Integrale Weltsicht und die drei Gesichter Gottes

Integrale Weltsicht und die drei Gesichter Gottes

Von der multiperspektivischen Bewusstseinslage

Von der multiperspektivischen Bewusstseinslage

Autor: Helmut Dörmann
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 61

 

 

Die Frage nach der Existenz und dem Aussehen Gottes beschäftigt die Menschheitsgeschichte seit Anbeginn: Ist Gott eine Person, alldurchdringend oder das unteilbare Eine? Jede spirituelle Tradition hat dazu eine andere Beschreibung. Der Autor geht diesen Fragen nach und berichtet von einem eigenen Erleuchtungserlebnis, welches er mit der Idee der »drei Gesichter Gottes« und der integralen Weltsicht verknüpft.

 

Spiritualität und Wirklichkeit

Im Vorfeld zu diesem Artikel sagte eine gute Freundin: »Drei Gesichter Gottes? Der Titel ist doch wohl eine Provokation!« Aus ihrer Sicht hat Gott kein Gesicht bzw. kann gar kein Gesicht haben, da Gott jenseits von Vorstellung und Bildern ist. So gesehen ist der Titel natürlich eine Provokation. Ein anderer Freund sagte: »Gott hat tausend Gesichter.« Ein dritter Freund sagte zu Willigis Jägers neuem Buch Jenseits von Gott: »Der Titel ist eine Provokation.« Denn für ihn als praktizierenden Christen ist Gott ganz klar als Gegenüber wahrzunehmen. Ich dachte bei mir: So ist das also. Wir scheinen zwei Wirklichkeiten zu haben. Das eine sind die drei Gesichter als etwas, das als ein Ausdruck Gottes verstanden werden kann, und das andere ist die Unio Mystica (Einheitserfahrung mit Gott). Es scheint so, als gäbe es zwischen diesen beiden Sichtweisen einen großen Graben.

Daher möchte ich beide etwas genauer betrachten und dann schauen, wie sie miteinander vereinbar sind. Der Artikel handelt von absoluter und relativer Wirklichkeit, von Weltsichten oder Bewusstseinsstufen, von den drei Gesichtern Gottes. Ein weiteres Thema ist: auf dem Gipfel zu stehen und wieder aus dieser Erfahrung herauszufallen. Am Ende möchte ich anhand der Metapher der Mandorla die integrale Weltsicht und die drei Gesichter Gottes noch einmal zusammenfassen.

Beginnen möchte ich mit den folgenden Zeilen Willigis Jägers:

 

»Die Religionen sind Glasfenster einer großen Kathedrale. Alle versuchen sie etwas in den Glasfenstern über das Licht dahinter auszusagen, und alle sagen etwas anderes aus. Entsprechend ihrer Kultur, Bildung, Zeit, Zeitgeschichte. Aber alle werden vom gleichen Licht beleuchtet. Es geht immer darum, das gleiche Licht zu erfahren, das die verschiedenen Glasfenster dahinter erleuchtet.«

 

Das Licht – oder das Allerhöchste– ist jenseits aller Perspektiven. So sieht es Willigis Jäger, und so sehe ich es auch. Doch was ist mit den Glasfenstern? Die Glasfenster sind Perspektiven, die auf das Licht verweisen. Und jede dieser Perspektiven trägt zur Entwicklung unserer Weltsicht, unseres Bewusstseins und Gewahrseins auf eine einzige Art und Weise bei. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Nur, wie ist das zu verstehen? Mit dieser Fragestellung wird sich mein Artikel im Wesentlichen beschäftigen. Ohne den Wert der wunderbaren Verse von Willigis Jäger zu schmälern, möchte ich dennoch hinzufügen: Wir sollten die Glasfenster in ihrer Schönheit anerkennen, sie bisweilen putzen und gegebenenfalls auch erneuern.

Ich denke, dass wir Sichtweisen für unser ganz alltägliches Leben brauchen, um das Licht sowohl rational als auch emotional erfassen zu können; um zu begreifen, was eigentlich unbegreifbar ist. Und wenn ich die Glasfenster (Weltsichten) nicht putze und – falls nötig – erneuere, scheint immer weniger Licht hindurch.

Wie sieht eine integrale Sichtweise zu dieser Metapher aus? »Eine integrale Spiritualität gründet sich auf eine allem innewohnende Einheit von Geist, Materie, Energie, Bewusstheit, Raum, Zeit und allen Erscheinungen und Wahrnehmungen.« (Aus der Charta für integrale Spiritualität – der Schule für Integrale Spiritualität.)

