Die Ekstasen der Gottesliebe

Die Ekstasen der Gottesliebe

Liebe zu Göttin-Gott. Das höchste Ziel des Lebens

Liebe zu Göttin-Gott. Das höchste Ziel des Lebens

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr: 57

 

 

Unsere Existenz ist für viele Menschen ein Rätsel. Was ist der Sinn des Lebens? Was bewegt unser Herz wirklich? Was ist es wirklich wert zu tun? Die Bestimmung des Menschen liegt in seinem tiefsten Inneren. Seine wesensgemäße Natur und seine Wahrheit betreffen sein existentiellstes Sein. Was sind die Koordinaten? Die vedischen Überlieferungen der Bhakti-Tradition betrachten das Lebewesen in seiner liebevollen Beziehung zu Göttin-Gott. Die Erfahrung zeigt, dass diese Liebe uns den Sinn des Lebens offenbart.

 

Wenn wir nach dem höchsten Ziel des Lebens streben, stellt sich die Frage, was dieses Ziel denn ist. Besteht es darin, Besitz und Macht anzuhäufen? Oder sind es unsere Partner und unsere Kinder, die uns das Höchste im Leben sind? Jeder Mensch hat etwas Höchstes oder Wichtigstes im Leben. Manche finden, dass Selbstverwirklichung das höchste Ziel des Lebens ist. Daraus geht hervor, einen Weg des Herzens zu gehen und vielleicht die Erfüllung einer besonderen Aufgabe zum Lebenssinn zu machen. Die Frage nach dem Sinn führt uns nach innen. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Der Sucher überschreitet irgendwann materielle Motive, dann erkennt er, dass auch sein Ego im Weg steht, und er möchte zu einem Seher, einem Weisen oder einem Erleuchteten werden. Wir möchten Ruhe finden, inneren Frieden, Einverstanden sein. Aber irgendetwas stört doch oder gibt nicht die tiefe Befriedigung, die wir suchen. Wo finden wir Vollkommenheit? Wo finden wir ewige Wahrheit?

Alle diese Stufen der Verwirklichung sind Vorstufen, die hoffentlich von meinen geneigten Leserinnen und Lesern bereits beschritten wurden, denn ich möchte hier als höchstes Ziel des Lebens die Liebe zu Gott einführen.

Selbst nach der Selbstverwirklichung im persönlichen Sinn bleiben die großen Fragen offen. Reinkarnation, Karma, Ewigkeit – was hat es damit auf sich? Was passiert mit mir nach dem Tod? Was ist der Sinn des Ganzen? Gibt es Gott überhaupt? Wenn ja, was sind seine Eigenschaften?

Vielleicht haben wir die Religion unserer Kinderstube längst hinter uns gelassen, weil wir sie als verstaubt und seelenlos empfanden. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie und was ein Mensch denken, fühlen und wollen mag. Wir ahnen etwas von einer spirituellen Essenz in allem. Vielleicht eine alldurchdringende Energie, das große Eine, modern gesprochen: das absolute GPS? Wir finden viele wunderbare Perlen in dieser Welt. Aber was ist die Schnur, auf der sie aufgereiht sind? Was bleibt? Was gibt uns Halt?

Ich möchte im Folgenden Gott und die Liebe, wie ich sie verstehe, erklären, weil ich glaube, dass die Essenz des Lebens diese Liebe zu Gott und Göttin1ist. Diese Definition teilt sich in zwei Teile, einerseits die Liebe und andererseits Gott. Beide Kategorien gilt es näher zu bestimmen.

 

Das höchste Ziel des Lebens

 

Gott
Gott ist zunächst einmal der Schöpfer der Welt, Ursprung von allem, der höchste Kontrollierende, der Allmächtige, den wir mit Ehrfurcht und Respekt verehren. Gott ist die Vollkommenheit und das Absolute, eine Wesenheit oder eine alldurchdringende Energie, die sich sowohl in uns befindet als auch wir uns in ihr. Gott ist jenseits von Raum und Zeit, unbegrenzt, unendlich, unabhängig, immer in sich selbst zufrieden, die innerste Wahrheit in allem, die Essenz der Essenz, der Meister aller Mystiker, der Erlöser, der Gnade Spendende – um nur einige Definitionen zu nennen. Dies ist die weit verbreitete Auffassung von Gott/Göttin als Herr/Herrin. Dieser majestätische Aspekt, der allen Reichtum und alle Macht enthält, ist sehr bedeutend und zum Verständnis Gottes unabdingbar. Wir spüren eine gewisse Ehrfurcht vor dem Höchsten, Gott, und bemühen uns um ein religiöses oder tugendhaftes Leben.

Es gibt jedoch noch andere Qualitäten in Gott, die über diesen herrschaftlichen, Ehrfurcht gebietenden Aspekt hinausgehen. Die Liebe, die von Gott ausgeht, hat eine eigene Qualität. Gott dürstet es nach Liebe und Intimität mit seinen Gefährten, in der er mit ihnen auf gleicher Augenhöhe im vertraulichen und zuneigungsvollen Austausch ist. Diese höheren Gemütsstimmungen sollen in der Folge beschrieben werden.

 

Wir finden viele wunderbare Perlen in dieser Welt. Aber was ist die Schnur, auf der sie aufgereiht sind?

 

Liebe
Was die Liebe betrifft, so gibt es sehr viele verschiedene Arten und Formen von Liebe, die von unterschiedlicher Qualität und Intensität sind und sich in verschiedenen Arten von Beziehungen ausdrücken. So kann ich etwa als Sohn meine Mutter lieben oder als Mann meine Frau. Dies sind unterschiedliche Arten von Liebe, die man nicht vermischen kann. Die vier Hauptformen von liebevollen Beziehungen verkörpern die Liebe zwischen Diener und Herr, die Liebe zwischen Freunden, die elterliche Liebe und die geschlechtliche Liebe.

