Meditation für Skeptiker

Meditation für Skeptiker

Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst, Teil 2

Autor: Dr. Ulrich Ott
Kategorie: Spirituelle Kulturen / Meditation
Ausgabe Nr.: 48

 

Ott erforscht als Psychologe am Bender Institute for Neuro Imaging meditative Zustände des Gehirns. Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews zum Unterschied von Fühlen und Denken, den Filtermechanismen, die uns von der mystischen Schau abhalten, Depressionen, freier Willen, Ich, Ich-lose Zustände, nicht-materielle Subjektivität und Meditation. Eine spannende Recherche an den Grenzen der Wissenschaft. Hier wird Meditation zum erkenntniskritischen Instrument, um der Realität auf die Spur zu kommen.

 

Ulrich Ott

 

Tattva Viveka: Ich forsche gerade viel über den Unterschied von Gedanken und Gefühlen.Wir sind in unserer kognitiv geprägten Kultur erstmal der Meinung, dass die Gedanken uns steuern. Aber ich glaube mittlerweile, dass das nicht stimmt. Ich glaube, dass die Gefühle etwas früher da sind. Was haben Sie dazu zu sagen? Was prägt uns? Im Buch haben Sie geschrieben, dass es sowohl als auch ist. Sie schreiben auch über primäre Gefühle und über sekundäre Bewertungen.Wie sehen Sie jetzt die Prioritäten?

Ulrich Ott: Viel Motivation entsteht durch die Gefühle. Motivation heißt:Wir bewegen uns auf etwas zu oder wir bewegen uns von etwas weg, aufgrund von Gefühlen, die wir dazu haben. Wir bewerten etwas als angenehm oder als unangenehm. Oft sind Gedanken im Nachhinein eine Rationalisierung, ein Versuch, zu erklären, warum ich etwas auf diese oder jene Weise getan habe. Und man weiß heute, das Denken ist nicht das Primäre – da gibt es schöne Bücher, z.B. von Antonio Damasio »Ich fühle, also bin ich« – Gedanken sind eine sehr flexible Art und Weise, Repräsentationen zu bilden und stellvertretend-symbolisch Prozesse des konkreten tatsächlichen Lebens noch mal abzubilden. Das tun wir in Sprache. Darum können wir auch lesen und uns in einen Roman hineinfühlen. Wir verwenden einen Code von Symbolen, der auf dem eigentlichen Erleben aufsetzt. Wenn man nur noch auf dieser Ebene ist, reguliert sie tatsächlich viel von unserem Verhalten – ich finde, das kann man gerade gut in der Meditation spüren. Als Wissenschaftler kann ich das zumindest für mich sagen, da ich täglich Informationsverarbeitung betreibe, d.h. Texte schreibe und lese und sehr stark auf dieser kognitiv-gedanklichen Ebene beschäftigt bin. Aufgrund der Berufserfahrung sind das natürlich teilweise schon intuitive Prozesse, die da greifen. Aber ich habe das Ge- fühl, das ist eigentlich der Computer im Kopf, der in erster Linie arbeitet. Man nennt das »verkopft«. Da fehlt sehr viel Körperlichkeit und sehr viel Emotionalität. Und das finde ich an der Meditation so wunderbar: Wenn man in die Tiefe hineingeht und den Atem spürt und ganz bei dem ist, was man tut, dann bekommen die Begriffe undWörter wieder den Sinn, den sie ursprünglich hatten. D.h. sie sind nicht mehr so abstrahiert vom Leben, sondern man lebt tatsächlich. Für mich geht es darum, eben diese verschiedenen Ebenen ausgewogen zu verbinden und nicht nur in den Gefühlen zu schwelgen und keine Sprache dafür zu haben, denn das ist auch wieder gefährlich. Das Kognitive und den Verstand gilt es beizubehalten, aber man sollte ihn nicht imWeg stehen und dominieren lassen – zumal er das Problem beinhaltet, dass wir ihn nicht abstellen können. Das ist etwas, was sehr viele Studenten beklagen. Sie kommen in die Kurse zur Stressbewältigung und sagen: Ich kann den Verstand einfach nicht abschalten. So wie es Eckart Tolle sagt: Der Verstand hat uns geknechtet. Unser Verstand und unsere Sprache sind eine tolle Erfindung, aber wir sind so davon abhängig geworden, dass wir die anderen Ebenen des Seins, die zum Teil viel größer und weiter sind, vernachlässigen und verkümmern lassen. Das finde ich an der Meditation sehr schön, denn wenn sie erfolgreich ist, habe ich immer das Gefühl, es kommt zu einem Ausgleich. D.h. ich werde geistig offener, spüre intensiver und bin integrierter ganz da. Gerade nach intensiven Meditationen ist auch der Körper ganz da, nicht nur der Verstandesapparat, sondern ich spüre den ganzen Körper und er ist präsent. Es ist viel mehr Bedeutung und Sinn da, durch das Wieder-Fühlen. Fühlen, auch Körpergefühl in der Meditation wieder zu entwickeln, finde ich gerade hier im Westen extrem wichtig, während es vielleicht in manchen östlichen Traditionen eher darum geht, das Erlebte mehr kognitiv zu verarbeiten.

