Der häretische Imperativ

Der häretische Imperativ

Zweifel als Voraussetzung für eine gesunde Gotteszuwendung

Autor: Krishna Chandra
Kategorie: Theologie
Ausgabe Nr: 71

Der Autor, ein praktizierender Mönch des Bhakti-yoga, zeigt, wie gerade der Zweifel und die Säkularisierung echte Religion ermöglichen. Die Hauptaufgabe echter Religion ist Transzendenzbezug, nicht Folklore, oberflächliche Beruhigung oder gar Fundamentalismus. Gerade in der Verunsicherung und dem Nicht-Wissen werden wir Gott gerecht und finden zur echten spirituellen Haltung: zu Demut, Läuterung des Egos und Hingabe.

Glaube und Zweifel – die zwei Seiten einer Medaille

Es ist die fundamentale religiöse Aufgabe, immer wieder neu Widerspruch auszulösen und nie einfach nur mit dem Mainstream mitzuschwimmen. Der Gotteszugang muss Aufruhr generieren, um den Tiefgang, die Harmonie mit der Ewigkeit, verwirklichen zu können. Jede religiöse Bemühung braucht den revolutionären Impuls, der sich gegen den Zustand der Welt wendet, wie er sich uns gerade zeigt. Denn die Welt, wie sie ist, stellt nie Gottes Wille dar, sondern nur Gottes Tolerierung der Eigenwilligkeit von Seelen, die in Verdeckung ihres eigenen Selbst irgendwie leben.

Oft schon wurde ich als Gott-Glaubender auch von Glaubensgeschwistern der eigenen Tradition kritisiert und gefragt, weshalb ich denn immer wieder so vieles in Frage stelle. Meine Antwort darauf ist, dass ich die Infragestellung  und das innere Grundvertrauen nie in einem Zwist miteinander betrachte. Der Zweifel gehört notwendigerweise zur gesunden Gotteszuwendung. Nur die wackelige Gläubigkeit will ihn bekämpfen. Das Wahre fürchtet genauere Untersuchung nicht, sondern wird von ihr bestärkt.

Jede spirituelle Tradition ist eine Mischmenge von Transzendenzbezug und kumulativ entstandener Tradition. Diese aber ist Menschenwerk und untersteht menschlicher Begrenztheit, die man nicht über die Jahrtausende hindurch religiös idealisieren darf.

Deshalb ist es an der Zeit, dass Religionskritik auch von gottgläubigen Menschen kommen muss.

Die Unterscheidung zwischen Menschenwerk und göttlicher Inspiration

Es finden sich in den heiligen Büchern aller Religionen, mehr oder minder stark, Gewaltdarstellungen, Aufforderungen zur Gewalt und die Aufstachelung zu Verachtung und Hass gegenüber anderer Gruppen. Wenn nicht explizite Distanzierungen von solch problematischen Aussagen gemacht werden, braucht man sich nicht zu wundern, dass einige Gläubige diese Stellen todernst nehmen.

Es ist so wesentlich, dass wir nicht in eine Regression in der Geschichte zurückfallen. Die ethischen Werte der religiösen Traditionen sind sehr oft enorm rückständig und reflektieren die kollektive Unerleuchtetheit jener primitiven Zeiten, in denen sie entstanden sind.

Die Offenbarungsschrift ist von Gott inspiriert. Dennoch lässt sich erkennen, dass sie von Menschen gesammelt, niedergeschrieben, bearbeitet, übersetzt und in verschiedenen Richtungen weiterbearbeitet wurde. Als Menschenwerk ist sie deshalb nicht ohne Mängel, Verhüllungen, Vermischungen und Beschränkungen.

Zweifel als Voraussetzung für eine gesunde Gotteszuwendung

Der historische Charakter der heiligen Schrift ermöglicht nicht nur Schrift-Kritik, sondern erfordert sie geradezu.

Ernsthafte Kritik ist unverzichtbar, damit die heilige Botschaft von Gott nicht in einem Buch verschlossen bleibt, sondern zu jeder Zeit wieder neu lebendig zugänglich ist. So erfordert speziell das Studium heiliger Texte die kritische Exegese, da diese Texte viel mehr als ein Roman wertebildend für viele Menschen sind.

Diese Texte kann man deshalb auch nicht einfach nur lesen, sondern es braucht die Wissenschaft, wie man die heilige Schrift verstehen und aufschlüsseln kann, um sie in einer reifen Weise zu applizieren (Wie man praktisch in einer aufklärerisch kritischen und doch auch mystischen Haltung an heilige Texte herangehen kann, habe ich in meinem neu erschienen Buch »Heiliges Studium – ein Leitfaden zur Herangehensweise an heilige Texte« ausgeführt).

Mehr über den zeitgemäßen Umgang mit religiösen Schriften können Sie im vollständigen Artikel lesen. (Bestellmöglichkeit am Ende des Beitrags!)

