Rilke – Weltinnenraum

Eine jahreszeitlich-philosophische Reise mit Rilke

Autor: Frauke Banz
Kategorie: Literatur
Ausgabe Nr: 62

 

 

Unser Leben bewegt sich in Rhythmen. Alle Dinge tauchen auf, gipfeln und vergehen wieder. Eingebunden in die Zyklen der Natur erleben wir Menschen Phasen von Werden und Vergehen, innere Räume von Geburt, Reifung und Tod.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) beschreibt wie kaum ein Anderer und manchmal mit einer solch wehmütigen Leidenschaft das Leben und seine Rhythmen, dass er mir über die Jahre sehr ans Herz gewachsen ist. So, als würde er zuweilen direkt daraus sprechen …

 

Besonders berührt hat mich seit jeher sein Begriff ›Weltinnenraum‹. Ein Wort, das Rilke in einem wundervollen Gedicht geprägt hat:

 

»…Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.«

Das Inselschiff / Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen, 1914

 

Wenn es so ist, dass alles für uns Sicht –, Erleb – und Spürbare unentwegt im inneren Raum geboren wird und dann äußere Gestalt annimmt, konnte Rilke diesen Raum zwischen Mensch und Natur, zwischen Körper und Geist, zwischen Innen und Außen hier für einen Augenblick erhaschen.

Oft findet der Dichter Gleichnisse seines Innenlebens in der Natur, stellt Bezüge und Bilder her, die die Grenzen der üblichen Betrachtung aufheben. Seine Sprache hat eine wundersame Melodie. Wie eine Ahnung berührt sie, was kaum zu sagen ist.

Innere und äußere Natur

»Sich der Natur zuwenden, das Ewige dem Vergänglichen, das im tiefsten Gesetzmäßige dem vorübergehend Begründeten vorziehen!« ruft Rilke. Als könnten wir dort (draußen) in der Natur finden, was uns (drinnen) hervorbringt. Nein, vielleicht, was alles hervorbringt!

Wenn wir also jetzt in diesen Tagen die dunklen, stillen Stunden hinter uns lassen, die Narrenkappe aufsetzen, Scherze machen und tiefer atmen, freier tanzen wollen; wenn das Licht zurückkehrt, die neue Saat auf die Felder fällt und kaum später die ersten grünen Spitzen aus bisher schlafenden Zweigen hervorbrechen – passiert das in uns oder in der Natur?

Folgen wir doch dem Aufruf des Dichters und schauen wir uns einmal an, was das Ewige und Gesetzmäßige im Rhythmus der Jahreszeiten ist und ob wir mit Rilkes wundervollen Sprachbildern Gleichnisse finden, für das, was in uns, aber auch in unseren Stimmungen und Taten geschieht.

Da der Frühling sich vorbereitet, wollen wir ihn hier zum Anlass für nähere Betrachtungen nehmen. Noch im Februar weicht langsam die schwere, starre Kälte aus den Gliedern der Äste und Zweige. Die Sonnenstunden werden mehr, es wird heller, der Himmel scheint klarer, die Landschaft weiter.

 

»… Siehe ich lebe! Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft werden weniger.
… Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen.«

Duineser Elegien, 1923

 

Februar ist Narrenzeit! Wir springen heraus aus der Starre des Winters, verkleiden uns, schlagen dem Ernst ein Schnippchen und so mancher Scherz trägt die Weisheit in sich, die wir in den letzten dunklen Monaten (in uns) erkannt haben.
Im März scheinen die Horizonte wieder zu verschwimmen. Die Natur wird weicher, zarter und ist oft noch in jene Nebelschwaden gehüllt, die entstehen, wenn die Erde zu atmen beginnt. Sanft und müde erwacht sie zum Leben. Hier und da blinzeln grüne Blattspitzen hervor und lassen ahnen, was kommt.

 

»Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben.
Dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben…«

Berlin, 1898

 

Eine Zeit der Ahnungen und Vorbereitungen. Wir träumen und schlafen noch viel – die berühmte Frühjahrsmüdigkeit. Was beginnen will, ist nicht konkret. Wir spüren das Neue und Helle, aber noch hat es nicht die Kraft, eine deutliche Form anzunehmen. Oft ist dies eine stille, nach innen schauende, an-wärmende Zeit für uns.

 

Rilkes Weltinnenraum

 

Der April kommt ungestüm daher. Wir kennen seine hervorbrechende Kraft, wenn er mit wilden Wettern, Eishagel und Sonnenschein den lauen Träumen ein Ende macht. Diese Kraft ist es auch, die die ersten Knospen sprengt, fast scheint es, als wolle die Natur explodieren. Über Nacht, plötzlich, ist alles grün.

 

»Ich will ihn preisen. Wie vor einem Heere
die Hörner gehen, will ich gehen und schrein.
Mein Blut soll lauter rauschen als die Meere,
mein Wort soll süß sein, dass man sein begehre,
und doch nicht irre machen, wie der Wein.«

Das Stundenbuch/ Das Buch von der Armut und vom Tode, 1903

 

Wir stürmen ins Freie, dem Impuls folgt die Tat. Die Joggingschuhe werden aus-, die Wintersachen entschlossen weggepackt. Wir werden konkret, treiben Sport, setzen Pflanzen in die Erde. Das Leben scheint unbesiegbar.

Im Mai endlich locken die Blüten in voller Pracht. Schwer und duftend hängen die Zweige. Die Sinne tanzen, der Wind ist sanft und voller Süße. Die stärker werdende Sonne macht uns offen und fröhlich. Wundervoll beschreibt Rilke die unbeschwerte Lebensfeier in diesem Gedicht:

 

»Du musst das Leben nicht verstehen
dann wird es werden wie ein Fest
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.«

Mir zur Feier, 1909

 

Genuss und Leichtigkeit, Sinnenfreude, Duft und Sorglosigkeit liegen in der Luft. Wir verlieben uns in das Leben und feiern seine Schönheit.

Lebens-Raum

All diese Phasen erleben wir in unserer Kindheit und Jugend deutlich, aber auch in späteren Lebensperioden sind sie als wiederkehrender Rhythmus enthalten. Was in der Natur geschieht, findet sich stets auch in uns wieder. Als Gefühl, Eindruck oder Wahrnehmung. Als Stimmung, Impuls oder Ausdruck. Wo ist also die Grenze zwischen Innen und Außen? Wo ist der Ursprung aller Dinge, die wir erleben? Bedingt alles einander? Ist die äußere Natur ein Abbild der inneren?
Ist alles im selben Raum? Dem Weltinnenraum?

 

»Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn haßt und hält, –
es ist ein großes Wunder in der Welt:
ich fühle, alles Leben wird gelebt.
Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
sind das die langen, alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehen,
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, – das Leben?«

Das Stunden-Buch/ Das Buch von der Pilgerschaft, 1901

 

Über die Autorin:
Frauke Banz ist Psychologische Astrologin, freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Sie beobachtet, erforscht und beschreibt die Schönheit der einen Natur.

 


 

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