Der Heilige Narr

Till-Eulenspiegel-Denkmal in Mölln

Der Heilige Narr

Der Heilige Narr

Religion ohne Regeln

Autor: Maria Francesca Wegener
Kategorie: Geistes- und Sozialwissenschaften / Theologie
Ausgabe Nr.: 45

 

Der Heilige Narr hält sich an keine Regeln oder festen Muster. Er nimmt die Rolle außerhalb der Konventionen und Normen ein. Seine Weisheit ist spontan, unschuldig und ohne Vorurteil. Milarepa, Ramakrishna, christliche Mönche – überall findet man diese Tradition der Verrückten, die sich wie ein regenbogenfarbiger Faden durch die Geschichte der Religion zieht.

 

Durch die ernsthaften Bahnen der Menschheitsgeschichte, die sich in seriöser Färbung ordentlich geführt durch die Jahrtausende der großen Entdeckungen und Offenbarungen ziehen, mauschelt sich ein sehr spezieller Faden. Regenbogenfarben schießt er quer durch alles Wohlbekannte, hinterlässt mal Lust, mal Verwirrung, mal Spaß, manchmal Verdruss, und führt immer zur letzten Wahrheit. Dieser Faden beschreibt den Weg des Heiligen Narren.
Um den Anfang der Zeitrechnung wütete Jesus im Tempel gegen die Pharisäer. Die Wüstenväter des 3. Jahrhunderts gaben vor, wahre Toren zu sein. Der fromme Christen-Mönch Markus aus dem 6. Jh. verdiente nach 15 Jahren Einsiedlerei sein Brot mit Pferdewetten. Der heilige Andreas gab im 10 Jh. vor ein Bettelmann zu sein. Der tibetische Weise Drukpa Kunley sang im 15. Jh. Lieder von schlaffen und erigierten Penissen. Im 17. Jh flog der Heilige Joseph von Copertino aus Ekstase durch das Kirchenschiff und Ramakrishna ohrfeigte Mitglieder der Königsfamilie im 19. Jh. Anfang des 20. Jh. lies Gurdjieff seine Schüler nach dem Essen ihre Hintern zeigen und einige Jahrzehnte später sagte Osho seinen Anhängern und dem Rest der Welt »Ich liebe es, Menschen durcheinander zu bringen«. Bis heute finden die Zen-Meister aus dem fernen Osten außer unerwarteten Schlägen und plötzlichen hysterischen Schreianfällen allerlei verrückte Methoden, um ihre Schüler wach und aufmerksam zu halten.
Wer sind sie, diese heilig-verrückten Narren? Wer sind diese wahrlich schrägen und doch so weisen Wesen, die alle Regeln auf den Kopf stellen? Und wo liegt der Unterschied zwischen heiliger und herkömmlicher Verrücktheit?

 

Drugpa Künleg

Drugpa Künleg

 

Beginnen wir in der Wiege des Zwiespalts – Wer ist der Narr? Da wäre zum Beispiel der »Narr des Harem«, der alle Konkubinen des Königs verführt und anstatt gehängt zu werden, wird er mit seinen wilden Erzählungen zum persönlichen Unterhalter des Königs. In der Geschichte spielt der Narr oder auch Tor keine große oder ruhmreiche Rolle, sicher aber spielt er eine einzigartige. Im Leben der Menschen und der Gesellschaft ist er durch die Jahrhunderte unter vielen Namen präsent, egal ob als Hofnarr oder Dorftrottel. Heutzutage bezeichnet der Narr in der westlichen Welt ausnahmslos den Dummen, der nichts weiß, oder den, den man nicht ernst nehmen kann – kurz: den Bedauernswerten. Das war nicht immer so. Die Narren früherer Tage waren vielerorts an Fürstenhöfen als Hofnarr ansässig und genossen ein besonderes Privileg: die Narrenfreiheit. Diese umfasste das straflose Sich-lustig-machen und Parodieren von Adeligen als auch die freie Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Der Hofnarr war weder an gesellschaftliche noch politische Normen gebunden, noch gehörte er irgendeiner Partei, Loge oder Gilde an, und konnte sich so frei auf allen Gebieten der Kritik bewegen. Während die Hofgesellschaft über seine frechen Scherze lachte, legte man im Stillen jedes seiner Worte auf die Goldwaage. Um die dünne Linie zwischen erleuchtender Kritik und ungehobelter Schikane nicht zu überschreiten, brauchte der Hofnarr Fingerspitzengefühl und Unterscheidungsvermögen.
Erst im 14. Jahrhundert entwickelte sich in der europäischen Kultur die Narrenfigur zu einem, oft unfreiwilligen, Spaßmacher oder Tollpatsch, kurz, einer Person, die aus kirchlicher Sicht »Gott fern war«, z.B durch ihr sündhaftes Verhalten oder ihre Unzurechnungsfähigkeit. Nach dem Paradigmenwechsel wurde der Narr – und ist bis heute – eine zwiespältige Figur, Symbol der Freiheit und des humorvollen Intellektes und gleichzeitig der Sünde, des Verfalls und der Ignoranz.

