Was ist eigentlich Zeit?

Die Untersuchung eines rätselhaften Phänomens

Autor: Prof. Roland Böckle
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 64

Was ist eigentlich Zeit?


Zeit beschäftigt die Menschen, seit es Kultur gibt, und immer noch ist unklar, was Zeit eigentlich ist. Der Autor gibt ein Panorama der Aussagen und Erkenntnisse zur Zeit aus der gesamten Menschheitsgeschichte und zeigt, dass Zeit objektiv nicht fassbar ist. Vielmehr ist sie ein menschliches Empfinden, ein Konstrukt und eine Relation zwischen erfahrbaren Ereignissen.Zeit beschäftigt die Menschen, seit es Kultur gibt, und immer noch ist unklar, was Zeit eigentlich ist. Der Autor gibt ein Panorama der Aussagen und Erkenntnisse zur Zeit aus der gesamten Menschheitsgeschichte und zeigt, dass Zeit objektiv nicht fassbar ist. Vielmehr ist sie ein menschliches Empfinden, ein Konstrukt und eine Relation zwischen erfahrbaren Ereignissen.

 

»Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Steine zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.«
Prediger Salomon, 3,1–9.

 

In Michael Endes Buch »Momo« berät der Herr von der Zeitspar-Agentur den Herrn Fusi, von nun an Zeit zu sparen – mit einem merkwürdigem Ergebnis:

 

Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da (Ende, 1973, S. 69).

 

Jeder Mensch ist der Zeit unterworfen: Er wird geboren, und er muss sterben.

 

Die Zeit, ein menschliches Konstrukt

Die Aussage des Kirchenvaters Augustinus ist berühmt: »Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären soll, weiß ich es nicht. Gleichwohl sage ich zuversichtlich, es gäbe keine Vergangenheit, wenn nichts vorüberginge, und wenn nichts käme, gäbe es keine Zukunft, und wenn nichts wäre, gäbe es keine Gegenwart.« (Aurelius Augustinus von Hippo: Confessiones XI, 14).

Was geschieht eigentlich, wenn mir jemand Zeit stiehlt? Was geschieht, wenn ich mir Zeit lasse? Was geschieht, wenn wir Zeit verschwenden oder Zeit sparen? Was bedeutet es, wenn ich mir für etwas Zeit nehme, wenn ich für etwas Zeit habe? Was vergeude ich, wenn ich Zeit vergeude? Wie lange währt Gegenwart? Wer bestimmt die Zeit?

Das Wort »Zeit« bedeutet ursprünglich »Abgegrenztes« (siehe Wasserzieher 1974, S. 451).
Immanuel Kant schreibt: »Die Zeit ist nichts anderes als die Form des inneren Sinnes, d. i. die Anschauung unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu einer Gestalt oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und weil eben diese innere Anschauung keine Gestalt gibt, suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen, und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit, außer dem einen, daß die Teile der ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus erhellt sich, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken lassen« (Kant 1924, S. 24).

Wo und auf welche Art und Weise jemand etwas erlebt oder erfährt, immer wird es in der Zeit erlebt und erfahren. Es gibt nichts außerhalb der Zeit.

 

Zeit lässt sich nicht von Geschehnissen trennen, Raum und Zeit können nicht in sich selbst, unabhängig von Körpern existieren – es sei denn als Ideen Gottes (Leibniz 1715, S. 35).

 

Man kann die Zeit weder sehen noch fühlen, weder hören noch schmecken noch riechen. Für die Zeitwahrnehmung gibt es kein spezifisches Sinnesorgan. Doch jeder Sinneswahrnehmung kommt Zeitlichkeit zu. »Wir erleben nur Vorgänge in der Zeit, Ereignisse zu einem bestimmten Zeitpunkt und Abläufe mit einer bestimmten zeitlichen Erstreckung (Dauer) und Ablaufform« (siehe Vollmer 2003, S. 199). Wie kann man etwas messen, das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann? Der Begriff »Zeit« bezeichnet die von einem menschlichen Bewusstsein wahrgenommenen Veränderungen oder Abfolgen von Ereignissen. Sie begründen den Eindruck einer »Richtung der Zeit«. Aber in der physikalischen Welt gibt es nichts, das dem Bild einer fließenden Zeit entspricht. Wir müssen das Gefühl einer verstreichenden Zeit im menschlichen Bewusstsein suchen (siehe Fraser 19922, S. 228).

