Transformation – Die Reise des Christian Rosenkreuz

Transformation – Die Reise des Christian Rosenkreuz

Das Grab des Christian Rosenkreuz, dargestellt als »Der Berg des Philosophen«, anonym, Altona 1785

 

 

Zum 400-jährigen Jubiläum der Fama Fraternitatis

Autor: Dr. Gunter Friedrich
Kategorie: Hermetik
Ausgabe Nr: 60

 

 

 

Die Fama Fraternitatis ist eines der wichtigsten Dokumente der europäischen Spiritualität, eine Geschichte der Menschwerdung im mystischen Sinne, um den Menschen zum Edlen zu machen, der er ist – ein Lichtwesen, das in die irdische Natur eingegangen ist.

 

Die Frage: »Wer bin ich?«, oder: »Wer bin ich nicht?« begleitet die Menschheit auf ihrem Weg der Entwicklung. Niemand findet eine abschließende, eine durchlebte Antwort. Die Frage gleicht einer geistigen Linie, die den Menschen wandeln und zu sich selbst führen will.

Wir existieren, wir »ragen heraus« (lat. existere). Aber woraus? »Etwas« hat in uns Gestalt angenommen, wir sind sein vorläufige Ergebnis. Kräfte des Werdens formen uns, nehmen Strukturen an, gerinnen zu Formen und ersterben darin. Jede Gestalt ist das vorläufige Ende eines Werdegangs. In ihr werden Schönheit, Majestät, Erhabenheit und vieles andere aus dem Reich des Unsichtbaren sichtbar. Alles in der Natur weist auf seinen Ursprung hin, der selbst im Verborgenen bleibt. Und jeder weitere Entwicklungsschritt ist eine erneute Geburt des Ursprungs, ein erneutes Werden – und wiederum ein Sterben in die neue Gestalt hinein. Wohin führt uns die Reihe der Gestalten?

Die Reise des Christian Rosenkreuz zeigt den nächsten Entwicklungsschritt auf. Dargestellt wird er in der Schrift Fama Fraternitatis aus dem Jahr 1614. Sie erschien in Kassel, gegen den Willen der Autoren, die nicht genannt wurden. Ein europaweites Pro und Contra, in Hunderten von Druckwerken, war die Reaktion. Und das zu einer Zeit, als sich der Buchdruck erst wenig entfaltet hatte. Descartes begab sich nach Deutschland, um herauszufinden, ob es die Bruderschaft des Rosenkreuzes, von der in der Fama berichtet wird, tatsächlich gibt.

 

Der Forscher sucht die Spuren der Göttin Natura


Der Forscher sucht die Spuren der Göttin Natura.
Aus: Michael Maier. Atalanta Fugiens. 1618. Emblem XLII. S.177
vgl. Michael Maier. Chymisches Cabinet. 1708.

 

Bei den Autoren handelt es sich – so die spätere Forschung – um einen Kreis Tübinger Gelehrter, dessen inspirierender Mittelpunkt der Jurist und Mediziner Tobias Hess war. Auch der Theologe Johann Valentin Andreae gehörte der Gruppe an. Er hat den Text niedergeschrieben.

Die Autoren der Fama wollten ungenannt bleiben. Der Impuls, dem sie Ausdruck verliehen, sollte nicht einzelnen Personen zugerechnet werden. Im Übrigen wären sie in ihrem Leben oder ihrer Freiheit gefährdet gewesen. Die großen Konfessionen agierten erbarmungslos. Giordano Bruno, einer der geistigen Väter der Fama Fraternitatis, bestieg im Jahr 1600 in Rom den Scheiterhaufen. Ein begeisterter Leser der Fama, der Theosoph und Alchemist Adam Haslmayr aus Tirol, der einige Jahre vor ihrer Veröffentlichung in den Besitz einer Abschrift kam und sich 1612 in einem Sendschreiben begeistert dazu bekannte, wurde von seinem Landesherrn auf Betreiben der Jesuiten für Jahre auf eine Galeere verbannt.

