Sóma (Körper) = séma (Grab) – Tattva Viveka Magazin
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Sóma (Körper) = séma (Grab)

Wiederentdeckung der altgriechischen Schöpfungslehre

Autor: Prof. Dr. Peter Hubral
Kategorie: Daoismus
Ausgabe Nr: 67

Platon wird als Philosoph für die Trennung von Geist und Materie oder auch Subjekt und Objekt verantwortlich gemacht und hat damit die abendländische Geistesgeschichte maßgeblich bestimmt. Peter Hubral entlarvt diese Meinung als Fehlinterpretation der Übersetzer und Gelehrten, denen praktische Leibesübungen im Nicht-tun fehlten, und zeigt, dass Platon ein weit tieferes Verständnis des Leibes hatte.

Der Leib weiß am besten sich spontan aus sich heraus zu bewegen, zu regulieren und zu heilen.

Der Titel ist orphisch-pythagoreisch-platonischen Ursprungs (6. bis 4. Jhd. v.u.Z.). Er beinhaltet nicht das, was man ihm seit Jahrhunderten entnimmt. Er vermittelt vielmehr eine der ältesten tiefgründigen Weisheiten über die psyché (Seele) der westlichen Kultur. Er kann Platon-Zitaten entnommen werden, die uns einen tiefen Einblick in sóma und psyché geben. Doch sie alle gewähren, so wie der Titel, ihn nur dann, wenn man erkannt hat, dass Platon mit sóma nicht Körper (Leib), sondern eine darauf bezugnehmende Metapher meint. Erst dann lässt sich – wie ich zeige – seine Behauptung verstehen, sóma sei die Ursache aller Kriege, Umwälzungen und Kämpfe.

Würde Platon, der die Harmonie mit der schöpferischen Natur (phýsis) lehrte, heute noch leben, so wäre für ihn sóma auch die Ursache der Ausbeutung der Natur zur Aufrechterhaltung wachstums- und konsumorientierter Kulturen. Er würde zu den Umwälzungen die Erderwärmung mit unvorhersehbaren Folgen zählen. Dies und viel mehr steckt nämlich hinter dem Titel. Er erfordert ein gründliches Verständnis des Triplets (pneuma, psyché, sóma), das mit (Geist, Seele, Körper) übersetzt und erstmals von Paulus (1. Thess. 5,23) erwähnt wird. Nur so kann Platons psycho-kosmische Schöpfungslehre (kósmogonía, kósmología), auf die – man mag es nicht glauben – der Titel bezugnimmt, eine Hilfe sein, in Harmonie mit sich und der Welt zu leben.

Offenbar hat seit Jahrhunderten niemand wiederentdeckt, dass Platon mit sóma in folgenden Zitaten nicht Körper (Leib), sondern die Metapher meint, die ich hier Schritt für Schritt erkläre. Nur sie gibt seinen oft plausibel, aber auch seltsam klingenden Äußerungen über sóma und psyché ihren ursprünglichen Sinn. Damit deute ich an, dass beide und viele andere Begriffe im vollen Umfang nicht seinen Schriften, sondern nur seiner einzigartigen Praxis des Sterbens (meléte thanatou) entnommen werden können, die dem Westen vor 15 Jahrhunderten verloren ging (Hubral TV 45-46. Siehe Abb: Praxis des Sterbens).

Diese existiert im traditionellen China seit sieben Jahrtausenden in Form der Dao-Praxis (Daoxing) und ist mir seit 1997 vertraut. Ihr allein habe ich mein Verständnis vieler altgriechischer falsch interpretierter Texte zu verdanken, von denen ich einige hier in unvertrauter und, wovon ich überzeugt bin, ursprünglicher Weise erkläre. Dazu gehören sóma und séma (Grab, Grabstein), die dem Titel eine tiefgründige und unerwartete leibesfreundliche Bedeutung geben. Wenn immer ich im Folgenden sóma groß, also SÓMA schreibe, so bedeutet es Körper (Leib). Ansonsten ist es die Metapher, die ich im Teil II erkläre, nachdem ich in Teil I tiefgründige Zitate von Platon präsentiere und kommentiere, die dem Verständnis des Titels dienen.

Wiederentdeckung der altgriechischen Schöpfungslehre

Die Einheit von Leib und Seele

Die Annahme, sóma sei SÓMA (Leib), kurz sóma = SÓMA, verzerrt viele tiefgründige orphische/ pythagoreische/ platonische Weisheiten.

 

Platon Zitate über sóma, psyché, séma

Dazu gehört die Unterstellung, Platon hätte SÓMA von psyché getrennt und SÓMA der psyché untergeordnet. Diese Behauptung kann man Zitaten 1 und 2 entnehmen.

