Mythos und Lógos

Ursprung und Untergang der Philosophía
von Prof. Dr. Peter Hubral

 

Mythos und Logos

 

In diesem komplexen Aufsatz verfolgt Hubral die Spur der philosophía, der »ersten Philosophie«. Diese betrachtet er als die ursprüngliche, mit einer spirituellen Praxis verbundene Erforschung der wirklichen Dinge. Im Wuwei-Prinzip des Daoismus findet er diese Quelle hinter dem Erschaffenen und Gewordenen und weist deren Kenntnis bei den Philosophen des alten Griechenland, des arabischen Raums und im Abendland nach. Sokrates, Suhrawardi, Paracelsus und andere werden ihm zu Gewährsleuten der spirituellen Dimension. Aus der ersten Philosophie, dem Logos, entstand die zweite, der Mythos. Diese zweite Philosophie ist eine nur mental und verbal verarbeitete, der der Anschluss an das Dao, das Pneuma, fehlt.

 

 

Die pythagoreische/platonische philosophía, mit Pythagoras, Sokrates und Platon als eminente Vertreter, gilt als Mutter der Philosophie. Die Mutter meditierte, um ihre Seele zu erforschen. Ihre Tochter weiß aber nicht, um was es dabei geht, auch wenn sie das Vokabular der Mutter benutzt und es zu verstehen vermeint. Was die Mutter uns mitteilen will, resultiert, wie ich zeige, aus der Anwendung des Wuwei-Prinzips, mit dem ich unter Anweisung von Dao-Meister Fangfu vertraut wurde. Ich habe es in Tattva Viveka 44 in Das Dao des Sokrates – Erkenntnis durch Nicht-Tun kurz so erklärt, wie es mir seit 1997 in Taijixue, der Taiji-Lehre, in meiner regelmäßigen Dao-Praxis zunehmend vertraut geworden ist. Es lässt mich die Mutter verstehen, die für mich nun jung und attraktiv aussieht, wohingegen ihre Tochter mit ihren ›untragbaren Behauptungen‹ über die Mutter ›ganz schön alt‹ und unglaubwürdig erscheint.

 

Vorwort

Parmenides (ca. 540–480 v.u.Z.) spricht von zwei Erkenntniswegen. Er nennt den meditativen Weg der ›Mutter (philosophía)‹ den ›Weg der Wahrheit (alétheia)‹. Für beide Wege gibt es umfangreiche Hinweise in der Literatur der philosophía und ihrem Äquivalent, der falsafah al-ula im Mittleren Osten. Damit meine ich die Lehre von Zarathustra (?–? v.u.Z.), die in gewissen Eshraqi- und Sufi-Schulen weiterlebte. Sie prägte, dem iranischen Illuminationsphilosophen Suhrawardi (1153/5–1191) zufolge, die griechische philosophía und umgekehrt. Sie besitzt für ihn eine Universalität, die andere Lehren, inklusive die der Pythagoreer und der ›Lehre von Buddha (Arab: budhasuf)‹, mit einschließt. Er nennt Hermes Trismegistos (?–? v.u.Z.) den ›Vater aller Philosophen.‹ Darauf verweist er in seinem Werk hikma al-ishraq (Philosophie der Illumination). Was er dort schreibt, lässt das Wuwei-Prinzip und die dazugehörige Lehre der drei Welten oder drei Seelen, die ich in diesem Artikel anspreche, erkennen. Beides steckt hinter verschiedenen platonischen Begriffen, wie z.B. dem, was Platon meléte thanátou (Praxis des Todes) oder geometría (Messkunst = metrétiké techné) nennt.

 

Die orientalischen Wurzeln der griechischen philosophía

Ex oriente lux! Die griechische Antike ist stark vom Orient beeinflusst und hat ihn wiederum geprägt. Pythagoras ist vermutlich in Syrien geboren und kam als Kind nach Miletus. Er folgte dort dem Rat von Thales (c. 624–ca. 546 v.u.Z.) – einem der sieben Weisen – nach Ägypten und in den Mittleren Osten zu gehen. Diogenes Laertius (ca. 412–323 v.u.Z.) schreibt über ihn:

 

… er ließ sich drei Silberflaschen machen und nahm sie mit als Geschenk zu den ägyptischen Weisen … Schon als junger Mann war er so durstig nach Weisheit, dass er seine Heimat verließ, um in die Mysterien und Praktiken nicht nur der Griechen, sondern auch in anderen Ländern eingeweiht zu werden. Er lernte die Ägyptische Sprache … und hatte Kontakt mit den Chaldäern and Persischen Magi.