 

Buddha

Buddha

 

Der spirituelle Weg des »heiligen Narren« findet sich in den symbolischen Repräsentationen des Tarot-Kartenspiels. In der Erzählung der großen Arkana ist der Narr die erste verwandelbare Karte und repräsentiert mit dem Kartenwert »0«, die Zahl der Einheit. Auf seinem spirituellen Weg durch die einzelnen Stationen – vom Magier über den Gehängten, die Lust bis hin zur Weltenkarte – wächst der Narr vom mutig-fröhlichen, doch einfältigen Jüngling zu einem befreiten Weisen, der immer noch (oder wieder?) frei, spontan und losgelöst ist. Der Wert »0« der Spielkarte weist auf die freie Position des Narren hin, der auf seinem Entwicklungsweg in jede andere Rolle der Arkana schlüpfen kann, ganz ähnlich dem »Joker« beim Rommé, auch eine Narrenfigur auf wilder Position.
Die Geschichte bringt also zwei Narrenfiguren hervor: Der unbewusste Narr, oder Tölpel, der durch Mangel an Überblick und Weisheit vom Leben überfordert ist, und: Der bewusste Narr, dessen Spiel nicht nur unterhaltsam, sondern erleuchtend ist, ein göttliches Jonglieren mit »richtig« und »falsch«, »gut« und »schlecht«. In weniger noblen Fällen spielt der bewusste Narr Streiche und führt die anderen an der Nase herum, die durch ihre unverrückbaren Vorstellungen und Denkmuster blind geworden sind. Der Narr nimmt damit eine Rolle außerhalb der Normen und Konventionen ein. Er kennt die Schlupflöcher, die Schleichwege, die richtigen Worte, er ist schamlos, wagemutig und tollkühn genug, um alle Regeln zu brechen, alle sozialen und mentalen Grenzen, hinter denen die Wahrheit verborgen liegt. Der weise oder heilige Narr schlussendlich bricht jedes Muster, um seine Mitmenschen in die Freiheit des Lebens einzuweihen und hinter den vermeintlichen Grenzen des Wahrnehmbaren Gott sichtbar zu machen.

 

Ein heiliger Narr spielt im Spiel des Lebens mit, freudvoll und ohne Scham. Das ist nur möglich, weil er wahrhaftig absolut frei ist.

 

Gibt es denn einen Unterschied zwischen dem heiligen Narren und denjenigen Wesen, die wir als verrückt bezeichnen? Oder sind unsere Irrenhäuser voll von missverstandenen Weisen? Der »normalen Wahnsinn« impliziert, dass man mit dem Leben und somit mit der Energie nicht wirklich zurecht kommt. Ein Verrückter ist übermannt vom Leben, von der eigenen Energie (und den Botenstoffen seines physischen Körpers) und der Vielfalt der Schöpfung. Charakteristika von einem Wesen, dass von der Welt überfordert ist, sind: unsteter Fokus; extremes Verhalten, aber nur in einigen Bereichen des Lebens; verrückte Handlungen auf Grund von Unwissenheit; abnormes Verhalten, das in Mustern auftritt; Energie als Gegner, Manipulator oder Machtwerkzeug; von der Energie getrieben oder gelenkt sein, wenig Bewusstsein über das eigene Handeln, keine Unterscheidungsvermögen. Kurz: Keine Prinzipien, sondern abnorme Regeln und Muster.
Das heilige Narrentum hingegen impliziert die Balance zwischen Aufmerksamkeit und Entspannung und das perfekte Meistern aller Energien. Der heilige Narr ist unberechenbar und zwar IMMER, denn er ist immer spontan und dem Moment verpflichtet – frei durch ein Verstehen der göttlichen Notwenigkeit. Die eigenen und universellen Energien sind seine Gehilfinnen und werden von seinem unendlich expandierten Bewusstsein perfekt kontrolliert. Außerdem zeigt er ein göttliches Unterscheidungsvermögen. Kurz: Keine Regeln und keine Muster, sondern universelle Prinzipien!