Zitat 1: Sóma (Körper) ist séma (Grab) der psyché (Seele)

Dem Zitat 1 (Gorgias 493) ist der Titel sóma = séma geschuldet. Die Hypothese sóma = SÓMA erscheint zwar plausibel, sie ist aber falsch. Zitat 2 (Phaidon 82e) ergänzt den Inhalt von Zitat 1.

Zitat 2: Die psyché ist in sóma eingekerkert, so dass sie die Dinge (dort) nur wie durch ein Gitter betrachtet.

Auch in Zitat 2 erscheint sóma = SÓMA als plausible Annahme, jedoch nur bis zum Komma. Sie hilft nicht, den Rest des Satzes zu verstehen, was für die erste Hälfte des Zitats 3 auch zutrifft (Phaidon 64a-70e):

Zitat 3: … denn sóma macht uns tausenderlei zu schaffen wegen der notwendigen Nahrung, denn auch wenn uns Krankheiten zustoßen, verhindern uns diese, das Wahre zu erjagen, und auch mit Gelüsten und Begierden, Furcht und von mancherlei Schattenbildern und vielen Kindereien erfüllt uns sóma … .

Die zweiten Satzhälften in den Zitaten 2 und 3 werden erst dann logisch, wenn man sóma kennt, was dann auch die ersten Satzhälften verändert. Um deren wahre ursprüngliche Inhalte zu erkennen, sind weitere Zitate wie Zitat 4 (Phaedrus 245c) nötig, selbst wenn darin kein sóma erscheint.

Nur sóma (und nicht SÓMA) erklärt, wie ich in Teil II zeige, alle obigen und folgenden Zitate, hinter denen – man höre und staune – der orphische-pythagoreische-platonische PLAN DER SCHÖPFUNG (kósmogonía, kósmología) steckt, den ich hier kurz anspreche und in Geheime Dao Schöpfungslehre (GDS, Lotus Press, 2015) ausführlich erläutere.

 

Übersetzer sind Verräter

Nur sóma lässt verstehen, warum unzählige Übersetzer, Interpreten und Kommentatoren, die seit Jahrhunderten Platons Werk analysieren, ihre Leser (ungewollt) betrügen, weil sie sóma = SÓMA annehmen. Genau dies geschieht in folgender Charakterisierung (https://de.wikipedia.org/wiki/Platon) seiner Lehre:

Der Leib, der mancherlei Beeinträchtigungen und letztlich der Vernichtung unterliegt, ist der unsterblichen, unzerstörbaren Seele untergeordnet. Es steht ihr zu, über ihn zu herrschen. Der Körper ist das »Gefäß«, die »Wohnstatt« der Seele, aber auch negativ ausgedrückt ihr »Grab« oder »Gefängnis« – eine berühmt gewordene Formulierung Platons.

Der letzte Satz, kurz: SÓMA (Leib) = séma (Grab), ist keine berühmt gewordene Formulierung Platons, sondern eine bedauernswerte bisher nicht wieder erkannte Fehlinterpretation, die – unter Berufung auf Platon – die westliche materialistische-dualistische Sichtweise förderte, lässt sie doch, Zitat 7 zufolge, die der psyché zugängliche Wahrheit mit sóma (= séma) nicht erkennen. Was ist also sóma?

 

Die zwei Arten des Wissens

Platon hätte Laozi zugestimmt, der in Kapitel 29 im Daodejing die Rolle des Menschen wie folgt sieht: Die Welt ist ein sich selbst bildendes geistiges Ganzes. Sie mit Gewalt ordnen zu wollen, heißt, sie aus der Ordnung bringen. Sie mit Macht befestigen zu wollen, heißt, sie zerstören. Damit verweist Laozi auf die natürliche Denkweise hin, die ich in TV 51 erkläre.

Platon und Laozi wussten wovon sie reden, basieren ihre Weisheiten doch auf der persönlichen Erfahrung der Schöpfung und nicht auf Spekulationen, wie die der »Poeten«. Diese dichten z.B., unter der Annahme sóma = SÓMA, unakzeptable »Poesie« in Platons Lehre hinein und erzeugen somit falsches Wissen. Sie verwirren damit die psyché, was jedoch die wenigsten – infolge ihrer »Wortgläubigkeit« – erkennen.

Praxis des Sterbens

Meine Revision geschah auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Diese beinhaltet, dass ich sóma nicht anhand dessen, was wir in Teil I darüber lesen, gefunden hätte. Das materialistisch-dualistische Denken, mit dem ich mir als Naturwissenschaftler die Butter auf mein Brot verdient habe, hätte mir nicht genutzt. Worauf basiert also die Revision? Wie erkannte ich sóma hinter SÓMA?