 

In Ägypten schien er mit Nachfolgern von Salomon, dem Sohn Davids, in Kontakt gewesen zu sein (Walbridge, 2000). Nachdem er nach 22 Jahren von dort und von Babylonien nach Griechenland zurückkehrte, öffnete er seine Schule in Samos und Croton, wo er etwa 250 Schüler hatte. Er lehrte sie die geometría. Es heißt, er wurde ›von einer Jungfrau geboren‹, was damals eine Metapher für ›erleuchtet seinwar. Man weiß heute, dass er nicht der Urheber von a2 + b2 = c2 ist.

Ich zähle alle traditionellen Schulen, die das Wuwei-Prinzip einsetzten, zur ersten Philosophie (πρώτη φιλοσοφία). Diese ist als Dao-Lehre, die Fangfu zufolge vor etwa 7000 Jahren entdeckt und von Laozi im Daodejing erstmals zusammengefasst wurde, bis heute in Taijixue erhalten geblieben.

Der Unterschied zwischen beiden Erkenntniswegen kommt im Dialog zwischen Laozi (ca. 604–531 v.u.Z., Fangfu zufolge vermutlich viel älter) und Konfuzius (ca. 551–479 v.u.Z.) zum Ausdruck, den ich in Das Dao des Sokrates schildere. Ich vertrete dort, wie könnte es anders sein, den Standpunkt von Laozi, dem chinesischen Platon (427–347 v.u.Z.).

Beide Männer haben ihr außergewöhnliches, vorgeburtliches Wissen durch Daoxing (Platon: meléte thanátou oder geometría) erlangt. Dies war bei Konfuzius nicht der Fall. Daoxing lässt sich dem Daodejing ohne Hinweise eines Dao-Lehrers und eigene Erfahrung damit nur schwerlich entnehmen. Dies gilt ebenfalls für das Werk von Platon und anderen ersten Philosophen.

Kein Wunder also, dass z.B. Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831) mit seiner Behauptung, ›ein Daoist ist ein Mensch, der sich dem Denken ergibt, um sich zum Bewusstsein zu bringen, was das Wahre ist‹ aus daoistischer Sicht falsch liegt. Daoisten haben im Gegensatz zu ihm die Einschränkung der Sprache und des Denkens erkannt. Sie suchen das ›Wahre‹ mit Daoxing. Dafür ist Sprache und Denken ein Hindernis. Fangfu: Das Dao kennt keine Worte.

 

Übergang von der ersten Philosophie zur zweiten Philosophie

Ich sehe in Suhrawardi und dem Andalusier Ibn Al Arabi (1165–1240) zwei der letzten großen Vertreter der ersten Philosophie im Mittleren Osten und Europa, bevor sie ausstarb. Beide Männer haben sich dem ›schöpferischen Jenseits‹ meditativ zugewandt. Sie haben das, was sie dadurch erfahren haben, in Metaphern ausgedrückt, die mit denen von Platon gut übereinstimmen.

Diese wurden jedoch nach dem Untergang der ersten Philosophie von ›großen Denkern‹ und ›Meistern der Worte‹ so interpretiert, als ließen sie sich über Denken und Sprache erfassen. Zu ihnen zähle ich Dante Alighieri (1265–1331), der vermutlich über die Vermittlung von Brunetto Latini (1220–1294) mit dem Werke von Al Arabi, ein Meisterwerk der ersten Philosophie, vertraut wurde. Dante schreibt im 34. Gesang des Paradiso:

 

In seiner Tiefe sah im ›Dreiverein‹ die ›Dinge‹ ich, die im ›Weltall‹ sich ›entfalten‹, und ›Liebe‹ fasst in diesem Bund sie ein.

 

Hier nimmt er mit Dreiverein, wenn auch auf verdrehte Weise, Bezug auf die Lehre der drei Welten (Seelen). Siehe dazu den Anhang in Teil 2. Damit war Al Arabi vertraut. Er hat ihren Inhalt meditativ erfahren. Dante hingegen war, so wie Konfuzius und Hegel, davon überzeugt, er könne Weisheit – im Widerspruch zu Laozi, Platon, Suhrawardi und Al Arabi – ›in‹ und nicht ›hinter den Worten‹ finden, schreibt er doch:

 

Poesie gehört in den moralischen und ethischen Bereich der Philosophie; seine Qualität ist nicht spekulativ sondern praktisch, und ihr letztendliches Ziel ist es, den Zustand der Glückseligkeit für diejenigen zu finden, die nun ihr miserables Leben ertragen müssen.

