Die soziale Konstruktion des »Sektenproblems«

Die soziale Konstruktion des »Sektenproblems«

Über die Widersprüchlichkeit der »Sektendebatte«

Autor: Dr. Peter Schulte
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 54

 

 

Neues macht Angst. Dieser Sachverhalt mag vermutlich auch bei dem Thema »Sekten« stimmen. Der Autor beschreibt den gesellschaftlichen Prozess, wie eine neureligiöse Bewegung als »Sekte« diffamiert wird. Sogenannte Experten, der laizistische Staat, die Großkirchen und die Medien, inszenieren bewusst oder unbewusst ein Schauspiel der besonderen Art. Dabei wird gekonnt mit den Emotionen und Ängsten der Menschen gespielt und auf sachliche und differenzierte Analyse verzichtet. Schulte war 12 Jahre lang Sektenbeauftragter in Österreich.

Bevor ich anfing, diesen Artikel zu schreiben, habe ich lange überlegt, wie ich eine sinnvolle Einleitung zu dem Thema finden kann, denn ich wollte etwas Authentisches und menschlich Nachvollziehbares produzieren, nicht einfach nur einen Fachbeitrag zum Thema »Sekten«. Aus meiner Sicht birgt jeder Mensch den Wunsch nach mehr Selbsterkenntnis und dem Erkennen seines psychologischen »Ichs« in sich. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? sind uns bekannte Grundfragen und um Antworten zu finden, suchen wir die Auseinandersetzung mit Systemen, von denen wir glauben, dass sie uns vielleicht ein Stück weiterhelfen: Wissenschaft, Philosophie, Religion, Literatur, Therapien unterschiedlichster Art etc.

Anfang der 1980er Jahre besuchte ich das Festival der Jugend in Dortmund. Auf dieser Veranstaltung spielte eine holländische Band mit den Namen »Bots«, die ihre neue Schallplatte »Aufstehn« vorstellte. Ihre Musik war eine Mischung aus Rock- und Folkelementen und sie sangen sozialkritische Lieder in deutscher Sprache. Diese Band existiert heute noch, wenngleich sie auch nicht mehr an die damaligen Erfolge anknüpfen kann. Den Anfang des Liedes »Aufstehn« habe ich bis heute nicht vergessen und er geht so:

 

Alle, die nicht gerne Instantbrühe trinken, sollen aufstehn
Alle, die nicht schon im Hirn nach Deospray stinken, sollen aufstehn
Alle die noch wissen was Liebe ist
Und alle die noch wissen was Hass ist
Und was wir werden sollen, nicht das ist was wir wollen, sollen aufstehn

 

Sie fragen sich jetzt vielleicht, was diese Liedzeilen mit dem Thema »Sekten« zu tun hat und wieso ich sie in diesem Kontext anführe. Ich glaube, dass es bei der »Sektendiskussion« und auch in unserem persönlichen Leben immer um die Frage nach dem richtigen und sinnerfüllten Leben geht. Manchmal suchen wir gesellschaftliche Gegenentwürfe, die, obwohl sie uns richtig und plausibel erscheinen, von einer Mehrheit moralisch nicht akzeptiert werden, aus welchen Gründen auch immer. »Und was wir werden sollen, nicht das ist was wir wollen«, genau um das ging es mir damals, jemand singt etwas, was ich tief im Innern fühlte, aber mit einfachen Worten nicht zu beschreiben vermochte. Ähnlich verhält es sich auch mit religiösen Schriften, die uns bisher unbekannt waren und dessen Inhalt uns fasziniert und anzieht.


