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28 Nov

Emotionaler therapeutischer Missbrauch

Schattenseiten therapeutischer Praxis

 

Autor: Jörg Fuhrmann
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 65

 

Emotionaler therapeutischer Missbrauch

 

Emotionaler Missbrauch in therapeutischen Beziehungen kann viele verschiedene Formen annehmen. Missbräuchliches Verhalten von Therapeuten resultiert aus den eigenen unverarbeiteten Schattenanteilen und fehlender persönlicher Integration. Die eigenen persönlichen Ängste und Befangenheiten durchzuarbeiten ist ein jahrelanger Prozess. Eine gesunde Therapie versucht nicht, den Klienten zu bevormunden, sondern vertraut auf dessen Fähigkeit zur Selbstregulation.

 

Das Einfache ist aber immer das Schwierigste. – C.G. Jung

 

Da Menschen das Recht auf eine professionelle, kompetente Arbeitsweise besitzen, die zu einer erwünschten Entwicklung beiträgt, geht es mir in diesem Artikel um Aufklärung vor allem in Bezug auf das Tabuthema »Emotionaler Missbrauch« im therapeutischen Setting, welches den Behandlungsverlauf nicht nur soweit behindern kann, dass »Heilung« erschwert wird, sondern auch insofern, als sogar weiterer Schaden verursacht werden kann. Eine meiner Klientinnen bezeichnete ihre vorherigen Erlebnisse gar als »emotionales Töten« oder »Brechen des Patienten«. Ich beziehe mich im Speziellen auf das therapeutische und psychologisch beratende Wirkfeld (v.a. auf den Bereich der freien Berater, Coaches und Therapeuten) – da ich selbst aus dem Bereich komme. Missbrauchserscheinungen dieser Form treten jedoch berufsspartenübergreifend auf und zeigen sich so z.B. auch in pädagogischen, medizinischen, pflegerischen und geistlichen Einrichtungen. Vorab dieses nicht einfachen Artikels möchte ich festhalten, dass ich grundsätzlich davon ausgehe, dass jeder Berater, Coach, Therapeut eine positive Grundhaltung bzgl. des Menschen und seiner Entwicklungsmöglichkeiten inhärent mitbringt – sprich: dass er positive Absichten hegt. Ferner ist die grundsätzliche Frage eines jeden Beratungs-/ Therapieprozesses, ob der Hilfesuchende selbst (wirklich) die Veränderung anstrebt. Somit trägt der Therapeut nicht die Verantwortung für den Transformationsprozess im Klienten selbst, wohl aber für das Setting, den Rahmen, den bewussten Umgang mit seinen eigenen Schattendynamiken und denen, die im gemeinsamen Prozess entstehen können. Die Qualifikation eines gut ausgebildeten Therapeuten ist darauf ausgerichtet, emotionalen Missbrauch zu vermeiden.

Kurzer Überblick

Emotionaler Missbrauch zeigt sich nicht im einheitlichen Gewand, wodurch er oftmals schwer zu erkennen ist. Er ist nicht einfach plötzlich da, sondern kann sich schleichend aufbauen oder intervallartig erscheinen. Anzeichen für emotionalen, therapeutischen Missbrauch können sein:

  • Therapeut überschreitet seine Kompetenzen
  • Therapeut weiß, was gut/ schlecht/ richtig für die Lebenspraxis des Klienten ist
  • Therapeut deutet/ interpretiert/ gibt Ratschläge auf festschreibende Weise
  • Schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken ohne Alternative seitens des Therapeuten
  • Therapeut ist nicht in der Lage einen Fehler einzugestehen/ zurückzunehmen
  • Therapeut erhöht sich durch die Klienten-Sehnsucht nach einer Vaterfigur selbst
  • Haltung des Klienten »Der Heiler/Guru ist alles – ich bin nichts« nicht konfrontiert
  • Top-Down-Kommunikationsstil: »Ich weiß alles – Du weißt nichts.«
  • Suggestive Angebote: »(Nur) durch meine Methode wirst Du frei/ gesund etc.!«
  • Negativ-Suggestion: »Wenn Du nicht das machst, dann wird XYZ passieren!«
  • »Labeling« des Klienten mit stigmatisierenden Zuschreibungen (auch ICD-10)
  • Ängste/ Konflikte beim Klienten werden nicht wahr/ ernst genommen
  • Aufbegehren gegen Bevormundung wird rein als Abwehr/ Widerstand gedeutet
  • Selbstaufgabe des Klienten/ Flucht ins Autoritäre (Erich Fromm)
  • Minderwertigkeitsgefühle/ Ohnmacht des Klienten verstärken sich
  • Klient befragt den Therapeuten zu allem und jedem (Vgl. Wahrsage-Hotline)
  • Doppeldeutige Angebote (auf privater/beruflicher Ebene) seitens des Therapeuten
  • Entstehung intensiver Verbindungen außerhalb der therapeutischen Arbeit
  • Bruch des therapeutischen Schweigegebotes durch den Therapeuten