 

Derartige Worte hätten Laozi, Platon, Suhrawardi und Al Arabi, so wie andere Meister der ersten Philosophie, die Worten kritisch gegenüberstehen, nie verfasst.

Auch hätten sie niemals akzeptiert, dass man sein ›miserables Leben‹ ertragen muss. Sie machen vielmehr Hoffnung, dass man durch Meditation und Üben sein Leid mindern kann. Darauf verweisen die Begriffe philosophía (falsafah al-ula), ›Dreiverein‹, ›entfalten‹ und ›Liebe‹, deren erfahrbare Inhalte Dante und seine Bewunderer wohl kaum erfassten, und die ich in diesem Artikel erkläre, soweit dies mit Worten möglich ist.

Wir finden eine ähnliche Situation wie bei Dante und anderen ›Großmeistern schöner Worte‹ auch bei Goethe (1749–1832) wieder. Er greift mit Hilfe von Hafez (1310–1337) auf altiranische Weisheiten zurück, die ebenfalls auf eine Verdrehung der ersten Philosophie mit ihrer Lehre der drei Welten hinweisen, schreibt er doch z.B.: Nur immer zu! Wir wollen es ergründen: In deinem Nichts hoff ich das All zu finden. Das, was die alten Perser und Griechen mit dem seelischen kósmos verbinden, hat nichts mit dem physikalischen Kosmos, All und Weltall zu tun. Dahinter steckt, auch wenn es Goethe selbst nicht gewusst haben mag, Daoxing, das im Iran noch bis mindestens ins 13. Jhd. überlebte.

Die philosophía mit ihrer Meditation ging dem Westen und Mittleren Osten verloren, während ihr Vokabular uns erhalten blieb, ihre Inhalte aber verdreht wurden. Ich habe unter Verweis auf den weit gereisten Historiker Mas’udi (ca. 895–956) aus Bagdad in Das Dao des Sokrates auf den Untergang der ersten Philosophie hingewiesen. Er schreibt in Weiden des Goldes (Meadows of Gold):

 

Von den Tagen der griechischen Antike bis zur frühen byzantinischen Zeit wuchs und entwickelte sich die ›griechische Wissenschaft‹. Gelehrte Männer und Philosophen waren in hoher Achtung. Sie erforschten die ›natürliche Welt‹, den menschlichen Leib, Vernunft und die Seele wie auch das quadrivium.

 

Die Wissenschaften wurden finanziell unterstützt, überall geehrt, weltweit befolgt; sie waren wie hohe Gebäude, die durch eine starke Basis unterstützt wurden. Danach erschienen die Christen im byzantinischen Reich, und die Lehrzentren wurden eliminiert, ihre Spuren wurden ausgelöscht und das ›Gebäude der traditionellen griechischen Kultur‹ wurde wegradiert. Alles, was die alten Griechen ans Licht gebracht hatten, verschwand, und die Entdeckungen der alten Weisen wurden bis zur Unkenntlichkeit verstellt.

 

Man findet eine detaillierte Dokumentation dieser Auslöschung im Buch Es Edaphos Pherein (Deutsch: Zerstört sie) von Vlassis G. Rassias. Was verloren wurde ist schwer zu begreifen, wenn man nicht weiß, was wegradiert wurde. Dazu soll dieser Artikel beitragen.

Ich zähle Paracelsus (1493–1541) zum Kreis derer, die noch mit ihren ursprünglichen Inhalten der alten Wissenschaften (ersten Philosophie) vertraut waren. Auch sein Vokabular stellt heutzutage, so wie das von Pythagoras (ca. 582–ca. 507 v.u.Z.), Sokrates (469–399 v.u.Z.) und Platon, Suhrawardi, Al Arabi und vielen anderen westlich-mittelöstlichen Meistern, von Dao-Meistern abgesehen, nur noch Worthülsen dar, die den Inhalt der ersten Philosophie kaum wiedergeben.