Die Wechselwirkung von Bewusstsein und Zeit ist für das Verständnis des Zeitbegriffs von zentraler Bedeutung.

Der Lauf der Zeit, wie wir Menschen ihn erfahren, von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, ist ein Begriff, wie wir ihn als Lebewesen in die Physik hineintragen; er lässt sich nicht aus dem ableiten, was die Physik über die Zeit weiß (siehe Fraser 1992, S. 274). Es gibt keine Vergangenheit an sich, sondern nur Vergangenheit für mich und für jedes andere Bewusstsein (siehe Fahr 1995, S. 43).

 

Zeit – das ist nur die Zeit des Bewusstseins, der reflektierten Erlebniswelt, und sonst nichts (Fahr 1995, S. 247).

 

Jean Piaget zeigt auf, dass sich der Zeitbegriff beim Kind im Verlauf der Entwicklung erst allmählich ausbildet (siehe Piaget 1946).

Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung, Molekularbiologie und Psychologie legen den Schluss nahe, dass Wahrnehmung, Gedanken, Erinnerungen und Zeitgefühl im Bewusstsein des Menschen so eng miteinander verknüpft sind, dass sie nicht getrennt werden können. Sie erscheinen also nur gemeinsam. »Es zeichnet sich vielmehr ein komplexes Netzwerk von Zeitrhythmen ab, in dem sich physikalische, biologische, psychologische und soziale Prozesse überlagern und beeinflussen (Mainzer 2005, S. 7). Die Zeit taucht überhaupt nicht als Eigenschaft der Natur auf, sondern ist nur eine Eigenschaft unseres arbeitenden Bewusstseins (siehe Fahr 1995, S.52). Erst der Mensch hat eine bewusste Zeiterfahrung.

»Dem gesunden Menschenverstand macht das Umgehen mit der Zeit keine besonderen Schwierigkeiten. Er orientiert sich für seine Verpflichtungen und Vergnügen an dem Kalender und an der Uhr, einem zeitlichen Bezugssystem, das allen Menschen gemeinsam ist und Kommunikation erleichtert« (Heimann 1989, S. 59).


Die Vorstellung einer »objektiven Zeit« wäre dann nur die Vorstellung einer Übereinstimmung, die auf Erinnerungen basiert.

Wir erschaffen die Zeit, indem wir gegenwärtige Erinnerungen für Wissen um eine wirkliche Vergangenheit halten. Dabei bedenken wir nicht, dass dieses Wissen ebenso wie die Gegenwart ein soziales Konstrukt ist. Die Historiker sehen die Vergangenheit als grundsätzlich abgespalten von jeder Gegenwart und damit als vollkommen vergangen und erledigt: Jedoch ist jede vergangene Gegenwart bereits Vergangenheit, und jede Gegenwart ist vergangene Zukunft (siehe Assmann, A., 2013, S.76). Oft wirkt die Vergangenheit gewaltig in die Gegenwart hinein (z. B. NAZI-Vergangenheit, Ausrottung von Ureinwohnern, Verbrechen der Sklaverei). »Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Zur Identität gehört ganz wesentlich das Bewusstsein von der eigenen Geschichte« (Assmann, A., 2014, S. 235). Vergangenheit als solche gibt es eigentlich gar nicht. Sie kann immer nur in einem Deutungsrahmen beschworen werden (dies., S. 242 f.). Häufig wird die Vergangenheit für die Gegenwart zurechtinterpretiert, um einen erträglichen Handlungsrahmen zu gewinnen.

Diese Illusion projizieren wir in eine andere Richtung und erzeugen so die Zukunft, die uns häufig als Erwartungsgrundlage zur Orientierung dient. In Wahrheit existieren alle Erinnerungen und alle Erwartungen nur in diesem gegenwärtigen Augenblick, der sich ständig verschiebt. »Gegenwart« ist das unmittelbar Erlebte, »Vergangenheit« ist das, was erinnert werden kann, »Zukunft« ist das, was vielleicht einmal geschehen wird (Elias 1984, S. 52).

