Was können wir von indigenen Völkern lernen?

Entwicklung einmal anders herum!

Autor: Günter Spitzing
Kategorie: Schamanismus
Ausgabe Nr: 64

 

Irular Kinder – ganz dem Augenblick hingegeben. Sie leben in der Gegenwart.


 

Der Westen hält sich im allgemeinen für entwickelter als andere Gesellschaften. Dabei verkennt er, welcher Ideologie er selbst unterworfen ist. Wettkampf und Konkurrenzdenken sind die Leitprinzipien eines abgetrennten Ichs von seiner Um- und Mitwelt. Der Autor plädiert dafür, dass auch der Westen zu seiner Weiterentwicklung von anderen Gesellschaften etwas lernen kann und darf.

 

Seit über zwei Jahrzehnten bin ich mit Ureinwohnern aus der Ethnie der Irular in Südindien eng befreundet. Da bleibt es nicht aus, dass einem immer wieder einmal das eine oder andere auffällt, von dem man sich fragt: Ist da nicht etwas, das wir so nicht kennen, ja nicht einmal sehen, und das es doch wert wäre auch von uns beherzigt zu werden?

 

Irular-Junge


Religion ist für die Gesellschaften, die nicht oder wenig von der westlichen Zivilisation berührt sind,
unmittelbar mit dem Leben verquickt. Eine Trennung zwischen heilig und profan gibt es nicht.

 

Wir gehen immer davon aus, dass die aus unserer Sicht zu entwickelnden Gesellschaften/ Entwicklungsländer unterstützende wichtige Impulse von unseren vermeintlich fortgeschrittenen Gesellschaften erhalten und diese auch annehmen sollten. Und doch geht es auch umgekehrt. Die zu entwickelnden Gesellschaften haben auch fruchtbare Anregungen für unsere Gesellschaften parat. Und die sind wichtig, weil sie alle mit Bewusstsein zu tun haben.
Ich habe hier zunächst einmal vier Anregungen zusammengetragen, die die Ureinwohner den entwickelnden Gesellschaften des Westens, also uns, mit auf den Weg geben können – und wir sollten ernsthaft überlegen, ob wir nicht die Bereitschaft dafür aufbringen sollten, diese anzunehmen.

1. Zukunft oder Gegenwart?

Wir – nennen wir uns mal so – »Westler« neigen dazu, uns auf unsere in der
Zukunft liegenden Ziele zu konzentrieren. Die Gegenwart schnurrt auf einen Punkt mit der Ausdehnung Null zusammen, der zwischen Vergangenheit und Zukunft zerquetscht wird. Wir leben in und für die Zukunft. Uns überkommt leider überhaupt nicht die Idee, dass das in anderen Kulturen völlig anders sein könnte.

Bei den Irular habe ich erfahren, dass sie vorwiegend in der Gegenwart leben. Es spricht einiges dafür, dass es bei allen anderen indigenen Kulturen und darüber hinaus bei allen nicht vom westlichen Wirtschafts- und Techniksystem infizierten Gesellschaften nicht viel anders ist. Das ist nicht etwa nur eine unsichere Schlussfolgerung, die ich ziehe. Ich habe mich mit den Irular selbst über die Zeitfrage unterhalten. So fragte ich z.B. Frauen eines kleinen Flecks mit Namen Mamandur: »Wie seht Ihr Euch selbst im Vergleich zu denen, die keine Irular sind, zu den Mainstream Hindus, den Moslems und den Christen? Existieren da Unterschiede zwischen Euch und denen?« Die Frauen nannten interessanterweise ganz spontan und überraschend nur ein einziges Unterscheidungsmerkmal: »Die Anderen sind alle nicht besonders glücklich. Sie sehen sich gezwungen dauernd darüber nachzudenken, was sie morgen tun müssen um mehr Geld zu verdienen. Wie sollen die Kinder einmal ausgebildet werden, damit sie ein besseres Einkommen haben? Was versäumen wir gerade? Was muss unbedingt noch gekauft werden und wo kommt das Geld dafür her? Wir Irular dagegen sind sehr glücklich. Wir leben jetzt in der Gegenwart, verrichten die Arbeit, die gerade zu tun ist! Auch wenn die schwer ist – mehr verlangen wir nicht. Was morgen passiert, werden wir morgen sehen.«

Diese Aussage wird durch viele meiner Beobachtungen des Verhaltens der Irular bestätigt – und diese Ansicht hat durchaus etwas für sich. Es scheint, dass jemand, der in der Zukunft lebt und ständig etwas plant, die gute Chance hat Wohlstand zu erwerben. Wer dagegen in der Gegenwart lebt, ist einfach glücklich.

