Verzerrte Liebe und Sexualität

Verzerrte Liebe und Sexualität

Verzerrte Liebe und Sexualität

Kulturelle Vermittlung von Weiblichkeit, Männlichkeit und sexueller Lust

Autor: Angela Mahr
Kategorie: Mann/Frau
Ausgabe Nr: 63

 

 

Jahrtausende lang wurde die Sexualität im Kontext der großen Religionen unterdrückt. Die Übersexualisierung in den Mainstream-Medien bedient weiterhin diese innere Abspaltung von unserem wahren Selbst. Die sexuelle Revolution ist bisher eher theoretisch vollzogen. Jenseits von Pornografie, Lack und Leder dürfen wir heute auch auf diesem Gebiet heilen und eine authentische und natürliche Sexualität leben und lieben lernen.

Lack, Leder und rote Plüschsofas: Ästhetik unserer Popstars

In Kylie Minogues Musikvideo »All the Lovers« reißen sich alle die Kleidung vom Leib und feiern auf offener Straße in einem Menschenberg eine große erotische Orgie. Letzteres hat auch in Musikvideos noch gewissen Seltenheitswert. Kylie Minogue trägt schwarze, schmucklose und starre Unterwäsche, darüber viele weiße Schnüre quer über den Körper, die sie gefesselt erscheinen lassen und dadurch an Bondage und SM erinnern. Von der Menschenmenge um sie herum erhält sie unendlich viel Aufmerksamkeit: Der wachsende Menschenberg streichelt sie, trägt sie auf Händen und hebt sie zum Himmel empor. Die Musik dazu plätschert dünn, gewöhnlich und aussagelos dahin.

In unserer Zeit bekommen wir kulturell bedingt verzerrte Frauen- und Männerbilder vermittelt, die uns weitaus mehr beeinflussen, als uns das gewöhnlich bewusst ist. Auch bei den folgenden Beispielen geht es mir nicht um Freizügigkeit. Es geht mir nicht darum, wieviel Haut oder wieviel Erotik gezeigt wird.

In der Tat könnten theoretisch alle Akteure in einem Video splitternackt sein und buchstäblich Allesmögliche miteinander anstellen und trotzdem dabei echt, voll präsent, natürlich und vielleicht sogar inspirierend wirken. Von Kindern mal abgesehen würde das den Zuschauern nicht schaden. Es geht mir darum, welche Grundstimmungen und welche ideologischen Ideale überall gezeigt werden. Es geht mir darum, diese bewusst zu machen.

 

Kulturelle Vermittlung von Weiblichkeit, Männlichkeit und sexueller Lust

 

»Just let me know, if you want it, ah, ah, just let it go, if you need it, boy, it’s strictly physical!«, hauchte 2007 die deutsche Mädchen-Band »Monrose« ins Mikrofon: Zu deutsch heißt das »Lass mich wissen, wenn du es willst, ah, ah, leg einfach los, wenn du es brauchst, Junge, es ist rein körperlich!« Auf dem Weg zum Plattenvertrag durchliefen die drei Monrose-Sängerinnen das Auswahlverfahren der Fernseh-Castingshow »Popstars«. Im ihrem Video zum zitierten Song tragen die drei jungen Stars sexy Lack Outfits und streichen lasziv mit den Fingern über deren glänzende Ränder. Nach dem Song »Strictly Physical«, zu deutsch »Rein körperlich«, wurde ihr ganzes Album benannt. Dem Songtext zufolge mimen Monrose in diesem Lied entweder Gogo-Tänzerinnen beziehungsweise Prostituierte, die scheinbar große Lust bei ihrer Arbeit verspüren, oder aber Frauen, die sich angeblich besonders nach roher und gefühlloser Zweisamkeit sehnen.

