Der spirituelle Weg islamischer Mystik

Pierre Paul Rubens: Saturn verschlingt seinen Sohn (1636), Museo Nacional del Prado

Die sieben Täler zur Einheit
mit dem Absoluten

Autor: Clemens Zerling
Kategorie: Islam / Sufismus
Ausgabe Nr: 64

 

Die Mystik der Sufis spricht von sieben Tälern, die Stufen des Erwachens sind. Diese Täler sind Symbole für Stufen des Entwerdens. Nachdem die mystischen Aspiranten im fünften Tal das Göttliche zum ersten Male erfahren durften, konfrontierte sie das sechste »Tal der Verwirrung« mit dem Beginn der Dunklen Nacht der (höheren) Seele. Jenseits des siebenten »Tales der Armut und Vergänglichkeit« ist das Ziel erreicht. Sie vermögen in das »fließende Meer« des Absoluten einzutauchen.

 

 

 

 

 

 

»Ein Frommer fragte das Licht: Wie kann mein Weg bis zur Vereinigung führen? Es sprach: Ich habe sieben Meere aus Feuer und Licht. Du musst einen sehr langen Weg gehen. Hast du die sieben Meere durchzogen, dann wird dich der Fisch mit einem Mal fangen. Wenn der Fisch einen Atemzug einholt, hat er damit das Erste und das Letzte eingesogen. Von dem Fisch ist weder Kopf noch Ende sichtbar und sein Platz ist im Meer des Verzichts.«

 

Vom Großen Fisch zum Vogelkönig

Im 12. Jahrhundert verfasste der persische Mystiker Farid du-Din Attar (um 1136-1220/21) sein bedeutendstes Werk Die Konferenz der Vögel. Neben Dschalal ad-Din Rumi, Sana’i und Hafiz zählt er zu den bedeutendsten persischen Sufi-Dichtern. »Vogelgespräche« hieß diese Perle der Weltliteratur mit ihrer so geheimnisvollen wie subtilen Bild- und Gleichnissprache noch in den ältesten Ausgaben. Dreißig Vögel (Symbol für Seelen) planen unter ihrem Anführer, dem weisen Wiedehopf, eine weite und überaus beschwerliche Reise zum Berg Qāf. Dort soll der Simorgh (oder: Simurgh) residieren, ihr legendärer »unbestrittener König«. Dieser Plan verursacht Ängste, bedingt Herzensstärke. Denn der mystische Weg des Sufismus, den diese Reise vorstellt, verlangt das völlige Entwerden: ein Ablegen jeglicher irdischer Bürden, ein Verzicht auf Ansprüche und Wünsche. Daher wollen die Vögel unter wortreichen Erklärungen und Klagen immer wieder aufgeben. Doch dem Wiedehopf gelingt es in vielen Krisensitzungen – gewürzt mit Anekdoten, Ratschlägen und skurrilem Lehrgeschnatter: eine wahre Schatzgrube orientalischer Erzählfreude –, sie immer neu zu bewegen, den »Flug« fortzusetzen.

Es führt sie durch sieben Täler, Symbole für Stufen dieses Entwerdens. Nachdem sie im fünften Tal das Göttliche zum ersten Male erfahren durften, konfrontierte sie das sechste »Tal der Verwirrung« mit dem Beginn der Dunklen Nacht der (höheren) Seele. Jenseits des siebenten »Tales der Armut und Vergänglichkeit« ist das Ziel erreicht. Sie vermögen in das »fließende Meer« des Absoluten eintauchen. Damit haben die Vögel zugleich den Berg Qāf am Ende oder Anfang der geschaffenen Welt erklommen: Sphäre der Rückkehr und Urquelle für den geistigen Kern der Seele. Erst das Nicht(mehr)sein verschafft dem höchsten Göttlichen die Möglichkeit, sich ungehindert zu offenbaren. So erkennen die 30 Vögel am Ende ihrer mühevollen Reise zum Simurgh (= 30 Vögel), das sie selbst »Es« sind, das oder den sie gesucht haben. Dieses »geistreichste Wortspiel in der persischen Literatur« drückt wunderbar die Erfahrung der Einzelseele mit der Einen Göttlichen Wesenheit aus (Annemarie Schimmel). Am Ende ihrer Reise sind die Vögel auch nicht mehr Wanderer, sondern zum Weg selbst geworden.

Mystik und Dichtung, nicht nur in der islamischen Welt, spielen seit alters her mit den Anfangsbuchstaben der Begriffe, die dem Leser einen Zugang zu tieferen Bedeutungsebenen eröffnen sollen. Es beruht auf Entsprechungen der Gematrie, die viele Völker im Altertum kannten und nutzten. In der Gematria besitzen Buchstaben nicht nur eine Lautqualität, sondern auch einen Zahlwert samt einem Bedeutungsinhalt für mehrere Zugangsebenen. Q, erster Buchstabe des weltumspannenden Berges Qāf, zugleich 21. Buchstabe des arabischen Alphabets, bestimmt den Begriff qāf-i-qurb, »der erste Buchstabe«. Qurb wiederum bedeutet Nähe, und obwohl Qāf sich am Ende der geschaffenen Welt erhebt, markiert er den Ort, wo der Mensch die wahre Nähe (qurb) zu »seinem« Gott findet.