 

Praxis des Sterbens: Die Essenz der philosophía

Die von mir nun im Folgenden revidierten obigen und nachfolgenden Platon Zitate, in denen ich SÓMA durch sóma ersetzte, sind nur einige von vielen Indizien dafür, dass Platon die Dao-Praxis lehrte, zumal sich alle seine Zitate logisch damit erklären lassen. Er nennt sie Praxis des Sterbens (meléte thanatou) und schreibt (Phaidon 64a):

Zitat 9: Andere Menschen (und dies galt lange Zeit auch für mich, bevor ich anfing zu üben) sind sich wahrscheinlich nicht darüber im Klaren, dass diejenigen, die die philosophía korrekt ausüben, nicht anderes tun als ‚sterben‘ und ‚tot‘ zu sein.

Dank meiner Erfahrungen mit der Dao-Praxis konnte ich – in Funktion meines Übungsfortschritts – zunehmend das außergewöhnliche nicht-dualistische Wissen (gnósis, epistéme) erfassen, das hinter Platons Zitaten steckt. Somit konnte ich die Verzerrungen durch »ungeübte Poeten« rückgängig machen. Diese ignorierten seit Jahrhunderten, dass die Praxis die Essenz seiner Lehre, der philosophía, ist. Diese ist die Mutter der heutigen Philosophie, die keine Übung mehr kennt. Sie versuchen, das Vokabular der philosophía ohne Praxis zu interpretieren. Dieser Artikel zeigt jedoch am Beispiel von sóma, dass dies unmöglich ist. Was für sóma gilt, trifft auch für viele andere Metaphern zu.

 

Die zwei Facetten von sóma = séma!

Zum einen bringt sóma = séma zum Ausdruck, dass Wahrnehmung, Denken und Vernunft im Diesseits (sóma) eingeschränkt sind. Um mit der Schöpfung im Einklang zu leben, ist deshalb dem Delphischen medèn ágan (Tue nichts im Übermaß) genüge zu leisten, ist doch einseitiges Hinwenden zu sóma ein Übermaß (Exzess). Dadurch wurde über Jahrhunderte hin das opus kontra naturam bewerkstelligt, dessen Folgen uns obige Platon Zitate und die Hydra vor Augen halten.

Zum anderen gibt sóma = séma aber auch einen Hinweis, sich von sóma (séma) zu befreien, was ebenfalls im Delphischen gnothi seautón (Erkenne dich selbst) angesprochen wird. Diese Selbsterkenntnis erfolgt durch regelmäßiges Üben, womit das materialistische-dualistischen Denken »aus sich heraus« überwunden wird.

Sóma = séma! ist somit alles andere als negativ zu betrachten. Es ist eine Ermutigung, sich durch regelmäßiges Üben, mit Hilfe von SÓMA, immer wieder von sóma abzuwenden (zu befreien), um – und hier spreche ich aus Erfahrung – mit sich und der Welt »aus sich heraus« zunehmend in Harmonie (Gr: harmonía) zu gelangen. Nur so lässt sich all das, was sóma uns Menschen zu schaffen macht, aus Platons Sicht vermindern, so wie es Zitat 15 (Phaidon 64a-70) zum Ausdruck bringt:

Zitat 15: …Und solange wir leben, werden wir, wie sich zeigt, nur dann dem Erkennen (der Schöpfung) am nächsten sein, wenn wir so viel wie möglich nichts mit sóma zu schaffen noch gemein haben, was nicht höchst nötig ist, und wenn wir mit seiner Natur uns nicht anfüllen, sondern von sóma rein halten…

Dies ist keine Absage an das vertraute Diesseits, sondern ein Aufruf, sich ihm voll und ganz – ohne Illusionen und »Poesie«, die die psyché verwirren – hinzuwenden, um vom Plan der Schöpfung innig Nutzen zu ziehen.

Prof. Dr. Peter Hubral

Über den Autor

Dr. Peter Hubral ist Professor i.R. für Geophysik. Er hat fünf Bücher in deutscher und englischer Sprache verfasst, in denen er zeigt, dass die Pythagoreische/Platonische Schule der Selbst- und Welterkenntnis – infolge des Verlusts ihrer einzigartigen Übungspraxis – ausgestorben ist. Ihre Essenz hat aber in der Lehre von Dao-Meister Fangfu bis heute überlebt.

Dieser Artikel ist auch zum Download als PDF erhältlich:

Peter Hubral TV67 (PDF)

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4 Kommentare
  • Marcel Henneberg
    Marcel Henneberg
    Veröffentlicht um 14:11h, 06 September Antworten

    platon ist nicht der begründer max. nach aufzeichnungen die vorhanden sind. wenn es aber danach geht so sind techniken und beschreibungen bereits in den smaragdtafeln zu finden, wie alt die wirklich sind weis niemand, mit sicherheit aber einige tausend jahre älter als platon selbst.

    just so nebenbei

  • Bhajan Noam
    Bhajan Noam
    Veröffentlicht um 15:31h, 13 September Antworten

    In der Tat, denn es gibt diesen überlieferten Ausspruch Platons: „Der größte Fehler bei der Behandlung von
    Krankheiten ist, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo doch beides nicht voneinander getrennt werden kann.“

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