Kollektive, globale Heilung durch das Teilen

Kollektive, globale Heilung durch das Teilen

 

Ein neues Paradigma entsteht

Autor: Thorsten Wiesmann
Kategorie: Wirtschaft
Ausgabe Nr: 62

 

 

 

Das Prinzip Teilen öffnet die Tür zu einer völlig neuen Dimension des Miteinander-Arbeitens und Miteinander-Lebens, in der nicht Rivalität, Konsumstreben und Machtspiele der Motor von Wertschöpfung sind, sondern Kollegialität, verantwortungsvolles Handeln und Freude am Schaffen und Geben den Nährboden für eine Welt bilden, in der Lebensressourcen gerechter verteilt werden und persönliche Interessen nicht länger im Widerspruch zum Allgemeinwohl stehen. Diese Möglichkeit gehört für Thorsten Wiesmann nicht in den Bereich der Utopie sondern naturnaher und praktischer Umsetzbarkeit.

 

In Konsumgesellschaften werden Menschen von Kindesbeinen an darauf trainiert, das Leben als Überlebenskampf zwischen Anbietern und Abnehmern zu sehen und zu führen – so als ob es ein Naturgesetz ist, zu dem es keine Alternativ gäbe. Ja so, dass man gar keine andere Wahl habe, als entweder auf der Gewinnerseite oder auf der Verliererseite zu stehen. Dieses Modell bestimmt, wie wir uns selbst und andere sehen, wir wie uns selbst und anderen gegenüber verhalten. In diesem Modell sind Besitz, Konsum und Wettbewerb die Prioritäten. Es ist das Idealbild eines Schlaraffenlandes für einige Menschen, das – würde es beibehalten – geradezu ins kollektive Verderben führen würde.

 

Prinzip Teilen - eine völlig neue Dimension des Miteinander-Arbeitens

 

In der derzeitigen Wirtschaft wird die Liebe zum Produkt systematisch zerstört, weil alles der Liebe zum Geld untergeordnet ist. Qualität ist zu einem strategischen Verkaufsargument und Kaufanreiz verkommen. Das ursprüngliche Band zwischen Qualität und Freude ist zerschnitten. Die meisten Erfindungen der Konsumwelt dienen dem Zweck, Geld und am besten schnelles Geld zu machen. Dieses Modell bestimmte bisher weitestgehend, wie wir fühlen, denken und handeln. Momentan sind wir kollektiv dabei, eine alternative Wirklichkeit zu diesem Modell zu erfinden, die uns von der dominanten, sich ständig reproduzierenden Sprache des Konsumismus befreit und uns ermöglicht, im Sinne unserer wirklich wahren innersten Interessen miteinander zu kommunizieren. Wir können diesen Vorgang auch als Erlernen der Kunst der Kommunikation oder als Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft beschreiben. Lebenskunst führt uns zurück zum wahren Wert und Nutzen von Gütern.

 

Im Teilen liegen ungeahnte Kräfte verborgen, von der spirituellen Erleuchtung bis zur kollektiven Heilung.

 

Ohne es bislang klar zu erkennen, sind wir dabei, uns von dem alten Modell aus der Zeit der Industriegesellschaft zu lösen. Allmählich – so scheint es – bekommen die kritischen Stimmen und die alternativen Ansätze mehr Gewicht. Die Welt des Konsums ist in Bewegung geraten und damit definieren sich Beziehungen zwischen Anbietern und Abnehmern neu. Man wird sensibler für die Machtspiele in diesem Beziehungsverhältnis, sieht negative Folgen und Rückwirkungen klarer. Es ist, wie wenn die Menschen aus einem Traum aufwachen, bei dem sie erkennen, dass bei diesem Treiben auf Dauer alle nur verlieren können. Damit öffnet sich der Raum für etwas Neues, Lebendiges, für das wir noch die richtigen Worte finden müssen. Noch ist unklar, wohin uns die Entwicklung führt.

 

Kollektive, globale Heilung durch das Teilen

 

Wer erinnert sich noch an die Pyramiden-Spiele der 90er Jahre? Damals herrschte in einigen Gesellschaftskreisen ernsthaft der Glaube vor, dass solche Schneeballsysteme funktionieren könnten. Bei einem solchen System rückt man in der Pyramide nach oben, indem man neue Geldgeber bzw. Leistungsträger findet. Am Ende werden einige Wenige reich, während die Mehrzahl leer ausgeht. Das System bricht zusammen, weil die Anzahl der neuen Interessenten letztlich endlich ist. Obwohl das Ende vorhersehbar war, konnten sich viele Menschen solchen Schneeballsystemen nicht entziehen. Die Angst etwas zu verpassen und die Gier nach schnellem Reichtum waren zu verlockend. Das war damals der Zeitgeist: der utopische Glaube, schneller, leichter zu mehr Geld zu kommen. Das rationale Wissen, der gesunde Menschenverstand waren zu schwach, die Emotionen und triebhaften Instinkte waren zu stark. So hatte die Entwicklung den Charakter einer Bewusstwerdung, der Reinigung und der Katharsis bis hin zur Verschärfung von gesetzlichen Bestimmungen. Wir mögen heute über diesen Irrglauben die Köpfe schütteln. Doch ohne solche Erfahrungen, ohne all die zerplatzten Blasen und Krisen der letzten Jahrzehnte, ständen wir heute nicht da, wo wir stehen, wären aktuelle Entwicklungen wie Sharing Economy und Kollaborativer Konsum undenkbar.
Gebrauchsgüter werden im Zuge solcher Megatrends vermehrt nicht mehr nur gekauft und genutzt, sondern gemeinsam gekauft oder gemeinsam benutzt oder verliehen.

