Die ewige Seele – Mythos oder Realität?

Die ewige Seele – Mythos oder Realität?

Gibt es eine geistige Existenz des Menschen?

Was ist die Seele des Menschen?

Grundsätzlich ist der Begriff der Seele im deutschen Sprachraum nicht eindeutig umrissen. Es gibt verschiedene Aspekte des menschlichen Wesens, die wir teils als Seele, teils als Geist bezeichnen. Konkret wird der Begriff meistens mit einer oder beiden der folgenden Vorstellungen in Verbindung gebracht:

1. Die Seele als Psyche:
In dieser Betrachtung stellt die Seele die Summe der belebenden, empfindenden und gedanklichen Kräfte des Menschen dar. Die Seele wird als beweglich und bewegend verstanden, oft auch als eine subtile Substanz – daher der Begriff der Feinstofflichkeit –, welche für Wachstums-, Bewegungs-, Empfindungs- und Denkprozesse verantwortlich ist. Der Begriff »Psyche« hat seine Wurzeln im antiken Griechenland. Im Alltag sind wir zumeist mit den Erscheinungsformen der Psyche konfrontiert: Wir wachsen, wir fühlen und wir denken. Auch die Psychologie bezieht sich größtenteils auf die Psyche, wie ihr Name bereits andeutet. https://www.tattva.de/durchbruch-zum-menschsein/

2. Die Seele als Atma:
Auf diese Weise verstanden bezeichnet der Begriff »Seele« den ewigen und unveränderlichen, spirituellen Kern unserer Wesenheit. Kurz gesagt ist der Atma das, was übrig bleibt, wenn wir alles andere ausschließen: Nicht unser Körper, nicht unsere Sinne, nicht unsere Emotionen, nicht unsere Gedanken. Das was all dem zugrunde liegt. Atma ist der stille Beobachter, dem Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken bewusst werden. Deutschsprachige Übersetzungen der indischen Schriften, besonders die Vedantaphilosophie, verwenden bevorzugt diesen Seelenbegriff.Mehr über den ewig Seelenanteil und sein Verhältnis zu Gott-Göttin finden Sie im folgenden Artikel: https://www.tattva.de/wir-sind-alle-ewige-personen/

Die Seele aus philosophischer und religiöser Perspektive

In vielen Traditionen wird die Seele als dreigliedrig beschrieben. Sowohl die klassische indische Seelenlehre, als auch die judäochristliche Tradition der Kabbalah und nicht zuletzt viele maßgebliche Vertreter der griechischen Philosophie wie Platon und Aristoteles schlagen eine dreiteilige Betrachtung der Seele vor.

Die Dreiteilung der Seele zeigt sich besonders einleuchtend an der Allegorie der vier Reiche, namentlich das Reich der Minerale, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen:

Das Reich der Minerale steht symbolisch für den unbelebten Körper, also für Kategorien wie Masse, Volumen, Gewicht, Form, Farbe usw. Diese Parameter treffen sowohl für Steine als auch für einen Leichnam zu. Der physische Körper heißt im Sanskrit Sthula Sharira.

Das Reich der Pflanzen symbolisiert nun den vegetativen Seelenteil. Im Sanskrit heißt dieser Linga Sharira. Moderne westliche Esoteriker sprechen zumeist von Äther- oder Energiekörper. Seine häufig unbewusst ablaufenden Funktionen sind z.B. Wachstum, Zellbildung, Bildung von organischem Material, Stoffwechsel, Wundheilung, Fortpflanzung usw.  Auch die modernen Naturwissenschaften haben mittlerweile vielfach anerkannt, dass sich all diese Prozesse nicht auf rein physikalische Gesetzmäßigkeiten reduzieren lassen. Das Wunder des organischen Lebens, der Glanz des Lebendigen, der uns aus jeder Blüte entgegen scheint und duftet, nimmt hier seinen Anfang. https://www.tattva.de/lebendiges-wahrnehmung-und-wissenschaft/

Wisse, das was den gesamten Körper durchdringt, ist unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Seele zu zerstören.