 

Integrale Weltsicht und die drei Gesichter Gottes

 

Aber gehen wir noch einmal zurück. Es scheint also mindestens zwei Sichtweisen und zwei Wirklichkeiten zu geben, die offensichtlich nicht immer zusammenpassen. Wir kennen diese Polaritäten: Form und Leere, Sein und Werden, Gott und Welt, Einheit und Zweiheit, Yin und Yang. Wir haben in diesem Sinne auch zwei Selbste: ein höheres, absolutes und wahres Selbst ebenso wie ein relatives, alltägliches und endliches Selbst. Die großen spirituellen Traditionen tendieren dazu, nur das absolute Selbst anzuerkennen. Das zeigt sich beispielsweise im Zen, in der christlichen Mystik, im tibetischen Buddhismus. Auch Eckhart Tolle betont immer gerne die absolute Sichtweise und Erfahrung. Es heißt dann: »Sei einfach im Hier und Jetzt.« Ich hörte vor kurzer Zeit einen Vortrag, der begann mit den Worten: »Eigentlich reicht ein Wort für den Vortrag aus. Ein Wort, das alles umfasst. Es ist das Wort ›Jetzt‹.« Und damit wird in der Regel auch die Erfahrung des Absoluten verbunden. Die absolute Erfahrung wird als das Ziel hervorgehoben. Es heißt: Das Absolute kann nicht mit dem Verstand erfasst werden. Die Negativtheologie sagt dazu: Es ist nicht dies, und es ist nicht das. Man kann die eigentliche Unio Mystica (Einheitserfahrung mit Gott) nicht benennen. Und tut man es doch, ist man schon auf dem Holzweg.

Dennoch haben wir den Wunsch, diese Wirklichkeit zu benennen. Wir brauchen dafür einen Bezugsrahmen oder Landkarten (wie Ken Wilber dies ausdrückt). Das scheint ein krasser Widerspruch in uns selbst zu sein. Häufig wird gesagt: Das Relative ist menschlich, und dies gilt es zu überwinden. Dabei wird gern vom »Marktplatz des Lebens« gesprochen. Die Frage ist: Wie geht das? Was bedeutet das? Darauf gibt es von spirituellen Lehrern kaum brauchbare Antworten.

Wie schon gesagt, geht es letztlich in spirituellen Traditionen wie Zen, Vipassana und auch in der Mystik um die Erfahrung im Hier und Jetzt. Diese Erfahrung will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Doch scheint es mir, angesichts der Probleme der Welt »nur« im Hier und Jetzt sein zu wollen, nicht mehr auszureichen. Um uns herum gibt es Kriege wie gerade in Syrien. Es gibt Umweltzerstörung. Es gibt im persönlichen Bereich einen immer größer werdenden beruflichen Druck. Wir haben im ganz alltäglichen Leben Konflikte und Nöte zu bewältigen. Wir brauchen deshalb eine Spiritualität, die nicht nur in den Alltag führt, sondern die den Alltag umarmt und gleichzeitig ganz konkret tätig wird.

Ich möchte im Folgenden die beiden großen Bereiche Absolut und Relativ beleuchten. Beginnen wir mit den Bewusstseinsstufen.

Bewusstseinsstufen

Ich beziehe mich in den folgenden Zeilen auf die Erkenntnisse von Jean Gebser, Clare Graves, Don Beck, Ken Wilber, Steve McIntosh sowie Tilmann Haberer, Werner Tiki Küstenmacher und Marion Küstenmacher.

 

WELTSICHTEN WERTE FARBEN
Archaisch
Magisch
Egozentrisch
Mythisch/traditionell
Rational
Pluralistisch
Integral
Postintegral
Kosmisch
Existieren
Sicherheit
Macht
Wahrheit
Freiheit
Verbundenheit
Zusammenschau
Universalität
Allverbundenheit
Beige
Purpur
Rot
Blau
Orange
Grün
Gelb
Türkis
Koralle

 

Der Großteil dieser Bewusstseinsforscher bezieht sich auf die Weltsichten von Jean Gebser, die von Clare Graves und Don Becks in »Spiral Dynamics« weiterentwickelt wurden. Wir sollten uns vergegenwärtigen und anerkennen, dass sich in der Geschichte der Menschheit Bewusstseinsstufen oder Weltsichten, wie Jean Gebser es nennt, entwickelt haben. Jean Gebser, einer der Pioniere auf diesem Gebiet, rekonstruierte sechs Stufen. Clare Graves, Don Beck sowie Küstenmacher und Haberer kommen auf neun Stufen.

Auch wenn die Beschreibungen der Entwicklungsstufen unter den Pionieren der Bewusstseinsforschung nicht immer identisch waren und sind, gibt es heute eine wachsende Zustimmung unter akademischen Psychologen (und Bewusstseinsforschern) dazu, dass die Bewusstseinsentwicklung sich durch die Abfolge kulturübergreifender Ebenen vollzieht.