Auch damit sind sie im internationalen Popmusikbusiness nicht alleine. So coverte die belgische Popsängerin Katerine Avgoustakis den Hip Hop Song »Ayo Technology« (ursprünglich: »Ayo Pornography«) des männlichen Rappers »50 Cent« mit dem Originaltext »I am tired of using technology, why don’t you sit on top of me? – Uh! She wants it, uh! She wants it, I’ve got to give it to her!« Zu deutsch: »Ich bin es überdrüssig, Technik zu benutzen, warum sitzt du nicht auf mir? – Uh! Sie will es, uh! Sie will es, ich muss es ihr geben!« In ihrem Video spielt Avgoustakis dazu eine Prostituierte, die sich in schwarzer Unterwäsche auf einem Plüschsofa räkelt. Die 32jährige Sängerin begann ihre Karriere mit einem ersten Preis in der belgischen Casting-Show »Star Academy«. Ihre 23jährige Kollegin Skyla aus England coverte den gleichen Song im gleichen Jahr und erlangte damit ein ebenso großes wie begeistertes Publikum. Alle Beispiele sind massenwirksam, im Netz tausend bis millionenfach geklickt und von internationalem Erfolg gekrönt. Was hat die jungen Stars dazu motiviert? Ist dies, wie oft angenommen, Ausdruck ihrer originären, befreiten Lust? Und warum fühlen sich Männer und Frauen von solchen Bildern angezogen? Was haben Stars und Publikum da gemeinsam?

 

Frauen glauben irrtümlicherweise, die »Übersteuerung« ihrer sexuellen Reize sei ein Ausdruck davon befreit, mutig und feminin zu sein.

 

Das gleiche Phänomen kursiert auf den Punkt gebracht in der Porno-Ästhetik, in welcher Frauen scheinbar erregt sind, allzeit bereit sind oder sich für einem Mann interessieren, der hinter einer erstarrten Fassade der Unberührbarkeit nach sexuellen Reizen sucht. Wofür schämen wir uns, wenn wir diese Bilder wegklicken, wenn uns jemand sieht? Wir schämen uns nicht für die nackte Haut, die darin zu sehen ist, sondern für die psychische Falschheit, in letzter Konsequenz psychische Faulheit, welche durch die gefühllose Sexualität halb bewusst oder unbewusst bedient wird.
Hier wird es spannend. Was passiert hier eigentlich wirklich kollektiv? Eine große globale Casting-Show? Sexuelle Befreiung? Kommerzielle Gehirnwäsche? Und wenn ja, wann und womit hat diese tatsächlich begonnen?

Moralisten, Kirchenväter und Hippiekommunen:
Rückschau mit Auswirkungen bis heute

Um das zu verstehen braucht es einen Blick auf die jüngste Entwicklung unseres kulturbedingten Selbstverständnisses. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden das Weibliche, das Intuitive, das Mystische und die Lust per se entwertet und unterdrückt. Über eine lange Zeit hinweg wurde unserer Sexualität ihre Würde und Schönheit abgesprochen. Sie wurde von der Liebe getrennt und in ihrem Wert geleugnet, unterdrückt und in den Keller unseres Unterbewusstseins gesperrt. Den Machthabern in Kirche, Staat und Gesellschaft diente dies einst dazu, ihre Herrschaft und ihren Einfluss auf das verunsicherte Volk zu zementieren. Die Liebe zu unserem patriarchalischen Gott und zu unseren Mitmenschen wurde zwar hochgehalten, aber sie durfte nicht körperlich sein: Körperliche Liebe diente bestenfalls der Fortpflanzung und damit der Biologie, eine andere Berechtigung hatte sie nicht. Die Einheit von Liebe und Lust, von Herzverbindung und Vereinigung geriet ins Wanken und zerbrach vielerorts.

 

Wir durchleben derzeit nicht nur ein spirituelles Vakuum, sondern auch – jenseits von all den bunten Bildern – ein erotisches Vakuum.