Der zweite Seelenteil wird repräsentiert durch das Reich der Tiere. Die sinnliche Wahrnehmung und daraus resultierende Begierden und Abneigungen, die freie Bewegung der Glieder und die Fortbewegung. Unsere Emotionen und Instinkte sind in diesem Teil der Seele verwurzelt. Die Inder nennen ihn Kama Rupa, im Westen heißt er zumeist Astralkörper.

Zuletzt repräsentiert die Seele das Reich der Menschen selbst, den im Sanskrit sogenannten Manas, welcher in der deutschsprachigen Literatur oft Mentalkörper genannt wird. Manas (mit der Wortwurzel MNS) ist mit dem lateinischen »mens, mentis« und darüber mit dem Wort »mental« verwandt, sogar mit dem Wort »Mensch« selbst. Manas ist somit verantwortlich für die mentalen Prozesse, die den Menschen aus der Anschauung heraus vom Tier unterscheiden: Selbstbewusstsein, Symbolgebrauch, innere Reflektion, Verbalsprache, Rationalität, abstraktes und logisches Denken usw.

Je ein Teil unserer Seele und auch unseres Körpers haben auf diese Weise ihr Analogon im ewigen Buche der Natur.

Ein spiritueller Weg ist eine nie endende Reise der Seele in die tieferen Ebenen des Seins. Spirituelle Kraftorte, wie in Indien, können unser spirituelles Wachstum unterstützen.

Peter Sloterdijk: »Die Trennung der Seele vom Körper« (Vortrag 2016)

Die Seele in der Bhagavad-gita

In der Bhagavad-gita, der wichtigsten spirituellen Schrift des alten Indiens, werden die drei feinstofflichen Elemente manas, buddhi und ahankara von der Seele, atma, unterschieden. Manas wird dort als der Geist beschrieben, buddhi ist die höhere Intelligenz und ahankara ist das falsche Ego, das sich als Besitzender und Handelnder fehlidentifiziert. Diese feinstofflichen Elemente sind zwar nicht physisch, gehören aber dennoch zur materiellen Ebene. Sie sind zwar feinstofflich, aber eben doch stofflich. Die Seele wird von materiellen Ursachen nicht beeinflusst. Sie ist unzerstörbar und ewig:

  • Wisse, das was den gesamten Körper durchdringt, ist unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Seele zu zerstören.
    (Bhagavad-gita, 2.17)
  • Für die Seele gibt es weder Geburt noch Tod. Auch hört sie, da sie einmal war, niemals auf zu sein. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend, unsterblich und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper erschlagen wird.
    (Bhagavad-gita, 2.20)
  • »Der Gott, glaube ich«, fuhr Sokrates fort, »und die Idee des Lebens selbst und was es sonst noch Unsterbliches gibt: dass diese nie zugrunde gehen, darüber sind sich wohl alle einig. … Wenn aber das Unsterbliche zugleich unzerstörbar ist, so muss doch die Seele, wenn sie unsterblich ist, auch unvergänglich sein.«
    (Platon, Phaidon 106b-e)

Die Seele in der Bhagavad-gita

Die Seele aus naturwissenschaftlicher Sicht

Die Naturwissenschaft hat sich seit der Aufklärung nicht mit der Seele auseinandergesetzt. Geistige Phänomene galten hier als spekulativ und unwissenschaftlich. Nur das materiell Messbare wurde anerkannt. In weiten Teilen der Naturwissenschaft herrscht immer noch dieses Paradigma vor. Jedoch leben wir in einer Zeit des Umbruchs, in dem diese Weltbild in Frage gestellt wird. Immer mehr Naturwissenschaftler machen sich auf den Weg auch geistige Phänomene zu erkunden. https://www.tattva.de/morphogenetisches-feld-seele-und-atmosphaere/

Ein Vorreiter ist in diesem Gebiet der englische Biologe Rupert Sheldrake, bekannt geworden durch seine Theorie der Morphogenetischen Felder. Kann die Seele als Feld beschrieben werden?