 

Da die Hauptmechanismen von Opfern emotionalen Missbrauchs Verdrängung und Verleugnung sind, ist ein Selbsterkennen der Situation oft erschwert. Laut Karen Horney erkennt derjenige möglicherweise einen schamlosen Übergriff nicht einmal oder er vergisst einen einmal bewusst gemachten Missbrauch aufgrund der perfekt arbeitenden Verdrängungsmechanismen wieder. Der Missbrauchte ist nicht mehr ausreichend in der Lage, die Gegebenheiten im Außen sowie seine innere Gefühlswelt richtig wahrzunehmen, geschweige denn einzuschätzen und dieser dann selbst zu vertrauen. Emotionaler Missbrauch führt in der Regel zum Scheitern des Therapieprozesses, da er die Lebens- und Entwicklungsgrundlage des anderen schädigt und somit kein Arbeitsfundament mehr gegeben ist. Die Schädigung des Seelenlebens des Klienten kann weitreichende Züge annehmen. Die Folgen können sehr unterschiedlich ausfallen und stehen in Abhängigkeit zum psychischen Gesundheitszustand des Klienten. Bei massiven Verdrängungs- und Verleugnungsprozessen können beim Klienten schwere psychische Belastungen auftreten sowie psychosomatische Folgeerscheinungen und soziale Probleme. In den folgenden Abschnitten werde ich näher auf die Ursachen und Phänomene eingehen, welche mit dem Thema auftreten.

 

Emotionaler Missbrauch

 

Verkennung des Machtgefälles in Beratung, Coaching & Therapie

Die Übertragung kindlicher Wünsche und Gefühle vom Klienten auf den Therapeuten mit seiner geschulten Reaktion ermöglicht es dem Klienten, sich selbst zu erfahren und so an sich zu arbeiten. Dabei muss der Therapeut in der Lage sein, eine von sich selbst ausgehende Gegenübertragung zu erkennen sowie die in den eigenen Projektionen enthaltenen Schattenanteile soweit möglich wahrzunehmen und mit den darin enthaltenen Bildern, Gedanken, Emotionen und Impulsen einen professionellen Umgang zu pflegen. Folglich bedingt die dialogische Situation in der Psychotherapie (eine zumindest projektive) Ungleichheit der Rollen vom Therapeuten als vermeintlich Wissenden, Helfenden sowie Heilenden und dem Klienten, als Fragendem, Bittenden und Bedürftigen. Vor allem die lösungsorientierte Therapie sowie die klassische Hypnosetherapie und auch daraus aufbauende Konzepte, wie bspw. das NLP, haben diesem Macht-Aspekt im Beratungs- und Therapiesetting häufig nicht genügend Beachtung geschenkt. Sándor Ferenczi hat bspw. bereits 1910 darauf hingewiesen, dass Übertragung die entscheidende Gefühlsgrundlage für Suggestion und Hypnose-Induktion sei. Dabei übertrage der Klient unbewusst die in jedem Menschen vorhandene, aber durch Zensur verdrängte Neigung zu blindem Glauben und Gehorsam auf den Therapeuten.

 

Therapeutischer Missbrauch

 

