Die Apokalypse des Johannes – Tattva Viveka Magazin
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Die Apokalypse des Johannes

Der christliche-mystische Einweihungsweg

Die Apokalypse des Johannes

Der christliche-mystische Einweihungsweg

Autor: Gabriele Quinque
Kategorie: Gnosis
Ausgabe Nr: 67

Eines der missverstandensten Bücher der Religionsgeschichte ist die Apokalypse des Johannes. Doch dieses Buch, das vordergründig den Weltuntergang verkündet, verfolgte ursprünglich eine ganz andere Absicht, die sich nur dem mit offenem Herzen und offenen Sinnen Suchenden zu offenbaren vermag: Der christlich-mystische Einweihungsweg, der die Seele auf das Himmelsreich Gottes vorbereiten soll.

Apokalypse, so lautet das griechische Wort für »Enthüllung der Wahrheit«.

Die Offenbarung des Johannes ist die Liebesgeschichte
von Gott und Mensch, sobald sich beide näher kommen,
wird Gott hinwegwischen eine jegliche Träne von unseren Augen.

 

Die Apokalypse will ein Trostbuch und ein Lobgesang auf das Christentum sein, das bei vielen Menschen droht, in Vergessenheit zu geraten. Vor allem selbst ernannte moderne Esoteriker wollen davon nicht mehr viel wissen; sie glauben, ohne abendländische Religion besser zurechtzukommen, was sich dem Einzelnen letztlich als Trugschluss erweisen wird. Eine westliche Esoterik ohne christliche Wurzel kann es nicht geben, atmen doch die Tempelritter, Gralssucher, Rosenkreuzer und deren Splittergruppen immer nur dann Authentizität, wenn sie auch das christlich Tradierte pflegen und es gerade im Hinblick auf ihre geheimnisvollen Schlüssel tiefer verstehen als andere, denen dieses Wissen fremd ist. Aber gerade der Glorienschein dieses Hintergrundes ist in einigen Kreisen unbekannt. Und so kommt es zu unzähligen Stilblüten, die einem Einweihungsweg nur noch fadenscheinig ähneln. Darum darf man sich über die vorliegenden Aufschlüsselungen der Apokalypse freuen, denn sie schenken dem Leser eine Ahnung von dem strahlenden Glanz und der subtilen Spiritualität christlich-mystischer Initiation.

Als Leser werden Sie auf die Insel Patmos geführt, wo Johannes in der Verbannung lebte und seinem Jünger Prokhorus die Apokalypse diktierte. Prokhorus erlebt 22 Tage, in denen sich ihm bedeutsame Einsichten in die Apokalypse eröffnen. Als Leser werden Sie mitgenommen auf die Pfade, die der junge Mann beschreitet und Sie überbrücken Zeit und Raum: Im Jahre 97 n. Chr. wandern Sie als Prokhorus über die Insel Patmos, der altägyptische Gott Thot schaut Ihnen über die Schulter, und Meister Dürer legt Ihnen kleine von Geist durchdrungene Kunstwerke in die Hand. So löst sich die Zeitempfindung aus ihrem sonst so starren Gefüge. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schließen einen erkenntnisreichen Bund. Die Zeitrechnung wird gewissermaßen zu Raum, sie nimmt viele Gesichter an, drängt sich zusammen und wandelt sich zu einer Zeitqualität, die verborgene Seelenschichten auf einer metaphorischen Ebene erschließt. Wahrlich apokalyptisch – enthüllend!

Die Apokalypse des Johannes

Prokhorus und Johannes in der Höhle. Auf Patmos gibt es unzählige Ikonen von Johannes und Prokhorus. Sie zeigen immer, wie der Jüngere aufschreibt, was der Ältere diktiert.

Die Umkehr zum geistigen Leben

Die Metanoia, der große Sinneswandel, besteht in der bewussten Abwendung von der Banalität eines vordergründigen Lebens und der Hinwendung an den Allmächtigen. Denn die allerheiligste Dimension interessiert sich weniger dafür, wie jemand auf der Erde lebt und denkt, sie verlangt allein eine bewusste Orientierung auf den solaren Geist Gottes.