 

Von der multiperspektivischen Bewusstseinslage

 

Diese Bewusstseinsstufen stehen dafür, wie der Mensch oder das menschliche Bewusstsein wahrnimmt und sich und die Welt – aufgrund der Bewusstseinsstufen – »interpretiert«. Dabei wird deutlich: Jede Stufe entwickelt sich aus der vorausgegangenen und integriert diese in sich. Wenn ein Mensch eine bestimmte Stufe erreicht hat, wird er allenfalls in besonderen Krisensituationen auf eine vorhergehende Stufe zurückfallen. Entscheidend war für Gebser, dass es unsere Weltsicht ist, die uns prägt. Sie konstruiert die Wirklichkeit unseres Denkens und ist damit auch Motor unseres Handelns.

Wie sieht eine integrale Sichtweise dazu aus? Eine Integrale Sichtweise würdigt alle Stufen/Weltsichten gleichermaßen. Sie bekämpft und wertet die anderen Stufen nicht ab. Ich möchte an dieser Stelle »Weltsichten« einmal schlagwortartig zusammenfassen: Jede Stufe hat dominante Werte oder spezielle Mottos; ganz bestimmte Pathologien; prägt uns in Krisensituationen; findet sich in Beziehungen, Familien und Organisationen wieder; prägt und beeinflusst unsere Sichtweisen auf Spiritualität; auf jeder Stufe gibt es Lernerfahrungen für Veränderungsprozesse; und jede Stufe will und muss gelebt bzw. durchlebt werden.

So gibt es auch auf jeder der Ebenen eine spezifische Sichtweise auf Religion und Spiritualität, die ihre volle Berechtigung hat. Don Beck dazu:

 

»Glaube hat – wie alles andere auch – das ›Recht‹, sich zu entwickeln.«

 

Hinzuzufügen ist: Religion hat auch die Verpflichtung, sich zu entwickeln. Geschieht dies nicht, ist es eine tote Religion, von der sich die Menschen abwenden. Gehen wir also davon aus, dass die Weltsicht auf Religion unser Denken, Fühlen und Handeln prägt. So gibt es eine archaische Weltsicht auf Religion, eine magische Weltsicht auf Religion, eine egozentrische Weltsicht auf Religion, eine traditionelle Weltsicht auf Religion, eine rationale Weltsicht auf Religion sowie eine pluralistische und eine integrale Weltsicht auf Religion. Und dies gilt für Menschen aus allen großen Religionen und Traditionen. Auf jeder Ebene des Bewusstseins (in jeder der Religionen) haben wir es offenbar mit einer ganz anderen Art von Religion zu tun. Das bedeutet, dass jede Ebene ihr eigenes Existenzrecht hat. Das bedeutet auch: Die höchste Ebene von heute ist nur Vorläufer einer noch höheren Ebene von morgen. Daraus folgt, dass es eine Hierarchie zwischen Ebenen gibt, die »höher« entwickelt sind, und anderen, die »niedriger« entwickelt sind. Diese implizite »Bewertung« mag, wenn man eine pluralistische Weltsicht vertritt, gewöhnungsbedürftig sein. Da höhere Entwicklungsstufen eine größere Spannweite haben als niedrige, schlicht, weil der Raum dessen, was sie integrieren, größer oder weiter ist, hat diese Unterscheidung jedoch eine nachvollziehbare Grundlage. Jean Gebser hat darüber in den 1950er-Jahren geschrieben, teilweise prophetisch, denn die integrale Stufe und die kosmische Bewusstseinsstufe im Menschen entwickelten sich im Grunde erst danach. Ich beziehe mich im Folgenden auf acht Stufen (von neun), die im integralen Kontext allgemeine Gültigkeit haben. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 61 >>

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Helmut Dörmann TV61 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (12 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt. und zzgl. Versandkosten)
 
 

 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 29: Ken Wilber – Das zweite Gesicht Gottes. Ein revolutionärer Gedanke

TV 38: Prof. Dr. Martin Lockley – Evolution oder Gottes Werk? Das intelligente Universum

TV 42: Steve McIntosh – Integrale Philosophie und die Evolution des Bewusstseins. Was ist Mensch?

TV 48: Michael Habecker – Lebenslust, die Erleuchtung der Fülle. Ein integrales Verständnis von Erleuchtung

TV 49: Dr. Tom Steininger/Prof. Peter Gottwald – Das aperspektivische Zeitalter.
Jean Gebser und die Vision des integralen Bewusstseins

TV 51: Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming – Rettet mehr Spiritualität die Welt?
Von der Notwendigkeit ganzheitlicher Lösungen

 

Bildnachweis: © iStockphoto; Chip/Speziali; Iryna Rasko | Dreamstime.com

 


 

6 Euro Gutschein zu verschenken!

 

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

*