Barbara Heimannsberg bemerkt jedoch hierzu, dass jede Therapieform mit suggestiven Elementen durchsetzt ist, selbst wenn sie aufdeckend orientiert ist. Auf Veränderung abzielenden Sprachhandlungen, wie bspw. in der Hypnotherapie, wollen Veränderung bewirken und müssen demzufolge natürlich Macht ausüben, so Jürgen Kriz. Besonders im Bereich des NLP ist das Machen-Wollen im Sinne einer »Optimierung« von »Zuständen« bei vielen Zeitgenossen vordergründiges »Programm«. Der Wunsch einen anderen Menschen rasch von als allzu leidvoll erlebte Erfahrungsräume wegzubringen und diese zu »normalisieren«, was immer »normal« auch sei, ist dabei durchaus nachvollziehbar, dennoch im Sinne von ganzheitlicher »Heilung« alles andere als hilfreich. Laut der Jungianerin Marie-Louise von Franz geht es im Leben überhaupt nicht darum vom Leid erlöst zu werden, sondern darum, seine eigene Seele zu finden. Wobei wiederum nicht das »Ziel« des Findens, sondern der Prozess des Weges entscheidend ist. In diesem Punkt sieht man einen wesentlichen Unterschied in der therapeutischen Grundhaltung. Daher würde man in der Psychoanalyse diese Tendenz des »Zum-vermeintlich-Positiven-verändern-Wollens« als sogenannte »positive Gegenübertragung« bezeichnen, bei welcher der Therapeut mitunter einem unbewussten Allmachtsanspruch alles heilen zu können frönt. Macht an sich lebt vom Glauben daran, andere Menschen von außen instruieren und optimieren zu können – was ja mit Hilfe von Sprache auch unzweifelhaft möglich ist (bspw. Werbung/ Massen-Bewegungen etc.). Diese – im Sinne einer ethischen Therapie – »fixe Idee« finden wir leider auch allzu häufig in der Pädagogik wieder. Natürlich ist es möglich einen anderen zu formen und zu dressieren, in der Art, wie man etwa – gemäß der eigenen Projektionen – einen Hund oder eine Ratte auf Futter abrichtet, aber dies fördert eher die Ausbildung eines »falschen Selbst«, wie Gruen es nennt, und verkörpert somit das Gegenteil von dem, was die Humanistische Psychologie als »Heilung« auffassen würde. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 65 >>

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

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Jörg Fuhrmann TV65 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (7 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 12: Berthold Röth – Fritz Perls und die Gestalttherapie. 
Darstellung der psychotherapeutischen Methode

TV 19: Dipl. Psych. Utz Schulze – Was ist Schuld?
 Überraschende Antworten eines Psychologen

TV 28: Dominik Irtenkauf – Alchemie. Ursprung der Tiefenpsychologie

TV 38: Stanislaw Grof – Außergewöhnliche Bewusstseinszustände. 
Heilung durch transpersonale Psychologie

TV 45: Dr. Thomas Wachter – Die Heilung des Ego.
Zur Bedeutung der Emotionen für unser authentisches Selbst

TV 46-47: Dr. Sylvester Walch – Holotropes Atmen. 
Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände

TV 54: Jutta Nebel – Hochsensibilität. Was ist das?


 

Bildnachweis: © pixabay.com

 

21 Kommentare
  • Stephanie Ortiz
    Stephanie Ortiz
    Veröffentlicht um 14:10h, 14 Dezember Antworten

    (Y)

  • Sonja Hajdukovic
    Sonja Hajdukovic
    Veröffentlicht um 14:14h, 14 Dezember Antworten

    =D .. im leider letzten Heft dieses Jahr. (y)

  • Kerstin Holzfuß-Bose
    Kerstin Holzfuß-Bose
    Veröffentlicht um 14:31h, 14 Dezember Antworten

    wie wahr wie wahr….vielleicht könnt ihr euch ja auch mal robert getz und seinem transformationskrams zuwenden. was da an sogenannten transformationstherapeuten auf die menschheit losgelassen wird, ist ganz schön gruselig.

  • Anatahea Ute Klein
    Anatahea Ute Klein
    Veröffentlicht um 16:32h, 14 Dezember Antworten

    es gibt so viele die sich autorisiert fühlen zu coachen, zu schulen, aus-zu-bilden …. ohne jegliche therapeutische Qualitätssicherung – Supervision ist da ein Fremdwort – eine gruselige Mischung aus spirituell-mental-emotionalem Missbrauch … anderseits sollte jeder einfach soweit in seiner Verantwortung sein – zu prüfen, auf wen er denn bereit ist sich einzulassen und ihn für das was er tut auch noch zu bezahlen …

  • Jörg Fuhrmann
    Jörg Fuhrmann
    Veröffentlicht um 16:33h, 14 Dezember Antworten

    Vielen Dank für die Feedbacks und für´s Teilen. Herzliche Grüße!

  • Sonja Hajdukovic
    Sonja Hajdukovic
    Veröffentlicht um 18:25h, 14 Dezember Antworten

    Was mir aus der Seele spricht und ich deshalb so nicht arbeiten werde ! Es auch schwer ertrage es bei anderen weiter und weiter zu entlarven ! Danke für diesen Artikel !

  • Giusepina Lombriser
    Giusepina Lombriser
    Veröffentlicht um 20:03h, 14 Dezember Antworten

    Ein super Artikel! Es ist so wichtig dass auf dieses Problem aufmerksam gemacht wird!