 

Man denke bei dieser Aussage an die beiden Schächer zur Rechten und zur Linken am Kreuz Jesu. Umgehend erlöst wird der Schuldbeladene, der den Gott in Jesus noch kurz vor dem letzten Atemzug in dem vollen Ausmaß erkennt. Er wird von Christus dem Himmelreich zugeführt, und dies gänzlich unabhängig von seiner menschlich-moralischen Gesinnung, die ihm bis zu diesem Augenblick zu Eigen war. In diesem Mysterium offenbart sich die Mission der Menschwerdung Gottes. Des Weiteren lässt Bruder Ambrosius Johannes »in der Leuchter Mitten den Menschensohn« erblicken. In der modernen Form wird nur gesagt »der war einem Menschensohn gleich«. Hinter dem Wort Menschensohn verbirgt sich mehr als der Sohn eines Menschen, es ist eine feststehende Bezeichnung für ein christliches Mysterium. Als Menschensohn bezeichnet man den Messias, der das Heilsblut vergoss und nach seiner Auferstehung und seiner Heimkehr an den himmlischen Thron in der Höhle der Apokalypse wiederkehrte.

In der Johanneischen Parusie kündet der Menschensohn von dem kommenden Friedensreich der Seele, indem er einen integrativen Bund mit dem initiierten, geistesdurchströmten Menschen eingeht. Es kann darum nur einen Menschensohn geben. Demnach sollte man Johannes nicht in den Mund legen, die apokalyptische Erscheinung hätte einem Menschensohn nur geglichen. Nein, es war der Menschensohn. Sogar der liturgische Sprachrhythmus klingt in der Übersetzung des Ambrosius noch nach, ganz so, wie er in alexandrinischen oder gnostischen Schriften verankert ist, die Johannes ohne Zweifel das philosophisch-religiöse Fundament zur Verfügung stellten.

Als Autorin wünsche ich mir, der Leser solle von dem Original-Text der Apokalypse berührt werden und mit Begeisterung der Aufforderung Johannis Folge leisten, diesen wieder und wieder zu lesen. Denn in der ersten Seligpreisung der Offenbarung heißt es:

 

Selig, wer da liest und die da hören auf die Worte der Weissagung und achten dessen, was in ihr geschrieben steht; denn die Zeit ist nahe.

 

Und in der sechsten Seligpreisung, der vorletzten, am Ende der Offenbarung, erweitert Johannes diese Bitte:

 

Selig, wer an den Worten der Weissagung in diesem Buche festhält.

 

Damit legt der Prophet das eigentliche Geheimnis wie ein Liebesband um seine Schrift, denn er weiß, das Lesen der Enthüllung gereicht der Seele zu Labsal und Tröstung. Nun sind viele Menschen von heute gar nicht so leicht zu bewegen, Bibeltexte in Kirchen zu hören, geschweige denn in einer andächtigen Situation zu Hause laut zu verlesen. Und doch darf behauptet werden: Wem es dreimal gelingt, in dem heiligen Rauch von Weihrauchschwaden und unter Beiwohnung der Engel Chasmalim, also umgeben von Kerzenflammen, mit feierlicher Stimme laut den Text der Apokalypse zu lesen, wird dies mit zunehmender Freude wiederholen wollen. Auf diese Weise werden die wunderbaren Botschaften der Offenbarung in den Ort ihrer Bestimmung eingehen: In das Herz des Menschen.

Die Erlösung der Menschheit

Die endgültige Erlösung von den Erdkräften wird von oben kommen! – in dieser Gewissheit liegt die besondere Seelsorge der apokalyptischen Schrift: Und wenn die Befreiung aus dem Würgegriff der Erdmacht auch mehr Zeit in Anspruch nimmt, als dies in der Dichte der Bilder beschrieben ist, so erklingen die Lobgesänge der vierundzwanzig Aeonen doch wie ein feierlicher Zuspruch in der Seele und lässt sie baden im überirdischen Lichtglanz. Aufgrund dessen fallen alle Gefühle von Knechtschaft und Verbannung für immer von der Leibseele ab, denn wohin sie von dieser Einsicht an auch geführt wird, sie weiß sich angebunden an die himmlische Welt. Allein in dieser Gewissheit offenbart sich der gewaltige Segen der johanneischen Schrift.

