Mannsbilder

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Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Mann/Frau
Ausgabe Nr: 61

 

Unter dem Titel »Männerzeit: Wirksamkeit und Kontakt« fand vom 31. August bis 4. September 2014 ein Männerkongress statt, auf dem der Frage nachgegangen wurde, was ein Mann ist und wie eine fortschrittliche männliche Identität, jenseits von Patriarchat und Softietum, aussehen könnte.

 

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Frauen emanzipiert und mit der Frauenbewegung ein neues weibliches Selbstbewusstsein entwickelt, bei dem sich die Frauen aus ihrer gesellschaftlichen und familiären Unterdrückung befreit haben und nun als eigenständige und starke Persönlichkeiten eine immer maßgeblichere Rolle in der Gesellschaft spielen. In der gleichen Zeit wurden männliche Werte und Qualitäten abgewertet, Männlichkeit wurde vielfach disqualifiziert und auch die Reaktion fortschrittlicher Männer selbst folgte zunächst der Emanzipation mit dem Ruf nach Gleichberechtigung und Respekt vor den Frauen, was zu einer Angleichung der Männer und der ganzen Gesellschaft an weibliche Qualitäten führte. Das geflügelte Wort vom »Softie« machte die Runde. Unterm Strich sehen sich die Männer indes heute einer tiefen Verunsicherung gegenüber gestellt, was ihr männliches Selbstverständnis betrifft. An dieser Stelle setzte der Kongress an und ging der Frage nach, wie ein fortschrittliches Verständnis von Männlichkeit aussehen könnte.

 

Männer sehen sich heute einer tiefen Verunsicherung gegenüber gestellt, was ihr männliches Selbstverständnis betrifft.

 

Es war eine sehr berührende Erfahrung für mich, vier Tage mit 36 Männern zu verbringen, die aufgeschlossen und bereit waren, ihre männliche Identität zu erforschen und gegebenenfalls neu zu erleben. Die Atmosphäre war getragen von großer Wertschätzung und gegenseitigem Respekt. Es war erstaunlich für mich, diese Männer zu erleben, denn sie haben ihre weiche Seite, ihre Gefühle, ihre Freude, ihre Tränen offengelegt und zeigten sich in einer Ehrlichkeit, die selten ist. Nie erlebte ich eine Situation von destruktiver Konkurrenz oder Rangkämpfen. Die Männer zeigten sich durchaus in ihrem Profil und kantig. Es ging nicht darum, die besseren Frauen zu sein. Im Gegenteil, wir diskutierten und erforschten unser männliches Herz und gingen der These nach, dass auch unsere weiche und gefühlvolle Seite nicht unbedingt unsere »weibliche Seite« ist, sondern dass wir es hier mit männlichen Gefühlen zu tun haben, die leider bisher wenig erforscht sind, weil sie aus vielerlei Gründen gepanzert und unterdrückt wurden. Männer durften ihre Gefühle nie zeigen, doch wir fanden heraus, dass das männliche Herz sehr sensibel und verletzbar ist.

Es war schön für mich zu erleben, dass auch ein großer und stark auftretender Mann seine schwache Seite zeigte und in Liebe mit den anderen in Kontakt war. Genauso schön war es für mich mitzuerleben, wie ein kleiner, schüchterner und schwächlicher Mann vortrat und mit fester Stimme seinen Standpunkt behauptete. Hier kamen die Polaritäten zu einem Ausgleich und was dabei entstand, war ein großartiges Panorama von männlichen Qualitäten und Eigenschaften, eine Bandbreite in jedem einzelnen Mann, wie ich sie in der Alltagsgesellschaft so gut wie nie erleben darf. Es war für mich eine heilsame Erfahrung zu erkennen, dass auch das Mannsein ist. Es war heilsam für mich, in dieser Runde angenommen und willkommen zu sein. Es inspirierte mich, über meine eigene ganz persönliche Definition von Mannsein nachzudenken und in mich zu lauschen, um diese Bandbreite und diese vielfältigen Facetten zu finden. Es gibt kein festes Modell davon, was ein moderner, neuer Mann ist. Es ist liegt an uns selbst, dies neu zu definieren. Es ist jenseits von Macho und Softie, und sicherlich wird dieser neue Mann eine integrale Persönlichkeit darstellen, die archaische Männlichkeit und Sensitivität, Standhaftigkeit und Sanftheit, Bestimmtheit und Offenheit in sich vereinigt.

 

Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit

 