 

Die Ekstasen der Gottesliebe

 

Die distanzierteste Beziehung ist die zwischen Diener und Herr. Im Idealfall liebt der Meister seinen Schützling und der Diener oder Schüler verehrt und liebt seinen Meister oder Herrn, aber es herrscht großer Respekt und große Distanz. Andere Beziehungsformen wie die der Freundschaft oder der geschlechtlichen Liebe sind ganz anders. Sie sind wesentlich intensiver und näher, sie finden auf gleicher Augenhöhe statt und beinhalten mehr gegenseitiges Vertrauen, mehr Nähe und Intimität – alles Dinge, die die Seele sucht. Eine Beziehung zu einem Freund ist vertraulicher und liebevoller als die Beziehung zu einem Herrn oder einem Diener. Man vertraut seinem Freund mehr als seinem Diener und lässt ihn auch mehr an seinem eigenen Leben teilhaben. Die Beziehung zwischen Mutter bzw. Vater und Kind ist wiederum näher und stärker als die Beziehung zu einem Freund. Im Zweifelsfall würde ich eher meinem Kind die Treue halten als einem Freund. Und die höchste Form der Beziehung, in der alle Ebenen geöffnet sind und vollständige Intimität stattfinden kann, ist die geschlechtliche Beziehung. Mit meiner Partnerin bzw. meinem Partner teile ich ein Maß an Intimität, das ich noch nicht einmal mit meinem Kind oder meinen Eltern teile. Deshalb heißt es schon in der Bibel, dass der Mann seine Familie verlässt und »seinem Weibe anhanget«.

 

Wissen entsteht aus Liebe und nicht aus Denken.

 

Beziehungen zu Gott
Alle diese Formen der Liebe und der Beziehungen können von der menschlichen Seele auch mit Gott praktiziert werden. Die übliche Form der Beziehung zu Gott ist eine Beziehung von Diener zu Herr. Diese ist durch Ehrfurcht und Respekt geprägt. Gott wird als der Herr adressiert. Man erwartet Schutz und Errettung aus dem Leiden. Es ist eine Form von Liebe, in der Dienst und Hingabe wesentlich sind, aber sie ist hierarchisch und dadurch distanziert. Aber auch Gott möchte diese vertraulicheren Beziehungen der Freundschaft, der Elternschaft und der Liebschaft mit uns haben. Es gibt in der indischen Spiritualität der Veden spirituelle Praktiken, die diese höheren Formen der Beziehung mit Gott zum Inhalt haben.

 

Liebe zu Göttin-Gott. Das höchste Ziel des Lebens

 

Göttin-Gott in der vedischen Tradition
In der vedischen Überlieferung hat Gott Freunde, Eltern und eine Geliebte. Mit diesen Bezugspersonen genießt er die höheren Stimmungen der Liebe, wie sie in intimeren Beziehungen zum Ausdruck kommen. Gott möchte zum Beispiel die Liebe einer Mutter erfahren und sein göttliches Spiel lässt ihn zu einem Kind werden. Was ist wichtiger? Mutterliebe oder Göttlichkeit? Gott selbst vergisst seine Göttlichkeit und wird zum Kind. Er verlässt sein Königreich, denn er möchte unser Freund werden, unser Kind oder unser Geliebter. Gott ist es müde, Lobpreisungen und Ehrerbietungen zu hören. Er ist es leid, über Sünden zu richten. Was ist höher? Ehrfurcht und Respekt oder intime Liebe? Er spielt mit seinen Freunden Ross und Reiter und er spielt das Pferd, auf dem seine Freunde reiten. Das ist Vertrauen und intime Verbundenheit. Das sind die ekstatischen Gefühle der Liebe. Es ist die wahre Größe Gottes, dass er diese Spiele ausführen kann. Er ist der Meister dieser Gemütsstimmungen. Darin liegen Süße, Liebe, Zuneigung und Demut. Er kann mich diese Gefühle erfahren lassen, wenn ich bereit bin, ihn zu lieben. In den Spielen Gottes ist das höchste Beispiel dieser Liebe die zwischen ihm und seiner Göttin. Seine Geliebte ist für uns Lebewesen ein Vorbild unserer Liebe zu Gott, denn ihre Liebe zu ihrem Geliebten, der zwar Gott ist, den sie aber nicht mehr als Gott erkennt, ist die intensivste und reinste Form der Liebe, die es gibt. Aber auch seine Eltern und Freunde sind, ja nach Grundstimmung des Gottgeweihten, Vorbilder und Quellen der Inspiration. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 57

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Ronald Engert TV57 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (10 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 01: Ronald Engert – Die Dialektik der Religion. Karma, Jnana und Bhakti

TV 14-15: Sacinandana Swami – Die Liebe aus der materiellen Fessel befreien.
Interview über Bhakti und Tantra

TV 16: Narayana Maharaja – Liebe zu Göttin-Gott.
Das ursprüngliche Bedürfnis der Seele

TV 23: Florian Heinzmann – Gibt es einen Gott in Indien? Monismus und Bhakti

TV 26: Bhaktisiddanta Sarasvati – Transzendentale Erotik.
Religion jenseits von Dogma und Moral

TV 30-31: Bruder Paulus – Zwiesprache mit Gott. Ein Mönch im 21. Jahrhundert

TV 32: Sadhu Maharaja – Die Kunst, ein Bettler zu sein.
Ein König entdeckt die Liebe

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut ist

TV 48: Ronald Engert – Wir sind alle ewige Personen.
Zur Existenz eines individuellen Selbst

 

Bildnachweis: © B.G. Sharma, www.mandala.org

 

 

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben
CAPTCHA

*