 

Ulrich Ott

 

TV: Ich sehe da mittlerweile vier Bereiche in unserem Gesamtbewusstsein: Körper, Emotionen, Kognitives und Spirituelles. Können Sie das unterstützen?

UO: Ja. Das ist ja genau das, was ich im Buch versuche: Ich fange die Meditation zunächst ganz direkt auf der physischen Ebene an: Sitzen. Ich habe einen Körper, einen Leib, der hat ein Gewicht, der hat eine Masse, ein Volumen, und das muss ich irgendwie im Raum bewegen. Dazu habe ich meine Muskeln. Und das ist die gröbste Ebene. Ich als physikalisches Objekt mit soundso viel Kilogramm Gewicht. Die zweite Ebene ist: Ich bin ein lebendiges Wesen, d.h. dieser Körper ist nicht tot wie ein Stück Fels, sondern er lebt, er atmet. Ein guter Indikator, um zu prüfen, ob jemand noch lebt, ist der Atem. Und dieser Atem ist auch für die Meditation ein sehr gutes Objekt. Mit dem Atem komme ich schön in den Bauch- und Brustraum und kann die Gefühle, die sich dort niedergeschlagen haben und oft unterdrückt sind, wahrnehmen und ins Bewusstsein zurückholen. Und das ist genau der Prozess, der in der Meditation eigentlich passiert, dass ich mich dem öffne, was an Traumata in meinem Körper sitzt. Das kommt alles zum Vorschein. Wenn ich nicht ständig beschäftigt bin und um meinen Alltag kreise, kommen die ganzen Gespenster aus der Vergangenheit hoch. Und wenn ich dann die richtigen Methoden habe, damit umzugehen, sie mir anzuschauen und sie nicht zu fürchten, sie aber auch nicht zu wollen, sondern sie nur mit Gleichmut anzuschauen, dann merke ich auf einmal, wie sie sich auflösen, wie ich immer freier und klarer werde. Und dieser Klärungsprozess ist für mich das Zentrale in der Meditation; dass ich hinterher nicht mehr ständig diesen suchenden und bewertenden Blick habe. Ich sehe es immer sehr schön, wenn ich aus einem Workshop oder aus einer sehr intensiven Meditation komme und zur Mensa gehe: Im Normalzustand läuft man einfach mit Scheuklappen von A nach B und hat schon einen Speiseplan, weiß schon, was man alles tun will und parallel denkt man noch darüber nach, welche E-Mails man danach schreibt, welche Dinge man im Meeting anspricht. D.h. man ist ständig in diesem Simulationsapparat gefangen, der Vergangenes und Zukünftiges koordiniert, aber man geht nicht den Weg von A nach B. Man ist nicht da und man sieht die Leute nicht, die da sind. Und wenn man sich durch die Meditation klärt und in den gegenwärtigen Moment erwacht und dann denselbenWeg läuft, dann treffen sich die Blicke. Man sieht irgendwie jeden. Es ist, wie wenn man sofort da ist. Es ist eine viel größere Präsenz, ein viel größerer Kontakt da. Man riecht auf einmal, es hat geregnet oder die Wiese wurde gemäht oder man hört Vögel. Man sieht einfach mehr, wer man ist und wo man ist. Und diese Öffnung ist, denke ich, ein sehr wichtiges Ziel der Meditation.

[…]

 

Bildnachweis: © Shutterstock, Bigstock

 

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