Anders ausgedrückt, Worte wurden nach dem Untergang der ersten Philosophie von Männern wie Dante ›in den Himmel gehoben.‹ Es ist deshalb aus daoistischer Sicht Hohn, so wie er ›schöne Worte (Poesie)‹ in den Bereich der Ethik und Moral der (ersten) Philosophie zu platzieren.

Der angebliche ›praktische Wert der Poesie‹, den Dante betont, ohne einen ersten Philosophen als Urheber seiner Begriffe zu erwähnen, kann den der meditativen Praxis der ersten Philosophen nicht ersetzen. Das bestätigt mir Sokrates, den ich später in Bezug darauf zitiere, wie Tugend zu erlangen ist. Gewiss nicht mit schönen Worten, wie es Dante suggeriert.

Daoxing: Schlüssel zur ersten Philosophie

Der Inhalt der ersten Philosophie lässt sich mit der Dao-Lehre, mit Unterstützung von Fangfu und eigener Übungserfahrung rekonstruieren. Damit hoffe ich, folgenden zwei Zitaten von Platon, der – in der Tradition alter Meister – in Worten ein Hindernis sieht, einen tiefgründigen Sinn zu verleihen, um das zu erkennen, was dahinter steckt: lógos.

 

Deine Entdeckung (der Worte) wird das ›Vergessen in der Seele des Lernenden‹ verursachen, denn sie werden sich nicht mehr erinnern; sie werden nur noch den ›externen Charakteren (Worthülsen)‹ trauen.

 

Lógos hat eine Seele, das (geschriebene) Wort hingegen ist nur ein Abbild.

Ich gebe in diesem Artikel, dank meiner Erfahrung mit der Dao-Lehre, vielen Wort(hüls)en der ersten Philosophie ihren lógos zurück, soweit dies mit Worten möglich, aber streng genommen nur mit Daoxing erfahrbar ist. Für mich ist das, was man heutzutage den Wort(hüls)en alter Weisheitsliteratur entnimmt, überwiegend mythos.

Dazu zählt auch das, was man mit sóma, psyché und pneúma verbindet, sind es doch ebenso Metaphern der philosophía mit Bezug zu Daoxing. Ihre ursprünglichen Inhalte sind tiefgründiger, als das, was man ihnen heutzutage zuweist. Um sie zu verstehen, erkläre ich als erstes einige Dao-Grundlagen, die sich aus Daoxing ergeben, erzeugt Daoxing doch alle Theorie der Dao-Lehre. Diese Aussage entspricht der von Platon:

 

Die einzige Aufgabe der philosophía kann in einem Begriff zusammengefasst werden: meléte thanátou (Praxis des Sterbens oder des Todes = Daoxing).

 

Ohne meléte thanátou lässt sich die philosophía nicht verstehen.

Unter der Voraussetzung, dass die ersten Philosophen außerhalb Chinas Daoxing einsetzten, müssen auch sie zu Begriffen gelangt sein, deren Inhalte äquivalent zu denen der Dao-Lehre (Taiji-Lehre) sind, so dass gilt: Dao-Lehre = erste Philosophie. Dazu ein Fallbeispiel: Das Äquivalent für philía, ohne die es kein Verständnis der philosophía gibt, ist z.B. Wuwei. Die daoistischen Äquivalente für sóma, psyché und pneúma sind Xing, Qi und Shen. Suhrawardi schreibt über Metaphern:

 

Das wahre Herz der Angelegenheit steckt in den Metaphern des Buches ›hikma al-ishraq (Philosophie der Illumination)‹. Aber wir diskutieren es mit niemanden außer unseren Praktizierenden auf dem Illuminationsweg.

 

Ich möchte betonen, dass ich mit den hier von mir revidierten Metaphern der ersten Philosophie nicht auf das verweise, was Mystiker, Gläubige und zweite Philosophen, die oft die gleichen Begriffe benutzen, in sie hinein interpretieren. Dies bin ich Fangfu schuldig, der sich, so wie alle Dao-Meister, von mystischer, religiöser und philosophischer Auslegung der Dao-Lehre von Autoren ohne Erfahrung mit Daoxing distanziert.

Auch er diskutiert die Metaphern der Dao-Lehre nur mit seinen Schülern. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht, so wie ich es hier versuche, auch Menschen bis zu einem gewissen Grad verständlich zu machen versucht, die nicht oder anders als in Daoxing üben und auch nicht üben wollen.

