Ken Wilber – »Einstein der Bewusstseinsforschung«?

Ken Wilber - Einstein der Bewusstseinsforschung? Teil 3

Fragen an den »integralen« Denkansatz Ken Wilbers aus philosophischer Sicht. Teil 4

Autor: Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 65

 

Im letzten Teil dieser Abhandlung untersucht der Autor Ken Wilbers Vier-Quadranten-Modell und seiner Vorstellung von Holons. Das Quadranten-Modell ist für Heinrichs eine Systematik, die lediglich zwei Dualismen verschränkt, aber keine systematische reflexionstheoretische Unterscheidung erkennen lässt. Holons würden von Wilber unberechtigterweise umfangslogisch und dinglich verstanden. Wilbers Ansatz ist deshalb für den Philosophen Heinrichs nicht tragfähig.

 

IV. Die systemtheoretische »Geniefrage«:
Wilbers Systemprinzipien (»All Quadrants, all Levels«)

Die Quadranten-Systematik

Wilber stilisiert sich selbst – und wird von seinen Anhängern gefeiert – als der aus mystischen Quellen schöpfende geniale Systemdenker unserer Zeit. Die zusammenfassende Formel der letzten Bücher lautet: »all levels, als quadrants«. Levels sind die Evolutions-, Seins- und Bewusstseinsebenen, über deren mangelnde und daher schwankende systematische Begründung schon gesprochen wurde. Sie mit innerlich begründeten Quadranten eines Ganzheitskreises zu kombinieren, könnte trotz dieser Einschränkung eine reiche systematische Topik (ein Verfahren zur Ortsbestimmung von Problemen) ergeben.
»Ich habe irgendwann einmal begonnen, alle diese holarchischen Landkarten, herkömmliche und neuzeitliche, östliche und westliche, vormoderne, moderne und postmoderne, von der Systemtheorie bis zur Großen Kette des Seins, von den buddhistischen Vijnanas bis zu Piaget, Marx, Kohlberg, den verdantischen Koshas, Loevinger, Maslow, Lenski, Kabbala und so weiter in Listen zusammenzufassen. Ich hatte buchstäblich Hunderte von solchen Landkarten, und sie bedeckten bei mir den ganzen Fußboden. (…)
Aber irgendwann dämmert mir, dass es sich letztlich um vier verschiedene Typen von Holarchien, von holistischen Abläufen handelte. Ich glaube in der Tat nicht, dass dies schon einmal jemandem aufgefallen ist – vielleicht weil es so unglaublich einfach ist. Mir jedenfalls war es neu. Als ich alle diese Holarchien in diese vier Gruppen einordnete, was dann keine Schwierigkeit mehr war, wurde mir sofort klar, dass jede dieser Holarchie in jeder Gruppe sich in der Tat mit demselben Gebiet befasst, während es insgesamt vier verschiedene Gebiete gibt« (Kurze Geschichte des Kosmos, 106).

 

Einige Details der vier Quadranten« nach Wilber

Grafik 10: »Einige Details der vier Quadranten« nach Wilber (Kurze Geschichte, 106)

 