Insbesondere zeigen uns auch die neuesten Erkenntnisse der Quantenphysik, dass Materie nur einen geringen Anteil unserer gesamten Existenz ausmachen. Man spricht von 0,0000000001 bis 5 Prozent.

Siehe hierzu auch unsere Schwerpunktausgabe Tattva Viveka Nr. 70: »Gibt es Materie? Geist – Information – Quantenphysik.

Die Seele aus naturwissenschaftlicher Sicht

Auch und gerade bei der Frage nach der Reinkarnation gilt es zwischen den verschiedenen Seelenbegriffen und -teilen zu unterscheiden. Vieles ist bereits darüber geschrieben und gesagt worden und es bleibt wohl zuletzt für jeden einzelnen Menschen eine empirische Frage. Eine traditionelle esoterische Auffassung hierzu sei dennoch stark vereinfacht beschrieben:

Der Ätherkörper vergeht gemeinsam mit dem physischen Leib. Die zwei letzteren Seelenteile, Astral- und Mentalkörper führen anschließend ein Weiterleben in der Astralebene, welche im Sanskrit kama loka heißt und der Welt der Träume ähnelt. Das Karma wird hierbei verarbeitet. Anschließend stirbt der Astralkörper den zweiten Tod und ein Teil des Mentalkörpers zieht in deva loka, den Sitz der Götter, ein, wo er sich von seiner Inkarnation erholen kann und die Ursachen für die kommende Inkarnation gesetzt werden.

Der Atma ist bei alldem immer dabei, als ewiger, unveränderlicher Beobachter, unser innerstes Selbst.

Spirituelle Weisheitslehren überliefern, dass unsere Seelen sich bewusst entschieden haben, in diesen Körper und dieses Leben einzutauchen. Diese Entscheidung mag viele Gründe gehabt haben, doch diese wurden von dem Wunsch nach Wachstum und Reifung getragen, und dies bei jedem Einzelnen von uns. Zudem begehen wir hier auf der Erde Handlungen, die karmische Konsequenzen mit sich ziehen und die von uns wieder bereinigt werden müssen.

Auch unser Ahnenfeld, das Leben und Erlebnisse unserer Vorfahren, prägt den Erfahrungsschatz unserer Seele, und weist der inkarnierten Seele auf ungelöste karmische Handlungen hin https://www.tattva.de/ahnengeister-oder-ahnenmuster/. Doch nicht nur in unseren vergangenen Inkarnationen begingen wir Handlungen, die Folgen nach sich zogen. Auch im Hier und Jetzt kann dies passieren. Das Leben selbst ist unser höchster Lehrer.

Seele und Reinkarnation

Spiritualität und Wissenschaft

Spiritualität und Wissenschaft stellten über Jahrtausende eine unüberbrückbare Kluft dar. Heute öffnen sich immer mehr Menschen beiden Erkenntniswegen: Spiritualität ist im klassischen Sinne ein Herzensweg (Bhakti-Yoga), Wissenschaft ein Denkweg (Jnana-Yoga).

Es gilt nun diese Entweder-Oder-Logik aufzulösen und eine integrierte geistig-emotionale Ebene zu erreichen. Wie schon Aristoteles wusste, war die Ausbildung von Herz und Geist gleichermaßen notwendig. Heute scheinen sich diese einst konträr erscheinenden Wegen anzunähern und eine höhere Ebene der Integration zu erreichen.

Eine postmaterialistische Wissenschaft ist der Ansatz die unterschiedlichen Ebenen menschlichen und seelischen Daseins zu integrieren und weder materielle noch spirituelle Phänomene abzuwerten. Es braucht dazu eine Geistesschau, die spirituelle Phänomene mit wissenschaftlicher Redlichkeit untersucht.

Autoren: Sebastian Seeber, Alice Deubzer, Gabriele Sigg

Bildnachweis: © pixabay.com, foter.com

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