Krise als Wachstumschance

Krise als Wachstumschance

Wie wir tiefe Erschütterungen bewältigen

Autor: Jörg Fuhrmann
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 68

Krisen werden in der heutigen säkularen Gesellschaft als unerwünschte psychische Störungen betrachtet. Sie können aber innere Übergangs- und Entwicklungsprozesse sein, die zu Wachstum führen. Auch die Ausbildung höherer geistiger Fähigkeiten wie z.B. Heilkräfte, höheres Wissen und spirituelle Öffnung kann von Krisen begleitet sein. Die Mythen ebenso wie schamanische Traditionen enthalten dazu eine Fülle von Motiven. In der modernen transpersonalen Psychologie werden diese Krisenprozesse deshalb einfühlsam, respektvoll und konstruktiv behandelt. Wir erkennen: Krisen sind keine Schande sondern eine Chance und manchmal sogar eine echte Gnade!

Wir leben in einer als dualistisch wahrgenommenen Welt, die sich uns in den uns umgebenden Gegensätzen zu erkennen und zu erfahren gibt. Neben den wahrgenommenen Spannungsverhältnissen des Gegensatzes können auch Harmonisierungserfahrungen in den Polaritäten durch gegenseitige Ergänzung und harmonische Balancierung erlebt und verstanden werden. Ganzheitliche Heilung und vollkommene Vernichtung, Krise auf der einen und Gipfelerlebnisse auf der anderen Seite, sind so verstanden mitunter zwei Seiten der gleichen Medaille.

Carl Gustav Jung

Laut Carl Gustav Jung wird man nicht erleuchtet, indem man sich eine Erleuchtung vorstellt, sondern indem man sich die Finsternis bewusst macht.

Oftmals pendeln wir zwischen den Extremen hin und her oder sind in einem öden Dasein voller Gleichförmigkeit gefangen, welches eben diese ekstatischen Erfahrungen oder tiefen Erschütterungen nicht mehr zu kennen scheint, weil alles in scheinbarer Sicherheit dahinplätschert. Ganz gleich, was den alltäglichen Status Quo ausmacht: es kann im Grunde jeden Moment sein, dass etwas ganz anderes sich den Raum nimmt, uns zutiefst zu erschüttern, uns zu durchdringen, zu erfassen und jenseits all unserer Haltegerüste in einen Bereich hineinstellt, welcher absolut fremd, bedrohlich und aussichtslos erscheint.

Wozu die Krise?

Streben wir nach holistischer Potenzialentfaltung und umfassendem persönlichem Wachstum, so bedarf es der Befassung mit der Krise – genauer mit der existentiellsten und bedrohlichsten aller Krisen: der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit, der Illusion des Ichs und der Welt-Wahrnehmung an sich sowie mit Angst, Dunkelheit, Leid, Ohnmacht, Schmerz und Verlassenheit. Denn laut Carl Gustav Jung wird man nicht erleuchtet, indem man sich eine Erleuchtung vorstellt, sondern indem man sich die Finsternis bewusst macht. Freilich ging es dem klassischen Urheiler nicht um so etwas wie »Erleuchtung« in dem Sinne, wie wir es heute verstehen, sondern er folgte einer äußeren Berufung bzw. einem inneren Auftrag: Er geleitet mit der Unterstützung seiner Hilfsgeister, Dämonen, Devas oder Engel die Seelen der Verstorbenen in die Anderswelt oder er heilt Schwerkranke in der diesseitigen Welt.

Krise als Wachstumschance

Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen dürfen.

Um all dies vollbringen zu können, ist es notwendig, dass er das »Elixier« zuvor selber gekostet und den Weg in die Tiefe vollzogen hat. Dies erfolgte teilweise auf derart drastische Weise, dass die anwesenden Stammesangehörigen den Berufenen in Trance kurzfristig für physisch tot hielten. Explizit in der Nachtmeerfahrt C. G. Jungs lässt sich erkennen, wie relevant eine Reise in diese – die eigene – Unterwelt, auch in der Neuzeit, vor allem für die heilende Tätigkeit und auch für die ganze Entfaltung einer gereiften Persönlichkeit ist. Denn wirkliches Wachstum, so wissen die »Alten«, findet vor allem in Finsternis, während Labyrinthgängen und in Zeiten der Crisis statt.

