Wie komme ich von der inneren Leere zur inneren Fülle?

Praktische Erfahrungen jenseits von Vollkommenheitstheorien und moralischem Relativismus

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 68

Jeder Mensch sucht nach Erfüllung, nach Freude und dem Ende von Schmerz und Leid. Viele leiden bewusst oder unbewusst unter einer inneren Leere und versuchen, diese durch Dinge von außen zu füllen. Echte Erfüllung kommt aber von innen, von unserem inneren Selbst und aus der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, mit der wir uns im Außen zeigen. Leugnungen und Masken verursachen einen Schmerz, der durch Betäubung und Abspaltung gelindert werden muss. Echte Heilung vollzieht sich jedoch in der Annahme unserer selbst mit unseren Fehlern und Mängeln.

Hauptunterscheidung: Innen-Außen

Das wichtigste Wort in der Frage der Überschrift ist »innen«. Um zu einer klaren Antwort auf die Frage nach der Erfüllung zu erlangen ist die Unterscheidung von innen und außen in Bezug auf mich selbst zu machen. Was ist alles außen von mir? Ich bin vielleicht in einem Haus. Aber das Haus ist nicht in mir. Es ist außerhalb von mir. Wenn ich in meinen Körper hinein spüre, kann ich darin meine Organe wahrnehmen. Ich spüre vielleicht meinen Herzschlag oder meine Verdauung. Vielleicht schmerzt es in meinem Knie usw. Es gibt also ein Innen in Bezug auf meinen Körper. Da ist etwas in meinem Körper. Aber ist der Körper wirklich das Innerste von mir? Ich bin in dem Körper. In Bezug auf mich als Selbst ist der Körper außen. Das gleiche betrifft die Gedanken. In meinen Gedanken sind Informationen, Wissen, Ideen, Urteile, Werte. Aber sind die Gedanken mein Innerstes? Ich bin in meinen Gedanken. In Bezug auf mich als Selbst sind meine Gedanken außen. Was ist wirklich innen?

Happiness is an inside job.

Der Körper ist außen. Der denkende Geist ist außen. Ideen und Ideale sind außen. Vollkommenheit ist außen. Moral ist außen. Die Idee, dass ich eine ewige spirituelle Seele bin, kommt von außen. Ich habe sie in einem Buch gelesen oder ein Lehrer hat es mir gesagt.

Was ist wirklich innen? Wer bin ich? Ich denke und fühle. Ich bin. In meinem Inneren habe ich Gefühle, ein Selbstbewusstsein, eine Identität, etwas Wesenhaftes. Mit den Gefühlen, die mich selbst betreffen und aus mir herauskommen, bin ich in meiner Erforschung schon etwas näher am Inneren. Ich beginne, unabhängig von äußeren Konzepten und Glaubenssystemen mich selbst wahrzunehmen und zu leben. Im Inneren finde ich auch meine eigenen Gedanken und Ideen. Diese sind keine Konzepte von außen, aber sie sind schon Derivate, Ableitungen aus meinen Gefühlen. Sie sind kognitive Schlussfolgerungen, Erklärungen, Verstandenes von dem, was in mir lebt. Es ist meine fühlende Seele, meine eigene Wahrheit unabhängig von externen Glaubenssystemen, meine eigene spirituelle Erfahrung, was wirklich innen ist.

Wie komme ich an meine innere spirituelle Erfahrung? Als ich überprüfte, was ich wirklich an eigener innerer Erfahrung von Gott hatte, unabhängig von dem Wissen, das ich von außen bekommen hatte, musste ich mir eingestehen: keine.

Es ist ein ganz anderer Ansatz, ob ich fertige Glaubenslehren auswendig lerne und logisch nachvollziehe, oder ob ich ergebnisoffen in mir innen schaue, was da ist. Bewährte Glaubenslehren beruhen auf der spirituellen Erfahrung von anderen. Es kann sein, dass sie auch für mich gut funktionieren, wenn ich sie anwende. Dennoch muss meines Erachtens die Bewegung umgekehrt statt finden. Die Bewegung muss von innen nach außen gehen, nicht von außen nach innen. Fühle ich das Gebet?

Was ist innere Leere?

