Barmherzigkeit im Islam

Barmherzigkeit im Islam

Anstoß für eine dialogische Gott-Mensch-Beziehung

Autor: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide
Kategorie: Islam/Sufismus
Ausgabe Nr: 85

Der Gott des Islam ist ein Gott der Barmherzigkeit und nicht des Gesetzes oder der Vergeltung. Wir sehen hier den Islam in einer berührenden Schönheit beschrieben, die den Menschen als Seite an Seite mit Gott versteht und die ganze Schöpfung als Werk der Barmherzigkeit begreift. Gott ist nicht nur wegen unserer Vergehen barmherzig. Es ist vielmehr seine ureigene Wesenheit, ganz unabhängig von uns Menschen.

In seinem Buch »Der Mensch im Widerspruch« schrieb der reformierte Schweizer Theologe Emil Brunner (1889–1966): »[F]ür jede Kultur, für jede Geschichtsepoche gilt der Satz: ›Sage mir, was für einen Gott du hast, und ich will dir sagen, wie es um deine Menschlichkeit steht.‹« (Brunner 1965, S. 38f.) So kann der Mensch etwa an einem Gott festhalten, der nur an sich selbst glaubt, dem es also lediglich um sich selbst, um seine eigene Verherrlichung geht. Religiösen und politischen Institutionen, die allein am Erhalt und Ausbau ihrer Macht interessiert sind, ist ein derartiges Gottesbild willkommen, weil sich damit eine Mentalität des Sich-bevormunden-Lassens durch Autoritäten und somit der Unterwerfung unter ihre Macht etablieren lässt. Solche Institutionen, die meinen, das Volk zähmen zu müssen, werden jeden Versuch unterbinden, den Menschen in den Mittelpunkt des Interesses von Religionen zu stellen. Man kann aber auch an einen Gott glauben, dem es nicht um sich selbst geht, sondern um den Menschen. Ein solches Gottesverständnis gibt dem Menschen seine Mündigkeit zurück; der Mensch muss nicht seine Autonomie von Gott erkämpfen, er kann sich vielmehr gemeinsam mit diesem Gott, der an ihn glaubt, von jeglicher Form der religiösen oder nichtreligiösen Bevormundung befreien.

Ich mache mich aus einer islamischen theologischen Perspektive für das Konzept eines barmherzigen Gottes stark, der an den Menschen glaubt, der ihn und seine Kooperation will, der ihm vertraut und ihn daher mit Freiheit ausstattet.

Denn mit dem Glauben an solch einen humanistischen Gott kann den Anhängerinnen und Anhängern dieses Gottes aus ihrem Glauben heraus eine Grundlage erwachsen, den Menschen als solchen zu würdigen und eine Beziehung der Liebe, des Vertrauens statt des Gehorsams zwischen Mensch und Gott zu ermöglichen. Das Hauptproblem einiger religiöser Menschen besteht jedoch darin, dass sie – wenn auch unbewusst – von einem Gottesbild ausgehen, das Gott als menschenfern darstellt. Sie stellen sich einen Gott vor, dem es um die eigene Verherrlichung durch die Menschen geht und der sie zu seinen Marionetten machen will, deren Rolle lediglich darin besteht, Instruktionen zu empfangen, die sie unhinterfragt ausführen müssen; ansonsten droht ihnen der Zorn Gottes, schlimmstenfalls das Höllenfeuer.

Gibt es im Koran Hinweise für einen barmherzigen und Menschen zugewandten Gott? Antworten hierfür finden Sie im vollständigen Artikel. 😉 Unten können Sie bestellen!

Barmherzigkeit als Wesenseigenschaft Gottes

Angelehnt an den Koran können Musliminnen und Muslime von zwei Prämissen bezüglich Gottes ausgehen: zum einen: Er ist das Unbedingte. Zum anderen: Er bleibt für uns Menschen unbegreiflich. Wenn das Bedingte (der Mensch) Aussagen über das Unbedingte (Gott) macht, so kann es dies nur in seinen eigenen Kategorien tun. Das Unbedingte bleibt zwar unbegreiflich (al-Marʿašī 2011, S. 365), es muss jedoch eine Verständigung darüber geben, was wir damit meinen, wenn wir von Gott sprechen. Eine solche Verständigung über und – vor allem für Gläubige – mit Gott ist zentral.

