Am Anfang war die Mutter (2)

Am Anfang war die Mutter (2)

Das matriarchale Paradigma (Teil 2)

Autorin: Dr. Heide Göttner-Abendroth
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 88

Im zweiten Teil des Gesprächs mit der Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung Dr. Heide Göttner-Abendroth sprachen wir über unreflektierte Herrschafts- und Hierarchiestrukturen in unserer Gesellschaft, wie das Patriarchat entstanden ist und inwiefern das matriarchale Paradigma mit der Ansicht, dass alles belebt und miteinander verbunden sei, eine revolutionäre und ebenso friedliche Kraft in sich trägt.

Tattva Viveka: Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Geschichte fehlt es an Beispielen von Gesellschaften ohne Hierarchie und ohne Herrschaft. Ebenso mangelt es an »Begegnungen« mit oder Wissen über Gesellschaften, die anders organisiert sind. In Ihren Beiträgen gehen Sie explizit darauf ein, dass die beinahe unhinterfragte Annahme bestehe, dass komplexe Gesellschaftsformen mit Arbeitsteilung und vielfältigen sozialen Beziehungen Hierarchien und eine herrschende Klasse benötigen, um in Ordnung und Frieden zu leben. Viel Patriarchatskritik, Kapitalismuskritik und auch Kritik an unserem ökologisch rücksichtslosen Handeln wird geäußert, aber hier handelt es sich um Herrschaftskritik. Mir wurde bewusst, dass wir unser gesamtes Denken verändern müssen, um unsere Gesellschaft wahrhaftig verändern zu können, weil wir zumeist in diesem Paradigma sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Göttner-Abendroth: Das, was die Matriarchatsforschung und die dazugehörigen politischen Überlegungen herausgefunden haben, nenne ich zusammenfassend das matriarchale Paradigma. Ich weiß, dass dieses Paradigma noch revolutionär ist, denn es hebelt beinahe alles aus, was wir in unserer Gesellschaft auf den Ebenen des Sozialen, des Ökonomischen und des Weltanschaulichen kennen. Es bringt wirklich alles zu Fall, was wir verinnerlicht haben und was uns von der Schulzeit an indoktriniert worden ist. Es hat durchaus Gründe, dass die Mainstream-Medien und die Universitäten diese Forschungen blockieren und nicht wahrhaben wollen, denn sie sind gefährlich für das herrschende Weltbild, für das patriarchale Paradigma, das uns alle tief infiltriert hat. Wenn wir unsere eurozentristische Brille aufhaben, dann halten wir Europa für die Welt, was völlig falsch ist, nicht? Ich habe durch meine Auseinandersetzung mit matriarchalen Völkern sehr viel dazugelernt, meine eurozentristische Brille wegwerfen und neu sehen müssen, dass es in Afrika, Asien und Amerika Völker gibt, die völlig anders leben und andere Werte haben. Diese Erfahrungen haben mich vieles gelehrt.

Die Aussage, dass Gesellschaften existieren, die herrschaftsfrei leben, nimmt man einem meistens nicht ab.

Es heißt dann, dass das völlig utopisch sei und dass es solche Gesellschaften nicht gegeben haben kann. Das läuft alles auf der Schiene: So wie wir unsere Welt kennen, so muss es schon immer gewesen sein. Als ich mit der Forschungsarbeit anfing, ging es mir wie Ihnen, Frau Deubzer. Ich war ebenfalls eine Tochter des Patriarchats und musste vieles von dem, was ich gelernt hatte, über Bord werfen, weil ich einer anderen Weltsicht gegenüberstand.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie die Begegnung mit lebendigen matriarchalen Kulturen das Verständnis von Gesellschaft und Geschichte von Frau Göttner-Abendroth verändert hat.