 

Schulkinder erhalten Nachhilfe abends im Freien.


Schulkinder erhalten Nachhilfe abends im Freien.
Zukunft Irular e.V. hat ihnen den Schulbesuch ermöglicht

 

Was die indigenen Menschen anbelangt, müssen sie natürlich lernen, auch etwas mehr die Zukunft zu beachten. Ganz ohne Planung kann man als Jäger und Sammler in der Wildnis sehr gut leben. Aber in einer modernen Gesellschaft funktioniert das nicht. Nur sollen sie dabei ihre Gegenwartsbezogenheit nicht verlieren. Es hat keinen Sinn, dass sie reich, aber unglücklich werden.
Wir dagegen sollten uns, angeregt durch die Indigenen, bemühen nicht nur in der Zukunft zu leben, sondern auch die Gegenwart intensiv wahrzunehmen und auszukosten. Durch Aufmerksamkeit für alles, was gegenwärtig um uns ist, lässt sich das erreichen. Wenn wir dann glücklicher werden, als wir jetzt sind, verdanken wir das der Anregung durch unsere indigenen Freunde.

Westliche Menschen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass wir von allem, was uns in der Nähe und in der Ferne umgibt, unterschieden sind – ja mit ihm in einer Art Konkurrenz stehen. Sich in das andere Denken der Indigenen einzufühlen, ist schwierig und zwar deshalb, weil wir es uns kaum vorstellen können.

 

Nandini und Sathesch, Kinder aus einem abgelegenen Dorf


Nandini und Sathesch, Kinder aus einem abgelegenen Dorf. Für sie sucht Zukunft Irular e.V. Paten,
damit ihre Ausbildung und angemessene Ernährung gewährleistet werden kann und damit sie eine Chance haben aus ihrem Elend herauszukommen.

 

Doch die Menschen in nicht-westlichen Kulturen, und das ist die überwiegende Anzahl an Menschen, sieht das ganz anders. Sie neigen eher dazu anzunehmen und vor allem zu empfinden, dass das Ich eins ist mit Sonne, Mond und Sternen, Bergen und Meer, Tieren und Pflanzen, mit Gott oder auch dem Universalen. Wenn Menschen sich als Einheit mit dem Anderen an sich empfinden, dann sind sie an Zusammenwirken und weniger an Konkurrenz interessiert. Und das hat selbstverständlich Auswirkungen auf den Lebensstil und auf das wirtschaftliche Denken und Tun. […]

 
Zur Webseite von Zukunft Irular e.V.

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 27: Dr. Jill Möbius – Die Fulni-O-Indianer. Ein Volk kämpft ums Überleben

TV 29: Dr. Jeremy Narby – Intelligenz in der Natur. Schamanismus und Wissenschaft

TV 34: Winfried Altmann – Das Vermächtnis der Waitaha.
Das spirituelle Erbe einer gewaltfreien Kultur in Neuseeland

TV 50: Mohan L. & Suraj Rai – Schamanismus in der westlichen Moderne

TV 55: Günter Spitzing – Heil und Heilung bei Ureinwohnern. Stammeskulturen in Indien

TV 60: Oliver Driver – Heiler der Erde. Besuch bei den Kogi-Indianern

 

Alle Abbildungen: © Günter Spitzing

 

 

5 Kommentare
  • Henrik Hempel
    Henrik Hempel
    Veröffentlicht um 23:07h, 30 Juni Antworten
  • Christiane Ruth Hippler
    Christiane Ruth Hippler
    Veröffentlicht um 00:25h, 01 Juli Antworten

    sehr war

  • Mbr Künstlertreff
    Mbr Künstlertreff
    Veröffentlicht um 08:35h, 01 Juli Antworten

    erst zerstört unsere sogenannte zivilisation die kulturen der naturvölker ( oder rottet sie aus ) und jetzt wo alles den bach runter geht, wollen sie von ihnen lernen. ich würde euch was husten !!

  • Mbr Künstlertreff
    Mbr Künstlertreff
    Veröffentlicht um 08:36h, 01 Juli Antworten

    den da geht kapitalismus los !!

  • Adrian Lorenz
    Adrian Lorenz
    Veröffentlicht um 19:09h, 01 Juli Antworten

    In erster Linie muss der Westen den sich als Entwicklungshilfe tarnenden Neokolonialismus beenden. Dann die betroffenen Völker um Verzeihung bitten und so gut es nur geht entschädigen. Danach auf absolut gleichen Augenhöhe, sowohl auf kultureller, politischer und wirtschaftlicher Ebene, zusammen arbeiten und auf eine Zukunft als Menschheit hin wirken.

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