Wie wird aus einem Jungen ein Mann?

Wie wird aus einem Jungen ein Mann?

Wie wird aus einem Jungen ein Mann?

Die »Phoenixzeit« als modernes Initiationsritual

Autor: Stefan Strehler
Kategorie: Mann/Frau
Ausgabe Nr: 60

 

In archaischen Kulturen gab es die Initiation ins Erwachsenwerden, die heute verloren gegangen ist. Der Verein Phönixzeit bietet Jungen in der Pubertät die Möglichkeit, sich im Kreis der Männer in Ritualen der Wandlung auf eine gesunde Weise von den Eltern zu lösen und zu selbstbewussten Männern heranzureifen.

 

Abschied von der Kindheit

Hinter einer alten Scheune, auf einer Kuhweide in Brandenburg haben sich an einem Mittwochabend mehrere Familien versammelt. Sie haben sich in zehn Grüppchen unterschiedlicher Größe in einem Halbrund zusammen gefunden, mal besteht die Familie nur aus Mutter und Sohn, mal sind zwei Elternteile dabei, manches Familiensystem besteht aus mehreren Erwachsenen und Geschwistern. Die Blicke der Erwachsenen richten sich gerührt nach unten, wo direkt vor ihnen ihr Sohn auf einer Decke sitzt und zurückblinzelt. Vielleicht zum letzten Mal begegnen sich Eltern und Sohn in einer Weise, die jahrelang, die ganze Kindheit hindurch, ihr Verhältnis prägte: Hier stehen die Großen und blicken auf ihr hilfebedürftiges Kind. Aus kleinen wilden Jungs sind schlaksige Kerle geworden, mit erstem Flaum. Dem groß gewordenen Jungen, der sich ein letztes Mal zusammenkauert und zu den Eltern aufschaut, steht der Wunsch aus dieser Situation herauszukommen, ins Gesicht geschrieben: oft liebevoll und charmant geht der Blick zurück, vor allem: hungrig nach eigenem Leben.

 

Abschied von der Kindheit

 

Beide, Eltern wie Söhne, befinden sich an einer Schwelle. Sie nehmen Abschied von einer Beziehungsform, die 13 bis 15 Jahre überdauert hat, sie nehmen Abschied von der Kindheit, vom Kindsein, von einer geborgenen Zeit. Viele Mütter haben Tränen in den Augen, auch Väter kämpfen mit Rührung. Die Jungen wippen hin und her, die meisten können es kaum erwarten, das wärmende Halbrund der Eltern zu verlassen, um den Weg zu einem Schwellenhüter zurückzulegen, einem Mann vom Phoenixteam, der die Grenze zwischen Kindheit und Schwellenraum markiert.

 

Im Kern geht es um die Entdeckung der eigenen Männlichkeit. Wie werde ich ein richtiger Mann?

 

Gleich werden die Jungen sich zu ihrer ganzen Größe erheben, um ihren Eltern zu einem Abschiedsgruß gegenüberzutreten; sie sind angeregt worden, sich Dankesworte für ihre Eltern zu überlegen, einen Dank für alles, was sie bis hierhin von ihnen bekommen haben. Die Eltern werden im Gegenzug ihren Söhnen einen persönlichen Segen oder einfach ihre Wünsche mit auf den Weg geben.

Es ist ein bewegender Moment für alle Beteiligten, auch für die Männer vom Phoenixteam, die die Zeremonie ruhig begleiten.

Reise zu den Themen der Pubertät

Es ist der Auftakt zu den Phoenixtagen, der Kernzeit einer mehrmonatigen Übergangsbegleitung, die seit zehn Jahren vom Verein »Manne e.V. Potsdam« angeboten und mit stetig wachsenden Teilnehmerzahlen durchgeführt wird.
Bevor die Jungen bei den Phoenixtagen den Schwellenraum betreten, einen zeremoniellen Raum der Übergänge und Wandlungen, in dem besondere Begegnungen und Erfahrungen möglich sind, bevor die Jungen diesen markanten, ersten Schritt in die eigene Männlichkeit gehen, haben sie schon mehrere Tage und Wochenenden miteinander verbracht. Das Phoenixteam, aus drei bis fünf Männern bestehend, hat mit den Jungen eine erlebnispädagogische Reise zu den Themen unternommen, die in der Pubertät von besonderer Bedeutung sind: Das (sich verändernde) Verhältnis zur eigenen Familie, Austesten von Grenzräumen, Entdeckung des eigenen Körpers und der aufkeimenden Sexualität, Freundschaft zu anderen Jungen, Begründung eines neuen Selbstverhältnisses, Erleben der eigenen Stärken und Besonderheiten.

 

Reise zu den Themen der Pubertät

 

Die Jungen können Teil einer männlichen Gemeinschaft sein, ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck ausgesetzt zu sein (wie in der Schule oder im Sportverein). Die gesamte Phoenixzeit ist ein geschütztes Gefäß, in dem Jungen erfahren, was in ihrem Alltag öfter fehlt: Ohne Leistungsansprüche als gleichwertiges Mitglied einer Gemeinschaft respektiert werden, in ihrer Individualität von anderen Jungen und Männern gesehen und gewürdigt werden, offen über Erlebnisse und Gefühle sprechen können, in der Natur zur Ruhe kommen, die eigene Biografie und Stellung im Familiensystem reflektieren, sich ausprobieren, den eigenen Platz finden.

