Tabubruch

Tabubruch

Die spirituelle Befreiung der materialistischen Wissenschaft

Die spirituelle Befreiung der materialistischen Wissenschaft

Autor: Prof. Dr. Rupert Sheldrake
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 53

 

 

Der britische Biologe gehört zu den Vorreitern eines neuen ganzheitlichen Weltbildes, das Naturwissenschaft und Spiritualität verbindet. Er plädiert für einen Tabubruch, der über spirituellen Themen liegt, und wünscht sich eine offene Gesprächskultur, die das materialistische Weltbild und Glaubensbekenntnis hinterfragt.

 

Tattva Viveka: Sie zeigen in Ihrem neuen Buch »Der Wissenschaftswahn« die Grenzen der materialistischen Wissenschaft. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Spiritualität und das Bewusstsein für ein erweitertes Verständnis von Wissenschaft.

Rupert Sheldrake: Die Wissenschaft hat auf einer materiellen Ebene begonnen. Sie war die Gegenbewegung zur Religion und beschäftigte sich mit messbarer gesichterter Erkenntnis materiell wahrnehmbarer Phänomene. So war zum Beispiel die anerkannte wissenschaftliche Psychologie der Behaviourismus, der bei seinen Untersuchung jede subjektive Erfahrung ausschloss. Die Wissenschaft ist auch heute noch von der materialistischen Annahme dominiert, dass der Geist nichts weiter als das Gehirn ist. Die meisten Bewusstseinsforscher denken, dass sie sich durch fMRT-Scans mentaler Aktivitäten oder Meditation mit fundierten wissenschaftlichen Fragen des Bewusstseins auseinandersetzen. Sie finden bei tibetischen Mönchen während der Meditation heraus, dass eine bestimmte Region im Gehirn aktiviert wird und sie schließen daraus: »Meditation ist nichts anderes als die Aktivierung diese Region im Gehirn.« Diese sehr enge Sicht auf Bewusstsein ist die vorherrschende in den Wissenschaften.

 

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Wenn wir über Bewusstsein nachdenken, geht es darum zu fragen, was das Bewusstsein ist und wie es funktionieren könnte. Bewusstsein hat hauptsächlich mit der Koexistenz von diversen Möglichkeiten zu tun, unseren Handlungsoptionen in der Zukunft, und die Hauptfunktion des Bewusstseins besteht darin, unter diesen Möglichkeiten auszuwählen. Die meisten Menschen führen ständig einen internen Dialog darüber, was sie als nächstes tun sollen: »Wo soll ich hingehen, was soll ich als nächstes tun; ich hätte dies sagen sollen, sie hätte dies sagen können; ich werde ihr eine Email senden; ich darf nicht vergessen Butter zu kaufen…« und so weiter. Im Inneren wird ständig ein Dialog über die Handlungsoptionen geführt. Aber wenn wir uns für eine Alternative entscheiden, dann wandelt es sich in ein objektives Faktum, das von der Wissenschaft beobachtet werden kann. Deshalb denke ich, dass die Hauptfunktion von Bewusstsein das Erkennen der Koexistenz von Möglichkeiten und die Auswahl aus diesen ist. Der größte Teil unseres mentalen Lebens ist unbewusst, da es habitualisiert ist. Unsere Gewohnheiten sind typischerweise unbewusst, darum sind auch unsere mentalen Aktivitäten meist unbewusst. Es läuft mental, aber es ist unbewusst. Und dies ist selbstverständlich das, was Freud und Jung in ihrer Arbeit hervorhoben und dem jeder, so denke ich, mittlerweile zustimmen wird, dass ein Großteil unseres Geistes unbewusst verläuft.

 

Spiritualität, die im Herzen jeder Religion liegt, ist die direkte Erfahrung der Verbindung unseres Geistes mit einer höheren Form von Bewusstsein.

 

Einen allgemeinen Einführungstext zur Quantenphysik finden Sie hier.

 

Nun kommen wir zur Frage der Verbindung von philosophischen oder wissenschaftlichen Studien des Bewusstseins mit Spiritualität. Meines Erachtens geht es bei Spiritualität um die Beziehung unseres eher begrenzten Bewusstseins zu anderen Bewusstseinsformen im Universum. Es gibt die Möglichkeit, dass es im Universum viele andere Bewusstseinsformen gibt. Vielleicht hat der gesamte Planet »Erde« einen eigenen Geist, oder das ganze Solarsystem. Vielleicht gibt es eine Art Bewusstsein, dass das gesamte Universum einschließt und es transzendiert. Normalerweise würden wir das mit ›Gott‹ oder dem ›Höchsten‹ in der westlichen Welt oder mit ›Brahma‹ in der hinduistischen Tradition bezeichnen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet denke ich, das Zentrale an der Spiritualität, die im Herz jeder Religion liegt, ist die direkte Erfahrung der Verbindung unseres Geistes mit einer höheren Form von Bewusstsein. Manchmal passiert das ganz spontan. Es gibt viel mehr Menschen als wir denken, die spontane mystische Erfahrungen machen. In Oxford, England, leitete der Meeresbiologe Alister Hardy in den 1960er Jahren die Society für Psychical Research. Er sammelte Geschichten von gewöhnlichen Menschen, die eine mystische Erfahrung gemacht hatten. Zuvor war die allgemeine Annahme, dass mystische Erfahrungen sich nur bei ein paar Heiligen im Mittelalter ereignet hatten, und auch heute nur bei vereinzelten Yogis vorkommen. Hardy fand heraus, dass mystische Erfahrungen extrem verbreitet waren, aber die meisten Menschen nicht darüber sprachen, da sie dachten, andere würden sie als verrückt betrachten. Manche mystischen Erfahrungen geschehen spontan, andere entstehen als ein Resultat psychoaktiver Drogen – und das ist vermutlich einer der verbreitetsten Wege unter jungen Menschen, um mystische Erfahrungen zu machen. Und wiederum andern können natürlich durch die Kultivierung spiritueller Praktiken, vor allem der Meditation, ausgelöst werden.