 

Simurgh

Der Simurgh, dunkel und feurig; aus einer islamischen Handschrift, Mitte 13. Jh.

 

Nach zoroastrischer, manichäischer und mandäischer Anschauung trifft der höhere Seelenanteil oder Geistfunke nach dem physischen und mystischen Tod auf seiner spirituellen Suche und Wanderung den Himmlischen Zwilling. Im Sufismus, stark von diesen älteren Lehren beeinflusst, warte das himmlische Alter Ego sogar sehnsüchtig auf die Lichtseele, auf das persönliche (individueller Aspekt) »Fünklein des göttlichen Lichts«, und zwar im »mystischen Orient«. Nach der vertikalen Heiligen Geographie liegt dieser am Himmelspol, am höchsten gedachten Punkt des Alls, im »kosmischen Norden«. Keine Koordinaten irdischer Land- oder Sternkarten verzeichnen diesen Orient in der Region hinter dem Polarstern. Diese »Wohnstatt der Gesänge«, »Region unzähliger Lichter« oder Region der »Tausend Sonnen«, erhebt sich über den »sieben Tälern der Wandlung« als »achte Sphäre«, und mittendrin der Kristallberg Qāf.

 

»Ich bin deine Vollkommene Natur; wenn du mich sehen willst, so rufe mich bei meinem Namen!« (Pseudo-Magriti: Ziel des Weisen; um 1051 entstanden)

 

Auch unsere Märchen ahnen und raunen von einem solchen Kristall- oder Glasberg. Zum Erklimmen seiner schier unersteigbaren und eisglatten Höhe bedarf es schon besonderer Hilfsmittel: eines Zauberpferds oder zumindest eines Wundersattels, führender Zaubervögel, Eisenschuhen mit Nägel, selbst angeschmiedeter Hufeisen an Händen und Füßen; auch Knöchelchen, die als unvollkommene Leiter angelegt werden, wobei schließlich ein eigener Finger abgehackt werden muss, um die Sprossen zu ergänzen – Symbol des Aufgebens äußerer Hinwendungen und ichbezogenen Tuns, das Opfer der Selbsthingabe. In der germanischen Edda-Dichtung liegt der Palast der Götter in Gladsheim (Glanzheim). Glas entspricht dem germanischen glesum (= glänzend, glitzernd, glatt) und schließt daher in seiner Bedeutungsbandbreite Kristall und Edelstein ein. Weil transparentes Glas aus lichtundurchlässigem Gestein herauspoliert werden kann, symbolisiert es Verwandlung, Transformation und Neugeburt. Glassärge veranschaulichen im Märchen (wie bei Schneewittchen) einen solchen Prozess. Gewöhnlich entdeckt ein Prinz im transparenten Sarg eine wunderschöne Braut im weißen Gewand. Sie erkennen einander als lang oder gar ewig gesuchte Ergänzung und feiern »königliche« Hochzeit: Heilige Hochzeit. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 11: Dr. Karl-Peter Jabir Dostal – Moderner Sufismus und moderne Physik

TV 22: Dominik Irtenkauf – Shahab ad-Din Sohrawardi: Ein Sufi-Mystiker

TV 24-25: Hadayatullah Hübsch – Islam, der Weg der Hingabe

TV 37-38: Sheik Esref Efendi – Der wahre Mensch. Sufische Weisheit

TV 40: Clemens Zerling – Rosenkreuzerische Initiation. Ein westlicher Weg

TV 47: Hadayatullah Hübsch – Viele Flüsse, ein Meer.
Gemeinsamkeiten von Buddhismus, Hinduismus und Islam.

TV 60: Clemens Zerling – Über das e in Delphi. Tempel des Apollon

 

 

17 Kommentare
  • Stefan F. Kretzschmar
    Stefan F. Kretzschmar
    Veröffentlicht um 19:36h, 15 September Antworten

    … <3 …

  • Achmet Balta
    Achmet Balta
    Veröffentlicht um 19:47h, 15 September Antworten

    Erkan Kartal

  • Erika Brangenberg
    Erika Brangenberg
    Veröffentlicht um 19:56h, 15 September Antworten

    was bedeutet dieses Bild???

  • Silvia Hall
    Silvia Hall
    Veröffentlicht um 20:22h, 15 September Antworten

    vom werden ins ewige sein …….wieder eins sein mit der ewigen quelle ….obwohl der zugang in alle ebenen jeder zeit offen ist…..in jedem moment kann das erwachen passieren ……nur sieht das wesen mensch es nicht , alles liegt wie im nebel VOR UNS……ich versuch es mal so…..wir müssen sterben, bevor der tod kommt

  • Sonja Luef
    Sonja Luef
    Veröffentlicht um 20:32h, 15 September Antworten

    ,?

  • Leonarda Livia
    Leonarda Livia
    Veröffentlicht um 17:48h, 16 September Antworten

    heee ???

  • Conny Brenner
    Conny Brenner
    Veröffentlicht um 11:55h, 09 Oktober Antworten

    Sufismus hat nix mit Islam zu tun. Es ist eine Absplitterung vom Ursprung des Islam und viel später entstanden und somit eigenständig.

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