30 Nov. Den Weg mit Klarheit gehen
Von Meditation und Improvisation
Autor: Nik Bärtsch
Kategorie: Musik
Ausgabe Nr: 105
Der Schweizer Jazzpianist Nik Bärtsch schöpft Kraft und Inspiration aus seiner meditativen Praxis sowie der japanischen Kampfkunst Aikido. Wir sprachen mit ihm über die Verbindung von Musik und Kontemplation, über Reduktion und Freiheit, und ebenso über Comics und ein lebenslanges Üben.
Tattva Viveka: Lieber Nik, in deinem musikalischen Schaffen gibt es Einflüsse von Minimalmusik, Jazz, Neuer Musik und auch einer Prise Funk, woraus du etwas ganz Eigenes machst. Darüber hinaus komponierst du für Kunstinstallationen, für Filme, du hast ein Buch geschrieben, bist Meditierender, Aikido-Praktizierender – und ganz ehrlich würde ich gern über all das mit dir sprechen, weil ich den Eindruck habe, dass all das ein Ganzes ergibt. Nimmst du dein Leben auch so wahr, dass alle Aspekte ineinandergreifen und miteinander harmonieren?
Nik Bärtsch: Ich versuche, eine inspirierende Balance zu finden, mit den Phänomenen des Lebens und in den Beziehungen mit anderen Menschen, um zusammen gut auszukommen, interessante Sachen machen zu können, und vor allem viel lernen zu können. Mein Ziel ist auszuprobieren und zu verstehen, wie meine verschiedenen Interessen zusammenpassen. Damit ich nicht ein Opfer der Vielfalt werde, sondern all die unterschiedlichen Dinge sinnvoll zusammenbringe, die mir wichtig sind und die du angesprochen hast.
TV: Bei aller Vielfalt deiner Tätigkeiten und Interessen scheint mir stets das Wesentliche hindurch zu schimmern, wobei eine große Zentriertheit deutlich wird. Ich habe dich ja schon ein paar Mal live erlebt und habe immer gedacht, dass du über eine unglaubliche Disziplin verfügst, deinen Fokus auf den gegenwärtigen Moment zu richten, sowohl mit deinen Mitmusikern als auch mit dem Publikum in Verbindung zu stehen, und dennoch ganz bei dir zu sein …
Bärtsch: Beim gemeinsamen Musizieren ist diese Präsenz etwas ganz Zentrales. Wenn man darüber spricht, dass das Schönste in der Musik das gemeinsame Musizieren ist, dann wird das manchmal als eher amateurhafter Ansatz verstanden, in der Ausbildung steht ja meist das Schärfen der eigenen Fähigkeiten im Vordergrund. Für mich als ist es aber tatsächlich so: Das Wichtigste ist erst Mal, dass wir einander beim Spielen genau zuhören. Dann können wir uns darauf konzentrieren, was wesentlich für das jeweilige Stück ist, was relevant ist und in den Kontext passt, und wie der andere am besten klingen kann. Und wenn das alle machen, dann beginnt ein Stück zu mehr zu werden als seine Einzelteile. Mich hat immer interessiert, wie das geschieht, wie das Wesen des Stückes hervorkommt.
Es geht weniger darum, dass ich als Künstler dem Material meinen Willen aufzwinge, sondern eher darum, dass ich mich mit einem gewissen Anfänger-Geist der Sache nähere und herauszufinden versuche, was das Stück selbst will.
Das ist in der Regel eine reduktive Strategie, weil man versucht zur Essenz zu kommen und sozusagen mit dem Stück zu arbeiten, mit der Strömung. Wäre ich Holzbildhauer, würde ich sagen, ich arbeite mit der Maserung des Holzes. Und das ist für mich eine meditative Praxis. Es geht weniger darum, dass ich als Künstler dem Material meinen Willen aufzwinge, sondern eher darum, dass ich mich mit einem gewissen Anfänger-Geist der Sache nähere und herauszufinden versuche, was das Stück selbst will und wie wir das dann gemeinsam umsetzen.
Diese Strategie findet man auch in den Kampfkünsten oder in asiatischem Handwerk. Ebenso auch in Schweizer Handwerk oder deutschem Handwerk, aber es ist leider ein bisschen in Vergessenheit geraten, auf diese Weise zu arbeiten und mit einem bescheidenen Entdeckergeist an die Sache heranzugehen.
TV: Was du gerade gesagt hast, erinnert mich an Michelangelo, der seine Bildhauerkunst so beschrieb, dass er nur den überflüssigen Marmor beseitigen würde, um die sich darin befindliche Statue zu befreien …
Bärtsch: Genau, da geht es um genaues Hinsehen, um Fokus, und darum, sehr klar im Umgang mit dem Ausgangsmaterial zu sein. Man darf nur das entfernen, was auch wirklich entfernt werden muss. Nimmt man zu viel weg, dann zerstört man leicht das Kunstwerk. Mir hat auch die Idee einer Ökonomie des Materials dahinter immer sehr gefallen. Es ist schwierig, hier genau das erforderliche Gleichgewicht zu bewahren.
TV: Passiert es im Proberaum oft, dass du bei einem Stück etwas als zu viel empfindest und dann vorschlägst, diesen oder jenen Teil wegzulassen?
Bärtsch: Es ist weniger so, dass ich das sage, sondern viel eher so, dass wir gemeinsam zuhören und entdecken, was das Stück braucht. Sehr oft spielen wir zu viel oder wollen vielleicht auch zu viel, weil wir noch nicht ganz begriffen haben, wie das Stück eigentlich funktioniert. Es ist ja immer ein lebendiger Organismus, auch wenn es im Vorfeld von mir komponiert wurde.
Ich versuche, eine inspirierende Balance zu finden, mit den Phänomenen des Lebens und in den Beziehungen mit anderen Menschen.