Wie werde ich ein richtiger Mann?

Im Kern geht es um die Entdeckung der eigenen Männlichkeit. Eine der vielen, wichtigen Fragen, die die Jungen umtreibt, lautet: Wie werde ich ein richtiger Mann?

Es ist kein Zufall, dass diese Frage mit einer zweiten, bedeutsamen Frage eng verknüpft ist: Wie kann ich mich auf eine gute Art von meiner Mutter lösen?

Im Bewusstsein der Jungen spielt vor allem die Frage nach dem Mannsein eine Rolle. Die Aufgabe der Loslösung aus der behütenden (und zunehmend einengenden) Sphäre der Mutter liegt tiefer, und wird selten artikuliert.

 

Wenn die Ablösung von der Mutter nicht gelingt, bleibt die Beziehung zum Weiblichen oft lebenslang negativ fixiert.

 

In der Entwicklungspsychologie ist dieser Vorgang gut beschrieben, und mit ihm ein zentrales Dilemma der Mannwerdung. Die gelebte Bindung zwischen der Mutter und ihren Kindern ist der wesentliche Faktor für die psychologische Entwicklung des Kindes, ganz gleich, ob Junge oder Mädchen: Urvertrauen, Basismuster von Liebe und Beziehung, optimistische oder pessimistische Grundhaltung dem Leben gegenüber. Spätestens mit dem Eintreten der Geschlechtsreife sind die Jungen mit Entwicklungsaufgaben konfrontiert, die sie mit der gewohnten Mutter-Sohn-Bindung nicht lösen können. Der Hunger nach männlichen Vorbildern ist groß.

 

Wie werde ich ein richtiger Mann?

 

Die emotionale Bindung an die Mutter (im Hinblick auf Geborgenheit, Bestätigung, Unterstützung, Selbstwert) behindert eine entspannte Zuwendung zu anderen, männlichen Identifikationsfiguren. Ein moderner (und oft fataler) Weg der Herausbildung von Männlichkeit durchläuft dann das Stadium der Abwertung alles Weiblichen. Um die eigene geschlechtliche Identität spüren zu können, braucht es für viele eine radikale und etwas hilflose Abwendung von der Mutter – Männer, die in dieser zwanghaften und oft von starken Wutgefühlen begleiteten Abwendung stecken bleiben, überwinden ihre Abhängigkeit selten; die Beziehung zum Weiblichen bleibt im Kern oft lebenslang negativ fixiert.

Initiation in archaischen Gesellschaften und heute

In archaisch organisierten Gesellschaften wurde diese Identitätsbildung durch Initiationsriten gesteuert – und dadurch in das jeweilige Weltbild eingepasst. Die männlichen Rollenzuschreibungen in archaischen Initiationsriten sind am Ideal des Kriegers und Jägers orientiert, der für die Familie und den Stamm zu sorgen hat. Die Jungen wurden den Müttern meist auf spielerische, aber manchmal auch grausame Weise entrissen und durch oft schmerzhafte Rituale geführt.

 

Initiation in archaischen Gesellschaften und heute

 

Diese Riten passen nicht in unser modernes Leben, und es gibt gute Gründe, sie nicht mehr zu praktizieren: das absichtliche Zufügen von Wunden, die sehr eindimensional auf das Stammesbedürfnis ausgerichtete Konditionierung von Männlichkeit.

Das Wegfallen dieser Riten führte aber auch dazu, dass Jungen sich heute häufig selbst zu initiieren versuchen, in ihren Peergroups rauschhafte Grenzerfahrungen inszenieren und verzweifelt nach Ekstase und Bestätigung suchen. Die traurigsten Ergebnisse dieser Versuche können nach jedem Wochenende im Krankenhaus, auf der Polizeistation oder beim Bestatter besichtigt werden.

Unter Männern

Einzelne Elemente der alten Riten sind jedoch für die moderne Identitätsbildung fruchtbar: Zum einen die Herstellung eines Raumes auf Zeit, der ausschließlich von Männern und Jungen bevölkert wird; außerhalb von Umkleidekabinen ist das eine Rarität in unserer Alltagskultur. Allein die Tatsache, dass mehrere erwachsene Männer sich für eine bestimmte Zeit exklusiv zur Verfügung stellen, um mit den Halbwüchsigen Zeit zu verbringen, sie individuell und sensibel wahrzunehmen, sie herauszufordern und pädagogisch zu begleiten, ist ein fulminanter Umstand. Besonders alleinerziehende Mütter sind dafür zutiefst dankbar. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 60

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 34: Winfried Altmann – Das Vermächtnis der Waitaha.
Das spirituelle Erbe einer gewaltfreien Kultur in Neuseeland

TV 37: Harry Kirschner – Dionysos. Initiatische Männergruppe

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut tut

TV 50: Jörg Fuhrmann – Kalinchok, Weg zum Gipfel der Götter.
Betrachtung einer schamanischen Pilgerschaft in Nepal

TV 59: Julius Frebel – Von inneren Kämpfen auf dem Weg zur geistigen Meisterschaft

 

Bildnachweis: © Stefan Strehler

 


 

 

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