 

Indem die Menschen beginnen zu teilen, kommen sie sich näher.

 

Der Begriff ›Sharing Economy‹ bezeichnet auch eine Möglichkeit, von der Position des passiven Rezipienten von Wissen zu dessen aktivem Verteiler zu werden. Mit diesem Begriff eröffnet sich so eine neuartige lebenspraktische Perspektive, die das Verhältnis von Lebensentwürfen und gesellschaftlichem Außen innerhalb neuartiger Bestimmungsverhältnisse formt. Indem deutlich zutage tritt, dass wir bislang in einer »Kultur der Unternehmen« lebten, scheinen plötzlich überall Alternativen auf. Sharing ist so potentiell auch Zugang zu neuen Formen der ästhetischen Erfahrung, die mit der Erkenntnis verbunden sind, wie das eigene Leben und das Leben um einen herum wirklich gleichermaßen verändert werden können. So besteht jetzt auch im Rahmen dieses Begriffes die Möglichkeit, die Arbeitswelt von der Unterordnung unter die Kontrolle mächtiger Konzernstrukturen hin zu einem Lebensstil der Selbstorganisation zu transformieren. Dabei zeigt sich, wie man die Lebenswelt unmittelbar mittels direkter Eingriffe zum Besseren verändern kann. Das ist das so genannte »Hacking«, bei dem es ja immer darum geht, mit je eigenen, kreativen wie unorthodoxen Mitteln eine »bessere Welt« zu erschaffen und gleichzeitig an einem (Neu-)Entwurf eines auf das Gemeinwohl ausgerichteten Selbst zu arbeiten.

 

Prinzip Teilen - eine völlig neue Dimension des Miteinander-Arbeitens

 

Damit sind wir bei dem, was gegenwärtig das Standardmodell erodieren lässt: dem neuen Umgang mit Know-how, Gütern und Ressourcen sowie einer neuen Offenheit dem Leben und seinen Möglichkeiten gegenüber. Immer breitere Gesellschaftsschichten lassen sich weniger und weniger dazu verführen, in eine Geschäftigkeit einzutauchen, die Kreativität zerstört, die die Lebensfreude raubt und die das Wohlbefinden stört. Die Vermutung: Letztlich wird die Erkenntnis wachsen, dass es nicht weniger als einen möglichst baldigen ausgewogenen und friedlichen Strukturbruch braucht, um uns aus den Fängen des Überwachungs- und Finanzkomplexes zu befreien, der sich selbst rechtsstaatlicher Kontrolle entzieht und demokratische Grundrechte umgeht.

 

Heute gilt: Konsum ist das Opium des Volkes.

 

Was auch immer der genaue Auslöser eines solchen innovativen Evolutionssprungs seinen wird, so kommt es bei einem solchen vor allem darauf an, dass er bisher ungenutztes Potenzial zugänglich macht. Um uns herum liegen Möglichkeiten, deren verborgener Wert nur darauf wartet entdeckt zu werden. Das Wichtigste momentan scheint darin zu bestehen, dass immer mehr Menschen dieses Potenzial erkennen. Worin besteht die Herausforderung? Sie besteht darin, dass man die Freiheit erkennt, die man hat, um sich selbst zu ermächtigen. Nichts anderes als die Freiheit, die Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechts ist der Schlüssel zu diesem Potenzial. Es ist niemand da, der einen beauftragen könnte, man muss es selbst tun. Das ist die Herausforderung angesichts der Tatsache, dass eben die besagte Freiheit im Streben nach Konsum in allen seinen Formen verloren gegangen ist.

Heute gilt: Konsum ist das Opium des Volkes, das die Menschen zu handzahmen Lämmern macht. Daher nimmt die Auflösung der Konsumlogik eine so zentrale Rolle ein. Es geht heute ausgehend vom Teilen von Autos, Werkzeugen oder Wohnräumen um die Auflösung einer kollektiven Denkblockade. Es geht darum das Recht in Anspruch nehmen zu können, sich mit anderen bezogen auf die existentiellen Grundfragen des Lebens zu verbinden. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 15: Prof. Bernhard Lietaer – Die Alchemie des Geldes

TV 32: François Wiesmann – Synergie, kollektive Intelligenz

TV 40: Stefanie Blau: Bildet Gemeinschaften! Wachstum im Miteinander

TV 57: Christoph Hinske – Das Paradigma der Fülle. Ecosynomics

TV 59: Schwerpunkt – Die spirituelle Bedeutung von Geld

TV 61: Lothar Gütter – Universal Gardening. Die Welt ist ein Garten

 

Bildnachweis: © Frank Drozdowski

 


 

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