Aber es gibt diese Tendenz von gut ausgebildeten, studierten Musikern, zu zeigen, was sie können. Je mehr man kann, desto mehr will man dann auch einbringen. Aber für mich ist der umgekehrte Weg interessanter: Je mehr ich weiß, je mehr ich kann, desto mehr möchte ich meinen Blick dafür schärfen, weniger zu machen und weniger zu beeinflussen. Ähnlich vielleicht wie in der Meditation, wo es darum geht, die Energie in die Ruhe zu bringen, also weniger zu machen, aber dafür mehr da zu sein, mehr Verbindung zu erfahren, mehr von sich selbst abzusehen. Insgesamt also eine Zurücknahme, eine Reduktion.
TV: Reduktion ist ein gutes Stichwort … Du hast deine Musik mal als Ritual Groove Music bezeichnet, was ich für einen sehr schönen Begriff halte. Ich habe selbst schon viele Rituale erlebt, sowohl im schamanischen als auch im christlich-mystischen Kontext. Und auch das Zen empfinde ich als stark ritualisiert. Rituale im religiösen Bereich können manchmal auch recht opulent daherkommen oder fast schon wie ein Theaterstück. Dein Ansatz ist aber eher minimalistisch, was das angeht, oder?
Bärtsch: Minimalismus beinhaltet eine gewisse Ästhetik, während die Reduktion für mich ein Verfahren ist. Mein »Modul 5« ist zum Beispiel ein sehr dichtes, sehr virtuoses Stück, das dennoch reduziert ist. Es geht eigentlich um ein eintaktiges Muster, das über das ganze Stück ausgebreitet wird, und das aufgrund dieser Reduktion in Verbindung mit der Dichtheit eher rituell als minimalistisch wirkt. Oft verstehen Menschen minimalistische Musik als Musik, die in gewissem Sinne leer ist, aber bei uns ist das oft anders. Rituell meint für mich, dass es auch sehr roh, sehr direkt sein kann, oder eben auch dicht und virtuos, ebenso dunkel. Japanische Musik ist oft sehr dunkel und karg, dazu perkussiv. Das schwingt auch bei uns mit. Daher wollte ich mit dem Begriff Ritual Groove Music weg vom westlichen Verständnis von Minimalismus, obwohl der Minimalismus natürlich ebenfalls einen großen Einfluss auf meine Musik hatte. Ritual Groove Music ist in diesem Sinne meine Perspektive, meine Brille, durch die ich bestimmte Aspekte und Zusammenhänge in Musik, in Ritualen und in der Kunst wahrnehme und sie auch zuspitzen möchte.
TV: Der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun‘ichirō spricht von der Schattenwirkung, ohne die es eigentlich keine Schönheit gäbe. Wenn ich mir traditionelle japanische Baustile, Tuschebilder oder auch Keramikkunst anschaue, kann ich das durchaus nachvollziehen.
Bärtsch: Ja, in der japanischen Kunst gibt es eine ganz spannende Mischung aus Rohheit und Archaik mit einer großen Meisterschaft und dem modernen Blick nach vorne. Qualitäten, die sich auszuschließen scheinen, dort aber miteinander vereint werden. Da geht es oftmals nicht um Perfektion, sondern um Einmaligkeit, in der die Meisterschaft sichtbar wird. Jedes Stück hat einen eigenen Charakter und ist unter Umständen sehr roh, weil das Material das so erfordert. Dadurch wird ein natürlicher Zugang zu einer ursprünglichen Energie geschaffen, und zugleich ist das Produkt sehr solide und brauchbar. Das gefällt mir sehr. Es vereint große Energie mit großer Ruhe. Auch das scheint sich auszuschließen, aber wer meditiert, weiß, dass diese Qualitäten sehr gut miteinander harmonieren.
Je mehr ich weiß, je mehr ich kann, desto mehr möchte ich meinen Blick dafür schärfen, weniger zu machen und weniger zu beeinflussen.
TV: Die Schönheit dieser Objekte, von denen du gesprochen hast, liegen für mich auch oft in der Patina, die durch häufigen Gebrauch entsteht und die diese Objekte so einzigartig macht. Geht es dir mit deiner Musik manchmal ähnlich, dass ein sehr altes Stück sich mit der Zeit verändert und durch das oftmalige Spielen schöner wird?
Bärtsch: Unbedingt, ja. Das ist ein sehr schöner Aspekt, den du da ansprichst. Je öfter wir unsere Stücke spielen, je öfter wir sie »gebrauchen«, desto genauer schauen wir sie an und entdecken neue Dinge, die sich dann auch wieder auf unsere eigene musikalische Entwicklung niederschlagen. Dieser Vorgang ist bei uns ganz wichtig. Wir spielen Stücke aus der Anfangszeit unserer Musikerlaufbahn noch heute, verändern sie, entwickeln sie weiter und sind in der Regel auch kompetenter im Umgang mit ihnen. Nicht zuletzt darin, sie nochmal zu vereinfachen, obwohl sie damals schon einfach waren, wir sie heute aber mit anderer Erfahrung anschauen und verstehen können.
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 105 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Interviewten:
Nik Bärtsch ist ein Schweizer Pianist, Komponist und Autor, der mit seinem Kernprojekt Ronin eine Mischung aus Jazz und minimalistischer Musik spielt und ein internationales Publikum begeistert. Als Gastdozent war und ist er immer wieder an verschiedenen Hochschulen tätig, z.B. der Zürcher Hochschule der Künste, der Jazzschule Luzern oder am Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance in London. Darüber hinaus ist er Gründer und Miteigentümer des Clubs Exil, des Labels Ronin Rhythm Records und des Currents Festivals in Zürich.
Webseite: nikbaertsch.com
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