Die Verwirrung der Gefühle

Die Verwirrung der Gefühle

Wie wir über unsere Gefühle sprechen und dabei Denken und Fühlen vermischen

Autor: Anouk Claes
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 58

 

Der Umgang der Menschen mit ihren Gefühlen ist durch viele Missverständnisse und Irrtümer überschattet. Nicht nur werden Gedanken gerne mit Gefühlen verwechselt, die Worte, mit denen wir unser Befinden ausdrücken, verwirren oft mehr, als dass sie klären. Da Gefühle nicht verschwinden können, drücken sie sich entstellt in Form von Erschöpfung, Schmerz oder innerer Leere aus. Wie man sinnvoll mit den Gefühlen umgeht und zu einer starken, gesunden Persönlichkeit wird, zeigen die überraschenden Einsichten der Seherin und Heilerin Anouk.

 

Man hört im Alltag oft Aussagen wie : »Ich bin gestresst«, »ich fühle mich blockiert«, »ich stehe unter Druck«, »ich fühle mich leer«. Was steckt eigentlich hinter diesen Aussagen? Dahinter verbergen sich innere Gefühlszustände, von denen man aber in dem Moment, wo man sie ausspricht oder beschreibt, nicht viel bemerkt. Nehmen wir die Aussage: »Ich bin gestresst«. Wenn man das sagt, wird man sofort verstanden, aber was drückt man hiermit aus? Ich vergleiche diese Aussage oft mit diesen Satz: »Ich habe heute ein Tier gesehen«. Man versteht mich, aber die nächste Frage wäre gleich: Was für ein Tier? Genauso sollte man sich fragen: Was fühle ich, wenn ich mich gestresst fühle? Stress ist nämlich keine richtige Gefühlsbezeichnung. Stress kann bedeuten, dass man traurig ist oder Angst hat oder etwas anderes. Stress ist oft sehr anstrengend, weil man eigentlich dabei ist, im Inneren etwas zu bekämpfen. Es können Gedanken sein, aber meistens sind es Gefühle, die man bekämpft oder anders gesagt verdrängt. Manchmal gelingt einem die komplette Verdrängung, dann ist eine innere »Leere« da. Öfters gelingt einem die Verdrängung nur mäßig. Dabei empfindet man dann einen bisschen von beidem, nämlich das Gefühl und die Verdrängung gleichzeitig. Das Gefühl wird verzerrt wahrgenommen, indem man keine Angst, sondern »Stress« spürt. Man spürt keine Wut oder Aggression, sondern »Stress«. Man spürt auch, dass dieser »Stress« anstrengend ist, was der Aspekt der Verdrängung ist. Vom Gefühl spürt man statt Wut vielleicht eine Gereiztheit. Man hat unter Stress oft Mühe sich zu konzentrieren, weil ein großer Teil der mentalen Kraft in die Verdrängung hineingeht. Statt Angst spürt man Unsicherheit oder Verwirrung.

 

Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Gefühl, das sich schlecht anfühlt, auch schlecht ist.

 

Wie geschieht Verdrängung?

In meiner praktischen Arbeit mit Menschen vergleiche ich Gefühle mit »Flüssigkeiten«, die sich im Körper bewegen. Jedes Gefühl hat seinen »festen Sitz« im Körper, wo dann auch diese entsprechende »Flüssigkeit« ihren Platz hat, und wenn man sich ein Gefühl erlaubt, fühlt es sich oft angenehm warm an.

Trauer zum Beispiel befindet sich im oberen Brustbereich und kann sich dort als ein angenehmes warmes Gefühl verbreiten. Wenn man sie aber verdrängt, kann sich das wie ein innerer Druck anfühlen oder wie ein »Ziehen« oder eine Form von Spannung an dieser Stelle. Man kann auch eine Art Schwere auf oder in der Brust empfinden. Das sind nur einige Beispiele über das Empfinden von Gefühlen, ob verdrängt oder zugelassen. Das Empfinden ist individuell unterschiedlich.

 

 

Wenn man in einer bestimmten Situation Trauer empfindet und von den Gedanken her meint, dass man nicht traurig sein sollte – aus welchen Gründen auch immer –, fängt man an die Trauer zu verdrängen und »Tropfen« Trauerflüssigkeit bewegen sich weg von dieser einen Stelle in der Brust und bleiben an einer anderen Stelle im Körper »sitzen«. Dies nenne ich »Trauer verschieben«, und dieses Verschieben ist eine von mehreren möglichen Verdrängungsvariationen. Diese Trauer-»Tropfen« landen dann zum Beispiel im Arm, in den Händen oder im Rücken. Man kann diese nämlich überallhin verschieben, und oft wird dann nach einer gewissen Zeit an diesen Stellen ein körperlicher Schmerz empfunden. In den Händen kann ich nämlich keine »Trauer« empfinden, sondern dieses Gefühl zeigt sich mir dort in Form von Schmerzen oder Spannungsempfinden, wenn es stark aktiv ist. Dieses geschieht nicht nur bei Trauer so, sondern kann bei allen Gefühlen stattfinden.

