Durchbruch zum Menschsein

Durchbruch zum Menschsein

Wie sich seelische und spirituelle Prozesse auf dem Wege zur Ganzheit ergänzen, Teil 1

Autor: Dr. Sylvester Walch
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 68

Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Einbettung in ein größeres Ganzes ist von immenser Bedeutung für den seelischen Heilungsprozess einer Person. Langsam öffnet sich auch die Psychologie für transzendente Fragen. Wichtig ist hierbei die Integration spiritueller Erfahrungen in die Therapie, aber auch der kritische wissenschaftliche Blick auf esoterische Heilslehren.

Das Thema Psychotherapie und Spiritualität hat gerade in den letzten Jahren große Beachtung gefunden, nicht zuletzt deswegen, weil bei vielen PsychotherapeutInnen selbst der Wunsch nach Sinnfindung, Tiefe und Transzendenz verstärkt auftritt. Es ist aber auch zu beobachten, dass insbesondere bei schwer traumatisierten KlientInnen die Suche nach einem inneren unbelasteten sicheren Ort durchaus in die Nähe spiritueller Erfahrungen

führt. So ist es nicht verwunderlich, dass heutzutage viele Kliniken die Psychotherapie mit meditativen Verfahren ergänzen. Auch die zunehmende Anzahl von Kongressen, empirischen Forschungsansätzen und Fortbildungsangeboten, die diesem Thema gewidmet sind, sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Darin geht es aber in erster Linie darum,

gesundheitsunterstützende Faktoren kontemplativer Übungen in Coping Strategien einzubauen. Das konzeptionelle Verständnis sowie der höhere Bezugsrahmen werden dabei meistens außer Acht gelassen.

Erstens ist das tiefere Verständnis spiritueller Praxis nur durch persönliche Erfahrung möglich.

Dabei dürften zwei Gründe eine Rolle spielen: Erstens ist das tiefere Verständnis spiritueller Praxis nur durch persönliche Erfahrung möglich. Viele scheuen dabei die Mühen, die damit verbunden sind. Zweitens gibt es unter PsychotherapeutInnen immer noch einen Widerstand gegen religiös anmutende Grundsätze, die dem ursprünglichen emanzipativen Anliegen der Psychotherapie zu widerstreben scheinen. Das ist bedauerlich, denn durch eine nur oberflächliche und pragmatisch-eklektische Verarbeitung lange entwickelter spiritueller Einsichten werden sich entscheidende Synergien dieses sinnvollen Integrationsweges nicht entfalten können. Wenn es uns gelingt, bewährte Einsichten von Weisheitsschulen mit den neueren Erkenntnissen von Psychodynamik und Bewusstseinspsychologie stringent zu verknüpfen, wird zusammenkommen, was zusammengehört.

Spiritualität in der Psychotherapie

Vor etwa dreißig Jahren hat sich ein junger Mann dazu entschlossen, sich für eine psychotherapeutische Ausbildung zu bewerben. Er musste, wie es damals üblich war, Aufnahmeinterviews absolvieren. Im Verlauf des Gesprächs kam von einem Beisitzer die Frage auf, ob er denn religiös sei: Er antwortete etwas verschämt: „Ja, ich bin in einer spirituellen Gemeinschaft und wir meditieren regelmäßig.“ Ergebnis des Aufnahmeinterviews: Angenommen mit der Auflage, vorher 50 Stunden Einzeltherapie zu machen, um die religiöse Abhängigkeit zu bearbeiten. Das Bedürfnis nach Spiritualität wurde dazumal als frühkindliche Sehnsucht nach einer heilen Welt pathologisiert und als eine Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung gewertet. Der aufgeklärte, seiner selbst

bewusste Mensch sollte autonom und unabhängig von etwas Größerem sein. Diese Einschätzung spiritueller Praxis wurde vor allem durch Sigmund Freuds (vgl. 1993) Werk »Die Zukunft einer Illusion« aus dem Jahre 1927 grundgelegt. Darin beschrieb er illusionäres Wunschdenken und kindliches Anlehnungsbedürfnis als die wesentlichen Motive religiöser Sehnsüchte.

Zwischen Ganzheitlichkeit und Totalitarismus ist nur ein sehr schmaler Grat.

Es kann natürlich nicht geleugnet werden, dass gerade eine dogmatische und zu Gehorsam verpflichtende Religiosität unverarbeiteten infantilen Schemata entgegenkommt. Ganz zu schweigen von den gerade in den letzten Jahren aufgedeckten Missbrauchsfällen im Umfeld kirchlicher Institutionen. Insbesondere Leuten aus heilenden Berufen ist es zu verdanken, dass diese Form von Gewalterfahrungen in einer breiten Öffentlichkeit detailliert diskutiert wurde. Aber nicht nur sexuelle Übergriffe, sondern auch der unreflektierte Umgang mit Sünde und Sühne hinterlassen gravierende Spuren in der Seele.