Ebenso eindrucksvolle Geheimzeichen für die Entschlüsselung der Offenbarung finden wir in den gnostischen Texten des Corpus Hermeticum, der Pistis Sophia und den Nikodemus-Apokryphen. Denn gerade in diesen Texten begegnen uns die typische Sprachcharakteristik und Begrifflichkeit, in denen Johannes den gigantischen Dombau der Apokalypse konstruiert hat.

In Anbetracht der 22 Kapitel der Offenbarung bieten sich ebenfalls die 22 großen Arcana des Tarot und die 22 hebräischen Buchstaben an. Die Wurzeln des Tarot verlieren sich im Dunklen unserer Geschichtsschreibung, es gelang den Forschern bis heute nicht, das konkrete Auftauchen der Karten weiter als zweihundert Jahre zurück zu verfolgen. Dies bedeutet allerdings bei weitem nicht, dass sie auch erst dort entstanden sind. Die 22 Säulen des Tarot verbargen sich für Jahrtausende sorgsam in den Geheimschulen, die in altägyptischer Epoche den Gott Thot als Wächter vor ihre Tempelpforten stellten. Nach ihm nennt man die 22 Arcana auch das Buch Thot.

 

Der Wind und die Engel

Apokalypse, so lautet das griechische Wort für »Enthüllung der Wahrheit«. Diese Schrift ist aus irdischer Blickrichtung gewiss keine Realität, aber himmlisch gesehen dennoch reine Wahrheit. Denn sie lässt den Menschen in 22 Ausströmungen gelangen, deren Segnungen ihm unmittelbar aus den oberen Welten zufließen. Inwieweit jedoch das gewirkte Tuch der Verhüllung den Blick für das Geheimnis entschleiern wird, entscheidet allein das Gesetz des Himmels. Auf dem apokalyptischen Pfad gibt es nichts, was der Mensch aus sich heraus erzwingen könnten, außer sich Tag für Tag bereit zu machen für die Gnade himmlischen Auserwähltseins.

 

In der rettenden Botschaft für die Seele wird die johanneische Wahrheit zu einem geistigen Heilmittel, zu einer überirdischen Arznei, wie es keine größere und wirksamere geben kann.

 

In einem Trance-Mythos im Vorwort des Buches sieht sich eine junge Frau auf der Agora von Kos den Angriffen eines Johanniters ausgesetzt und erfährt Rettung durch den heiligen Wind von Patmos. Tatsache ist, dass die Johanniter im 14. Jh. n. Chr. alle Inseln im Dodekanes unter ihre Gewalt bringen wollten, aber es gelang ihnen nicht Patmos einzunehmen. Jenes Felseneiland, das wegen seiner Heiligsprechung durch die Offenbarung hervorragt, ließ sich nicht vereinnahmen, es trotzte dem Zugriff der Johanniter. Elf Inseln wurden von äußeren, säkularisierten Kultformen überwältigt, die zwölfte aber, Patmos, blieb unversehrt.

Die Analogie dazu lautet so: Elf Apostel dienen dem äußeren Petrus-Kult, auch der Verräter Judas gehört dazu. Einer jedoch bleibt ein Unabhängiger, bleibt frei von klerikaler Beeinflussung und bringt das christliche Werk auf transzendente Weise in die heilige Erfüllung: JOHANNES, Jehova ist ihm gnädig.

Das Edle und Heilige ist nicht immer so edel und heilig, wie dies im Außen demonstriert wird. Den Triumphzug des Heiligen vereiteln oftmals Machtgier, Selbstsucht, Neid, Missgunst, Habgier und andere Untugenden, die allen Menschen von Natur aus anhaften, ganz besonders jenen, die davon nichts zu besitzen glauben. In der christlichen Dogmatik fasst man den unüberschaubaren Reigen der Laster als sieben Todsünden (Peccata) zusammen und definiert sie als Ergebnis einer starken Erdverhaftung. Wird dieser Verhaftung an den Trugbildern des Daseins niemals Einhalt geboten, bringt dies eine Gefangennahme der Seele durch die Widersacherkräfte mit sich.