Egalitäre Gesellschaften in der Geschichte

Göttner-Abendroth: Ja, immer hierarchisch. Das ist eine patriarchale Idee, die ständig in die Geschichte hineininterpretiert wird. Zum Glück sagen heute immer mehr junge kritische Archäologen und Archäologinnen: »Nein, es gab in der Geschichte auch egalitäre Gesellschaften.« Man erkennt sie daran, dass an manchen Orten keine Herrscherinsignien oder Herrscherhäuser archäologisch gefunden wurden und sich die Leute in der Tat von unten her selbst organisiert haben. Es dringt langsam durch, tröpfchenweise. Ich freue mich immer darüber, dass es in der Geschichte egalitäre Gesellschaften gegeben hat. Sie finden es mehr und mehr heraus, und das patriarchale Klischee weist bereits die ersten Risse auf. Nun sage ich allerdings, dass diese egalitären Gesellschaften matriarchal waren. Das geht einen Schritt weiter. Denn wer hat sie egalitär gemacht? Welches Wertesystem stand dahinter? Das ist nicht das Wertesystem, dass wir alle gleich sind, denn wir sind nicht gleich, sondern verschieden in Geschlecht, Alter, Fähigkeiten.

Dahinter steht das mütterliche Wertesystem, dass alle Menschen gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit gleich angenommen sind.

Das sind matriarchale Werte, die matriarchale Gesellschaften kennzeichnen. Denn diese Art von Gleichheit, wie wir sie heute formulieren, nivelliert die Verschiedenheit von Alter, Geschlecht etc. Natürlich sind wir Menschen verschieden, aber man muss aus der Verschiedenheit keine Hierarchie schaffen. Verschiedenheit wird in matriarchalen Gesellschaften als Reichtum verstanden, als Reichtum der Menschen, der Verschiedenheit der Menschen und der Völker, der Verschiedenheit der Wesen auf der Welt. Verschiedenheit ist ein Reichtum und wird von diesen mütterlichen Werten gleichzeitig liebevoll gehütet und geschützt, so wie eine prototypische Mutter ihre verschiedenen Kinder alle gleich nährt, unterstützt und behandelt.

Diese egalitären Gesellschaften sind im Grunde matriarchale Gesellschaften. Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Anekdote erzählen: Der berühmte Archäologe Ian Hodder, der die jungsteinzeitliche Stadt Çatalhöyük untersucht hat, stellte fest, dass die Menschen wirklich egalitär lebten. Die Häuser sind gleich, die Grabsitten sind gleich. Man stellte durch raffinierte archäologische Methoden sogar fest, dass die Tischsitten, also die Verteilung der Nahrung sich glichen. Es gab also kein herrschendes männliches Geschlecht. Dann schrieb ich ihm: »Wie schön, dass Sie die Gleichheit bewiesen haben. Sie haben eine matriarchale Gesellschaft bewiesen. Schauen Sie sich zum Beispiel die Göttinnenikonografie an. Aus der Göttinnenverehrung ergibt sich die Gleichheit der Menschen.

So wie Mutter Erde alle ihre Wesen gleich nährt und die Sonne über allen gleich scheint, so ist das in matriarchalen Gesellschaften.

Die lineare Evolution des Bewusstseins – eine Illusion?

TV: Wir lasen, dass Sie sich gegen das integrale bewusstseinsevolutorische Paradigma stellen. Dieses besagt, dass die Menschen beispielsweise in der Altsteinzeit oder Vorzeit, um dies kurz zusammenzufassen, tendenziell in einem instinktiv-magischen Weltbild lebten, und sich das Bewusstsein von da an immer weiter linear entwickelt und erweitert, sodass wir uns jetzt in einer höheren Bewusstseinsstufe befinden, also dass der Mensch sich zum Fortschrittlicheren hin entwickelt.