 

Jesus

Jesus

 

Anders als ein landläufig Verrückter, lebt der heilige Narr sein Leben mit Leichtigkeit und Freude und einem tiefen Verständnis, dass das Göttliche in allem wohnt. Seine Weisheit liegt in seinem unbegrenzten Blickwinkel. Ein heiliger Narr spielt im Spiel des Lebens mit, freudvoll und ohne Scham. Das ist nur möglich, weil er wahrhaftig absolut frei ist. Er steht jenseits der von Hierarchie und jenseits der Hemmungen, jenseits der Regeln und selbst jenseits der Regularien der spirituellen Praxis, da er schon längst persönliche Muster und Gewohnheiten hinter sich gelassen hat. Ein heiliger Narr kann folglich nur dann wirklich, wahrhaftig und harmonisch sein, wenn er das absolute Bewusstsein oder den göttlichen Funken in sich offenbart hat. Man könnte sagen, ein wahrer heilige Narr ist von allen Begrenzungen auf allen drei Ebenen der Manifestation (physisch, astral und kausal) entrückt und befreit, oder, mit anderen Worten, er muss den Überblick über alles gewinnen und die Verschmelzung mit dem kosmischen Bewusstsein erreichen. Dann wird der heilige Verrückte zu einem göttlichen Lehrer, der die mühelose, freudvolle inneren Freiheit in seinen Mitmenschen erwecken kann.
Zweifelsohne spielt das heilige Narrentum auf dem spirituellen Wege des Tantra Yoga eine nennenswerte Rolle. Im Tantra gehört alles zum einzigen Einen, nichts ist ausgeschlossen, alles ist eins mit der ewigen, göttlichen Existenz. Das Netz der universellen Prinzipien verbindet alles miteinander. In dieser ekstatischen Einheit schwimmt der heilige Narr wie ein Fisch im Wasser, ungetrennt von der Quelle, ohne Vorurteil, und mit der Offenheit immer »JA« zum Leben zu sagen. Der heilige Narr ist der perfekte Tantriker und der perfekte Tantriker ist stets ein heiliger Narr – ihre Charakteristika sind dieselben. Die Weisheit des heiligen Verrückten liegt darin, alle Grenzen zu durchbrechen, um dahinter die höchste Realität (Gott) zu finden.

 

Die Charakteristika des heiligen Narren

Tatsächlich ist der heilige Narr weniger an seinen Handlungen zu erkennen, die eventuell auch anderen Wesen unterlaufen könnten, als mehr an seiner inneren Einstellung, die sich in seinen Taten und Worten widerspiegelt. Man kann nicht ohne weiteres zu einem heiligen Narren werden, doch man kann allmählich die freie Attitüde des Narren verstehen und im Rahmen größtmöglicher Weisheit und Demut die herrliche Freiheit des Narren in sich erwecken und mit gutem gesundem Menschenverstand praktizieren. Vergessen wir nicht, dass die »Verrücktheit« des heiligen Narren seiner Weisheit entspringt!

Der heilige Narr ist spontan, enthusiastisch, unschuldig und ohne Vorurteil
Eine universell gültige Tatsache ist die Trägheit des Verstandes. Wir glauben zu wissen, und genau deshalb sind wir nicht offen und voller Vorurteil gegen unsere direkten Erfahrungen. Unser Mental ist gefangen in Vergangenheit und Zukunft, sprich in den (Denk-)Mustern der Gewohnheit. Daher können wir nicht objektiv im Hier und Jetzt erfahren. Selbst der Gedanke an das, was jetzt gerade ist, ist bereits den Bruchteil einer Sekunde alt! Das Mental, oder der Teil von uns, der Realität bewertet und strukturiert, »hinkt« folglich immer etwas hinterher.

 

Der heilige Narr ist frei von der Trägheit des Verstandes, denn er ist nicht länger mit dem Mental identifiziert.

