sie faktisch aufgegeben, sie ihres Begriffs entledigt und sie schließlich an die dunklen und beunruhigenden Ränder ihrer zureichenden Vernunft verwiesen – zusammen mit dem Verdrängten, dem Ungesagten und dem, was man sich nicht eingestehen will.« (S. 11) Es fehlen die Worte und die Begriffe, um das Phänomen der Liebe bzw. der Erotik überhaupt beschreiben zu können. Marion macht sich auf den Weg, diese Wirklichkeit in Worte zu fassen und zu beschreiben. Man hat versucht, die Welt in den Rahmen der Vernunft zu zwängen, und vermutet, dass die Vernunft zureichen würde. Daraus entstanden jedoch Bereiche unseres Seins, die in dunkle, beunruhigende Felder abgedrängt wurden. Diese Beunruhigung ist nicht nur psychologischer Natur. Sie betrifft auch die philosophische Erkennbarkeit der Welt. Marions Phänomenologie der Erotik besitzt deshalb eine erkenntnistheoretische Qualität von enormer Sprengkraft. Sie integriert zahlreiche seit Jahrtausenden verloren gegangene Kategorien, wie zum Beispiel die Passivität, das Nehmen, den Nicht-Widerstand und einige neu gefundene wie zum Beispiel das Gesicht, der Andere und der Leib.

 

Erotik bedeutet hier nicht sexuelle Begegnung, sondern das Erscheinen des Anderen.

 

Das Gesicht

»Das Gesicht zwingt mir folglich eine Bedeutung auf, die sich dem Herrschaftsbereich meines Ego, der bislang uneingeschränkt war, entgegenstellt – ich darf es mir nicht unterwerfen und dort, wo es auftaucht, ist nicht mein Platz.« (S. 148) Der Andere erscheint mir als Gesicht, er tritt mir entgegen und es geht genau um dieses konkrete Gesicht, nicht um eine Verallgemeinerung, sondern um ein einzigartiges Gegenüber. »Das Gesicht stellt sich mir entgegen; es zwingt mir auf diese Weise eine Deutung auf, die in nichts anderem als der Probe auf dessen Exteriorität, dessen Widerstand und Transzendenz mir gegenüber besteht.« (S. 149) Es ist einfach Fakt, dass der Andere außerhalb von mir ist und nicht mit mir identisch ist. Er stellt eine Exteriorität, d.h. ein Sich-außerhalb-von-mir-Befinden dar, eine Transzendenz. Transzendenz bedeutet, es ist etwas, was meine Ich-Welt übersteigt. Es ist etwas, was unerreichbar ist, denn es ist dynamisch und offenbart immer neue Tiefen, die ich vorher nicht gesehen habe. Dieser Tiefenprozess ist unendlich, weil jede Seele und jedes Ich in seiner spirituellen Essenz unendlich ist, genau wie Gott. Das ist die besondere Schönheit des Spirituellen, denn es ist eine unerschöpfliche Fülle. Der Philosoph Gotthard Günther spricht an dieser Stelle auch von Introszendenz. So wie Gott transzendent und das uns immer Übersteigende und Jenseitige ist, so ist unser eigenes Ich für uns introszendent, unendlich in die Tiefe gehend und inwendig. Der Andere ist ähnlich wie Gott für uns transzendent, und diese Transzendenz ist nicht reduzierbar. Diese Andersheit ist jedoch keine Einschränkung der Erkennbarkeit der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil ist es die Wechselbeziehung zwischen Ich und Du, zwischen Introszendenz und Transzendenz, die die Quelle der Erkenntnis der ganzen Wirklichkeit ist. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 07: Dr. Sonja Klug – Missverstandene Objektivität. Die Krise der Wissenschaft

TV 10: Ronald Engert – Das Eigene und das Fremde. Die Philosophie von Emmanuel Levinas

TV 17: Ronald Engert – Das Bewusstsein der Maschinen. Gotthard Günther – der Philosoph der Kybernetik

TV 34: Ronald Engert – Über das Sehen. Nicht-Wertung und Gottes-Urteil

TV 41: Dr. Stephan Krall – Empirie und Intuition. Die wissenschaftliche Methode

TV 45-46: Prof. Dr. Peter Hubral – Logos und Mythos. Ursprung und Untergang der Philosophía

TV 51: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Denkens. Vom gesellschaftlichen zum natürlichen Denken

TV 53: R. Engert / Gabriele Sigg – Der subjektive Faktor.
Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft

 

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