Wir brauchen eine neue Mystik

Wir brauchen eine neue Mystik

Auswege aus der Mainstream-Esoterik

Autor: Giannina Wedde
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 64

Wir

 

Die Autorin legt den Finger in die Wunde der esoterischen Oberflächlichkeit und die daraus entstehenden Irrtümer und Fehlhaltungen. Viele Menschen leiden an dem Dogma der glücklichen und erfolgreichen Menschen, die ihr ganzes Leben perfekt im Griff haben. Schmerz und Krankheit gehören aber zum Leben dazu. Echte Mystik erfährt diesen Schmerz im Mitgefühl und hat doch die innere Gelassenheit einer unbeschädigten Instanz, die inmitten jeder Trostlosigkeit sich selbst bleibt.

 

In den letzten Jahren wurde ich Zeugin erstaunlicher Phänomene und Entwicklungen in der freien spirituellen Szene. Wollte ich diese zusammenfassen, würde ich wohl sagen: Auf der einen Seite haben sich dogmatische Lehren ausgebreitet, verhärtet und verselbstständigt und der glückliche, erfüllte und erwachte Mensch, den die gängige Esoterik im Blick hatte, ist zu einem Ideal verkommen, das von niemandem mehr unterwandert wird, als von der Esoterik selbst. Auf der anderen Seite ist der Überdruss vieler Spiritueller so immens gewachsen, dass für viele einfach ein natürliches Ende anbricht: ein Ende der Dogmen, der Gurus, des Seminartourismus, ein Ende der leeren Versprechungen. Ich bin fast geneigt, dies Tod und Auferstehung zu nennen, denn hier zeigt sich eine große Chance, ungute Lehren abzustreifen und zu einer tiefen, authentischen und lebendigen Spiritualität heranzureifen.

Wir brauchen eine neue Mystik


Ich möchte damit beginnen, die Entwicklungen zeitgenössischer esoterischer Lehren zu benennen, die eine Menge Leid erzeugt haben. Später werde ich über die Chancen und Möglichkeiten sprechen, die sich nun auftun, und die in eine neue Mündigkeit führen können.
Man muss über weite Teile der zeitgenössischen Esoterik- und Lebenshilfeliteratur sagen, dass sie vor allem einen Menschen im Blick hatte, der gesund, erfolgreich, wohlhabend und einflussreich sein sollte. Das kann man für sich genommen schon als Ausdruck unseres kapitalistischen Zeitgeistes betrachten, der wenig Raum für Lebensentwürfe jenseits des Leistungsdenkens lässt. Für die Literatur bedeutet das konkret, dass viele Ansätze, die eigentlich aus der Psychologie und dem Mentaltraining stammen, in spirituelle Konzepte geraten sind, und dass dementsprechend viele Resultate, die man sich von Mentaltraining erhofft, wie Wohlbefinden, Erfolg, Selbstbewusstsein und Kontrolle, zum Ausdruck spirituellen Fortschritts hochstilisiert wurden. Selbsternannte Lehrer maßten und maßen sich an, den spirituellen Entwicklungsstand von Menschen anhand ihres Gesundheitszustandes, ihres Erfolgs oder sogar ihres Kontostands zu bemessen. Der Zynismus dahinter ist beispiellos, denn wer die Ratgeber zur Heilung kauft, der ist eben oft krank, und wer die Ratgeber zur Erlangung von Fülle kauft, der hat oft mit Schulden oder Armut zu kämpfen. Kurzum: Die Klientel, für die wenig Achtung herrscht, und deren Biographie durch solche Ansätze oft unverhohlen abgewertet wird, ist dieselbe, die diese Branche finanziell trägt.

Der Mythos von der Kontrollierbarkeit des Lebens

Blicken wir einmal auf den LoA-Hype (LoA: »Law of Attraction«), der den Buchmarkt und das Seminargeschäft viele Jahre im Griff hatte. Hier wurde Menschen die Illusion von der Kontrollierbarkeit aller Lebensumstände suggeriert, und von einer Art Geburtsrecht auf Wohlgefühl, Wohlstand und Erfolg. Auch wenn sich hier und da Autoren die Mühe machten, alte Quellen und Bedeutungshorizonte wie das New Thought Movement oder das Kybalion zu nennen, wurden die Lehren rund ums Resonanzgesetz vor allem eines: Futter für ein nimmersattes Ego, das sein persönliches Glück um jeden Preis mehren will. LoA hat sich in viele Konzepte ausgebreitet, und zieht weiter seine Kreise, auch wenn der eigentliche Höhepunkt dieser Welle längst vorbei ist. In ständiger Selbstbespiegelung, in ständigem Kreisen um das eigene Denken und Fühlen sucht der Einzelne weiterhin zweierlei: das Ende der leidvollen Erfahrungen und die ultimative Bedürfnisbefriedigung. Menschen, die zu lange auf dieser Welle mitgeschwommen sind, halten alles für eine eigene Manifestation, und das heißt konkret: glückliche Erfahrungen sind die Folge richtigen Denkens und Fühlens, und schmerzliche Erfahrungen Ausdruck falschen Denkens und Fühlens. Die Werteskala dahinter ist ganz transparent: Gut ist, was mir gut tut, dort oben, an der Oberfläche des Seins.

