Ich fühle mich, also bin ich

Ich fühle mich, also bin ich

Beziehung, die Grundhaltung des Lebens

Autor: Sabine Wandjo
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 50

»Beziehung ist der Spiegel, in dem wir uns selbst so sehen, wie wir sind.«¹ Die Psychologin Wandjo berichtet über die Beziehung als das Grundelement des Lebens und der menschlichen Entwicklung. Zunächst ist es die Beziehung zum eigenen Selbst, sodann zum Anderen, die uns Sinn im Leben gibt. Was hat Erziehung mit der Entwicklung von Beziehungsfähigkeit zu tun? Wie wird man beziehungsfähig? Welche Rolle spielen die Gefühle? Was sind die Prinzipien einer gesunden Beziehung? Ein einfühlender und herzöffnender Beitrag zu einer gesunden Beziehungskultur.

 

 

Die Beziehung zum eigenen Selbst

Die Vollkommenheit des »In-Beziehung- mit-sich-selbst-Seins« erleben wir vermutlich zum ersten und zugleich letztenMal im vorgeburtlichen Zustand: Nichts trennt uns von uns selbst. Wir sind in einem ausbalancierten natürlichen System aufgehoben, das uns versorgt und schützt. Unsere Entwicklung folgt inneren Prinzipien und gesteht uns Einzigartigkeit zu. Das Gleichgewicht der beiden grundlegenden schöpferischen Kräfte – Aktivität als männliches Prinzip und Zulassen als weibliches Prinzip – lässt uns die Einheit miteinander kooperierender gegensätzlicher Potenziale erfahren. In diesem Zustand gibt es keine separierende Dualität, wir machen eine ganzheitliche Erfahrung.Welche Bedeutung aber steckt in diesem Natur-Phänomen, das unser aller Leben vorbereitet? Warum ist der Beginn jeder menschlichen Existenz ausgerechnet ein Stadium, das sowohl von Philosophen als auch von Psychoanalytikern, (Neuro-)Biologen und Dichtern zum paradiesischen Zustand erhoben wird, aus dem wir nach all zu kurzer Zeit wieder vertrieben werden? Mit dieser Frage möchte ich mich im Folgenden beschäftigen.

Es ist der Zeitpunkt der Geburt, der uns an den Anfang einer Aufgabe stellt: Finde dein Selbst, das im Unterbewusstsein ruht und in der, von Natur und Kultur geprägten, Außenwelt nach Bewusstheit strebt. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Sie erscheint uns umso schwieriger wenn wir darauf beharren, genau hierauf nicht vorbereitet worden zu sein. Vergeblich fahnden wir Jahre unseres Lebens nach dem Benutzerhandbuch »Willkommen im Leben«, das uns irgendwer anlässlich unseres schmerzhaften Existenzdebüts doch in die Hand gedrückt habenmuss. Es ist so schwer, sich selbst zu finden. Ach! Wir wollen diese Aufgabe nicht annehmen, nein, wir wollen Prinzessin, Astronaut, Investment-Banker oder Immobilienmaklerin werden, aber nicht wir selbst. So passiert es mitunter, dass wir irgendwann wieder von dieser Welt gehen, ohne unser Selbst wirklich gekannt zu haben, ohne je in echte Beziehung mit uns und mit anderen getreten zu sein – auch wenn wir am Ende zweimal geschieden sind und eine kleine Schar von Ur-, sowie Stiefenkeln unserem Begräbnis beiwohnt. Was haben wir während einer solchen Lebensspanne nur übersehen?

 

Unter dem Deckmantel elterlicher Fürsorge und dem Anspruch, nur das Beste für das Kind zu wollen, wird das noch sehr junge Wesen beeinflusst und manipuliert, überwältigt oder gar missbraucht.