Aus diesem Grunde wird auch die Apokalypse Johannis von der Arbeit der Engel beherrscht. Sehr genau wusste der Prophet um den Mythos, in dem es heißt, Engel könnten sich nur senkrecht bewegen, waagerechte Schritte seien ihnen verwehrt. Dies bedeutet im übertragenen Sinn: Auf Engel in den profanen Lebenssituationen zu warten bleibt zeitlebens ein sinnloses Unterfangen.

 

Prokhorus, der Schreiber und Jünger des Johannes

Auf der Insel Patmos, wo Johannes in Verbannung lebte, diktierte er Prokhorus, seinem Jünger und Schreiber, die Apokalypse in einer Höhle. Prokhorus nimmt die Entschleierung behutsam vor und führt den Leser brüderlich an die Pforte des Wunders, das in der geheimen Kammer dieser Schrift wirkt. Seine Fragen und seine Antworten, vor allem seine Verehrung für Johannes, schwingen noch immer als Echo in Notos, Euros, Zephyros und Boreas, den vier Winden Griechenlands.

Prokhorus erlebt, wie Johannes des Morgens erwacht, er malt ein erhabenes Bild seines Meisters und nimmt in dem Symbol seines Erwachens in der Höhle das ganze Buch wie einen Geburtsmythos vorweg. Johannes erstrahlt auch weiterhin stets in sakraler Würde, obschon er in erster Linie skorpionische Eigenschaften besitzt. Denn er ist alles andere als zimperlich. Seine okkulte Mission liegt ihm so sehr am Herzen, dass er unzählige Heiligenfiguren aus säkularisierten Kulten mit voller Wucht zerschlägt und stets die Gelegenheit sucht, Heiden mit Nachdruck zum Christentum zu bekehren. Er ist von gewaltiger Geistes- und Überzeugungskraft, mit dem Sinnbild der rituellen Magie gesegnet, dem doppelköpfigen Adler, der gekrönt und bewaffnet in den Streit für das Gottesrecht zieht und zur Flagge der Insel Patmos wurde. Das eine ist sicher: Der Geist des Eingeweihten namens Johannes hat nicht vor, dem neurotisch-sinnlichen und kritikscheuen Empfindungsmenschen unserer Tage die gewohnte Streicheleinheit zu schenken. Seine Liebe bleibt stets kristallin und gänzlich fern von persönlicher Absicht, denn er erfüllt konsequent den Willen des Himmels.

Gabriele Quinque

Über die Autorin

Gabriele Quinque, seit 1987 Autorin und Seminarleiterin in den Bereichen von abendländischer Mystik, hermetischer Philosophie und antiker Mythologie. Sie begleitet seit 1989 Klienten in dem von ihr neu konzipierten Tempelschlaf. Bücher: Tempelschlaf – Grundlagen der Trance-Arbeit, zur Alchemie der Rosenkreuzer Splendor Solis – das Purpurbad der Seele. Sie ist Gründungsmitglied des FMG-Förderkreis für Mythologisches Gedankengut. Kontakt: www.gabriele-quinque.de

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2 Kommentare
  • Rolf Schwarz
    Veröffentlicht um 22:44h, 13 Juli Antworten

    Die Apokalypse des Johannes

    ich habe mir die PDF-Datei bestellt. Die Ausführungen dort tragen wenig zur Klarheit geschweige zur Erleuchtung bei eher zur Verwirrung. Zu den biblischen Aussagen erfährt man so viel wie nichts.
    Die 2 € sehe ich daher mehr als Spende für Euch und werde da zukünftig nicht mehr so vorschnell bestellen.

    Liebe Grüße
    Rolf

    PS Übrigens wenn man den Code versehentlich falsch eintippt ist auch der Kommentar weg – ungewöhnlich.

    • Tattva-Archiv
      Veröffentlicht um 18:02h, 18 Juli Antworten

      Hallo Rolf,
      das ist bedauerlich. Der Artikel wurde relativ oft bestellt.
      Danke für die Spende und schade, dass wir Dir nicht besser dienen konnten.
      Liebe Grüße
      Ronald Engert

      PS: Das mit dem Kommentar werden wir prüfen.

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