Ich war 12 Jahre lang eine Art Sektenbeauftragter im Dienst der Tiroler Landesregierung. Meine zentrale Aufgabe war es, Information und Beratung zu religiösen und weltanschaulichen Fragen für die Tiroler Bevölkerung anzubieten. Ich leitete eine Beratungsstelle in der Innsbrucker Innenstadt, die als niederschwellige Einrichtung kostenlos von allen Menschen in Anspruch genommen werden konnte. Als Berater mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund konnte ich so beobachten, wie der Begriff »Sekte« kommuniziert wird und mit welchen moralischen Begriffen er besetzt ist. Zugleich erhielt ich durch die persönlichen Gespräche einen tiefen Einblick in die Komplexität der Materie. Meine Begegnungen mit Anhängern von Neuen Religiösen Bewegungen erscheinen mir aus heutiger Sicht mehr als wertvoll, weil ich mir so ein eigenes Bild von ihnen machen konnte. Eine These von mir sei hier voran gestellt: Ich glaube, dass insbesondere die Großkirchen und ihre »Sektenaufklärer« häufig dazu neigen, systeminterne Konflikte den »Sekten« anzuhängen, um letztendlich von ihren eigenen Schwierigkeiten abzulenken. Sie werfen »Sekten« vor, unbarmherzig und mit aller Härte gegen Aussteiger und Kritikern aus ihren eigenen Reihen vorgehen, übersehen dabei aber gerne, dass dies Verhaltensweisen sind, die sie selber zur Gänze aufweisen.

 

Der öffentliche Diskurs über »Sekten« ist in erster Linie ein moralischer Diskurs, der nicht den Intellekt sondern das Gefühl der Menschen ansprechen soll.

 

Was mir in meiner Arbeit am meisten auffiel, das war ein ungeschriebenes Gesetz in der Beraterszene, nämlich ein Verhalten an den Tag zu legen, welches signalisiert, »Sekten« sind böse und müssen bekämpft werden. Ich habe noch nie einen Sektenberater erlebt, der sich einmal positiv oder nur neutral gegenüber einer Neuen Religiösen Bewegung geäußert hat. Kritische Geister mit Sachverstand sind in diesem Kontext einfach nicht gern gesehen. Das alles hat natürlich nur einen Zweck, nämlich das Bild von der bösen und destruktiven »Sekte« immer wieder neu zu generieren und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung zu legitimieren. So wie die Erde früher einmal eine Scheibe war, so sind »Sekten« heute eben böse. Anders darf es einfach nicht sein und jeder, der das anders sieht und auch noch öffentlich äußert, der ist entweder selbst ein Sektierer oder nicht ganz bei Verstand, oder beides.

Ursprung des Begriffe »Sekte«

Versuchen wir den Ursprung des Sektenbegriffs zu verorten, dann landen wir meist bei Paulus. In der Apostelgeschichte 24 (1-8) lesen wir von den »Unruhestifter bei alles Juden« und »Rädelsführer der Nazaräersekte«. »Sekte« galt als Abspaltung von einer Mutterreligion bzw. deren Anhänger wurden diesem Paradigma zugeordnet und mit negativen Attributen versehen. Das gleiche galt auch für Martin Luther, der die gängige Praxis des Ablasshandels der katholischen Kirche auf das Schärfste kritisierte. Im Mittelalter finden wir die unterschiedlichsten christlichen Bewegungen, die sich aus dem Kirchenvolk heraus entwickelten und massive Kritik an der Allianz von Klerus und Staat übten. Sie verwiesen auf die Praxis der Urkirche, denn dort lagen ihre Wurzeln und ihre Werte: zu leben wie die Apostel, in der Welt zu predigen und den Menschen ein gutes Vorbild zu sein, die Verwerfung von Fegefeuer, Ablasshandel, Todesstrafe und Krieg, Ablehnung von Heiligen- und Reliquienverehrung etc. Die eigentliche »Sektenbildung« war letztendlich durch die amtierende Amtskirche selbst bedingt, sie gab ihren Abweichlern einen Namen und stellte sich somit als einzig wahre Kirche mit dem einzig wahren Glauben dar. Die Folgen sind bekannt: Die Bildung des Ketzerrechts, alle Opposition wurde in die »Sekte« gedrängt, das Laienchristentum auf das Schärfste durch Kleidung, Kultsprache und Lebenshaltung abgegrenzt, die Theologie setzte sich technisch-scholastisch aller populären Literatur entgegen und das Recht wurde eine hoch gelehrte Sache der Juristen.

