Ken Wilber – Einstein der Bewusstseinsforschung? Teil 2

Ken Wilber – Einstein der Bewusstseinsforschung? Teil 2

Ken Wilber - Einstein der Bewusstseinsforschung? Teil 2

Fragen an den »integralen« Denkansatz Ken Wilbers aus philosophischer Sicht ,Teil 2

Autor: Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 63

 

Im ersten Teil des Aufsatzes beleuchtete Prof. Heinrichs einige spirituelle Grundannahmen Wilbers zur Personalität und Transpersonalität des Menschen, zu Körper-Geist-Seele sowie zur transpersonalen Psychologie und zeigte auf, wo Wilbers Schwachstellen liegen. Im folgenden Teil geht es um ein reflexions-systemtheoretisch fundiertes Modell zur Gestaltung der Gesellschaft, das auch für die kulturelle Emanzipation der Frau Vorteile bringen würde. Heinrichs grenzt es gegen Wilbers Quadrantenmodell ab, das er für systematisch unzureichend hält.

 

II. Die Frage nach der Emanzipation der Kultur und der weiblichen Qualitäten:
Wilbers Geschichtsdeutung

Bevor ich auf das Verhältnis von Wissenschaft und Religion/Mystik (Teil III) und Wilbers Systemprinzipien (Teil IV) im nächsten Heft eingehe, sei hier zunächst – anders als im vorigen Heft angekündigt – Wilbers Deutung der neuzeitlichen Kultur beleuchtet. Denn diese hängt eng mit dem Gesamtthema dieses Heftes, neue Weiblichkeit, zusammen.

Die Neuzeit zeichnet sich nach Wilber dadurch aus, dass in ihr »Die Großen Drei« ausdifferenziert sind, womit er eine These von Max Weber über die Differenzierung der Wertsphären als Kennzeichen und Wesen der Moderne aufnimmt. Wilber reduziert diese Differenzierung auf die »Großen Drei«, wie er sie nennt: Kunst, Wissenschaft und Ethik – das Schöne, Wahre und Gute.

»Die ›Großen Drei‹ sind nur eine vereinfachte Version der vier Quadranten, wobei die beiden rechten Quadranten objektive Außenseiten oder ein ›Es‹ sind. Daher kann man der Einfachheit halber die vier Quadranten als drei behandeln, als die ›Großen Drei‹ – ich, wir und es« (Kurze Geschichte, 165; auf seine Quadranten-Theorie wird in Teil IV genauer eingegangen werden). Die beiden rechten Quadranten sind nach Wilber gemeinsam in Es-Sprache darzustellen, die linken Quadranten in Ich-Sprache (individuell) oder Wir-Sprache (kollektiv). Wilber kritisiert den bloß »propositionalen« Charakter der rechtsseitigen Wissenschaften, also ihren Es-Sprachen-Charakter.

Er verkennt dabei aber, so ist vom Sprachtheoretischen her kritisch anzumerken, dass alle Wissenschaft wesentlich »bloß« propositional, d.h. objektivierend ist, weshalb das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität/Religion, ebenso wie das von Wissenschaft und Kunst, in Teil III anders zu bestimmen ist als auf einer Linie liegend. Es gibt keine Wissenschaft in Ich-Sprache oder Wir-Sprache, jedenfalls wenn wir das Wort »Wissenschaft« im abendländischen Sinn und nicht als irgendeine Form von Wissen verstehen! Selbst wo die Wissenschaft sich auf Ich-Aussagen stützt, transformiert sie diese in ihre objektivierende Es-Sprache, ebenso und noch mehr bei »Wir-Sprache«, was immer das genauer heißen mag. Wilbers sprachtheoretische Grundlagen sind äußerst dünn und ungenau (wobei man ihm zu Gute halten muss, dass trotz des Booms der Sprachanalyse im angelsächsischen Bereich dort keine ganzheitliche, kategorial geordnete Sprachtheorie vorliegt).

Anderseits und an anderen Stellen (so in E-K-L, 186 f) sind mit den »Großen Drei« aber nicht Typen von Wissenschaft gemeint, sondern weiter ausgreifend: Wissenschaft überhaupt (für Wahres), Kunst (für Schönes), Moral (für Gutes). Weitere Zuordnungen: Platons Gutes, Wahres, Schönes oder Poppers drei Welten: die objektive, subjektive und kulturelle Welt oder theoretische, praktische, ästhetische Vernunft bei Kant (Kurze Geschichte, 166). Später erschienen auch Ich, Kultur und Natur (169) oder Geist, Kultur, Natur (176) sowie auf spiritueller Ebene die »Dreifaltigkeit« von Buddha (Ich), Sangha (Wir), Dharma (Es) (177) – wobei eine mögliche Wurzel der Dreiheit aber nicht aufgezeigt wird.

