Auszug aus:
Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt

Ronald Engert - Gut, dass es mich gibt

Ronald Engert
Gut, dass es mich gibt
Tagebuch einer Genesung

Tattva Viveka Edition 2013,
Privatdruck, 195 S., Pb., € 19,80
ISBN 978-3-9804144-8-7

 

Auszug aus dem Buch:

Freitag, 24.4., 15:00 Uhr

Heute Morgen war ich bei der dynamischen Meditation. Diese Form der aktiven Meditation wurde von Osho entwickelt. Sie beginnt mit einer 10-minütigen Phase einer sehr aktiven, kraftvollen Atmung. Die Idee hinter der Meditation ist, dass die westlichen Menschen sehr starke emotionale Blockaden haben und sehr oft einen überstarken, neurotischen Funktionalismus an den Tag legen. Wenn man ihnen sagt, sie sollen sich zur Meditation hinsetzen, dann tun sie das und machen es perfekt, allerdings nur der äußeren Form nach. Das heißt, sie verspannen sich noch mehr und spalten sich noch mehr von ihren Gefühlen ab. Die aktive Atmung dient dazu, diese Blockaden zu lockern. Im zweiten Teil der Meditation geht es darum, alle Arten von Gefühlen auszudrücken. Dies kann durch Schreien, Hüpfen, Singen, Zittern oder Zappeln und alle möglichen spontanen Aktionen geschehen. Primäre Gefühle wie Wut, Angst, Schmerz, Trauer, Freude, Lust, Liebe gilt es hier an die Oberfläche zu bringen. In der dritten Phase, die wie die beiden vorhergehenden 10 Minuten dauert, ruft man unablässig »Ho!«, während man gleichzeitig ruckartig das Becken nach vorne stößt und die angewinkelten Arme bewegt, als ob man mit den Flügeln schlägt. Während dieser Phasen laufen verschiedene Arten von Musik. Am Ende der dritten Phase hört die Musik auf, und in dem Moment hört man schlagartig mit jeder Bewegung und jeder Stimme auf. Hier beginnt die eigentliche stille Meditation. Nach der starken Atmung, dem Ausleben der Gefühle und der energetischen Bekräftigung mittels Körper und Stimme ist der Geist nun leer genug, um in die Meditation zu gehen. Körper, Emotionen und Geist sind im Fluss gebracht und gereinigt. Nun können wir in den Zustand der Leere, des Nichtdenkens gehen. Die fünfte und letzte Phase, die wie die vierte jeweils 15 Minuten dauert, ist freies Tanzen.

An diesem Tag erlebte ich meine erste dynamische Meditation. Ich kam nur bis zur zweiten Phase. In dieser Phase kam ich so tief in meine Emotionen, dass mein erwachsenes Ich völlig verschwand. Ich kam in eine Emotion tiefer Angst und durchlebte offensichtlich eine Situation aus meiner Kindheit, in der ich bedroht und bedrängt wurde. Ich schrie und wehrte mich. Das blanke Entsetzen hatte mich gepackt, ich weinte und schlug um mich. Es war mir, als müsse ich jemanden abwehren und mich abgrenzen. Ich schrie: »Hau ab!«, immer wieder, immer wieder. Ich weinte und schrie. Die Therapeutin, Bettina, hatte mich längst bemerkt, war bei mir und führte mich durch diesen Prozess, in dem sie mich in meinen Emotionen bestärkte und anfeuerte. Gleichzeitig hielt sie mich fest in ihren Armen und sagte mir: »Ich bin bei dir, ich verlasse dich nicht. Dir kann nichts passieren.«

Das war sehr wichtig für mich. Meine Interpretation dieses Vorfalls ist, dass es sich um ein traumatisches Ereignis in meiner Kindheit handelte, in dem ich mit Gewalt konfrontiert war. Damals litt ich unter einer existenziellen Angst, die nicht verarbeitet worden war und im Unbewussten abgespeichert zu dysfunktionalen Verhaltensmustern in meiner heutigen Zeit führte. Die jetzige Erfahrung, die gesunde Egoabgrenzung nachzuholen und gleichzeitig die gefühlte Erfahrung zu machen, dass jemand bei mir ist und mich unterstützt, heilte das verletzte Urvertrauen. Dieser Prozess, der in der zweiten Phase der Meditation begonnen hatte, ging bis zur fünften Phase. Sehr sehr lange war ich in diesen aufgewühlten Emotionen von Angst und Wut, sowie aggressive Abgrenzung. Schließlich beruhigte ich mich ein wenig und es kam sehr viel Schmerz, Trauer und Tränen. Bettina umarmte mich fest und ich umarmte sie, so standen wir ganz lange und ich weinte und weinte.

Ganz wichtig war hierbei die tiefe, emotionale Erfahrung, für meine Angst und Wut nicht verlassen zu werden. In einem schwachen Moment voller Angst und Unsicherheit konnte ich die Erfahrung machen, von einem Menschen gehalten zu werden, der es gut mit mir meint. Dadurch wurde auf der tiefsten emotionalen Ebene eine neue Verbindung (Bonding) installiert, die besagt: wenn ich meine Wut oder meine Angst zeige, werde ich nicht verlassen. Mir wurde bewusst, dass ich in meinem bisherigen Leben in Beziehungen immer wieder große Angst vor Ablehnung und Verlust hatte und aus diesem Grund meine Emotionen nicht zeigte, insbesondere Emotionen der Schwäche oder der Aggression. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ich das als Kind so gelernt: wenn ich meine Angst oder Wut zeige, werde ich verlassen. Nun lernte ich auf der unbewussten, emotionalen Ebene, also nicht kongnitiv oder intellektuell, dass ich nicht verlassen werde, wenn ich meine Angst oder Wut zeige. Das bedeutet, dass ich ein neues Urvertrauen spüren lerne, dass es mir ermöglicht, mich in allen meinen Emotionen ehrlich zu zeigen. Indem ich mich ehrlich zeige, werde ich für den Gegenüber wahrnehmbar und fühlbar. In diesem gemeinsamen Fühlen entsteht Kontakt, Verbindung und Beziehung. Dies ist das Ende der Isolation und Einsamkeit. Auch hier bewahrheitet sich wieder der Satz »Wir sind so krank wie unsere Geheimnisse«, denn solange ich meine Angst oder meine Wut nicht zeige, bin ich in der Leugnung und in der Verdrängung. Ich bin gezwungen, eine strategische Maske des Selbst aufzusetzen und mein authentisches Selbst zu verleugnen. Daraus entsteht Trennung und Isolation.

Zu Beginn der fünften Phase des freien Tanzens war ich dann so weit, mich von Bettina zu lösen und alleine für mich zu stehen. Mein Ich kristallisierte sich wieder und ich wurde wieder zu einer eigenständigen Person. Ich stand noch lange still mit geschlossenen, verweinten Augen, emotional unglaublich geöffnet, fühlend, spürend. Ganz langsam begann mein Körper sich zu bewegen, wobei das Denken nichts tat. Es ging nicht mehr darum, meinen Körper zu steuern, strategische Bewegungen zu machen, die gut aussehen oder ästhetisch wirken könnten. Langsam kamen fremdartige Bewegungen meiner Hände, die jedoch sehr authentisch waren. Mein Denken und Wollen waren ausgesetzt und aus der Tiefe meines authentischen Gefühls kamen diese merkwürdigen Bewegungen. Sie taten gut, sie ließen mich Muskeln und Gelenke spüren, sie passten irgendwie zur Musik, aber irgendwie auch nicht.

 

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