Innere Leere ist ein unangenehmer Zustand. Es ist ein diffuses Gefühl des Leids, der Qual. Etwas, dass man am liebsten nicht haben möchte. Wir haben die Tendenz, in dieses Loch im Innern etwas hineinzustopfen, um es nicht mehr spüren zu müssen – Essen, Alkohol, Geld, Sex, Konsum, Arbeit u.a. Das führt zur Sucht und zur Krankheit. Die innere Leere zu innerer Fülle werden zu lassen beginnt damit, die Leere auszuhalten. Die Leere setzt sich aus Gefühlen zusammen, vor allem aus Schmerz und Angst. Wenn wir die Leere aushalten und annehmen, kann sie sich von innen unten füllen. Dann beginnt von innen unten etwas aufzusteigen, das wir selbst sind. Schmerz und Angst sind wie kleine Kinder, die wir abgespalten haben.

Inneren Leere und innere Fülle

Die Dichter sind nicht die Ärzte, sondern der Schmerz.

Stell dir vor, ein kleine Kind hängt an deinem Rockzipfel und zerrt an dir herum: »Papa, Papa, ich will dir was sagen.« Aber du machst dich nur weg, mit Arbeit, Hektik, Vergnügungen, Stress, Drogen, Alkohol, Besessenheiten, Ablenkungen. Du willst das Kind nicht sehen und hören. Aber das Kind schreit immer lauter und zerrt immer mehr an dir. Es geht darum, sich dem Kind zuzuwenden, es anzunehmen und zu hören, was es dir zu sagen hat. Es will dir den Schmerz zeigen und in dem Moment, wo du das Kind liebevoll auf den Arm nimmst und zuhörst und es anschaust, kannst du den Schmerz mitfühlen. Fühle den Schmerz, weine mit dem Kind. Es ist Dein inneres Kind. Das bist du. Du hast Teile von dir abgespalten, die dir nun fehlen und die einen Schmerz bedeuten. Durch Annahme integrierst du diese fehlenden Teile, du integrierst dich selbst. Du wirst wieder ganz. Jeder Schmerz, der einmal gefühlt wurde, kommt nicht wieder. Er ist geheilt.

(…)

»Ohne Schmerz gibt es keine Bewusstwerdung. Menschen tun alles, egal wie absurd, um ihrer eigenen Seele nicht zu begegnen. Man wird nicht erleuchtet, in dem man sich Figuren aus Licht vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht.« – C.G. Jung

Was ist innere Fülle?

In einen Wort: innere Freude. Freude ist ein Gefühl. Woher kommt diese Freude?

Unsere Tendenz ist es immer wieder, die innere Leere von außen zu füllen, durch Freude von außen. Das ist aber zeitweilig und gibt keine innere Freude. Wir suchen Erfüllung und brauchen sie auch. Die Natur liebt kein Vakuum. Die echte Erfüllung kommt allerdings von innen. Wir haben einen tiefen inneren Kern in uns – nennen wir es Introszendenz –, der unsere wahre Identität darstellt. Traditionell ist dieser Wesenskern »die Seele«. Wir haben gehört, dass unsere Seele sat-cid-ananda ist, innerer Frieden, vollkommenes Wissen und Glückseligkeit. Aber was erfahre ich wirklich? Jetzt? Hier? Erfahre ich das? Oder erfahre ich Schmerz, Angst, Trauer, Wut, innere Leere, Einsamkeit, Verzweiflung, Depression, Langeweile, Groll, Ekel, Verachtung, Unsicherheit über mich selbst und meinen Wert? Gehören diese Gefühle auch zu mir? Wie gehe ich mit diesen »schlechten« Gefühlen um? Woher kommen sie? Antwort: Diese Gefühle gehören zu mir. Ich gehe mit ihnen um, indem ich sie annehme. Sie kommen von meinem Versuch, die Freude im Außen zu finden (dazu später mehr).

Wir werden als Original geboren und sterben als Kopie.

Unser Innerstes ist in seiner Essenz innere Freude. Diese innere Freude springt an, wenn ich von allen äußeren Freuden abstinent bin. Das ist der Sinn der Askese.

Es ist die innere Freude, die einfach da ist. Sie entspringt aus der Identität mit mir selbst. »Ich bin, der ich bin«, sagte die Stimme im Dornbusch zu Moses. Das ist der Kern dieser Sache: sei der, der du tatsächlich bist. Es geht zunächst nicht darum, ein Ideal der Vollkommenheit zu erreichen, sondern darum, der zu sein, der ich hier und jetzt bin, mit meinen Mängel und Fehlern.