Während der Ausdruck »Quadranten« in der Astrologie (jener altüberlieferten Kombination von Erfahrung und systematischer Raum-Zeit-Orientierung aus der Zeit des »kosmischen Bewusstseins« der Menschenfrühe, die durchaus einer modernen wissenschaftlichen Betrachtung fähig und würdig ist) eine lange Tradition hat, handelt es sich bei Wilber um eine bloße Kreuztabellierung von zwei Kategorienpaaren, also um einen Dualismus von Dualismen. Dies verwundert bei einem Denker, dem es um die Überwindung altabendländischer Dualismen geht. Die »gewisse Ordnung« (so Visser 2002, 188), die dadurch zustande kommt, gleicht denn auch mehr dem bekannten Zahnarzt-Schema (oben/unten kombiniert mit links/rechts) als einer innerlich begründeten, ganzheitlichen Systematik. Was für die Ortsbestimmung der Zähne angemessen und nützlich ist, erweist sich jedoch in der »Theory of Everything« (2000), um Wilbers überaus anspruchsvollen Titel aufzugreifen, der in der Übersetzung zu »Ganzheitlich handeln« verharmlost wurde, als ein den Sachfragen vollkommen äußerliches und unangemessenes Schema.
»Äußerlich« müsste Wilber eigentlich schnell zugeben – denn die Einteilung sowohl von Wissenschaften wie sonstigen Betrachtungsweisen nach Innerlich und Äußerlich kann nicht anders als selbst äußerlich sein. Sie hat ihren Hauptrückhalt in der Unterscheidung von psychologischer Innenbetrachtung (Introspektion) bei Anerkennung von Bewusstseinsintentionalität einerseits und anderseits äußerlich-behavioristischer (z.B. statistischer) Konstatierung von Verhaltensweisen bzw. physiologisch-materialistischer Untersuchung der Evolutionsprodukte vom Atom bis zum menschlichen Gehirn. Der Inhalt der beiden oberen Quadranten mag so noch einigermaßen unterscheidbar sein. Es handelt sich jedoch jedenfalls um eine bloß unserer Betrachtungsweise angehörige und schon damit sachlich willkürliche und äußerst oberflächliche Ordnung, von der Wilber stolz sagt, dass sie – wegen ihrer »genialen« Einfachheit? – wohl noch nie jemand aufgefallen sei. Möglicherweise hat es in der Tat noch nie eine so primitive Systematik mit solch umfassendem Anspruch und solcher Äußerlichkeit wie Unangemessenheit gegenüber den Sachen gegeben.
Die Unangemessenheit wird spätestens bei der Betrachtung der beiden unteren Quadranten deutlich, der unhaltbaren Unterscheidung von »innerlich-sozial, kulturell« und »äußerlich-sozial«. Die Kultur ist in der Tat die Innenseite der Gesellschaft, das »Vererbbare am Sozialen«#1, aber dieses Soziale läßt sich überhaupt nicht ohne diese ihre Innenseite als Soziales zur Sprache bringen. Dementsprechend ist auch die Reihe von Galaxien bis Industriegesellschaft und Informationsgesellschaft (Außenseite?) schlichter Unsinn, und die Einreihung von Denkern wie Marx und Parsons in den rechten unteren, also äußerlichen Quadranten, hingegen von Marxens Schüler und Parsons’ Lehrer Max Weber links reine Willkür aus pseudosystematischem Systemzwang – und Unkenntnis über die (zumindest angezielte) philosophische Qualität von systemtheoretischem Denken.

 

Wilber stilisiert sich selbst – und wird von seinen Anhängern gefeiert – als der aus mystischen Quellen schöpfende geniale Systemdenker unserer Zeit.

 

Es grenzt schon an Scharlatanerie oder überschreitet diese Grenze, wenn Wilber ein so extrem primitives, den geistigen und lebendigen Dingen äußerliches Zahnarzt-Schema mit dem Nimbus des geheimnisvollen Zusammenhangs als Aspekte ein und derselben »Holons« umgibt: »Schließlich entdeckte ich, dass diese vier Quadranten eine unglaublich einfache Grundlage haben. Diese vier Typen von Holarchien haben einfach mit der Innenseite und der Außenseite in seiner individuellen und kollektiven Form zu tun. (…) Und diese ganz einfachen Merkmale, die in allen Holons vorhanden sind, liefern diese vier Quadranten, wie ich jedenfalls meine (!). Alle diese vier Holarchien betreffen reale Aspekte von realen Holons, weshalb diese vier Typen von Holarchien spontan und unvermeidlich auf den verschiedenen Landkarten in der ganzen Welt erscheinen« (Kurze Geschichte, 106 f).

Es wird also keineswegs ein äußerliches Landkarten-Schema bloß als solches behelfsweise einmal in Dienst genommen, sondern eine real-ontologische Geltung dieser Schematik erhoben, und diese darüberhinaus mit einer mysteriösen Ontologie der identischen »Holons« verbunden, deren »reale Aspekte« die jeweiligen Ziffern in den Quadranten sein sollen.

Bevor der Begriff des Holons eigens »gewürdigt« werden soll, sei ein ganz umrisshafter ontologischer Systematisierungsvorschlag erwähnt, wie er sich in dem Artikel »Ontologie« der »Theologischen Realenzyklopädie« (TRE) findet. Auch dort gibt es – unabhängig von Wilber – vier »Quadranten«, die jedoch nicht einem doppelten zweiwertigen Dualismus folgen, sondern einer (vierwertigen) reflexiven Stufung, zunächst in der Anordnung gemäß den Sinn-Elementen (vgl. Grafik 1):

 

Einteilung der Ontologie nach Heinrichs


Grafik 11: Einteilung der Ontologie nach Heinrichs, Artikel »Ontologie« TRE, Bd. 25, (1995)