 

Zeit ist ein soziales Konstrukt. Der Mensch ist dessen Schöpfer und Opfer.

 

Der Mensch hat also die Fähigkeit, was als »früher« und »später«, als »vorher« und »nachher« erlebt und gedeutet wird, miteinander zu verknüpfen und durch soziale Symbole (die im Verlauf von Jahrhunderten ausgearbeitet wurden) zu repräsentieren. Dabei spielt das Gedächtnis eine grundlegende Rolle (siehe Elias 1984, S. 44 f.). Dies unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen. In der Welt der Physik gibt es nichts, das sich an etwas erinnert. Nicht einmal der Speicher eines Computers erinnert sich. In der Welt der Physik gibt es auch nichts, das etwas erwartet, nicht einmal ein Alarmsystem wartet auf den Alarm (siehe Fraser 19922, S. 172). Aber von der Wiege bis zur Bahre verläuft das menschliche Leben in der Gegenwart, niemals in der Zukunft oder in der Vergangenheit.

Zeitbestimmen ist die Fähigkeit, zwei oder mehr Ereignisse miteinander zu verknüpfen, von denen eines als Maßstab für das (die) andere(n) gilt (siehe Elias 1984, S. 42), Was wir »Zeit« nennen, ist also ein Bezugsrahmen, der Menschen einer bestimmten Gruppe dazu dient, innerhalb einer Abfolge von Ereignissen Phasen miteinander zu vergleichen. Auf diese Weise lassen sich Abfolgen auf der physikalischen, der biologischen, der sozialen oder der persönlichen Ebene aufeinander beziehen. In all diesen Fällen bedarf es der gesellschaftlichen Standardisierung (siehe Elias 1984, S. 43). Elias folgend kann man also Zeit verstehen »als den Ausdruck und das Ergebnis einer hohen menschlichen Syntheseleistung, die erst im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen ist« (Weis 1995, S. 9 f.) Die wirkliche Frage heißt also nach Elias: Wozu brauchen Menschen Zeitbestimmungen? »Zeit ist [also] ein soziales Konstrukt. Der Mensch ist dessen Schöpfer und Opfer« (Weis 1995, S. 27).

Nur die Zeitmaße haben sich gewandelt. Die außerordentlichen Fortschritte in der Schleiftechnik zur Herstellung feiner Steinklingen zwischen dem Ende der Altsteinzeit und der Jungsteinzeit dauerten Zehntausende von Jahren. (siehe Lübbe 1995, S. 55). Von der Erfindung des Automobils durch Carl Benz 1886 bis heute können wir in Jahrzehnten rechnen. Vom ersten Verkauf von Smartphones 2008 bis heute messen wir in Jahren. Die geschichtlichen Zeiten haben andere Zeitfolgen als die von der Natur vorgegebenen Zeitrhythmen. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 05: Prof. Dipl. Chem. Waltraud Wagner – Zeit, das Fortschreitende oder die Ordnung.
Lineare und zyklische Zeitrechnungen

TV 21-23: Dr. Michael Harder – Die 5. Dimension. Definitionen des Unfassbaren.
Integration von Physik und Metaphysik

TV 29: Dr. Thomas Hoffmann – Immanuel Velikovsky und die Relativität der Zeit

TV 43: Dipl. Psych. Ulrich Kramer – Zeit, psychologisch betrachtet

TV 53: Prof. Dr. Thomas Görnitz – Sprung in die Unendlichkeit.
Quantentheorie und ein neues Wissenschaftsverständnis

TV 57: Ronald Engert – Blick in die Ewigkeit. Die Gotteserfahrung eines Neurowissenschaftlers

TV 63: Dr. Marc Wittmann – Stress, Muße, Flow und Zeitlosigkeit. Das subjektive Erleben der Zeit

 

Bildnachweis: © Thies Thiessen

 

 

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