Die Geschichte von Dyukhade: eine schamanische Initiation

Dyukhades Geschichte offenbart vielfältige Aspekte der ursprünglichen Ansichten bezüglich der existentiellen Lebensthemen von Tod und Wiedergeburt. Dyukhade beschreibt seine Initiation gleich einer Prüfung, auf die er vom Ehemann der Herrscherin des Wassers, dem großen Herrscher der Unterwelt, geschickt worden war. Er habe zu reisen auf dem Pfad jeder Krankheit mit Wiesel und Maus als seine Führer an seiner Seite. Seine Begleiter führten ihn in die Unterwelt und dort zum höchsten Punkt, auf dem sieben Zelte standen. Wiesel und Maus warnten Dyukhade davor, dass die Menschen in den Zelten Kannibalen seien. Trotzdem wagte er es, in die Zelte einzutreten. Im mittleren Zelt wurde er auf der Stelle verrückt. In diesem Zelt fand er den Meister seines Wahnsinns. In einem weiteren Zelt traf Dyukhade auf den Meister der Verwirrung und in einem dritten Zelt einen Meister der Dummheit. Dyukhade sah sich in jedem Zelt um und gewann Vertrautheit mit allen menschlichen Krankheiten. Danach führte er seinen Weg fort und kam an ein endloses Meer, an dessen Ufer Bäume und Gräser wuchsen. Dyukhade erblickte sieben flache Felsen und erklomm einen von ihnen. Dieser tat sich auf und Dyukhade erblickte Zähne und eine Höhle im Felsinneren. »Ich bin der Stein, der die Erde niederdrückt, damit der Wind sie nicht davon tragen kann.«, verkündete der Fels. Da öffnete sich ein zweiter Fels und sprach: »Alle Menschen sollen aus meinen Steinen Eisen schmelzen.« Ein Fels nach dem anderen berichtete Dyukhade, wie er von den Menschen genutzt werden könne. Dann ging Dyukhade durch die Öffnung des letzten Felsen. Dort saß ein nackter Mann und schürte ein Feuer über dem ein runder Kessel hing, so groß wie die halbe Erde. Als Dyukhade erblickt wurde, nahm der Nackte eine Zange, so groß wie ein Zelt, packte ihn, hielt ihn fest und schnitt ihm den Kopf ab. Der Nackte zerteilte Dyukhades Körper in kleine Stücke und warf diese in den Kessel zum Kochen.

Trance, Ekstase und Traumerleben sind dem Tode artverwandt

Trance, Ekstase und Traumerleben sind dem Tode artverwandt.

Drei Jahre lang kochte der Körper über dem Feuer, bis der Nackte Dyukhades Kopf nahm, ihn auf einen Amboss legte und mit einem Hammer beschlug. Er tauchte den Kopf in kaltes Wasser und härtete ihn so. Endlich nahm der Nackte den Kessel vom Feuer indem Dyukhades Körper schon so lange gekocht hatte, dass alle seine Muskeln sich von den Knochen getrennt hatten, und goss den Inhalt in einen anderen Behälter. Dyukhades konnte in seiner Geschichte – aus seinem normalen Bewusstseinszustand heraus erzählt – nicht mehr genau sagen, aus wie vielen Stücken genau sein Körper besteht, aber er wusste noch, dass Schamanen mehr Muskeln haben und zusätzliche Knochen, so dass er zwei Muskeln und einen Knochen nehmen konnte, um aus dem Wasser herauszuklettern. Da sagte der Schmied zu ihm: »Dein Knochenmark hat sich in einen Fluss verwandelt.« Und tatsächlich ergab sich in der Hütte ein Fluss, auf dem Dyukhades Knochen davon zu schwimmen begannen. Der Schmied nahm seine Zange, fischte alle Knochen aus dem Fluss heraus und setzte sie neu zusammen. Sie überzogen sich mit Fleisch und Dyukhades Körper erhielt sein ehemaliges Aussehen zurück. Auch der Schädel wurde dem Körper wieder zurückgeführt. Aber bevor Dyukhades gehen konnte, ersetzte der Schmied seine Augen durch Neue und durchbohrte seine Ohren mit seinen eisernen Fingern. »Jetzt bist Du in der Lage, die Sprache der Pflanzen zu verstehen.«, gab der Schmied mit auf den Weg und Dyukhades fand sich wieder auf einem Berg, wo er sich selbst nach kurzer Zeit in seinem eigenen Zelt erwachen sieht. Neben ihm saßen seine bekümmerten Eltern.

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Jörg Fuhrmann

Jörg Fuhrmann

Promotionsstudium (Transpersonale Psychologie), Gestalttherapeut (ECP/ WCP), Transpersonaler Therapeut & Supervisor (EUROTAS), Hypnosetherapeut & Hypnotrainer (NGH™), Psychodynamisch Imaginative Trauma-Therapie® (PITT), Holotropes Atmen (GTT), Spiritual Emergence Network (SEN), Uni-Dozent, langjährige weltweite Ausbildung u.a. bei Claudio Naranjo, Stan Grof & traditionellen Schamanen, Schüler von Willigis Jäger.

Webseite von Jörg Fuhrmann: www.freiraum-institut.ch

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie im Gesamtartikel die spannende Interpretation der Geschichte Dyukhades sowie die psychologische und spirituelle Erklärung der Krisen. Krisen sind keine Schande sondern eine Chance und manchmal sogar eine echte Gnade!

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