 

Dasselbe in der herkömmlichen Quadranten-Anordnung jener alten kosmischen Proto-Wissenschaft#2, die seit Jahrtausenden damit arbeitet:

 

Zirkuläre Anordnung der Quadranten


Grafik 12: Zirkuläre Anordnung der Quadranten

 

Eine Übereinstimmung mit Wilbers »Quadranten« ist – entgegen dem oberflächlichen Anschein – nicht gegeben. Der verständige Leser wird erkennen, dass es sich hier um vier Forschungsfelder handelt, die in einem inneren (reflexionstheoretischen) Zusammenhang stehen, doch jeweils eigenen Prinzipien folgen. So etwas wie Außen- und Innenbetrachtung sind methodologische Unterscheidungen, die hier und da ihren Wert haben können, aber keinen Anspruch auf ontologische Bedeutung (Wirklichkeitsbedeutung) erheben können.

Es versteht sich, dass obige Einteilung der Ontologien nur eine philosophisch-zusammenfassende ist. Wie die empirischen Wissenschaften sich methodologisch mit dem ontologischen Gesichtspunkt vereinbaren, gar unter ihn einordnen lassen, z.B. die empirische Psychologie (unter 2) oder die Soziologie (unter 3) oder die Naturwissenschaften (unter 1) oder empirische Kulturwissenschaften (unter 4), und wie ein derartiger ontologischer Grundriss sich mit einer modernen Wissenschaftssystematik vereinbaren lässt, das sind weitreichende Fragen, die sich in Wilbers Pseudoystematik gar nicht mehr zu stellen scheinen. Wer hier Anstoß an der ontologischen Sichtweise nimmt, die auch von vielen Philosophen heute als überholt erklärt wird (weil die Ontologie seit Kant angeblich durch Erkenntnistheorie und wissenschaftstheoretische Reflexion über das Miteinander der Einzelwissenschaften ersetzt werden werden könne), der darf sich sicher nicht auf Wilber berufen. Dieser verbindet mit seiner Quadranten-Sytematik eindeutig einen ontologischen, keinen bloß epistemologischen Anspruch, und der bloße Begriff des »Holons« wie seine unbegrenzte Anwendungsweise enthält eine simplifizierte Ontologie.

 

Der Begriff des »Holons« und seine umfangslogischen Implikationen

Der traditionelle Ausdruck der philosophia perennis für »Holon« war »Seiendes«. Spezifisch am Begriff des »Holons«, den Wilber von Arthur Köstler übernimmt, ist einmal, dass in ihm nicht das einzelne Seiende fixiert, sondern von vornherein eine Stufenfolge von es immer umgreifenderen Seienden ins Auge gefasst wird. Ferner verbindet sich mit »Holon« (wörtlich ja »ein Ganzes«) die Sicht, »dass die Wirklichkeit weder aus Dingen noch aus Prozessen besteht, weder aus Ganzen noch aus Teilen, sondern aus Ganzen/Teilen oder Holons – immer weiter noch oben und immer weiter nach unten« (Kurze Geschichte, 41; E-K-L, 56). Es soll durch diese Dynamisierung gegenüber dem alten Begriff des »Seienden« (den Wilber allerdings nicht als Vorgänger-Begriff diskutiert) eine Nicht-Festlegbarkeit sowohl auf Elementares (Reduktionismus) wie auf Umgreifendes (Holismus) vermieden werden. »Jedes Ganze ist ein Teil, bis ins Unendliche« (E-K-L, 59, Hervorhebung von J.H.).
Nun ist zunächst der Begriff, vielmehr die Vorstellung des »Unendlichen«, die Wilber hier und stets benutzt, ziemlich genau das, was man seit Hegel das »schlecht Unendliche« nennt: die Vorstellung des Immer-weiter, von Wilber auch »holonischer Raum« genannt (63). Seine beißende Kritik an den »Ganzheitsaposteln« (59) hat kein konstruktives Fundament in einem nicht bloß vorstellungsmäßigen und nicht bloß quantitativ-räumlichen Unendlichkeitsgedanken: im Alles-Gedanken des Menschen mit seiner qualitativen, echten Unendlichkeit (die – ähnlich wie der Begriff der »Ewigkeit« im Unterschied zu einer schlecht-unendlichen Zeitausdehnung – schon etwas schwieriger gedanklich zu fassen ist). Wodurch unterscheidet sich aber ein Kosmos-Begriff (61), der in etwa gleichbedeutend mit »Wirklichkeit« und »Welt« gebraucht wird, auf solchem Fundament einer »schlechten«, räumlichen Unendlichkeits-Vorstellung vom kritisierten »Flachland«-Holismus (77)? Es ist mutig und verbal durchaus berechtigt, wie Wilber gegen das »Flachland« in Wissenschaften und New-Age-Lehren zu Felde zieht. Allein, die konstruktive Alternative fällt selbst flach aus, zum Beispiel mit diesem Unendlichkeitsbegriff, der gar kein Begriff, sondern eine bloße Vorstellung vom endlosen Raum ist.

