Warum Menschen sich über das soziale Phänomen Religion streiten

Warum Menschen sich über das soziale Phänomen Religion streiten

 

Autor: Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Gerhard Besier
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 54

 

 

Spiritualität ist auf dem Vormarsch. Aber es regt sich auch Widerstand. Wer sich etwas intensiver mit alternativer Spiritualität beschäftigt und sich vielleicht einer der zahlreichen Richtungen anschließt, wird möglicherweise mit den Vorbehalten konfrontiert, die vonseiten der etablierten Kirchen oder auch Atheisten erhoben werden. Nicht immer verläuft das seriös. Diskriminierung und Verfolgung bis hin zu Rufmord und Kriminalisierung erinnern an dunkle Kapitel unserer Geschichte.

 

Bei einem Essen in einem Cambridge-College berichtete der bekannte Anthropologe Pascal Boyer den Gästen über die ganz anders als in unserem Kulturkreis gearteten religiösen Vorstellungen eines kleinen Volkes in Kamerun. Daraufhin meinte ein katholischer Theologe: »Genau das macht die Ethnologie so faszinierend und zugleich so schwierig. Sie muss erklären, wie Menschen an solch einen Unsinn glauben können.« In dieser Anekdote hat Boyer das soziale Phänomen Religion in seiner ganzen Vielschichtigkeit eingefangen. Wer in einer bestimmten Religion sozialisiert ist, bemerkt die Ungereimtheiten und Glaubenszumutungen, die diese enthält oft, gar nicht mehr. Andererseits scheint er aber auch zu einem Perspektivwechsel nicht in der Lage – also von der eigenen Erfahrung auf die anderer schließen zu können. Er kann und will nicht verstehen, dass das für ihn Fremde und Abstruse für einen anderen das Vertraute und Selbstverständliche sein kann. Diese eingeschränkte Sichtweise hängt zu einem großen Teil mit jenen Offenbarungsreligionen zusammen, die zwischen dem Wahren und dem Falschen unterscheiden. Darauf hat wiederholt der Ägyptologe Jan Assmann hingewiesen. Seine These lautet: Mit der mosaischen Unterscheidung von wahrem Gott und falschen Göttern hätten die monotheistischen Religionen den Hass und die Sünde in die Welt gebracht. Überdies seien diese Religionen aus der Abgrenzung gegen eine primäre, kosmotheistisch orientierte Religion entstanden – also gewissermaßen als Gegenreligion, nicht aus eigenem Seinsgrund. Seither dogmatisieren religiöse Formeln das Eigene und grenzen sich gegen das Fremde ab. Sie erzeugen Gut-Böse-Unterscheidungen und mobilisieren damit nicht nur die eigene Gemeinde gegen die »Anderen«, sondern festigen auch den inneren Zusammenhalt der »Wir-Gruppe«.

 

Ein tieferes Verständnis von Religionsfreiheit schließt die Achtung vor den Überzeugungen anderer ein.

 

Menschen identifizieren sich mit »ihrer« Gruppe und erfahren in dieser sozialen Rückhalt. Darum nehmen sie auch alle möglichen Rationalisierungen vor, um zu begründen, warum sie sich von den anderen unterscheiden. In Wirklichkeit unterscheiden sich religiöse Gemeinschaften allenfalls darin, dass die einen – meist zu ihrem Vorteil – höhere Zumutungen an die Mitglieder stellen als die anderen – nämlich die dominanten Großkirchen, die nach Beteiligung nicht weiter fragen, sofern die Kirchensteuer entrichtet wird und keine massive Kritik erhoben wird. Da Menschen nur über ein begrenztes Repertoire an religiösen Vorstellungen verfügen, »weisen die Religionen in aller Welt gemeinsame Grundzüge auf« (Pascal Boyer) – eine Einschätzung, die viele Gläubige wütend zurückweisen. Diese Gemeinsamkeit gilt übrigens auch für unser Moralsystem, denn ohne einen Grundbestand von moralischen Verhaltensweisen wäre ein soziales Leben gar nicht möglich. […]

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Prof. Dr. Gehard Besier – Die Aktivitäten von FECRIS

 

 

4 Kommentare
  • Dieter Jahnke
    Veröffentlicht um 16:53h, 11 Oktober Antworten

    Wahrheit.

  • Lilian Lehmann
    Veröffentlicht um 16:59h, 11 Oktober Antworten

    Erpressung, diene unserer Sekte oder werde ewig gefoltert…

  • Gerhard Schweigler
    Veröffentlicht um 17:57h, 11 Oktober Antworten

    die einzige wirkliche Gemeinsamkeit ist, dass alle Religionen versuchen, das Heil zu bringen………nur die wirklich wahre Religion ist der Glaube an sich selbst

  • Rolf Wolfgang Söder
    Veröffentlicht um 23:27h, 11 Oktober Antworten

    Ich sage der grosse kreative Schöpfer braucht keine Symbole um zuerkennen er ist in uns und liebt uns alle gleich was wir tun sollten beten bitten anklopfen und suchen und das jeden Tag und alles wird uns offenbahrt danke zusagen nicht vergessen in liebe

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