Göttner-Abendroth: Wenn dies wahr wäre und sich unser Bewusstsein ständig linear weiterentwickelt hätte, würden wir heute in der besten aller Welten leben. Das kann nicht stimmen, denn wir stehen heute vor massiven Problemen. Wenn man sich abgewöhnt, andere Kulturen oder frühere Gesellschaften als primitiv abzustempeln, ergibt sich ein anderes Bild. Lasst uns den altsteinzeitlichen Menschen betrachten, der genauso wie wir instinktive, emotionale und intellektuelle Seiten hatte. Er war ein ganzheitlicher Mensch, genau wie wir, nur stand er am Anfang der Kultur. Das ändert bereits die Perspektive. Das, was Sie soeben zitiert haben, sind die Stufentheorien der Geschichte, die aus der Kolonialzeit stammen. Das ist typisch für das 19. Jahrhundert. Damals kamen die europäischen Eroberer mit anderen Völkern in Kontakt und mussten sich bestätigen, dass sie immer noch die besten auf der Welt seien. Infolgedessen wurden solche Stufentheorien der Geschichte und anderer Völker entwickelt, wobei die anderen immer auf der primitiven Stufe stehen und wir als die europäischen Kolonialherren auf der obersten. Das ist meines Erachtens eine politisch und rassistisch gefärbte Ideologie, der ich vehement widerspreche. Ich glaube, dass diese Vorstellung von den Bewusstseinsstufen noch immer die Spuren dieser Stufentheorie der Geschichte in sich trägt. So ist meiner Meinung nach der Untergang matriarchaler Gesellschaften durch patriarchale Entwicklungen ein Rückschritt in der Geschichte. Wir haben patriarchale Gesellschaften mit Strukturen wie dem Militär, der Waffentechnik und dem strategischen Denken hervorgebracht. Diese Strukturen werden heute immer weitergetrieben – bis zum Aussterben der Menschheit. Aber ist dies menschlich betrachtet eine positive Entwicklung?

In welche Richtung entwickelt sich das Bewusstsein der Menschheit, und verläuft diese Entwicklung linear oder zyklisch? Lesen Sie dies und vieles mehr im vollständigen Artikel. Unten können Sie das Pdf bestellen.

Göttner-Abendroth: In unserem Gespräch haben wir bisher die wichtige Frage ausgelassen, wie es zum Patriarchat kam. Ich möchte nur kurz auf dieses umfangreiche Forschungsthema eingehen: Ich habe Jahrzehnte an diesem Thema geforscht und fange jetzt an, darüber zu schreiben. Es gibt nicht eine einzige Ursache für alle Zeiten, alle Kulturen und alle Kontinente. Das sind Pseudo-Erklärungen. Wir müssen für jede Kultur und jede Zeit erklären, welche verschiedenen Ursachen zum Patriarchat führten. Doch es lag grundsätzlich nicht an den inneren Defiziten matriarchaler Gesellschaften, sondern am Druck von außen. Man fand für bestimmte Kulturregionen, vor allem Westasien und Europa, heraus, dass der erste Auslöser wahrscheinlich eine Jahrhunderte andauernde Klimaveränderung gewesen ist, die manchen Kulturen den Boden unter den Füßen entzogen hat, weil dort eine Versteppung und Verwüstung riesiger Landstriche stattgefunden hat. Durch diese kulturelle und regionale Entwurzelung entwickelten sich wohl Gesellschaften, die einmal matriarchal gewesen sind, in andere Richtungen, die auch zu gewaltsamen Formen geführt haben. Das war ein Druck von der äußeren Umwelt. Was das bedeuten kann, können wir uns heute gut vorstellen.