(…)

Innere Fülle und innere Freude sind die essentiellen Aspekte dieses Weges.
Mehr dazu im vollständigen Aufsatz.

Sucht und gesunde Abhängigkeit

Sucht ist eine spirituelle Krankheit, von der die gesamte Gesellschaft mehr oder weniger befallen ist. Für den einen mag es das Essen sein, für den anderen ist es Kaufen, für den dritten Arbeiten, wobei bei allen Suchtprozesse die magersüchtige Variante nicht vergessen werden darf: etwa bei den genannten Beispielen zwanghafte Diäten, Geiz und Arbeitsverweigerung. Ganz zu schweigen von den offensichtlichen Suchtmitteln Alkohol, Nikotin und Drogen werden auch Sexualität und Beziehungen oft süchtig praktiziert. Viele Menschen sind sexsüchtig oder von anderen Menschen emotional abhängig. Andere sind beziehungsmagersüchtig oder meiden intime Begegnung.

Es geht nicht darum, bei anderen gut anzukommen. Es geht darum, bei mir selbst anzukommen.

Abhängigkeit ist nicht schlecht, sondern eine natürliche Eigenschaft unserer Seele. Wir haben ein natürliches und gesundes Abhängigkeitsbedürfnis. Wir sind allerdings von den falschen Dingen abhängig – von Dingen im Außen. Die einzige gesunde Abhängigkeit ist die von Gott und von mir selbst. Die Abhängigkeit von Gott ist nicht disfunktional, sondern konstruktiv. Wie das funktioniert, ist ein mystisches Geheimnis. Die Erfahrung zeigt aber, dass wir durch die Hingabe zu Gott uns selbst finden. Insofern darf wohl gesagt werden, dass Gott innen ist.

(…)

Mehr über unserer Beziehung zu Gott und zu uns selbst erfahren Sie im vollständigen Aufsatz.

Die innere Freude ist das Ende der Einsamkeit und ein Erwachen innerer Würde und Ganzheit. Das kommt durch den Entzug von den äußeren Freuden.

Der Entzug ist nicht deshalb notwendig, weil es eine Sünde ist, diese Dinge zu tun. Dies ist ein falsches Argument und kann intelligente, aufgeklärte Menschen nicht überzeugen. Das regt intelligente Menschen eher zum Widerspruch an und stößt sie ab. Aber der energetische Zusammenhang, richtig erklärt, kann überzeugen. Dann ist es möglich, die reale Erfahrung zu machen. Es ist etwas ganz anderes, ob ich mich in einem ideologischen Konzept als »richtig« denke, oder ob ich die Erfahrung der inneren Würde und Ganzheit mache, diese fühle. Es ist etwas anderes, ob ich mich von einer äußeren Autorität in Form einer Autoritätsperson oder einer autoritativen Gemeinschaft anerkannt fühle, oder ob meine innere Einsamkeit endet, ich mich also alleine wohl fühle. Wenn die innere Einsamkeit endet, kann ich sein, wo ich will und bin immer frei. Ich bin nicht mehr von der Gemeinschaft und ihrem Normenkatalog abhängig, um ok zu sein. Ich muss diese normative Gemeinschaft auch nicht mehr bekämpfen um frei zu sein. Alle diese durch äußere Abhängigkeitsverhältnisse gebildeten Konstrukte fallen weg. Ich muss nicht mehr die Anerkennung der Gruppe bekommen, muss sie aber auch nicht bekämpfen. Ich kann einfach sein.

Innere Autorität, richtig gebraucht, führt zu einem funktionierenden inneren unabhängigen Urteilsvermögen.

(…)

Zum Autor

Ronald Engert

Ronald Engert

geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. Seit 2015 Studium der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie im vollständigen Aufsatz über Leugnung und Enthüllung, Vollkommenheit und moralischen Relativismus, Fehler zugeben und anerkennen, Selbstidentität, Selbstautorität, innere Freude, Selbstwerdung, das strategische Selbst, die Vermischung von Denken und Fühlen, den inneren Ort, Meditation und die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 68  oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 9 Seiten).

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Bildnachweis: © unbekannter Künstler, pedrosimoes7, h.koppdelaney

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1Kommentar
  • jana korte
    Veröffentlicht um 13:55h, 21 September Antworten

    könnt ihr bitte das lastschriftverfahren in eure bezahloptionen aufnehmen.

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