Man kann den Dao-Metaphern und Begriffen der ersten Philosophie andere, als die von mir in diesem Artikel vorgeschlagenen deutschen Übersetzungen zuweisen. Man wird ihre Inhalte aber erst dann erfassen, wenn man sie mit Daoxing ausfindig gemacht, d.h. also (über)sinnlich im Üben erfahren hat.

 

Mythos und Logos

 

1.0 Dao-Grundlagen

Der Dao-Weg ist die traditionelle chinesische Praxis des Yangsheng-Xiuzhen: Kultivierung des Lebens und Suche nach Wahrheit. Er bestätigt das Vorhandensein von Dadao (großes Dao), dem schöpferischen Universalgesetz, das alles ›aus sich heraus (aus sich entfaltend)hervorbringt und regelt. Dadao wird in Taijixue auch mit Taiji ausgedrückt und mit Daoxing in sich stetig ausweitenden Bewusstseinsebenen – den so genannten Taiji-Welten – erfahren. Fangfu:

 

In Taijixue unterscheidet man drei Ebenen der Welt: You, Wuyou und Wu. Jede hat ihre eigenen Gesetze und Wahrheiten. Es existieren drei Stufen in Daoxing, die es dem Praktizierenden ermöglichen sie ausfindig zu machen.

 

Damit drückt er aus, dass Daoxing die Zwischenwelt bzw. Mischwelt Wuyou zwischen dem bekannten Diesseits (You) und dem unbekannte Nichtsein oder Nichts (Wu) bestätigt. Diese nimmt die Rolle eines Übersetzers ein, der zwischen Wu in You vermittelt.

Das ›immer und ewig gebärende Wuyou‹, auch Taiji oder Dadao genannt, lässt alles in You entstehen. Dazu zählen Erfahrungen auf dem Dao-Weg von You zu Wu im Sinne von zunehmender Entspannung, Heilung, Erkenntnis, Tugend und Einsichten in den eigenen Ursprung. Sie sind das Resultat des Wiedererinnerns (anámnesis) an Verborgenes in uns. Dazu ein Fallbeispiel.

Platons Werk Meno beginnt mit der Frage: Kannst du mir sagen, Sokrates, ob Tugend (areté) gelehrt (also in Worte gefasst) werden kann? Sokrates, der Tugend auch mit meléte thanátou und ihren Äquivalenten geometría und metrétiké techné (sinnliches Ausmessen von éon = Taiji = Dadao) in Zusammenhang bringt, antwortet, dass diese nicht gelehrt, sondern dank regelmäßiges Übens durch ›Wiedererinnern (anámnesis)‹ erlangt werden kann.

Damit in You das Wiedererinnerte erscheint, muss eine ›Kraftaus Wu wirken, die alles Neue hervorbringt. Man nennt sie in der Dao-Lehre Wuwei: Wirken aus Wu. Sie wirkt im meditativen Nicht-Tun, was ebenfalls mit Wuwei ausgedrückt wird. Sie wird mittels Qi (Chi) erfahren. Dieses Qi wird mit den durch Daoxing wiedererweckten Sinnen erfasst.

Wuwei bewirkt auf dem Dao-Weg von You zu Wu, also dem sich selbst zu bahnenden Pfad durch die drei Welten You, Wuyou und Wu einen Wandel des Wahrgenommenen und des Bewusstseins, die nicht von einander zu trennen sind. Ich bezeichne beides als Existenzwahrnehmung.

Fangfu berichtet über die Entdeckung und Bedeutung von Qi, die von derjenigen von Taiji und Wuwei untrennbar ist:

 

Unsere Vorfahren haben das Qi im Zustand tiefster Stille entdeckt. Dabei haben sie weder ihren Leib willentlich bewegt noch ihren Willen eingesetzt. Nachdem sie das Qi erkannt hatten, analysierten sie es und begannen es zu benutzen.

 

Qi ist äußerst wichtig, aber normalerweise erkennt und versteht man es nicht. Es ist sichtbar und unsichtbar zugleich und fällt zwischen Wu und You, so dass man es nur wahrnimmt, wenn man dem Dao-Weg (von You zu Wu) folgt.