 

Es ist nicht unser individuelles Versäumnis, das tief im Innern beheimatete Selbst aus den Augen verloren zu haben. Vielmehr sind es unsere Kindheitsverläufe, die sich kulturübergreifend und nahezu ausnahmslos etwa so abspielen: Kaum ein Kind kann in der Zeit, in der es sein Selbst auf ursprünglichste Weise spürt, im Alter von 0 bis 3 Jahren, wahre Autonomie entwickeln. Einige Naturvölker machen hier die große Ausnahme. »Autonomie ist derjenige Zustand der Integration, in der ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen echten Gefühlen und Bedürfnissen ist.«² Arno Gruen beschreibt in vielen seiner Bücher die Verletztheit ganzer Generationen, die sich in der Spaltung zwischen der sozialisierten Person und deren Ur-Selbst zeigt. Wir müssen die »Beziehung-mit-unsselbst « aufgeben, sie opfern, um uns die Anerkennung und Liebe erwachsener, längst selbst-entfremdeter Personen zu sichern. Die zunächst situativ gebundene Selbstverleugnung des Kindes mündet fast immer in einen schleichenden Prozess des Selbstverlustes. Eine Tatsache, die auf einem unglücklichen, aber grundsätzlichen Missverständnis beruht.

 

 

 

Das körperliche und das geistigseelische Wachstum

Zunächst: Wir sind als menschliche Wesen für das Leben jenseits des vorgeburtlichen Paradieses durchaus vorbereitet, insbesondere auf die »Beziehungmit- uns-selbst«. Das Problem ist jedoch, dass wir lediglich die sichtbaren Vorbereitungen unseres künftigen Daseins (an)erkennen. Mittels beeindruckender Farbaufnahmen vom werdenden Leben kann der körperliche Entwicklungsprozess während seiner neunmonatigen Reifung verfolgt werden – einWunder der Natur. Erstaunlich an diesem Plan ist, dass niemand unser körperliches oder geistig-seelisches Wachstum von außen anspornen muss. Jedes Neugeborene will und kann selbstständig wachsen, solange es für Körper, Seele und Geist ausreichend Nahrung bekommt. Ist es von verlässlichen Menschen umgeben, die seine Signale, etwas essen, trinken, angeregt oder liebkost werden zu wollen, richtig verstehen und angemessen darauf reagieren, ist sein ganzheitliches Wachstum gesichert. Wenn wir den Lebensbeginn nun aber sorgsam verfolgen, lässt sich beobachten, wie in der Wahrnehmung der Erwachsenen (Mütter, Väter, Ärzt/innen, Pädagog/innen) frühzeitig das Vorbereitete vom scheinbar Unvorbereiteten getrennt wird: Das körperliche Wachstum eines gesund geborenen Kindes darf seiner inneren Bestimmung folgen. Und dieser Wachstumsplan ist lückenlos.Wer würde es nicht für absurd halten, die Erhöhung der Knochendichte oder die Differenzierung des Geruchssinnes durch gutes Zureden, mahnende Kommentare oder hier und da auch einmal Stubenarrest in der Entwicklung vorantreiben zu wollen?Was die physische Reifung betrifft akzeptieren wir scheinbar die Stimmigkeit und Ausgewogenheit des »Grundplans«. Doch wie verfahren wir mit dem geistig-seelischen Wachstumdes Kindes? Können wir diesem ebenso unvoreingenommen begegnen? Sind wir in der Lage darauf zu vertrauen, dass das Wachstum des kindlichen Selbst ebenfalls vorbereitet ist und genauso wenig unsere verbessernden, begradigenden, verbiegenden, verletzenden Eingriffe braucht, um sich lückenlos zu erfüllen?

 

Als Erwachsene haben wir uns fast ausnahmslos durch Erziehung und Sozialisation von unserem Selbst entfremdet.

 

Die Erziehungspraxis der letzten 100 Jahre – um einen Zeitraum einzugrenzen – zeigt, dass wir dieses Vertrauen nur zu sehr geringen Teilen aufbringen. Jeremy Rifkin zählt in Minutentakten, wie häufig sehr junge, etwas ältere und schließlich heranwachsende Kinder gemaßregelt werden: »Wieso machst du nicht das, was ich dir gesagt habe?« »Hör auf zu weinen, so schlimm war das doch gar nicht!« »Rede gefälligst, wenn du etwas gefragt wirst!« »Wie kannst du dich nur für so einen Schund interessieren?« »Strenge dich endlich mehr an, sonst wird nie etwas aus dir werden«. Die Fortsetzung dieser Beispiele überlasse ich, liebe Leserinnen und Leser, der Erinnerung an Ihre persönlich erfahrenen Erziehungsbotschaften. Was ich aufzuzeigen versuche ist: Das Selbst des Menschen ist in der Praxis familiärer und mehrheitlich auch pädagogischer Fürsorge von Anfang an einer Beeinflussung ausgesetzt, die in keinem Verhältnis steht zur Akzeptanz, die der Autonomie seines Körperwachstums entgegen gebracht wird. Das nachgeburtliche »In-Beziehung-mit sich-selbst-Sein« wird von außen manipuliert oder so sehr gestört, dass das Kind bald nicht mehr spürt, was es wirklich fühlt und keine Erklärungen dafür findet, weshalb es sich für bestimmte Aufgaben oder Herausforderungen einfach nicht begeistern kann. Diese Spaltung, die uns die Erfahrung echter Autonomie versagt, führt zur Störung unseres natürlichen Resonanzsystems