 

Wilbers Quadrantenmodell gleicht denn auch mehr dem bekannten Zahnarzt-Schema als einer innerlich begründeten, ganzheitlichen Systematik.

 

Noch einmal zurück zu den Holons: Woher nimmt Wilber, dass die »Wirklichkeit« mit »Dingen und Prozessen« adäquat erfasst wird? Was ist mit gedanklichen Relationen, intentionalem Sein, die besonders für alles Soziale grundlegend sind? Sind auch diese als »Holons« zu verdinglichen? Der Begriff ist dafür genauso untauglich wie das traditionelle »Seiende«. Wilber hat durchaus eine primär dingliche Vorstellung von Holons, wenngleich sich diese Dinge im evolutiven und sonstigen Prozessen bewegen: »Zuerst subatomare Teilchen, dann Atome, dann Moleküle, dann Polymere, dann Zellen und so fort« (71). – »Jedes emergierende Holon transzendiert und inkorporiert seinen Vorläufer« (77). Man erkennt immer wieder die bloß umfangslogische, an der Raumvorstellung orientierte Grundauffassung: Es ist die etwas subtilisierte »Flachland«-Alternative zu selbstbezüglichen (reflexiven) Entitäten wie Selbstbewusstsein, soziales Sein, Sinn. Gestufte Selbstbezüglichkeit sowie mehrwertige Relationalität als Grundstrukturen zumindest höherer Wirklichkeit – wieweit steht das über der Russischen-Puppen-Vorstellung der sich umfangsmäßig überbietenden »Holons«! Kurz: Der Begriff des Holons ist wegen seiner bloß umfangslogischen Implikationen – sogar in Bezug auf »Unendlichkeit« – zu tieferem Ganzheitsdenken gerade nicht geeignet. Ganzheitliches Denken meint Berücksichtigung aller für ein Thema bzw. für Wirkliches in Frage kommenden Relationen.#3 Das ist etwas anderes als »Denken« in »unendlichen« Räumen und Holon-Verschachtelungen.

»An Holons sind vier Grundvermögen zu erkennen: Selbsterhaltung, Selbstanpassung, Selbsttranszendenz und Selbstauflösung« (63). Worauf gründet diese »Systematik«? Kein Begründungsbedarf?

Interpersonale Reflexionstheorie gibt der altehrwürdigen Vierheit eine moderne, zünftig philosophische Begründung. Ich kenne keine andere. Doch Begründung ist entscheidend, wenn systematische Ambitionen ernstgenommen werden sollen. Wer den Begründungsbedarf nicht kennt oder einfach auf praktische Geometrisierung wie (am einfachsten) die Kreuztabellierung zurückgreift, sollte die Finger von systematischer Theorie lassen. Jedenfalls hat das nichts mit Philosophie oder transpersonaler Psychologie zu tun und was sonst noch ganzheitliches Denken oder auch Bewusstseinsforschung (in einem nicht reduktionistischen Sinn) heißen könnte. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 27: Prof. Dr. Johannes Heinrichs – Die spirituelle Dimension der Demokratie

TV 29: Ken Wilber – Das zweite Gesicht Gottes. Ein revolutionärer Gedanke

TV 48: Michael Habecker: Lebenslust, die Erleuchtung der Fülle

TV 49: Prof. P. Gottwald/ Dr. Th. Steininger – Das aperspektivische Zeitalter. Jean Gebser

TV 51: Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming – Rettet mehr Spiritualität die Welt?

TV 61: Helmut Dörmann – Integrale Weltsicht und die drei Gesichter Gottes

TV 62-64: Prof. Dr. Johannes Heinrichs – Einstein der Bewusstseinsforschung. Teil I-III

 

Bildnachweis: © Frank Drozdowski, Prof. Dr. Johannes Heinrichs

 

 

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