Eine der zwanzig Grundaussagen von Wilbers sogenannter »dynamischer Systemtheorie« lautet, »dass Evolution sich mittels Differenzierung und Integration vollzieht. Die gute Seite der Moderne war, dass sie die Großen Drei zu differenzieren vermochte; die schlechte Seite war, dass sie noch nicht gelernt hatte, sie zu integrieren« (Kurze Geschichte, 170). Vielmehr sei die Auffassung entstanden, »dass die ganze Wirklichkeit in einer monologischen Es-Sprache betrachtet und beschrieben werden könne, mit objektiven wissenschaftlichen Begriffen«(170). Flachland-Reduktionismus, »Reflexionsparadigma« (!) als objektive Abspiegelung der einen Es-Wirklichkeit (173), besonders auch als Systemtheorie, die Wilber (wie Habermas) außer seiner »dynamischen Systemtheorie« jedoch nur in technokratisch-subjektfremder Form zu kennen scheint.

 

»Was wir brauchen, ist eine spezifische Beschreibung oder Definition der Moderne, die all diesen Faktoren gerecht wird, den guten (wie z.B. den freiheitlichen Demokratien) und den schlechten (wie dem weitverbreiteten Sinnverlust). Verschiedene Gelehrte, vor allem Max Weber und Jürgen Habermas, haben als Spezifikum der Moderne die ›Differenzierung der kulturellen Wertsphären‹ definiert, womit vor allem die Differenzierung von Kunst, Ethik und Wissenschaft gemeint ist« (NuR, 27).

 

Wilber hat darin sehr Recht, Differenzierung als Wesensmerkmal der Moderne herauszustellen. Doch wird die wichtige soziologische Diskussion über reale gesellschaftliche Differenzierung von ihm nirgendwo ernsthaft rezipiert. Es geht nicht nur darum, dass er sonst – sozusagen historisch – auf so hervorragende philosophische Soziologen wie Georg Simmel (1858-1918) oder den Weber-Schüler Talcott Parsons (1900-1979) einlassen müsste, den er (mangels Kenntnis der großen Gesellschaftstheorie überhaupt) ebenso wie Marx und die ganze »Systemtheorie« in den unteren, rechten Quadranten seines »Ordnungs«-Schemas verbannt hat (Kurze Geschichte, 119). Es geht um mehr als um gerechten Umgang mit den Pionieren der Soziologie, die zugleich großes philosophisches Format hatten.

Gerade in systematischer Hinsicht ist die Differenzierung der »Großen Drei« als »Wertsphären« prinzipiell unzureichend, wenn nicht auf die Handlungskräfte und somit auf die realen Systemebenen zurückgegriffen wird, die sich in der Neuzeit differenzierten, und zwar – allen Ernstes und nicht zu vergessen! – unter ungeheuer viel Blut und Tränen: Differenzierung der Religion von der Politik (also geistlicher von weltlicher Herrschaft), der Religion von autonomer Kultur (also Wissenschaft und Kunst von Religion), der Politik im engeren Sinn von der Kultur (worüber bis heute viel zu wenig nachgedacht wurde, obwohl dies gerade in Deutschland eine Schicksalsfrage darstellt), und aller dieser Systemebenen von der Wirtschaft – ein Prozess, der noch gar nicht in Gang gekommen ist. Die reale, institutionelle Differenzierung dieser Systemebenen stellt eine der brennendsten Grundfragen unserer Zeit dar:
Wie ist die heutige, faktische Determination es sozialen Ganzen von der Wirtschaft umzukehren, nicht nur im Sinne eines oft beredeten »Primates der Politik«, sondern eines Primates der Kultur und schließlich der religiös-ethischen Grundwerte? Und dies alles, ohne in eine neue Theokratie zurückzufallen, sondern im Gegenteil dem fairen Miteinander der Weltanschauungen und Religionen erstmals Raum zu eröffnen?