Wie kommt es zu so einer Verschiebung? Diese Verschiebung passiert, wenn ich in meinem Geist eine Glaubensstruktur habe, die besagt, dass dieses Gefühl in dem Moment, wo ich es empfinde, oder allgemein nicht sein darf. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Gefühl, das sich schlecht anfühlt, auch schlecht ist. Man merkt gar nicht, dass es sich deshalb schlecht anfühlt, weil man es verdrängt. So entsteht die Überzeugung oder Glaubensstruktur, dass es gute und schlechte Gefühle gibt, und man fängt an, die Gefühle mit Gedanken zu bekämpfen.

Bei jedem Einzelnen ist es sehr unterschiedlich, wann ein Gefühl erlaubt wird und wann nicht. Gefühle, die man in der einen Situation als »negativ« bezeichnet, gelten in einer anderen nicht als »negativ«. Ebenso bewertet man die positiven Gefühle nicht immer als positiv. Wut zum Beispiel erlaubt man sich oft im Straßenverkehr, aber nicht wenn jemand krank ist. Wut wird auch oft verdrängt unter dem Motto: »Es macht sowieso keinen Sinn.« Glück gilt als positiv, aber Schadenfreude als negativ, obwohl es auch eine Form von Glück ist. Wenn man aber beim Vergleich mit der Flüssigkeit bleibt, wird immer die ganze Flüssigkeit verdrängt. Wenn man Schadenfreude verdrängt, wird das ganze Glücksgefühl verdrängt und man spürt es weniger oder es kann Schmerzen verursachen. Auch Trauer erlaubt man es sich nur unter gewissen Bedingungen und für einen bestimmten Zeitraum. Für Erwachsene gelten andere »Regeln«, worüber man traurig sein darf, als für ein Kind.

 

 

Verdrängung genauer angeschaut

Verdrängung ist selten vollständig, aber wenn es so ist, weiß man das, weil man eine innere Leere spürt. Wenn man zum Beispiel Wut verdrängt, spürt man keine Aggression oder Wut im eigentlichen Sinne, sondern oft nur noch Stress. Stress ist die Empfindung, die übrigbleibt, und oft wird dann noch zusätzlich der Stress bekämpft, indem man möglichst nichts dergleichen empfindet. Oft ist dies nochmals eine zusätzliche Anstrengung, die man auf längere Zeit nicht aushält, und man erschöpft sich in diesem inneren Kampf ohne es zu bemerken. Die Menschen sagen: »Ich bin an einer Grenze angekommen.« Ja, man hat eine innere Grenze erreicht. Die Kraft des Geistes reicht nicht mehr aus, um ein bestimmtes Gefühl zu verdrängen, und man spürt es in dem Moment, wo man merkt, dass man eine Grenze erreicht hat.
Oder sie sagen: »Ich halte den inneren Druck nicht mehr aus.« Dieser Druck, den man oft im Inneren spürt, ist genau die Art und Weise, wie die Kraft des Geistes gegen die Kraft der Gefühle wirkt. Im Inneren entsteht ein Druck. Das bedeutet, dass man richtig spürt, aber oft sucht man die Ursache in der Außenwelt. Man versucht eine äußere Situation zu ändern, um diesen Druck zu erleichtern, statt bei sich im Inneren zu schauen.

 

Gedanken kann man ein wenig steuern, aber Gefühle nicht.

 

Dieser Weg der Gefühle ist kein leichter Weg, weil man zuerst erkennen muss, was los ist, indem man die eigene Gefühlssprache genau anhört und dann den Blick nach innen richtet statt nach außen. Wenn man also denkt: »Ich fühle mich gestresst«, sollte man sich selbst nochmals genau dazu befragen, indem man in sich hineinspürt und sich fragt, was spüre ich wirklich? […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 58

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Anouk Claes TV58 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (7 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 43: Prof. Dr. Johannes Heinrichs – Der Geist als Widersacher der Seele?
Das Verhältnis von »Denken« und »Fühlen«

TV 45: Ronald Engert – Live Stream.
Zur Eigenbewegung des Lebens und der Priorität der Gefühle

TV 45: Dr. Thomas Wachter – Die Heilung des Ego.
Die Bedeutung der Emotionen für unser authentisches Selbst

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut ist

TV 50: Sabine Wandjo – Ich fühle mich, also bin ich.
Beziehung, die Grundhaltung des Lebens

TV 56: Dr. Martin Spiegel – Der Weg der Gefühle.
Aus dem Kopf, aus dem Herzen oder aus dem Bauch

TV 56: Ph.D Rollin McCraty – Das HerzGehirn.
Das neu entdeckte Gehirn des Menschen

TV 56: Gabriele Sigg – Die höhere Einsicht des Herzens.
Jenseits gesellschaftlicher Prägungen

 

Bildnachweis: © unbekannt, bigstockfoto, Jana Herrmann