 

Die Fama und die Alchymische Hochzeit beschreiben, wie sich das unsterbliche Selbst im Menschen entfaltet.

 

Eine Vielzahl von Gemeinschaften bildete sich in den folgenden Jahrhunderten, die sich auf die Fama Fraternitatis und zwei weitere Schriften, die 1615 und 1616 erschienen (die Confessio Fraternitatis und die Alchymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz) beriefen. Und es gab vielfältige weitere Auswirkungen, über die man nur Mutmaßungen anstellen kann.

Die Fama und die Alchymische Hochzeit beschreiben, wie sich das unsterbliche Selbst im Menschen entfaltet. Und die Fama legt dar, wie das Ergebnis dieses Prozesses in der Atmosphäre der Erde verankert wurde.

Die Autoren wählten die denkbar einfachste Form, um ihre Botschaft zu übermitteln: Jemand unternimmt eine Reise. Er trägt den Namen C.R.C., oder auch nur C.R. Es ist Christian Rosenkreuz. Die Schrift umfasst weniger als 20 Seiten. Sie benennt die Etappen der Fahrt und skizziert einige von ihnen etwas näher.

 

Dem Mann ohne Füße bleibt der Philosophische Rosengarten verschlossen. Aus: Michael Maier. Atalanta Fugiens. 1618. Emblem XXVII. S. 117; vgl. Michael Maier.
Chymisches Cabinet. 1708.


Dem Mann ohne Füße bleibt der Philosophische Rosengarten verschlossen.
Aus: Michael Maier. Atalanta Fugiens. 1618. Emblem XXVII. S. 117
vgl. Michael Maier. Chymisches Cabinet. 1708.

 

Die Reise findet in der Zeit statt, in der auch Christoph Kolumbus seine Fahrten unternahm. Sie führten ihn über den Ozean, nach Westen. Die beiden Arten der Reise sind ein Bild für die Alternative, vor der die Menschheit gestellt ist. Die Fama gebraucht für die Stationen der Reise des Christian Rosenkreuz meist nur Stichworte, Metaphern. Jede von ihnen deutet auf einen Erlebnisraum hin. Die Entschlüsselung ist für uns nicht leicht. Damals waren die Metaphern in ihrer Bedeutung bekannter als heute.

Die Fahrt des C.R.C. beginnt im Norden, verläuft in südöstlicher Richtung nach Zypern, dann südwestlich in den Süden der arabischen Halbinsel, von dort nordwestlich nach Fez in Marokko, um schließlich nach Norden zurückzuführen. Es ist eine kreisförmige Bewegung. Sie gleicht einem Mandala. Eine Ganzwerdung findet statt, eine Integration, eine Individuation (C. G. Jung).

 

Daher ist von allen Geschöpfen in der Natur allein der Mensch zweifach, nämlich sterblich dem Körper nach und unsterblich dem wirklichen Menschen nach.
 
– Corpus Hemeticum

 

Christian Rosenkreuz umkreist das Mittelmeer. Die Psyche des Menschen – bildhaft: das Meer der Mitte – wird dabei mit ihrem innersten Kern vereint. Alles, was an den »Ufern des Meeres« Gestalt angenommen hat – und das sind die Weltkulturen –, fügt sich in der Kraft des Ursprungs auf höherer Ebene zusammen. Ein aus dem Kern aufbrechendes Bewusstsein vollzieht eine kreisende Bewegung, durchwandert die Peripherie, wirft Licht auf alles, was sich entwickelt hat, macht es lichtfähig und sammelt es ein. Es ist eine Neugestaltung der menschlichen Seele, ein Bild für das, was auf uns wartet.

Wer ist Christian Rosenkreuz, C.R.C., wie die Fama ihn nennt? Die Autoren standen unter dem Impuls der Hermetik. Paracelsus war für Tobias Hess ein großes Vorbild. Ihn nannte man den Hermes Trismegistos der Renaissance. Sowohl die Alchemie, als auch das Corpus Hermeticum4# sind für das Verständnis der Fama von Bedeutung.