 

Grafik 6: Der »Oikos« der Gesellschaft in reflexions-systemtheoretischer Sicht (Viergliederungshaus)

Grafik 6: Der »Oikos« der Gesellschaft in reflexions-systemtheoretischer Sicht (Viergliederungshaus)

 

Über die weittragenden Implikationen solcher sozialen Systemtheorie, gerade aus dem – von dem »Bewusstseinsforscher« Wilber so paradox ignorierten – Reflexionsgedanken heraus, kann in diesem Rahmen nicht ausführlicher gehandelt werden. Was die institutionelle Differenzierung der Systemebenen (oder Subsysteme) angeht, so ist der springende Punkt die reale Differenzierung selbstständiger Parlamente, die aber in einer hierarchischen und zugleich zirkulär rückgekoppelten Kompetenzenverhältnis zueinander stehen:

 

Grafik 7: Kreislauf der real differenzierten Ebenen der Legislative

Grafik 7: Kreislauf der real differenzierten Ebenen der Legislative

 

Die Beschlüsse eines jeden Parlamentes müssten in mehreren Lesungen die Stellungnahmen der jeweils anderen berücksichtigen (zirkulärer Aspekt), wobei im Konfliktfall eine Weisungsgebundenheit von oben nach unten gilt (hierarchischer Aspekt).

Die Parteien würden in einem viergegliederten Parlament, mit je eigener Wahl und Verantwortlichkeit für jede Systemebene, von Allround-Parteien der strukturellen Unsachlichkeit zu Sach-Parteien, die miteinander um die spezifischen Probleme auf jeder Ebene streiten. Man stelle sich ein Parlament von gewählten Vertrauensleuten für Wirtschaft vor, ebenso ein Parlament für die spezifisch politischen Fragen im engeren Sinn (Boden- und Verkehrspolitik, Sicherheitspolitik, Außenpolitik, Rechts- und Verfassungspolitik); ebenso ein Kulturparlament für die Fragen der Erziehung und Bildung, der wissenschaftlichen Forschung, der Publizistik und Kunst – immer nur, soweit staatliche Rahmengesetze vonnöten sind; schließlich ein Grundwerte-Parlament, in welchem die Vertreter aller weltanschaulichen Gruppen sich über die gemeinsam akzeptierbaren Grundwerte und deren jeweilige, dynamische, d.h. situationsangepasste Umsetzung in geltendes Recht einigen! So wird Politik von akzeptierten und stets neu diskutierten Grundwerten her möglich, jedoch ohne »theokratische« Überfremdung der untergeordneten Ebenen Kultur, Politik, Wirtschaft.

 

Mit seiner impliziten Reduktion des Heiligen auf das moralisch Gute wird Wilber seiner eigenen »spirituellen Wissenschaft« untreu.

 

Sämtliche Grundfragen unserer Zeit, die der weltweiten Gerechtigkeit, der Arbeitslosigkeit wie der Ökologie finden in einem solchen System gestufter Kompetenz ihr grundsätzliches Lösungs-Verfahren, das die bisherigen Demokratien ganz offensichtlich nicht bieten. Das weltweite Problem der Parteien-Demokratie, das die Demokratie für die vordemokratischen Staaten so wenig attraktiv erscheinen lässt, ist auf diese Weise lösbar. Ebenso wird den Forderungen nach direkter Demokratie (Volksabstimmungen) durch das gegliederte Modell bereits Rechnung getragen. Im Übrigen sind die beiden, oft fahrlässig gegeneinander ausgespielten Richtungen, die eher direktdemokratische »von unten« wie strukturelle Reform »von oben«, nicht nur miteinander vereinbar. Sie müssen vielmehr als Einheit gesehen werden. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 14: Wolfgang Schmidt-Reinecke – Die Angst vor dem Transrationalen.
Das neudeutsche Irrationalitäts-Trauma

TV 27: Prof. Dr. Johannes Heinrichs – Die spirituelle Dimension der Demokratie

TV 29: Ken Wilber – Das zweite Gesicht Gottes. Ein revolutionärer Gedanke

TV 32: François Wiesmann – Synergie. Kollektive Intelligenz

TV 33: Jörg Chemnitz – Spirituelle Politik, die Zeit ist reif. Die junge Partei der Violetten

TV 42: Steve McIntosh – Integrale Philosophie und die Evolution des Bewusstseins

TV 48: Andreas Bummel – Soziale Evolution, Weltparlament und Bewusstsein

TV 62: Thomas Wiesmann – Kollektive, globale Heilung durch das Teilen. Ein neues Paradigma entsteht

TV62: Prof. Dr. Johannes Heinrichs: Einstein der Bewusstseinsforschung?
Fragen an den »integralen« Denkansatz Ken Wilbers aus philosophischer Sicht, Teil 1

 

Bildnachweis: © Frank Drozdowski

 


 

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