 

Die Wahrnehmung des Qi kommt ›aus sich heraus (auta kath‘hauta)‹ durch Wuwei, Nicht-Tun, zustande, was beinhaltet, dass diese sich auf dem Dao-Weg von Xing in You zu Shen in Wu wandelt. Wer mehr Details über die drei Welten, Seelen oder Dreiverein, die ›Entfaltung der Dinge‹ aus ihrem Ursprung im Nichts, also die auf dem Dao-Weg wandelnde Existenzwahrnehmung wie auch Wu, Wuwei (Platon: philía) und Qi (Platon: daimón) wissen will, sollte den Anhang konsultieren.

 

2.0 Dreiteilung der psyché (Seele) bei Platon

Die durch Daoxing sich stetig erweiternde Bewusstseinsebene und das damit Wahrgenommene, die beide dasselbe sind, kann aufgrund vieler Indizien nur dem entsprechen, was Taijixue die Taiji-Welten und Platon den idéon kósmos nennt. Dahinter steckt die sich stetig intensivierende Existenzwahrnehmung auf dem Dao-Weg.

Was man heutzutage aber der Übersetzung kósmos als Weltall (Dante) oder All (Goethe) wie auch der Übersetzung idéon kósmos als Ideenwelt, zuweist, ist etwas gänzlich anderes. Es ist mythos. Dies gilt auch für das, was man philía (Liebe) zuweist, sofern man sie nicht als Wuwei versteht.

Idéon kósmos ist die ›seelische Welt eidetischer Erfahrung‹, die ›Welt des inneren Sehens (Hörens, Riechens, usw.)‹, die mit dem sich von You zu Wu stetig ausweitendem Bewusstsein und Wahrgenommenen erfasst wird, dem man drei Stufen zuordnen kann.

Darauf verweist die Etymologie von idéon. Sie nimmt klar Bezug auf éon, eines von vielen Äquivalenten für Taiji (Dadao, Wuyou), was man meinen Buch Dao-Meister Platon entnehmen kann. Siehe dazu die Tabelle. Dort findet man auch platonische Äquivalente für You. Dort erfährt man, dass paideía nicht Erziehung im heutigen Sinn, sondern die stete Förderung eidetischer Einsichten im idéon kósmos durch einen Meister ist.

Auf das, was in der philosophía mit meléte thanátou auf dem Weg von You zu Wu als sich intensivierende Existenzwahrnehmung (über)sinnlich erfahren wird, verweisen sóma, psyché und pneúma wie auch phainómenon, noúmenon und noús.

Beide Tripletts müssen dem Triplett Xing (Existenz) in You, Qi (Mischexistenz) in Wuyou und Shen (Nichtexistenz) in Wu entsprechen, sofern man davon ausgeht, dass in den Schulen der philosophía Daoxing eingesetzt wurde, wofür es viele Indizien gibt und was ich im Folgenden stillschweigend annehme.

Das erste Dreiteilung (sóma, psyché, pneúma) verweist auf die drei Bewusstseins- oder Seelenzustände und das zweite (phainómenon, noúmenon, noús) auf das damit Wahrgenommene in den drei Welten (You, Wuyou, Wu). Zumal beides identisch ist, verweisen alle drei Dreiteilungen auf ein und dieselbe Existenzwahrnehmung, die sich mit Daoxing von You zu Wu erweitert.

In anderen Worten: das Bewusstsein oder die Seele (psyché) erweitert sich stetig von sóma zu pneúma und das damit Wahrgenommene (noúmenon) von phainómenon zu noús. Diese Erweiterung beschreibt Platon mit anabasis und anagogé. Dies erklärt, warum in Taijixue gilt:

 

Existenz (Qi) ist abhängig von der Wahrnehmung.

Eine Schlussfolgerung, die sich aus der Übereinstimmung der drei Dreiergruppen ergibt, ist: Qi = psyché = noúmenon. Die Gleichung Qi = psyché wird dadurch unterstützt, dass beide Begriffe mit Hauch (Dampf) übersetzt werden. Damit wird auf einen vertrauten Begriff aus You zurückgegriffen, um das anzudeuten, was sich dahinter verbirgt: Etwas (über)sinnlich Erfahrbares, das mit Worten kaum vermittelbar ist.

Selbstverständlich kann man sóma, psyché, pneúma, so wie auch Xing, Qi, Shen, mit Leib, Seele, Geist übersetzen. Dies führt aber leicht zur Verwirrung, wenn man unter sóma nur den greifbaren materiellen Körper versteht und nicht erkennt, dass sóma im Triplett (sóma, psyché, pneúma) das uns allen vertraute You-Bewusstsein und das damit ›Wahrgenommene in You (phainómenon)‹ ist.