(…)

 

Lesen Sie mehr zu den Folgen dyskunktionaler Religion und zur Unterscheidung von Religion und Spiritualität im vollständigen Artikel.

Gefahren ganzheitlicher Ansätze

Die Natur des Menschen ist so komplex, dass wir mit Karl Popper (unveröff. Vortrag, 1979) sagen können: »Wir einen uns im Nichtwissen, ein wenig unterscheiden wir uns im Wissen.«

Der menschliche Geist ist so beschaffen, dass er sich selbst nur fragmentarisch erfassen kann. Seit Immanuel Kants (vgl. 1977) »Kritik der reinen Vernunft« wissen wir, dass die Bedingungen des Erkennens nie vollständig transzendiert werden können und zudem der gesellschaftlichen und kulturellen Prägung unterliegen. In jüngster Zeit ist es vor allem Marcus Gabriel (vgl. 2013), der den Versuch, die Welt gesamthaft erfassen zu wollen, zum Scheitern verurteilt sieht. In seinem Entwurf eines neuen Realismus geht er zwar davon aus, dass unser Erkennen tief in die Seinssphäre hineinreichen kann und nicht nur auf Konstruktionen beruht, aber er macht auch verständlich, dass dies trotzdem nur perspektivisch und fragmentarisch sein kann. Das größere Ganze bleibt eine Annahme, weil wir, wenn es existieren sollte, nur Teil davon sein können. Daher bleibt unser Wissen stets subjektiv, selektiv, bruchstückhaft und vorläufig. Das muss man sich immer wieder bewusst machen, um nicht der Gefahr dogmatischer Verengung zu erliegen. Erik Erikson (vgl. 1971) weist darauf hin, wenn er warnt, dass zwischen Ganzheitlichkeit und Totalitarismus nur ein sehr schmaler Grat ist. Wir haben die Sehnsucht, genau wissen zu wollen, wo es langgeht und das macht sogar große Geister anfällig für barbarische Weltanschauungen.

Spirituelle Kosmologien verleiten nicht selten dazu, die Vergänglichkeit und Verletzlichkeit unserer Existenz zu bagatellisieren.

(…) Mit Sicherheit ist es weniger schädlich, vollkommen zu sein und es nicht zu merken, als umgekehrt. Das Ego kann sich überall hineindrängen und insbesondere der spirituell Suchende ist davor am wenigsten gefeit. Der Begriff des Egos führte in der strittigen Diskussionen über den Einbezug spiritueller Aspekte in die Psychotherapie nicht selten zu Missverständnissen, weil er nur unzureichend gegenüber dem Ichbegriff der psychotherapeutischen Traditionen abgegrenzt wurde. Deshalb soll später ausführlich darauf eingegangen werden. Jetzt erscheint es aber wichtig, einen Blick in das Innerste oder die Wesensnatur des Menschen zu werfen.

(…)

Wenn im unmittelbaren Gewahrsein alles so erscheint, wie es ist, dann können die endlichen Dinge aus einer transzendenten Perspektive in ihrer Transparenz und Verbundenheit wahrgenommen werden. Rumi sagt: »Hinter den Gedanken liegt ein Feld. Möchtest Du mich dort treffen?« Er verweist auf das vom Vorstellen und Denken unberührte Sein, das sich durch Gewähren lassen entbirgt. Alles darf so sein, wie es ist und wir fühlen uns vollkommen in der Ordnung, eingebettet in das Ganze, tief verbunden mit dem Leben und der Mitwelt.

Zum Autor

Sylvester Walch

Dr. phil., geb. 1950. Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie. Ausbilder für Psychotherapie und Lehrsupervisor für Integrative Therapie, Integrative Gestalttherapie, Transpersonale Psychotherapie und Holotropes Atmen. Lehraufträge an verschiedenen Universitäten im deutschsprachigen Raum. Er leitete über viele Jahre eine stationäre psychotherapeutische Einrichtung und verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Bücher: u.a. »Dimensionen der menschlichen Seele«, »Vom Ego zum Selbst« und »Subjekt und Realität«. Sylvester Walch verfügt über eine langjährige Meditationspraxis und entwickelte einen kulturübergreifenden spirituellen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis verbunden werden. Er ist Gesamtleiter des Weiterbildungscurriculums »Transpersonale Psychotherapie und Holotropes Atmen« und Ehrenvorsitzender des ÖATP.

Einen weiteren Beitrag von Sylvester Walch finden Sie hier: http://www.tattva.de/holotropes-atmen/

Dr. Sylvester Walch

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie im Gesamtartikel noch viel mehr über den Stellenwert von Spiritualität in der Psychotherapie, Gefahren ganzheitlicher Ansätze, das Selbst als Wesenskern und Innere Weisheit und die Möglichkeiten der Meditation.

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Bildnachweis: © Bryce Bradford, h.koppdelaney

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