 

Das menschliche Triebleben verschwand natürlich nicht einfach, sondern kontrahierte zu seinem dunklen Aspekt: Es wurde bezuglos und abgespalten, lieblos und auf genitale Empfindungen reduziert. In vielen Fällen wurde es leider auch zwanghaft, pervertiert und gewalttätig. So geriet unsere Gesellschaft in einen Teufelskreis. Die Menschen verloren ihr Vertrauen in ihre naturgegebene Körperweisheit und assoziierten mit den Trieben im Allgemeinen etwas Dunkles und Verbotenes, wenn nicht gar Gewalt. Das wiederum leistete der weiteren Leugnung und Unterdrückung sexueller Bedürfnisse Vorschub. Das düstere Ergebnis schien somit die vorangegangene Diffamierung unserer Lust zu rechtfertigen.

 

Angela Mahr - Verzerrte Liebe, verzerrte Sexualität

 

In den 68er Jahren gab es eine deutliche Wende. Was früher im Verborgenen blieb, kam nun in den verschiedensten Erscheinungsformen ans Licht. Traditionelle Prüderie und Moralvorstellungen wurden über Bord geworfen. Neue Konzepte und Modelle wurden gefunden und gelebt mit all ihren guten und destruktiven Konsequenzen, von der polyamoren (deutsch: mehrere »liebenden«) Blumenkindfrau in der Hippiekommune bis hin zum asketischen Yogi und zum dogmatischen Taoisten, der beschließt, nie wieder beim Sex zu ejakulieren.

Ein bis zwei Jahrzehnte später entließen dann auch die Prüdesten der Moralisten die Monster ihres Unterbewussten ins Licht des Lebens und zelebrierten mit gewisser Verspätung ihre Phantasien vom Verbotenen in Lack und Leder oder mit Peitsche und Käfig. Anderenorts spiegelte sich Entsetzen in den Gesichtern in Anbetracht der neuen Freizügigkeit. Allzu lange hatte man die wilden Tiere im Keller gesperrt gehalten. Dann ließ man sie heraus, und wütend geworden sprangen sie einem ins Gesicht. Was haben wir anderes erwartet? […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 26: Bhaktisiddhanta Saraswati Thakur – Transzendentale Erotik

TV 44: Angela Mahr – Tantra, Sex und Erleuchtung. Wie geht das zusammen?

TV 47: Angela Mahr – Tantrische Liebe: was ist das?

TV 52: Martin Ucik – Integrale Beziehungen. Sozialpsychologische und biologische
Selektionsprozesse in der Geschlechterbeziehung

TV 60: Dr. med. Robert Fischer – Porno, die geile Sackgasse.
Kranke und gesunde Formen der Sexualität

 

Bildnachweis: © iStock-Photo, BigStock-Photo

 


 

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4 Kommentare
  • Saleem Matthias Riek
    Veröffentlicht um 12:47h, 20 Mai Antworten

    „Die sexuelle Revolution ist bisher eher theoretisch vollzogen.“ Dem kann ich nur zustimmen, vielleicht aber sogar noch nicht mal das. Männer und Frauen sind im Fühlen und in Denken noch oft in alten, kollektiven Rollenbildern verhaftet, und das wirkt sich direkt auf das unmittelbare sexuelle Erleben aus. Erst jenseits verbreiteter Entwertung findet echte Heilung und Entwicklung statt. Danke für den differenzierten Text.

  • Marion Robacki
    Veröffentlicht um 22:23h, 16 Juni Antworten

    siehe auch Stop Bild Sexism!

  • Peter J. Hillenberg
    Veröffentlicht um 21:18h, 17 Juni Antworten

    Ein ästhetischer Moment, anrührend, toll! What else?

  • Kata Strophe
    Veröffentlicht um 14:47h, 13 Juni Antworten

    großartiger artikel, aber das leitzitat ist ziemlicher blödsinn. es ist ein kleiner prozentsatz der otto normallemminge die dem missverständnis unterliegen. öffentliche beispiele wie werbung, popstars und musikvideos sind nicht auf eigenem mist gewachsen, sondern auf die produzenten zurück zu führen. im fall monrose, sind sie doch hinterher auf die barikaden gegangen und haben sich gegen zuviel haut zeigen, öffentlich gewehrt. das ist kein irrtum von frauen, sondern geschlechterübergreifend.

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