Wir brauchen eine neue Mystik


Und irgendwie ist diese persönliche kleine Glückssuche zur vermeintlichen spirituellen Entfaltung verklärt worden. Es hat sich ein Glaube breit gemacht, dass alles, was sich dem persönlichen Glück in den Weg stellt, entfernt werden müsse. Unter dem Begriff »Auflösungsarbeit« haben sich Menschen jahrelang mit sich selbst beschäftigt und verausgabt. Nur eine Blockade noch auflösen, nur ein karmisches Band noch trennen, nur ein Unrecht noch verzeihen, nur eine Anhaftung noch entfernen. Manch einer hat unter diesem »nur eins noch« ganze Lebensabschnitte verloren – mich erschütterten die Worte einer Frau zutiefst, die mir sagte: »Ich habe zehn Jahre lang versucht, meine Blockaden und Schatten zu erlösen, ja sogar noch die meines Partners mitzuerlösen, und unterm Strich habe ich in diesen zehn Jahren am Leben nicht teilgenommen, und meine Ehe sowie meine Freundschaften sind daran zerbrochen.«

 

Mystik ist radikale Transformation.

 

So sinnvoll eine gesunde Selbsteinschätzung und ein korrigierendes Eingreifen in destruktive Denk- und Verhaltensmuster sind – eine Fixierung auf konfliktfreies Glück und der Glaube an die Kontrollierbarkeit und Machbarkeit aller Dinge könnten realitätsferner nicht sein. Es hat sich eine zwanghafte Korrekturwut in der spirituellen Szene breit gemacht, eine Angst vor dem Zweifel, dem Kummer, dem Staub des Alltags, vor den Fragen die, das Leben aufwirft. Wer immerzu korrigiert, hält das Leben selbst für einen Fehler. Hält die Tränen für vermeidbar, und das Unfertige für unerträglich. Es wird an einem absurden Glauben festgehalten, dass es einen Moment gäbe, in dem man endlich frei von Brüchen, Fragen und Verstrickungen sei. Einen Moment, in dem endlich alles erledigt ist. Für das große Glück?
Auf diesem Irrweg benehmen sich Erwachsene wie Kinder, die es nicht besser wissen: sie suchen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung und sind nicht bereit, von dieser Wunscherfüllung abzulassen. Und da sie selbst durch ihr Denken und Fühlen für alle Manifestationen ihres Lebens verantwortlich zu sein glauben, widmen sie sich tagein tagaus der Korrektur ihres Denkens und Fühlens. Es ist kein Wunder, wenn unter solchem Beschäftigungsdruck Beziehungen leiden, denn wer den ganzen Tag mit sich selbst befasst ist, findet keinen Raum mehr für Begegnung, auch nicht für jene Begegnung, an der wir wachsen, reifen und uns entfalten – etwas, was spirituelle Entwicklung doch eigentlich immer wollte.

Mystik ist radikale Transformation


Menschen, die sich eine solche Betrachtungsweise auf die Dinge erworben haben, zeigen alle Symptome eines resilienzunfähigen Menschen: Weder können sie von ihrer Glücksfixierung, noch von ihrem Wohlgefühl und ihrer Kontrollfantasie ablassen. Einbrüche der äußeren Wirklichkeit empfinden sie als bedrohlich – einer der Gründe, warum Manifestationsgläubige sich so oft von Nachrichten, Negativmeldungen und leidenden Menschen fernhalten, und dies auch noch als Errungenschaft ihrer spirituellen Entwicklung preisen. Sicher für viele sensible Menschen, die unter den Missständen in dieser Welt leiden, eine willkommene Einladung zur Weltflucht.