Die Saharasia-These stimmt zum Teil. Sie hat zwar ihre Mängel, aber der Ansatz an sich ist gut. Der erste Druck kam von außen, von der natürlichen Umwelt, woraufhin die Menschen, wie man zugeben muss, die falschen Antworten gaben. Der zweite Druck erfolgte von der sozialen Umwelt, als sich patriarchale Muster und Gesellschaften bildeten, die permanent Druck auf ihre matriarchale Umgebung ausübten und einen starken Eroberungsdrang aufwiesen. Warum und wie sich das Patriarchat ausgebreitet hat, muss ebenfalls erklärt werden. Wieso hat es sich durch bestimmte Muster so stark ausbreiten können? Das hängt damit zusammen, dass sich der initial natürliche Druck in sozialen Druck verwandelt hat, denn diese patriarchalen Gesellschaften mussten durch Eroberung nach außen immer wieder von ihren inneren Konflikten ablenken. Patriarchale Gesellschaften unterlagen ständig einem inneren Ausbreitungszwang. Was bedeutete dies für die matriarchale Nachbarschaft? Entweder sie wehrten sich nicht und wurden infolgedessen erobert, oder sie fingen an, ein Kriegerwesen zu entwickeln, um sich zu verteidigen. Mehrere solcher Fälle in der Geschichte sind belegt, zum Beispiel bei den Irokesen in Nordamerika im Zuge der Invasion der Europäer.

Das ist ein Problem für matriarchale Gesellschaften, da sie nicht auf ein Kriegerwesen und Kriegerkasten eingestellt sind. Dies erzeugte eine gewisse Erosion von innen, denn die Jahrzehnte andauernde Verteidigung gegen eine aggressive patriarchale Nachbarschaft führte auf die Dauer zum Zusammenbruch ihrer eigenen matriarchalen Kultur. Der Druck von außen ruinierte die matriarchalen Gesellschaften – und nicht innere Fehler, wie häufig angenommen wird.

Das Interview führten Ronald Engert und Alice Deubzer.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über matriarchale Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart und die revolutionäre Kraft des matriarchalen Paradigmas.

Dies ist der zweite Teil des Beitrags, vollständig zu lesen in Tattva Viveka 88. Hier gelangen Sie zum ersten Teil des Beitrags.

Beide Teile des Artikel sind auch als Gesamt-ePaper für 3,00 € (Pdf, 18 Seiten) zum Download erhältlich.

Das matriarchale Paradigma (Teil 1&2)

 3,00

Dr. Heide Göttner-Abendroth
Am Anfang ist die Mutter
Das matriarchale Paradigma (Teil 1&2)

Die Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung, Dr. Heide Göttner-Abendroth, lässt uns an den Erkenntnissen ihrer jahrzehntelangen Forschung über matriarchale Gesellschaften teilhaben. Sie räumt mit Klischees und Vorurteilen gegenüber diesen Gesellschaften auf, die sich durch Egalität, Basisdemokratie und eine tiefe Verehrung für Mutter Erde auszeichnen. Dabei wird die Vielfalt menschlicher Lebensformen deutlich, aber auch wie viel westlich-europäische Gesellschaften von matriarchal geprägten lernen können. Im zweiten Teil des Gesprächs mit der Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung Dr. Heide Göttner-Abendroth sprachen wir über unreflektierte Herrschafts- und Hierarchiestrukturen in unserer Gesellschaft, wie das Patriarchat entstanden ist und inwiefern das matriarchale Paradigma mit der Ansicht, dass alles belebt und miteinander verbunden sei, eine revolutionäre und ebenso friedliche Kraft in sich trägt.
 


  

Artikelnummer: TV087e_12 Kategorie: Schlagwörter: ,

Kompletter Artikel (Teil 1&2) im PDF-Format (18 Seiten)

 
 

Über die Autorin

Heide Göttner-Abendroth ist Mutter und Großmutter. Sie erwarb ihren Doktortitel an der Universität München, wo sie zehn Jahre Philosophie und Wissenschaftstheorie lehrte. Durch ihre lebenslange Forschungsarbeit und ihr Hauptwerk Das Matriarchat wurde sie zur Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung. Sie war Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten (Bremen, Hamburg, Kassel), 1980 Gastprofessorin in Montréal, 1992 Gastprofessorin in Innsbruck. 1986 Gründung und Leitung der »Internationalen Akademie HAGIA für Matriarchatsforschung«. Leitung der drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung. Im Jahr 2012 erhielt sie für ihre Forschung einen Award von der »Association of Women & Mythology«. Sie wurde zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

www.goettner-abendroth.de
www.hagia.de

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