 

Die spirituelle Befreiung der materialistischen Wissenschaft

 

Wenn wir nun also nun zur Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität kommen, ist eine Sache, die bereits begonnen hat, die Erforschung von Meditation. Die meisten dieser Untersuchungen sind sehr vereinfachender Art, wie die Gehirnwellenaktivität von meditierenden tibetischen Mönchen zu messen. Nun gibt es aber auch ein paar Psychologen, die selbst angefangen haben zu meditieren und Techniken zu lernen. Die, die ich kenne, lernen meistens buddhistische Methoden wie Vipassana oder tibetische Meditationstechniken. Manche der Forschungen wurden in den medizinischen Bereich erweitert. Über die Medizin finden wir eine weitere tragfähige Verbindung zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Dies passiert vermutlich auch hier in Deutschland, aber zumindest für Großbritannien und die Vereinigten Staaten kann ich dies bestätigen. Achtsamkeitsmeditation ist mittlerweile im Mainstream angekommen. Man kann sie bei staatlichen Gesundheitseinrichtungen erlernen, die damit Menschen mit mentalen Problemen behandeln.

Vor kurzem hatte ich Besuch von einem Psychiater, der in einem Hochsicherheitsgefängnis für straffällig gewordene psychisch Kranke arbeitet. Er ist verantwortlich für die Abteilung für akute Psychosen und arbeitet gerne dort, weil er es als interessant und herausfordernd empfindet. Nun hat er mit den Insassen Achtsamkeitsmeditation begonnen und erzielt dramatische Erfolge. Ich denke, es gibt einen Bereich, wo sich Wissenschaft und Spiritualität im Bereich der Medizin in einer sehr praxisbezogenen Weise überlappen.

 

Die spirituelle Befreiung der materialistischen Wissenschaft

 

TV: Wie sehen Sie das für den Wissenschaftler persönlich? Sollte er nicht auch seine psychischen Themen, seine Schattenseiten aufarbeiten, da er auch eine Person, ein Subjekt, ist? Denken Sie, es ist ohne spirituelle Praktiken möglich, zu wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen? Bzw. benötigt man nicht auch vorausgehendes spirituelles Wissen, um materielles Wissen zu erlangen?

RS: Nun, es ist ein historischer Fakt, dass die Mehrheit der Wissenschaftler keine spirituellen Erfahrungen als Teil ihrer Wissenschaft betrieben. Die meisten Wissenschaftler heutzutage sind Atheisten, manche stehen jeglicher Art spiritueller Praxis aktiv ablehnend gegenüber. Es ist also nicht so, dass die Wissenschaftler heutzutage in einen tiefen meditativen Zustand gehen, bevor sie ihre Entdeckungen machen. Für die meisten ist Wissenschaft ein Job, sie kommen ins Labor, tun ihre Arbeit, veröffentlichen in Zeitschriften und wenn sie genug publizieren, werden sie befördert und bekommen eine Gehaltserhöhung – es ist für die meisten eine Karriere. Und für die meisten hat es – zumindest in der Öffentlichkeit – nichts mit Spiritualität zu tun. Privat haben natürlich einige Wissenschaftler religiöse oder spirituelle Interessen, aber sie sprechen gewöhnlich bei der Arbeit mit ihren Kollegen nicht darüber.

TV: Aber das Ergebnis der Forschung entspricht dann der materialistischen Herangehensweise der Wissenschaften …

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 53

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 07: Rupert Sheldrake – Dialog über Henry Bergson.
Die Schnittstelle zwischen Gehirn und Bewusstsein

TV 08: Prof. Dipl. Chem. Waltraud Wagner
Elektromagnetische und morphogenetische Felder

TV 14-17: Prof. Dipl. Chem. Waltraud Wagner – Energie, Information und Form

TV 20: Dr. Peter Gariev – Wellengenetischer Code.
Morphogenetische Dimension des Lebens

TV 21: Dr. Rupert Sheldrake – Erweitern Sie Ihr Bewusstsein.
Außersinnliche Fähigkeiten von Mensch und Tieren

TV 40: Prof. Dipl. Chem. Waltraud Wagner – Frequenzen des Lebens

TV 47/48: Dr. Ulrich Ott – Meditation für Skeptiker.
Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst

 

Bildnachweis: © fotolia, Ducote Arte, Nasa, Tommy Chan