Auch Platon benutzt sóma für das You-Bewusstsein, wenn er davon spricht, dass sóma für die psyché ein Grab (séma) sei. Damit meint er, dass die psyché, die sich in ihrem Umfang von sóma in You bis zu pneúma in Wu ausweiten, also sozusagen aufsteigen kann, im niedrigsten sóma-Zustand, im You-Bewusstsein, wie es Fangfu ausdrückt, nur die Hälfte dessen wahrnimmt, was sie mit Daoxing bis hin zum höchsten pneúma-Zustand bzw. Wu-Bewusstsein wahrnehmen könnte. Platon nennt sóma die ›psyché, die verloren hat.‹

Seine Äußerung über das ›Grab der psyché‹ ist als Ermutigung aufzufassen, die psyché (Seele, Bewusstsein, Wahrnehmung) von sóma zu pneúma zu erweitern, was mit Daoxing möglich ist.

In anderen Worten, mit Daoxing erfasst man noúmenon (Mischexistenz, Qi in Wuyou) im sich wandelnden Zustand von phainómenon (Existenz, Xing in You) bis hin zu noús (Nichtexistenz, Shen in Wu). Dies geht nur über eine Erweiterung der Sinne, wofür Platon das Wort sophros’yne benutzt, das in der Übersetzung ›Besinnung‹ nicht das wiedergibt, was dahinter steckt: erweiterte (über)sinnliche Wahrnehmung.

Es ist zu betonen, dass alle Dreiteilungen auf ein und dieselbe Existenzwahrnehmung verweisen müssen. Diese ist ›sinnlich spürbar‹ für diejenigen, die sie kennen und wird als ›übersinnlich‹ von denjenigen bezeichnet, die nicht wissen, um was es geht und nur darüber spekulieren können.

Zumal uns die griechischen Meister auch das Triplett theá, theón, theós überliefern, haben wir eine weitere Umschreibung für das, was hinter Xing, Qi, Shen steckt. Es geht dabei um Attribute der Existenzwahrnehmung. Sie verweisen auf theoría, das innere Sehen durch innige Weltabgewandtheit und Nicht-Tun, das Gegenteil von poíesis, Weltzugewandtheit und Handeln.

Ich verzichte auf eine Übersetzung des Tripletts theá, theón, theós, zumal ich mich auf keinen ›endlosen Streit‹ über die beste Wortwahl einlassen möchte. Was ich jedoch bemerken möchte, ist, dass theoría auf die dreistufige Existenzwahrnehmung hinweist. Dabei verweist das weibliche theá auf ›nehmen‹ in You, das männliche theós auf ›geben‹ in Wu und theón auf die Mischung von beidem in Wuyou, was im besten Einklang mit Daoxing ist.

Wer meint, die Dreiteilung sollte mit Göttin, Göttlich und Gott übersetzt werden, was oft geschieht, den möchte ich darauf hinweisen, dass es sich dann um religiöse Begriffe handeln würde, die nach dem Entstehen des Christentums auftauchten.

Ich berichte hier jedoch von einer gänzlich unreligiösen spirituellen philosophía aus vorchristlicher Zeit. Mein Anliegen ist es, sie mit der Dao-Lehre zu erklären und in Übereinstimmung zu bringen. Das geht nicht mit religiösen-mystischen Interpretationen. Würde ich sie akzeptieren, würde die philosophía nicht nur im Widerspruch mit der logischen Dao-Lehre sein, ich würde diese auch verzerren, was genügend Autoren im großen Umfang getan haben und immer noch tun. So wird z.B. Dao oft mit ›Gott‹ oder ›Der Herr‹ übersetzt, was Fangfu gänzlich kalt lässt. Goethe: Wie einer ist, so ist sein Gott. Deshalb ward Gott so oft zum Spott.

Wu gibt und You nimmt, was ein Verweis auf den selbstbewegten Existenzfluss von Wu zu You ist, der mit Daoxing (theoría) bestätigt wird. Von wo sonst als von Wu könnte alles Neue in You kommen? Wenn Goethe schreibt ›In deinem Nichts hoff ich das All zu finden‹, so ist dies nur ein blasser Abglanz dessen, was dahinter steckt – die Erfahrung des idéon kósmos auf dem Stufenweg! Hätte er Platon verstanden, dann hätte er erkannt, dass seine Worte in die unterste aller drei Welten fallen.

