Hypatia aus Alexandria

Sterbegesang auf die antike Philosophie

Sterbegesang auf die antike Philosophie

Autor: Clemens Zerling
Kategorie: Griechische und Ägyptische Antike
Ausgabe Nr.: 46

 

Die Philosophiegeschichte des Altertums liest sich teilweise wie ein Krimi. Alexandria in Ägypten war in der Antike eine blühende Metropole, in der unterschiedliche Kulturen nebeneinander existierten. Religiöse und politische Konflikte führten im Jahre 391 n. Chr. zur Zerstörung der Bibliothek von Alexandria und in der Folge zum Erliegen des philosophischen Lebens. Besonders schändlich war dabei die Ermordung der Hypatia, der größten Philosophin der griechischen Antike.

 

Alexandria zur Mitte des vierten Jahrhunderts nach Christus: Zwischen zwei- bis fünfhunderttausend Einwohner, so die Schätzungen, birgt die quirlige Handelsmetropole. Unentwegt gehen Schiffe vor Anker, die in der Hafeneinfahrt den Himmel stürmenden Leuchtturm Pharos passiert haben, eines der sieben Weltwunder der Antike. Lastenträger schleppen Waren aus der ganzen damals bekannten Welt in die gewaltigen Magazine der Kaianlagen. Auch Menschen verschiedenster Rassen und Regionen sind hier über die Jahrhunderte gestrandet. Sie verleihen der Stadt ein geradezu kosmopolitisches Gepräge. Oft haben sie fremde und mitunter illustre Kulte mitgebracht. Hier, in dem lebendigen Schmelztiegel abendländischer und morgenländischer Kulturen, arbeitet auch das zentrale geistige Laboratorium für synkretistische Ideen und Lehren. Doch alle Lebendigkeit täuscht nicht darüber hinweg, dass am Horizont tiefschwarze Wolken aufziehen.

 

Hypatia

Pythagoras im Kreis seiner Schüler
Raffael: Die (Philosophen-)Schule von Athen
Fresco 1510/11, Stanze della Segnatura, Vatikan
Der Maler stellt die Neuplatonikerin dicht in die Nähe zur Gruppe um Pythagoras.

 

Hundert Stufen führen hinauf zum prachtvollen Serapeion im Südwesten der Stadt, dem Tempelkomplex der höchsten Stadtgottheit und spirituel-len Zentrum aller Nichtchristen. Seine Architektur ist nach den Sternen Regulus im Löwen (dem griechischen Sonnengott Helios zugewiesen) und Canopus (dem ägyptischen Osiris zugehörig) ausgerichtet. Ptolemaios I. (reg. 305–283/82 v. Chr.), ein Freund Alexander des Großen und erster Diadochenkönig Ägyptens, hatte Serapis zur pantheistischen Allgottheit für Ägypter und Hellenen erhoben und ihr dieses Heiligtum erbaut. Im Serapiskult verbindet sich der oberägyptische Kult des Osiris – verknüpft mit dem Apis-Stier, dem Volks-Idol höchster Fruchtbarkeit – mit dem der Isis und dem des griechischen Dionysos. Dionysos regierte als sterbender und wiederauferstehender Gott nicht nur über die Zyklen der äußeren Natur. Zumindest in der Frühzeit hatten sich seine ekstatischen Verehrer(innen) mit ihm über Weinrausch, Halluzinogenen und symbolischem Verzehr der Gottheit im Kultmahl vereinigt, um die göttliche Gegenwart als Offenbarung tiefster Lebensgeheimnisse und antriebsvoller schöpferischer Impulse zu erfahren.

 

Alle Wissenschaft und wahre Kunst beruht letztlich auf Inspiration.

 

Ptolemaios I. war es auch, der neben dem Bau des höchsten Leuchtturmes in der Stadt die Idee einer Großen Bibliothek an seinem Hof in Alexandria umsetzte. Alles Wissen der damaligen Welt sollte fortlaufend darin gesammelt werden. Unbeschränkte Geldmittel standen dafür zur Verfügung. Auf ihrem Bestand1 gründete wiederum das Museion (= Musenheiligtum), eine Lehr- und Forschungsstätte nach dem Vorbild der von Platon gegründeten Athener Philosophenschule. Dessen Namenswidmung ehrte eine heute oft unbeachtet bleibende Erfahrung: dass nämlich alle Wissenschaft und wahre Kunst letztlich auf Inspiration beruht. Unter den ersten Ptolemäern blieb die völlige geistige Freiheit von Forschung und Lehre garantiert und unangetastet. Eine Filialbibliothek entstand im Serapeion. Alexandria stieg auf zum glanzvollen Zentrum von Wissenschaft und Kultur in der hellenistischen Welt.
Siebenhundert Jahre später ist der wissenschaftliche Zenit der ptolemäischen Universität schon überschritten. Auch das Museion als Gebäude besteht vermutlich nicht mehr. Aber der institutionelle Name wird offensichtlich weiter geführt. Unter den Säulen und in den Lesesälen des Serapeion arbeiten, debattieren und dozieren weiterhin die anerkanntesten Gelehrten der mediterranen Welt. Ihnen stehen im Tempel noch ca. 43.000 Schriftrollen zur Verfügung, darunter die spärlichen Reste der Großen Bibliothek. Doch der Brunnen altgriechischer schöpferischer Geistigkeit droht zu versiegen. Lehre und Forschung besteht fast nur in Exegese und Kommentierung vorhandener Werke. In einer Reihe bedeutender Vorgänger führt Theon (ca. 335–405) die Bibliothek des Museions, ein platonischer Philosoph, der sich darüber hinaus mit Mathematik und Astronomie befasst. Er wird auch der letzte bekannte Leiter dieser Einrichtung sein.