 

 

 

Die Fähigkeit zur Resonanz

Sich selbst zu spüren ist eine in der Bedeutung des Wortes selbst-verständliche Gabe.Mit ihr verbunden ist die Fähigkeit, dank eines neurobiologisch verankerten Resonanzsystems Gefühle und Bedürfnisse empfinden zu können. Ein Kind fühlt unmittelbar, was ihm Schmerz, Angst oder Freude bereitet. Diese Empfindung ist körperlich und emotional präsent, echt, unverfälscht. Damit der junge Mensch ausreichend Entwicklungszeit hat, um zunächst ein möglichst autonomes Selbstgefühl auszubilden, gewinnt der kindliche Intellekt folgerichtig erst in einem späteren Reifungsstadium an Bedeutung. Viele Menschen glauben, darunter auch Erzieher/innen und Lehrer/ innen, die Persönlichkeit und damit die individuelle Identität bilde sich frühestens im Pubertätsalter aus, also dann, wenn Jugendliche die Fähigkeit zum formal-operationalen, abstrakten Denken entwickelt haben (Piaget). Sie sind der Ansicht, erst wenn eine Person dazu in der Lage sei, von sich selbst abstrahieren zu können, gelänge dieser auch die Definition ihrer selbst als unverwechselbarer Persönlichkeit. Sicherlich ist die Fähigkeit zur Selbstreflektion ein wichtiges Werkzeug der Innenschau, mit deren Hilfe wir tiefere Aspekte unseresWesens, besonders in der Abgrenzung zu der Umwelt und denMitmenschen, zu fassen bekommen. Aber wir sind weit vor dieser Zeit bereits innerlich strukturiert und diese Struktur enthält die Spuren all jener erzieherischen Maßnahmen, die von Anfang an auf uns einwirken.

Die Psychoanalytikerin Alice Miller (1923-2010) hat ihr Lebenswerk dem Erkennen dieser Fremdeinwirkung und deren traurigen bis verheerenden Folgen gewidmet. Es gelingt ihr auf eindringliche Weise, die bis heute wirksamen Mechanismen der »schwarzen Pädagogik« aufzuzeigen. Unter dem Deckmantel elterlicher Fürsorge und dem Anspruch, nur das Beste für das Kind zu wollen, wird das noch sehr junge Wesen beeinflusst und manipuliert, überwältigt oder gar missbraucht. »Den Eltern fällt es meistens nicht ein, daß sie das Kind brauchen, damit es ihre (egoistischen?)Wünsche erfüllt. Sondern sie sind des festen Glaubens, daß sie es erziehen müssen, weil es ihre Pflicht sei, ihm bei der »Sozialisation« zu helfen. Will ein so erzogenes Kind die Liebe der Eltern nicht verlieren (und welches Kind kann sich das leisten?), so wird es sehr früh »teilen«, »geben«, »Opfer bringen« und »verzichten« lernen, lange bevor echtes Teilen und ein wahrer Verzicht überhaupt möglich sind«³
[…]


¹ Jiddu Krishnamurti: Der Spiegel der Liebe, 1. Aufl., Freiburg im Breisgau: Herder, 2007, S. 13
² Arno Gruen: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, 19. Aufl., München: DTV, 2008, S. 17.
³ AliceMiller, Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, 1. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1983, S. 9

 

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Bildnachweis: © Fotos: Lena Wandjo, photocase.com

 

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