 

Transformation – Die Reise des Christian Rosenkreuz

 

Das erste Buch des Corpus Hermeticum – das Buch Poimandres oder Pymander – enthält einen Mythos, der vom Lichtmenschen handelt. Er ist ein überzeitliches Wesen, dem etwas geschah bei seinem Eintritt in die Sphären von Raum und Zeit. Es wird in den Kulturen auf unterschiedliche Weise beschrieben.

Im Buch Poimandres heißt es:

 

»Dann beugte er, der Macht besaß über den Kosmos der sterblichen und vernunftlosen Lebewesen, sich vor durch die Sphärenharmonie, deren Umhüllung er durchbrochen hatte, und zeigte sich der unteren Natur in der schönen Gestalt des Gottes. Als die Natur ihn erblickte, der die unerschöpfliche Schönheit … in sich besaß, vereinigt in der Gestalt des Gottes, lächelte sie voller Liebe; denn sie hatte die Züge dieser wunderbar schönen Form des Menschen sich im Wasser spiegeln sehen und seinen Schatten auf der Erde wahrgenommen. Als er diese Form, die ihm so sehr glich, durch die Spiegelung im Wasser in der Natur bemerkte, verliebte er sich in sie und wollte dort wohnen. Was er wollte, tat er sogleich, und so nahm er Wohnung in der vernunftlosen Gestalt. Die Natur empfing den Liebhaber und umfing ihn ganz, und sie wurden eins; denn sie waren Liebende. Daher ist von allen Geschöpfen in der Natur allein der Mensch zweifach, nämlich sterblich dem Körper nach und unsterblich dem wirklichen Menschen nach.«
 
Corpus Hemeticum Buch 1, Abs. 14 und 15

 

Im Verlauf der Evolution haben sich die Formen des Lebens mehr und mehr differenziert. Woher empfängt die Natur aber ihre Bilder? Woher stammen die Ideen für ihre Formen? Das Corpus Hermeticum sagt: Die Natur »lächelt voller Liebe«, sie hat einen Liebhaber. Er ist es, der den Impuls zur Entwicklung gibt, ihn will sie abbilden. Da er aber geistig-seelischer Art, da er ein Gott ist, bringt sie einen unermesslichen Reichtum an Formen hervor und entfaltet sie in einer Stufenfolge. Immer mehr sollen sie zum Ebenbild des Lichtmenschen werden. Unausweichlich werden deshalb stets subtilere, umfassendere Formen auftreten, die dem Geistig-Seelischen immer besser entsprechen.

Die Fama Fraternitatis sagt zu Beginn: Achtet auf euren Adel. Jeder Mensch ist eine Welt im Kleinen, ein »Mikrokosmos«. Alles, was es in der großen Welt, auf der Erde, im Weltall, im Reich der Materie und Energie sowie im Reich des Göttlich-Geistigen gibt, das ist auch im einzelnen Menschen. Der Mikrokosmos ist sowohl geistig-seelisch, als auch naturhaft. Er ist der Lichtmensch in der Vereinigung mit dem natürlichen Menschen. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 60

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Dr. Gunter Friedrich TV60 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (7 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 15: Dr. Wolfram Frietsch – Fama Fraternitatis. Über die Rosenkreuzer, ihre Herkunft
und ihre Schriften

TV 40: Clemens Zerling – Rosenkreuzerische Initiation. Ein westlicher Weg

TV 49: Dr. Gunter Friedrich – Der andere in mir. Wegmarken einer Suche

TV 54: Schwerpunkt: Keine Angst vor Sekten!

TV 55: Dr. Gunter Friedrich – Weltrevolution der Seele. Ein Erfahrungsweg

TV 55: Dr. Alexander Crocoll – Rosenkreuzer zur aktuellen Sektenhetze.
Eine Stellungnahme

TV 57: Gabriele Sigg – Auf dem Weg zu einer spirituellen Gesprächskultur?
Eine Bestandsaufnahme

 

Bildnachweis: © Wikimedia Commons

 


 

6 Euro Gutschein zu verschenken!