Diese Männerzeit stand nur zu einem kleinen Teil unter dem Zeichen der intellektuellen Aufnahme von Wissen. Viel wichtiger waren die Körperübungen und Paarübungen. Es ging um das Fühlen und das Nach-innen-Gehen. Wir tanzten und meditierten viel und übten immer wieder die Begegnung und den Kontakt. Dieser war teils schweigend und teils in Form des Gesprächs, oder wir gingen in die aktive Handlungsebene.
Eine interessante Übung, die mir nachhaltig im Gedächtnis blieb und mich tief beeindruckte, war eine Konkurrenzübung. Ein Vormittag stand unter dem Thema »Konkurrenz und Kooperation«. Männer lieben es durchaus, sich zu messen und zu vergleichen. Dies kann als eine konstruktive Form von Konkurrenz verstanden werden. Wem das Wort nicht gefällt, mag dafür Wettbewerb oder ähnliches einsetzen. Die Übung ging folgendermaßen: Zwei Männer standen sich im Abstand von ca. 6 m gegenüber. Der eine hatte die Aufgabe, in aller Bestimmtheit auf ein Ziel hinter dem anderen Mann zuzugehen und ihn zu »überrennen«. Der andere hatte die Aufgabe ihn zu stoppen, ohne dabei körperliche Gewalt einzusetzen. Diese Übung sollte uns mit unserer Entschlossenheit und Standhaftigkeit in Kontakt bringen. Es zeigte sich, wer stark und bestimmt genug war bzw. wo noch Hemmungen oder Ängste vorhanden waren. Und es fand sich ein Punkt, wo das »Stopp« so stark war, dass der andere tatsächlich stehen blieb. Es war eine Übung, die ich als sehr energetisch und befriedigend erlebte und wo ich klar erkennen konnte, wie diese konstruktive Konkurrenz unter Männern, dieses Sich-Messen eine positive Funktion hat, wie sie mich belebt und in die Präsenz bringt.

 

Männer durften ihre Gefühle nie zeigen, doch wir fanden heraus, dass das männliche Herz sehr sensibel und verletzbar ist.

 

Der Begriff der Präsenz spielte überhaupt eine große Rolle und die Teamleiter der Gruppe, alles erfahrene Männertrainer, erklärten, dass Präsenz tatsächlich die wichtigste Qualität des Mannes ist. Darunter ist eine Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Moment zu verstehen, wo der Mann hellwach und mit seiner ganzen Aufmerksamkeit anwesend ist. Insbesondere in Beziehungen und auch gerade in der Mann-Frau-Beziehung ist die Präsenz des Mannes von entscheidender Bedeutung für einen gelingenden Kontakt, der auch die Frau in ihre Kraft bringt.

Wir machten viele Übungen, darunter auch zum Thema Vater, wo es den Männern möglich war, ihre eigene Situation als Junge und den Kontakt zu ihrem Vater nachzuerleben und nachzunähren. Wir stellten zum Beispiel die Frage, was uns als Junge wichtig gewesen wäre, von unserem Vater zu hören. Es ist bekannt, dass die Nachkriegsgenerationen Generationen ohne Väter sind, weil sich diese Männer, deren Männlichkeitsideal durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt worden war, nur noch in ihrer Arbeit versteckten und in den Familien als emotionale und moralische Instanz oft nicht präsent waren. Vielen von uns heutigen Männern fehlt die ermutigende Kraft des Vaters, der hinter ihnen steht und sie auf ihrem individuellen Weg bestärkt. Vielen von uns wurde der individuelle Weg abgesprochen oder diskreditiert. Auch mir fehlte diese Ermutigung meines Vaters, der meinen Weg des Schreibens und der Philosophie nicht nachvollziehen konnte, weil er als Kriegskind nie richtig lesen und schreiben gelernt hatte. Er konnte mich darin nicht ermutigen und zog sich stattdessen zurück. Wir machten diese Übung zu dritt. Zuerst sprach ich darüber, was ich von meinem Vater gerne gehört hätte. Dann legte ich mich rücklings in den Schoß des einen Mannes, der mich von hinten umarmte und festhielt, und der dritte Mann übernahm die Rolle des Vaters und wiederholte mit seinen Worten und seinen Gefühlen das, was ich zuvor gesagt hatte. Es tat unendlich gut, diese Worte zu hören. Auch wenn er nicht mein echter Vater war, so konnte ich doch sehr deutlich spüren, wie mein inneres Kind sich nach diesen Worten sehnte und welche tiefe Bedeutung sie für meine Seele haben.

 

Es tat unendlich gut, diese Worte zu hören.

 

Der körperliche Kontakt, der direkte Augenkontakt, die Empathie und die gesprochene Sprache bringen emotional sehr viel in Bewegung und können tiefe Schichten der Psyche ansprechen und dort Heilung bewirken. Mich berührte es zutiefst, ich musste weinen und fühlte zugleich diese unendliche Erleichterung, die aus diesen ermutigenden Worten entstand. Es bestärkte mich darin, meine individuelle Neigung gut zu finden, sie als wert zu erachten und meinem Weg des Herzens zu folgen. Da war auch der Schmerz darüber, dass mein wirklicher Vater dies nicht zu tun vermocht hatte. Aber in dem Fühlen dieses Schmerzes konnte der Schmerz auch aufhören und einer tieferen Liebe zu mir selbst und zu meinem Vater Platz machen. Hier wurden wirklich alte Verletzungen geheilt, die durch dieses Nicht-erkannt-worden-Sein und Nicht-gefühlt-worden-Sein in der Kindheit entstanden waren. […]

Direkt im Anschluss fand der Frauen-Männer-Kongress statt. Lesen Sie über das Zusammentreffen der Frauen und Männer, um im direkten Austausch die Geschlechterbeziehungen auf eine neue Ebene zu bringen.

 

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Mannsbilder - Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit
Eine neue Kultur der Liebe - Bericht vom Frauen-Männer-Kongress
 
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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 37: Harry Kirchner – Dionysos. Initiatische Männergruppe
TV 52: Themenheft »Mensch Mann!«
TV 60: Themenheft »Mann-Sein«

 


 

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