Alle Interpretationen der ersten Philosophie fallen in die Welt des Meinens, Glaubens und Für-Wahr-Haltens, womit Platon im Liniengleichnis das Diesseits, You, als Abbild von eón, Wuyou, umschreibt. Wie anders betrachten da doch Konfuzius, Dante und Goethe ›ihr wortreiches Geschäft.‹ Gewiss nicht so wie die Meister, die das, was dahinter steckt, mit Daoxing (theoría) erfahren haben.

Qi, psyché, noúmenon und theón müssen sich auf die Mischexistenz in der Mischwelt, Wuyou, beziehen. Darauf nimmt die Etymologie von theón und noúmenon bezug. theón verweist auf eón = Wuyou.

Auch noúmenon deutet mit noú(s)(phainó)menon an, dass es sich um Mischung von wie auch Vermittlung zwischen noús (in Wu) und phainómenon (in You) handelt. Dies erklärt, warum Platon immer wieder die Wichtigkeit der (schöpferischen) Mischung betont, die alles Neue in You hervorbringt, die aber gedanklich und sprachlich unfassbar ist.

Zum Neuen zählen nicht nur außergewöhnliche, sondern auch alltägliche Einsichten und Erfahrungen. Sie alle sind Mischung aus Unbekanntem (Wu) und Bekanntem (You). Sie können folglich nicht unser eigen sein, definieren wir uns doch anhand des Bekannten. Sie werden vielmehr in Wuyou, mit dem wir im willentlichen Kontrollverlust verschmolzen sind, aus sich heraus geboren. Platon in Timaios:

 

…nur das daimónion (Wuyou) hat zulängliche Einsicht, der Mensch (der sich anhand dessen definiert, was er weiß) kann nichts (Neues) vollbringen.

 

 

Es sollte deshalb einleuchten, dass all das, was ich bisher als Weg von You zu Wu angedeutet habe, dem entspricht, was hinter den sokratischen Worten steckt: Erkenne dich selbst. Goethe äußert sich negativ dazu, was belegt, dass sein Verständnis der ersten Philosophie nur oberflächlich ist:

 

Hierbei bekenne ich, dass mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe ›Erkenne dich selbst‹ immer verdächtig vorkam, als eine List geheimverbündeter Priester, die einen Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und […] zu einer inneren falschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt sich nur selbst, wenn er die Welt kennt […]. Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst kennen lernen, sich nie als Objekt betrachten. Andere kennen mich selbst besser als ich mich selbst.

 

 

Darauf kann ich nur antworten: Herr Goethe, es geht nicht darum, sich selbst als Objekt zu betrachten. Es geht darum, sich selbst zu erfahren. Hätten sie einen Dao-Meister getroffen, hätten Sie ihre Worte nicht formuliert.

Wo hat Geheimrat und Freimaurer Johann Wolfgang von Goethe sein ›Wissen‹ über die erste Philosophie her, schreibt er doch so kluge Worte darüber, wie Er ist ein heller Geist und also ungläubig und Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum (den man jedoch oft nicht als Irrtum erkennt). Nur aus Büchern und von geheimverbündeten Freimaurern?

Ich kann nur allzu gut verstehen, dass er von ›geheimverbündeten Priestern‹ nichts wissen will. Auch ich nicht. Taiji-Praktizierende würden sich ›totlachen‹, wenn man ihren Taiji-Lehrer als Priester oder, so wie es ›platonische Höhlenmenschen‹ immer wieder in Bezug auf gewisse Altmeister behaupten, als Mystiker, Shamanen, Propheten usw. bezeichnen würde. Wo bleibt da, Herr Goethe, ihre Einsicht in: Es irrt der Mensch, solang er strebt. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 03: Ronald Engert – Platon und die Bhagavad-gita
TV 08: Ronald Engert – Geist, Leben und Materie. Von der Physik zur Metaphysik
TV 22: Dominik Irtenkauf – Weisheit der Liebe. Der Sufi-Mystiker Shahab ad-Din Sohrawardi
TV 25: Dr. phil. Georg Zimmermann – I Ging. Das Buch der Wandlungen
TV 43: Lothar Diehl – Pythagoras und die Pythagoreer
TV 44: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Sokrates

 

 

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