Der Mythos von machbarer Gesundheit

Der Glaube an Resonanz und Manifestation hat auch die Konzepte rund um Heilung durchdrungen. Der gesunde Mensch ist, ebenso wie der erfolgreiche und wohlhabende, zum Inbegriff des spirituellen Meisters geworden. In der Logik dieser Systeme ist das ja auch folgerichtig, denn wenn Krankheit sich falschem Denken und Fühlen verdankt, dann muss Gesundheit ja zwangsläufig dem richtigen Denken und Fühlen folgen.
Dementsprechend sind mir im Rahmen meiner Arbeit in den letzten Jahren viele Kranke begegnet, die sich mit einem tiefen Versagensgefühl herumschlugen. Viel zu leicht wird zu Kranken gesagt: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich jahrelang mit Auflösungsarbeit, Affirmationen, karmischen Aufräumaktionen und vielem mehr herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Dass es krankmachendes Verhalten und Milieus gibt, ist sicher unbestritten. Doch unser Deutungswahn ist unerträglich auf die Spitze getrieben, wenn wir Kranken mit Bestimmtheit sagen wollen, woher ihr Leiden kommt, und dass es unbedingt zu beenden sei, und mehr noch, wie es zu beenden sei.

 

Menschen mit mystischen Erfahrungen
stellen in der Regel zwei erstaunliche Dinge fest.
Das eine ist: der Schmerz wird größer.

 

Es gibt viel Literatur zum Thema, was als Sprache und Ausdruck der Seele sagen will. So wie Mediziner gern anhand von familiären Vorerkrankungen und Daten über den täglichen Stressfaktor in Beruf und Beziehung Aussagen über aktuelle oder drohende Krankheiten machen, deuten und orakeln esoterisch denkende Dienstleister gern anhand von Symptomen, Denkungsarten und familiärer Disposition an Krankheit und Karma herum. Was sich Kranke auf der Suche nach dem richtigen Heiler oder spirituellen Lehrer anhören müssen grenzt bisweilen an Körperverletzung. Denn es ist das eine, Verantwortung für das eigene Leben, Denken und Handeln zu übernehmen, und es ist ein anderes, anzunehmen dass jede Lebenssituation selbst manifestiert und somit im Zweifel auch selbst wieder zu korrigieren sei. Die esoterische Idealwelt aber besteht aus jungen, dynamischen und gesunden Menschen, denen »falsche Denkmuster« derartig abhanden gekommen sind, dass ihre Körper gar nicht mehr imstande sind, krank zu werden. So lautet wenigstens das – mal laut, mal unterschwellig – kolportierte Märchen, und auch die Bildästhetik der Szene, wie wir sie auf Zeitschriften, Websites, Prospekten, Lebenshilfebüchern und Wellness-Produkten sehen, verdankt sich diesem Märchen. Man könnte meinen, spirituelle Menschen seien ewige Mittzwanziger, schlank und rank, sportlich und gesund, und wenn sie nicht gerade auf Lesbos am Meer sitzen und meditieren, dann doch wenigstens auf der grünen Dachterrasse ihres gehoben-mittelständischen Eigenheims. Wieviel Wirklichkeit erlauben wir eigentlich noch in unserer Bildsprache?

Was für die Hilfe suchenden Kranken hier auf der Strecke bleibt, ist, Leben auch in Krankheit als »richtig« empfinden zu können. Resilienz zu entwickeln im Umgang mit der eigenen Krankheit. Den eigenen Weg fruchtbar zu machen für andere in ähnlichen Situationen. Es bleibt kein Raum für eine Wahrnehmung dessen, was immer gegenwärtig ist, auch noch in Krankheit. Ein Schmerzpatient ist nicht nur Schmerz. Ein Angstpatient ist nicht nur Angst. Ein Wachsenwollen an der erlebten Einschränkung findet nicht mehr statt. Eine eigene Deutung des Kontextes findet nicht mehr statt. Der eigene Bewältigungsstil wird nicht mehr erschlossen, der doch so unabdingbar ist für Lebensqualität. Kurzum: viele zeitgenössische »Heilwege« sind heilloses Chaos und eine Abwärtsspirale in die Depression. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 14: Wolfgang Schmidt-Reinecke – Die Angst vor dem Transrationalen.
Das neudeutsche Irrationalitäts-Trauma

TV 14: Armin Risi – Diesseits von Gut und Böse. Moderne Esoterik aus vedischer Sicht

TV 32: Prof. Dr. Wouter Hanegraaff – Der Schatten des Westens. Hermetik und Esoterik, die andere Tradition

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut ist

TV 48: Armin Risi – Spirituelles Unterscheidungsvermögen. Warum Polarität und Dualität nicht dasselbe sind

TV 61: Ronald Engert – Da ist niemand. Begegnungen mit der non-dualen Erleuchtung

 

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