Erst in den 1970er Jahren tauchten sie wieder auf, die sogenannten Sekten, diesmal aber nicht als Abspaltung von der katholischen oder evangelischen Kirche, sondern als exotische und fremdartige Erscheinung in den Fußgängerzonen deutscher Großstädte. Ihr religiös-weltanschauliches Selbstbewusstsein wie auch ihre befremdlichen, gleichzeitig aber auch anziehenden Formen ritueller Praxis verunsicherten die Gesellschaft. Wer auf der Suche nach sich selbst war und seinen inneren Frieden nicht mehr in den Gotteshäusern fand, der schloss sich hinduistischen Meditationsgruppen an oder suchte Erleuchtung in buddhistischen Zirkeln. Die persönliche Sinnfindung fand in aktionsanalytischen Kommunen und Bewegungen statt, welche versuchten, eine neue humanistische Ordnung zu etablieren. Und diejenigen, die sich nicht mit Hermann Hesses »Siddharta« begnügten, begaben sich auf Reisen zu Bhagwan nach Poona, trafen sich in Runden der Transzendentalen Meditation oder fanden Antworten auf zentrale Lebensfragen bei Sahaja Yoga.

Auch im diesem Fall waren es die Amtskirchen, die sich in ihrem religiösem Bewusstsein provoziert fühlten und Maßnahmen zur »Gefahrenabwehr« ergriffen. Da Neue Religiöse Bewegungen damals viele junge Leute ansprachen, verwendeten die Kirchen den Begriff »Jugendreligion« oder »Jugendsekte«, obwohl die damaligen Angebote nicht nur für Jugendliche gedacht waren. Wie dem auch sei, die Sektenreferate der Amtskirchen entdeckten ein neues Betätigungsfeld, welches sich überwiegend dem Treiben und Machenschaften dieser neuen Gruppierungen widmete. Einer Auseinandersetzung mit Anhängern von Neuen Religiösen Bewegungen begegneten sie mit Polemik und omnipotenten Allmachtsphantasien, denn es durfte nur eine Kirche und eine Wahrheit geben, nämlich ihre eigene. Als erste Erkenntnis verkündeten sie gemeinsam im Chor, dass es sich bei besagten Neuen Religiösen Bewegungen um gefährliche »Sekten« handle, die ihre Mitglieder sowohl psychisch als auch materiell ausbeuten und von ihnen absoluten Gehorsam erwarten. Das bisherige Leben der Anhängerinnen und Anhänger werde zugunsten der Ziele der »Sekte« aufgegeben. Völlig willenlos würden sie sich dem Diktat des Gurus oder spirituellen Meisters unterwerfen bis hin zur völligen Selbstaufgabe. Als Beweis für ihre Behauptungen führten die Sektenbeauftragten Aussagen ehemaliger Mitglieder an, die zu ihnen in die Beratung kamen. Wie viele es tatsächlich waren und mit welchen Fragen sie zu ihnen kamen, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

[…]

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 54

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 02: Marcus Schmieke – Sanftmut. Spirituelle Wege zur Gewaltlosigkeit

TV 10: Berthold Röth/ Volkert Volkmann – Heiden gegen Faschismus

TV 19: Eire Rautenberg – Wer Schmetterlinge lachen hört.
Heilige Narren in den Weltkulturen

TV 43: Frank Busch – Was ist Scientology? Die spirituellen Inhalte

TV 45: Maria Francesca Wegener – Der heilige Narr.
Religion ohne Regeln

TV 53: Prof. Dr. Dr. Robert Hettlage – Die Soziologie in der »Wissensgesellschaft«.
Zur Unterscheidung von Wissensformen als Voraussetzung wissenschaftlicher Erkenntnis

 

Bildnachweis: © dreamstime, Paul Boegle, LL „Religions“, Beate Dalbec

 

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