 

Hypatia

Szene aus dem Film Agora:
Gemäß dem SUDA hätte sie nach anderer Überlieferung
den von Liebesleidenschaft geplagten Schüler vor aller Augen
mit einer Demonstration des Unschönen und der Wertlosigkeit
des Körpers (gemäß neuplatonischer Ansicht) schockiert:
Sie händigte ihm nämlich ein mit ihrem Menstruationsblut
beflecktes Wäscheteil aus.

 

Nach der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich sind schon bald interne Auseinandersetzungen aufgeflammt. Sie bedrohen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts den ohnehin instabilen Status quo mit den Nichtchristen. Im Streit um die wahre Lehre gehen christliche Sekten mit aller Gewalt gegeneinander vor. Intoleranz grassiert. Verlierer werden zu Häretikern, die man zumeist gnadenlos verfolgt. Sieger erklären sich zu Orthodoxen. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe zwischen Anhängern des Arius und denen des Bischofs Atha-nasius schänden im Jahre 356 aufgebrachte Heiden, Juden und Arianer die Caesarische Kirche von Alexandria, das den »orthodoxen« Christen als Gotteshaus dient. Ein Jahr später tritt der vom Kaiser ernannte neue Bischof Georg von Kappadozien sein Amt an, ein Arianer. Umgehend vertreibt er mit Hilfe der römischen Garnison die Athanasier und alle Asketen (Mönche) aus der Stadt, entehrt aber zugleich die heidnischen Heiligtümer im Innenbezirk. Als Georg 358 fließen muss, hinterlässt er eine Großstadt, in der es gefährlich brodelt.
Wer aber ist nun Hypatia, die für viele den endgültigen Untergang der hellenistischen oder paganistischen (heidnischen) Kultur markiert? Warum muss diese ungewöhnliche und herausragende Frau in einem der nun folgenden Auseinandersetzungen einem ruchlosen Verbrechen zum Opfer fallen, das in seiner Grausamkeit kaum zu überbieten scheint?

 

Hypatia – Ein Leben für Philosophie und Mathematik, für Forschung und Wissenschaft

Was wir über Hypatia wissen, beruht auf spärlichen, inhaltlich unzureichenden und zum Teil auch recht widersprüchlichen antiken Quellen. Um das Jahr 355 oder um 370 n. Chr. wurde sie in Alexandria als Tochter des Theon geboren. Zusammen mit ihrem Bruder Epiphanius, der sich wie sie der Mathematik zuwenden sollte, wuchs sie vermutlich im griechischen Viertel der Stadt auf. Theon ließ Hypatia an seinem Wissen teilhaben und erzog sie im Sinne des Platonismus, unter dem hohen Ideal, nach menschlicher Vervollkommnung zu streben. Dies bedingte nach damaliger Vorstellung allerdings die Verachtung des Leibes sowie sinnlicher Neigungen und eine permanente Reinigung der Seele. Nach Angaben verschiedener Quellen blieb sie ihr Leben lang Jungfrau und führte einen tadellosen Lebenswandel. Schon mit dem Namen Hypatia (Oberste oder Höchste) muss Theon große Erwartungen auf seine Tochter projiziert haben. Sie studierte neben Mathematik auch Astronomie, Musik und Philosophie, eingeschlossen Rhetorik.