    • Jörg Fuhrmann
      Jörg Fuhrmann
      Veröffentlicht um 22:04h, 14 Dezember Antworten

      @Giusepina Lombriser: Danke! Zweifelsohne war es kein „emotional-einfacher“ Artikel… 😉

  • Elisabeth Thoma
    Elisabeth Thoma
    Veröffentlicht um 22:57h, 14 Dezember Antworten

    Musste genau das schon bei „Therapien“ bei einem Kind erleben. Widerlich, großer Machtmissbrauch…

  • Jana Korte
    Jana Korte
    Veröffentlicht um 10:47h, 15 Dezember Antworten

    der autor meint, die lösung bestände darin dass der therapeut alle schattenanteile integriert hat, aber ich glaube der anspruch ist zu hoch…denn solang man lebt finden sich immer noch neue und die die man schon kennt bleibe lange bestehen, denk ich. ich habe mal einen therapeuten gefragt warum die abgrenzung zum klienten so wichtig wäre. er sagte sonst könne man nicht sauber arbeiten…es käme zu verwicklungen. ich behaupte, es kommt so oder so zu verwicklungen, und die hauptenergie geht damit verloren sie zu verbergen und zu vermeiden. sie zuzulassen, würde ein gleichzeitiges wachstum mit wesentlich mehr chaos bedeuten. und das ist effektiver als jeder therapiekodex, aber auch gefährlicher. und dann könnte man als therapeut nicht 20 klienten haben. das wäre unmöglich…

    • Susanna Belloni
      Veröffentlicht um 08:54h, 05 Januar Antworten

      Ich gebe dir da völlig recht. Ich kann als Therapeut nur den Klienten verstehen, wenn ich ähnliche Erfahrungen mit ähnlichen Problemstellungen gemacht habe. Diese auf die Seite zu drängen oder sogar zu behaupten sie völlig gelöst zu haben grenzt für mich an Selbstbetrug.
      Man trifft sich ganz bewusst um miteinander Themen an zusehen und Lösungen zu finden. Der Therapeut ist einfach derjenige der Methoden kennt und den Klienten durch diese hindurch führt.
      Für mich muss der Therapeut mit dem Herzen dabei sein und sich von seiner Intuition führen lassen. Dabei ist es völlig zulässig sogar unvermeidbar, dass er seine eigenen Themen im Klienten spiegelt. Imho hat der Therapeut die Kraft und Klarheit zu bewahren zu positiven Lösungen zu finden und dem Klienten Unterstützung zu sein, kein Kritiker oder Oberlehrer. Darauf kommt es an!

  • Regina K. S. Hoyer
    Regina K. S. Hoyer
    Veröffentlicht um 12:09h, 15 Dezember Antworten

    wow, mal ganz direkte Worte!

  • Gerry Geer
    Gerry Geer
    Veröffentlicht um 17:48h, 09 Januar Antworten

    viele der Therapeuten sind ja überfordert und haben sehr schnell Probleme und wie will ein Mensch dem Anderen helfen, wenner selbst belastet ist . Es gehört grosser Abstand und gleichzeitig viel Empathie dazu , zu helfen.

  • Krischan Nahcsirk
    Krischan Nahcsirk
    Veröffentlicht um 20:27h, 09 Januar Antworten

    Schönes Thabuthema

  • Britta Götzinger
    Britta Götzinger
    Veröffentlicht um 14:58h, 10 Januar Antworten

    Klarheit und Wertschätzung anzubieten gehört auf jeden Fall in ein therapeutisches Setting.

  • Marialara Dröge
    Marialara Dröge
    Veröffentlicht um 19:00h, 10 Januar Antworten

    Ich fuerchte das es betroffenen wnig hilft. Sie brauchen menschen denen sie vertrauen koennen, und wenn das erschuettert ist ,ist derjenige doppelt gestraft. Es macht hilflos zu sehen das man sieht das diese armen menschen ,dann doch wieder allein da stehn

  • Emotionaler therapeutischer Missbrauch & Therapieschaden kann jeden treffen!
    Veröffentlicht um 01:14h, 15 Januar Antworten

    […] wie es ihm vermittelt worden ist) liegt und auf diesen Aspekt habe ich mich im Artikel zum “Emotionalen therapeutischen Missbrauch” in der 65. Tattva-Viveka-Ausgabe […]

  • Cristabella Tatiani
    Veröffentlicht um 21:00h, 08 März Antworten

    Ich denke,dass das große Problem ist, dass man gerade den emotionalen Missbrauch, der ja sehr schleichend ist, oft gar nicht bemerkt oder als solchen wahrnimmt.

    In meiner Therapie lief es schon am Anfang nach der Devise : „Zuckerbrot und Peitsche“. Ob ich das normal fand? Ja. Damals schon.

    Ich denke oft, ER hat große Probleme.

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