Religion als Sicherheit

Und es gibt aber auch zunehmend Menschen, die den Anschluss an die aufklärerische Tradition verpasst haben und heilige Texte wieder mittelalterlich wortwörtlich deuten. Fundamentalisten stellen nicht nur aufgrund ihres rückständigen ethischen Werteverständnisses und Festhaltens an archaischen Glaubenswahrheiten eine Gefährdung der freien Gesellschaft dar, sondern auch aufgrund ihres Gefühls der Bedrohung, welches sie radikalisiert. Diese Bedrohung in ihren Werten lässt sie noch intensiver Zuflucht in einem heiligen Bollwerk gegen die verdorbene säkulare Welt nehmen. So entsteht ein verbissener Religionszugang.

Fundamentalismus aber ist Erstarrung in der Rechtgläubigkeit. Die Heilung davon ist die heilige Ungewissheit.

Sie fühlen sich in der Unübersichtlichkeit der Welt verloren und finden in den heiligen Traditionen wieder Anbindung und Verbindlichkeit, fest Geltendes. Problematisch ist nur, dass man in diesem Aufgehobenheitsbedürfnis auch für ethische und gesellschaftliche Werte aufnahmewillig wird, die aus präzivilisatorischen Zeiten stammen und die eine säkulare Gesellschaft längst überwunden hat. Verständlicherweise werden religiös verbissene Menschen in der aufgeklärten Welt nicht mehr ernst genommen und so wird dann die Moderne zu ihrem Feind.

Wie ein wacher Geist und Glaube sich ergänzen finden Sie im vollständigen Artikel. 😉 Unten können Sie bestellen!

Seins-Verunsicherung

Viele vermögen den Segen der Seinsverunsicherung noch nicht wirklich zu verstehen. Er ist segensreicher als die vereinfachten religiösen Rezepte, nach denen das Sicherheitsbedürfnis greift.

Wir können kein Konzept eines Heilmittels anwenden, von dem wir glauben, es sei unser einziges und immer währendes auf dem gesamten Weg. Wir brauchen immer neue, immer andere, immer die, die dem Augenblick angemessen sind. Das ist kein Weg der Kochrezepte; Kochrezepte sind für einfache Gläubige – die wollen wissen, wie es geht, wie man zu Gott gelangt, wie man ein guter Mensch wird und wie man in den Himmel kommt. Vereinfacht will man alles aufgetischt bekommen – welche moralischen Werte man einhalten muss und welche es zu vermeiden gilt – und glaubt, das würde genügen. Einfach alles von einem Priester verschrieben bekommen … Es scheint einfach und einleuchtend, ist aber nicht der Weg zur Wahrheit. Dieser führt erst einmal in die grundlegende Seins-Verunsicherung. Die gesamte säkulare Gesellschaft und auch die konfessionelle Spiritualität ist ein erfolgloser Versuch, der grundlegenden Ungesichertheit irgendwie auszuweichen. Aber gerade aus der Gnade der Ungesichertheit wird das Wahre geboren.

Inwiefern ist Verunsicherung eine Qualität des aufrichtig Suchenden? Das steht im vollständigen Beitrag. Denn können wir hier leider nicht kostenlos abdrucken. Aber für nur 2,00 € Unterstützungsbeitrag sind Sie dabei! 😉

Der häretische Imperativ

Die Häresie (das Heraussuchen dessen, was man glauben kann und darf), stellt effektiv die Grundlage einer inneren Praxis dar. Die häretische Funktion ist die eigentlich religiöse, weil sie das Ermittlungsverfahren einleitet, nachdem man immer noch glauben kann, wenn man alles zersetzt hat. Das Wahre wird übrigbleiben. Häresie heißt »herausreißen«. Man muss sich also das Recht nehmen, den wirklich inneren Kern herauszuschälen und den ganzen kulturellen Überbau dabei weglassen. Deshalb ist der häretische Imperativ ein Fundament der wirklich religiösen Suche. Dabei wird die Folklorisierung der historischen Religionen auf der Strecke bleiben.

Nicht überall pocht unser innerstes Gewissen, das auf heilige Offenbarung anspricht und große Weite erzeugt. Es koexistieren auch viele menschliche Beschränktheiten im Gewande von heiliger Tradition.
Wir tragen in uns ein Kriterium zur Unterscheidung, was an den Religionen noch heilig ist. Nämlich, wenn etwas zu innerer Weite und Gelassenheit führt. Wenn dieser innere Geigerzähler aber übergangen wird, dann ist Engstirnigkeit, Verbissenheit und Fundamentalismus die Folge, denn man muss ja etwas als Wahrheit deklarieren, was es in Wahrheit nicht ist. In einem solchen Zustand kann man für die Rückbeziehung auf die Vernunft, der Proklamation der Aufklärung, nur dankbar sein.

Unser Autor Krishna Chandra

Über den Autor

Geboren 1970. Gründer einer Schülergewerkschaft, linkspolitischer Aktivist, engagiert im Tierbefreiungen und Vegetarismus (mehrere Publikationen dazu). Mit 20 wurde er Mönch. Lebte viele Jahre in verschiedenen Krishna-Ashrams, leitet Pilgerreisen nach Indien. Eröffnete einen eigenen kontemplativen Ashram im Tessin (www.sanatan-dharma.ch).

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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