 

Hypatia - Ein Leben für Philosophie und Mathematik, für Forschung und Wissenschaft

Hypatia lehrt im Museion.
Masolino de Panicale: Die Philosophen von Alexandria (1425), Rom, St. Clemente

 

In Alexandria wetteiferten zu ihrer Zeit eine Reihe wissenschaftlicher Schulen. Unter Ammonios Sakkas († 242/43) war die neuplatonische Schule an die Öffentlichkeit getreten, anfänglich wohl in direkter räumlicher und geistiger Nähe zum Museion. Ihr bedeutendster Vertreter Plotin (ca. 205–270), ein Schüler des Amonnios Sakkas, vertrat aufgrund spiritueller Erfahrungen einen radikalen Monismus und definierte das Absolute als höchste Göttlichkeit. Vermutlich studierte Hypatia in dieser Schule. Neben einer weiteren philosophischen Einrichtung für Aristotelische Lehren und speziellen Schulen für Grammatik, Rhetorik, Mathematik und Medizin genoss nicht zuletzt die berühmte christlich philosophische Katechetenschule (um 169 gegründet) zeitweise hohes Ansehen. Ihre beiden bedeutendsten Lehrer, Clemens von Alexandrien (um 150–ca. 215) und Origenes (185–253/54), vermochten lange Zeit für eine Vereinbarkeit traditioneller griechischer Philosophie mit christlicher Theologie zu sorgen. So hatten sich auf dem Höhepunkt antiker Spiritualität in Alexandria im dritten Jahrhundert gegenseitig die christliche Logos-Philosophie, die christliche Gnosis und die neuplatonische Mystik befruchtet. Verbunden mit ägyptischen, jüdischen und orientalischen Traditionen war in dieser Zeit und in diesem Schmelztiegel dabei auch die abendländische Hermetik gezeugt und geboren worden.

 

Hypatia

Eine Frau (vermutlich Hypatia als weiblicher Genius) bringt einer Gruppe
mittelalterlicher Mönche die Elemente des Euklid nahe.
Frontispice zu Adelard de Bedas lateinischer Übersetzung
von Euklids ELEMENTE (1309-1316). Euklids Schrift gilt als
Meilenstein für die moderne Mathematik und die gesamte Naturwissenschaft.

 

Gemäß dem SUDA oder SUIDAS, einem Lexikon der byzantinischen Zeit (10. Jh.), muss Hypatia eine Bildungsreise nach Athen unternommen haben. Reichte ihr der Lehrbetrieb der Stadt schon nicht mehr aus? An der Akademie zu Athen habe die Hochbegabte der Sage nach die höchste Auszeichnung erhalten, welche die Schule vergab: den Lorbeerkranz. Als Synesios von Kyrene (ca. 370–nach 412) – ein platonischer Philosoph, Schriftsteller und Dichter, ab 411 christlicher Bischof von Ptolemais – im Jahre 393 nach Alexandria kam, muss Hypatia hier als Dozentin bereits anerkannt gewesen sein. Denn wie der zeitgenössische Historiker Sokrates der Scholastiker (ca. 380–nach 439) schrieb, versammelte sich in ihrem Haus ein Kreis von Schülern. Sie reisten »nicht nur aus Ägypten, sondern aus allen Gegenden [der mediterranen Welt]« von weit her an, um ihren Vorlesungen zu lauschen und unter ihrer Aufsicht zu studieren. Sokrates ergänzte, Hypatia habe an Bildung alle Philosophen ihrer Zeit übertroffen. Redegewandt vermochte sie ihren Zuhörern sämtliche philosophischen Lehrmeinungen gründlich auseinanderzusetzen. Ihr Ansehen in Alexandria sei mit der Zeit so gewachsen, dass sie [– als erste und einzige Frau, zudem vermutlich öffentlich besoldet –] deshalb auf den Lehrstuhl für platonische Philosophie am Museion berufen wurde, der »Schule Platons und Plotins«. Er betonte ihre elegante Erscheinung und ihr souveränes Auftreten (KIRCHENGESCHICHTE VII, 15).2 Hohe Staatsbeamte ließen sich wohl gern mit ihr sehen, während sie selbst sich nicht scheute, öffentliche Männerveranstaltungen zu besuchen. Alle aber hätten ihre »außerordentliche Würde und Tugend« bewundert. Ihre außergewöhnliche Schönheit wurde legendär. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 8-9: Dr. Claudius Kern – Macht und Ohnmacht der Philosophie. Ideologiegeschichte des Abendlands

TV 10: Annemarie Maeger – Himmlische Hierarchie und Herzmonade. Die Philosophin Hypatia

TV 12: Prof. Arnold Keyserling – Etappen planetarischer Weisheit. Das Webmuster der menschlichen Kultur

TV 14: Stan Tenen – Pyramiden, Einweihung in Stein. Resonanz, Levitation und Initiation

TV 28: Marek Bradatsch – Pilion, auf den Wegen des Zentauren. Griechische Mythologie

TV 42: Gabriele Quinque – Das Ägyptische Totenbuch. Aufstieg des Lichts

TV 43: Lothar Diehl – Pythagoras und die Pythagoreer. Die Wiege der abendländischen Kultur

TV 44: Alfried Lehner – Die Esoterik der Pythagoreer. Der Orden der Antike

 

 

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