 

Wenn wir uns nun am trägen Mental und an unseren Gewohnheitsmustern orientieren, bleiben wir realitätsfern. Wir können das Mental aber auch viel weniger rigide und viel flexibler einsetzen, wenn wir nicht-mentalen Einflüssen wie Sinneserfahrungen und Intuition gegenüber offen bleiben. So können wir unser Mental flexibel nutzen, um Eindrücke weiterzuführen, ohne sie zu werten oder zu negieren. Auf diese Weise wird unser Energiefluss entriegelt und Entscheidungen, Reaktionen und Verhaltensweisen beschleunigt, präzisiert und verfeinert. Infolgedessen werden Entscheidungen unabhängig von Vergangenheit, Zukunft, gewohnte Verhaltensmuster und Ängsten gefällt, ganz aus der Weisheit des jetzigen Moments.
Der heilige Narr ist frei von dieser Trägheit des Verstandes, denn er ist nicht länger mit dem Mental identifiziert. Er ist frei zu handeln! Die göttliche Energie kann sich in seinem Mental, seinem Herzen und seiner Seele in völliger Unschuld spiegeln. Daher sind die Taten des heiligen Narren initiierender Natur, sie weihen uns auf unkonventionelle Art in eine höhere Realität des Universums ein.

Religion ohne Regeln

Ramakrishnas Legende zur spontanen, unschuldigen Handlung

Ramakrishna war ein Jünger des Bhakti Yoga Weges der völligen Hingabe in brennender Liebe zu den göttlichen Aspekten. Ramakrishna war zunächst Priester im Tempel der Kali in Dakshineshvar, doch weil er stets in glückselige Trance verfiel oder so manches mal die Tempelgaben an Katzen verfütterte, weil er Kali in ihnen sah, wurde er bald des Amtes enthoben. Es war ihm gestattet, weiterhin in den Tempelgründen zu leben und so verbrachte er Tag um Tag in tiefer ekstatischer Vereinigung mit der großen kosmischen Kraft Kali. Eine Legende berichtet, dass der Kali Tempel eines Tages Besuch von einer Prinzessin der geldgebenden Königsfamilie erhielt. Sie beobachtete Ramakrishna, wie er in Vereinigung mit der Göttin Kali sang und tanzte. Auf einmal kam er auf sie zu, verpasste ihr eine saftige Ohrfeige und war sogleich tanzend im Tempel entschwunden. Die Zeugen des Vorfalls ereiferten sich und entschuldigten sich für den »Verrückten« ihres Tempels, aus Angst die Prinzessin könnte verärgert sein und die Spenden der Familie einstellen. Doch die Prinzessin stand in sich gekehrt da. Sie sagte: »Lasst nach, denn den ihr verrückt nennt, hat mir soeben Erkenntnis geschenkt. Kali selbst hat mich geohrfeigt für meine falsche Großmütigkeit. Ich danke ihr von Herzen.«
Mehr Geschichten finden Sie im Volltext-Artikel, den Sie als Pdf hier herunterladen können:

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 19: Eire Rautenberg – Wer Schmetterlinge lachen hört. Heiligen Narren in den Weltkulturen

TV 21: Ronald Engert – Die Gottesvergiftung. Ist Liebe die Antwort?

TV 24: Jed McKenna – Verflixte Erleuchtung! Das Einfachste, was es gibt.

TV 33: Krishna Candra – Dysfunktionale Religion. Zur religiösen Neurose

TV 36: Brant Secunda – Das Lachen der Schamanen. Das alte Wissen der Huichol

TV 37: Jed McKenna – Spirituelle Dissonanz. Wie Mensch erwachsen wird

 

 

Tattva Viveka Ausgabe 45 Inhaltsverzeichnis

 

 

Bildquelle: © S.Thierauf, Pixelio, Fotolia

1Kommentar
  • Günter Meyer
    Veröffentlicht um 21:53h, 24 November Antworten

    Vollkommene Erleuchtung des Opi Don zu Brahm.
    Versucht bitte nicht mich zu verstehen.
    Seht was die Religionen sagen.

    Autor: Maria Francesca Wegener Kategorie: Geistes- und Sozialwissenschaften / Theologie Ausgabe Nr.: 45

    Der Heilige Narr hält sich an keine Regeln oder festen Muster. Er nimmt die Rolle außerhalb der Konventionen und Normen ein. Seine Weisheit ist spontan, unschuldig und ohne Vorurteil. Milarepa, Ramakrishna, christliche Mönche – überall findet man diese Tradition der Verrückten, die sich wie ein regenbogenfarbiger Faden durch die Geschichte der Religion zieht.

    Ich selbst habe die Wahl: Religion oder Guru

    Ich sage für mich, Religionen: Das hatte und habe ich.

    Gurus: Diese Narren liebe ich.

    Erleuchtung: Das habe ich und alles andere auch.

    Warum?

    Verrate ich nicht.

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