Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes

Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes

 

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Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, gelesen von Sabine Wandjo, Musik von WordManiac, Ungehört Verlag, Frankfurt 2009, 5 CDs in Pappschuber mit Beiheft, 5:37h, 24,95 €

Dieses Hörbuch des bekanntesten Buches von Alice Miller ist ein ambitioniertes Projekt des kleinen Ungehört-Verlags. Bestechend an diesem Werk ist die Sprache und der Lesestil der Hauptstimme, die von der Diplompädagogin Sabine Wandjo kommt. Wandjo setzt das Werk von Alice Miller in der Ausbildung von Erziehern und Erzieherinnen ein, und es war ein Ausgangspunkt für dieses ambitionierte Projekt, eine Stimme zu haben, die nicht nur liest, sondern verstehend interpretiert. So der Klappentext – und dieser Einschätzung kann ich nur voll zustimmen. Es ist wirklich sehr eindringlich, wie dieses Buch vorgelesen wird, und obwohl ich das Buch selbst bereits gelesen hatte, konnte ich beim Hören dieses Hörbuchs den Inhalt noch einmal ganz anders aufnehmen. Dieses verstehende Lesen hilft ganz besonders, das Buch in seiner Tiefe und in seinen Details in sich aufzunehmen – und davon gibt es jede Menge.

Das Drama des begabten Kindes

Die Autorin Alice Miller

Das Werk Alice Millers (bereits 1979 entstanden, Neufassung 1994) ist von einer beeindruckenden Tiefe, manchmal vielleicht ein klein wenig überspitzt, im Grunde jedoch trifft es ins Herz des Problems, legt es den Finger mitten in die Wunde. Miller war Psychologin und hatte viele Jahre eine psychoanalytische Praxis. Sie merkte jedoch zunehmend, dass die Psychoanalyse die eigentliche Wahrheit der Patienten mehr verschleiert als offenbart. Ihre These ist, kurz gesagt, dass die emotionalen und spirituellen Verletzungen in der frühen Kindheit die Ursache für psychische Krankheiten sind. Dies allein ist vielleicht noch keine Neuigkeit, jedoch versuchen viele psychologische Therapieformen, den Problemen eher auf einer mentalen Ebene oder in Form von Verhaltenstrainings beizukommen, die Miller zufolge jedoch nur dazu führen, das eigentliche Problem noch mehr zu verdrängen. Was dabei entsteht, ist ein Pseudo-Selbst. Das authentische echte Selbst wird mehr und mehr ins Unbewusste verdrängt. Echte Hilfe bietet nur das Aufdecken der realen Verletzungen und das Fühlen der verdrängten Gefühle. Hierzu braucht es einen wissenden Zeugen, der den Menschen in seinen Gefühlen von Schmerz, Angst und Wut ernst nimmt und zuhört. Ein Großteil der psychischen Verletzungen resultiert daraus, als Kind nicht gefühlt worden zu sein, nicht ernst genommen oder überhaupt wahrgenommen worden zu sein. Eine lebensbedrohliche Einsamkeit und Verlassenheit setzt sich im Kind fest und führt dazu, dass das spätere Leben und die Beziehungen von zerstörerischen Mustern geprägt sind.
Millers Blick ist dabei bisweilen geradezu schmerzhaft detailliert. Sie beschönigt nichts, sie weicht nicht aus, sie schaut nicht weg. In der Dichte und Häufung kann das schon anstrengend werden. Aber durch diese Oberfläche hindurch schwingt immer ein tiefes Mitgefühl für den leidenden Menschen. Millers Werk ist getragen von der liebenden Wertschätzung des Lebendigen und des Lebens.

Wir hatten bereits ein Buch von ihr in Tattva Viveka Nummer 44 besprochen (»Du sollst nicht merken. Variationen des Paradiesthemas«). Dieses Hörbuch enthält Bonusmaterial mit Antworten auf Leserbriefe und Stellungnahmen von Alice Miller. Die fünf CDs sind in einer liebevoll aufgemachten Hülle mit Beiheft untergebracht.

 

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten > Ungehört Verlag
Zur umfangreichen Homepage der Autorin > alice-miller.com

 

2 Kommentare
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    Karin Fuest
    Posted at 15:38h, 08 September Antworten

    Alice Millers ist über sich selbst hinausgewachsen beim Schreiben dieses wunderbaren Buches. Ich teile ihre Ansicht, dass die herkömmliche Psychoanalyse das Problem eher festhält als zur Lösung desselben beiträgt. Bewusstmachung ist erforderlich, ein bewusstes Hinschauen und Verstehen heilsam. Oft kommen Klienten zu mir, die eine jahrzehntelange Odyssee von einem Analytiker zum anderen hinter sich haben…und die dann erstaunt darüber sind, was sie in einer einzigen Sitzung bei mir erreichen. Wobei es gar nicht mal an mir liegt…sondern an ihrer eigenen Bereitschaft…jetzt endlich das Drama loslassen zu wollen.

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    Mojori
    Posted at 19:24h, 08 September Antworten

    Alice Miller war die erste Person/Therapeutin bisher, die die Dinge so erklärt, dass es mir erträglicher wurde, mit meiner Geschichte umzugehen.
    Mein Leben lang war ich auf der Suche nach einem wissenden Zeugen. Den kann sich leider keiner herbeizaubern.- Aber die Bestättigung, dass Solidarität und gemeinsame Empörung hilft (Lebens)Dramen zu verarbeiten und loszulassen, hat mir schon geholfen. Zumindest wusste ich dann, dass mein Wunsch nach Hinsehen und Offenlegung von Missbrauch, nicht absurd und abwegig war.

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