Die erste Hauptquelle für den Islam, in der Gott – nach islamischem Glauben – sich selbst beschreibt und vorstellt, ist der Koran, der für Musliminnen und Muslime als die Offenbarung Gottes gilt: »Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich (ihnen) nahe und erhöre, wenn einer zu mir betet, sein Gebet.« (Koran 2: 186) Ein Verstehen des Korans verlangt jedoch ein hohes hermeneutisches Problembewusstsein, insofern die unterschiedlichen koranischen Gottesbeschreibungen zu einem in sich stimmigen Gottesverständnis zusammenzufügen sind. Der Koran warnt an mehreren Stellen vor einem unangemessenen Gottesverständnis: »Und Sie haben Gott nicht richtig eingeschätzt.« (Koran 6: 91)

Eine islamische Theologie der Barmherzigkeit, wie sie in diesem Beitrag skizziert wird, gibt Anstöße zu einem dialogischen Gottesverständnis und geht von der These aus, dass Barmherzigkeit eine Wesenseigenschaft Gottes ist. Denn die Barmherzigkeit ist die häufigste Eigenschaft Gottes, die im Koran vorkommt.

113 der 114 koranischen Suren beginnen mit der Formel »Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers«.

Das Einzige, wozu sich Gott im Koran selbst verpflichtet hat, ist die Barmherzigkeit.

Der Mensch als Werkzeug der Liebe und Barmherzigkeit Gottes

Der Mensch ist durch sein freies Handeln ein Medium der Verwirklichung göttlicher Liebe und Barmherzigkeit.

Gott und Mensch arbeiten Seite an Seite, um Liebe und Barmherzigkeit als gelebte Wirklichkeit zu gestalten. Je mehr sich der Mensch zur Verfügung stellt, desto stärker wirkt Gott durch ihn. Und je mehr er ein Medium der Verwirklichung göttlicher Intentionen ist, desto mehr Liebe und Barmherzigkeit verbreitet er (und umgekehrt).

Die Absicht, die Gott mit der Schöpfung verfolgte, ist, Mitliebende zu gewinnen, die in seine Gemeinschaft kommen: »Er liebt sie und sie lieben ihn.« (Koran 5: 54) Dabei trifft Gott keine willkürliche Auswahl, wer in seine Gemeinschaft kommt und wer nicht, sondern er lädt alle ein. Gott macht dabei jedem einzelnen Menschen kontinuierlich Angebote. Es liegt am Menschen, sich in Freiheit dafür oder dagegen zu entscheiden; Gott nimmt ihm diese Entscheidung nicht ab.

Gott greift nicht direkt in die Welt ein, sondern handelt durch den Menschen.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie die Beziehung zwischen Gott und Mensch im Islam aufgefasst wird. (Bestellmöglichkeit am Ende des Beitrags!)

Wenn es im Islam um Beziehung, um Vertrauen, um Liebe und Barmherzigkeit zwischen Gott und Mensch geht, dann setzt dies voraus, den Islam nicht als Gesetzesreligion wahrzunehmen. Die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist keine juristische: Gott ist nicht der Befehlshaber und der Mensch nicht der Befohlene, sondern es ist eine Liebesbeziehung. Der Weg zum Aufbau dieser Liebesbeziehung zwischen Mensch und Gott ist die religiöse Spiritualität. Der Mensch ist nicht nur zur Spiritualität fähig, sondern auch ihrer bedürftig. Denn die Fähigkeit des Menschen, sich immer wieder zu sich selbst und zu anderen verhalten zu können, also immer auch Distanz zu allen und allem wahren zu können, deutet auf eine prinzipielle grenzenlose Offenheit in ihm selbst hin. Der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl spricht in diesem Zusammenhang von dem grundlegenden anthropologischen Tatbestand, dass das Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweise. Der Mensch ist in seiner Natur veranlagt, sich öffnen zu wollen (Frankl 1987, S. 201). Diese prinzipielle Offenheit im Menschen ist somit ein Grundbedürfnis, das erfüllt werden will, und zwar nicht nur auf einer materiellen, sozialen oder geistigen Ebene, sondern auch auf einer spirituellen, im Sinne des Sich-Öffnens auf das Transzendente hin, das außerhalb dieser Welt ist (Dorst 2015; Bucher 2014).

Das Höchste, dem der Mensch sich öffnen kann, ist das Absolute, das im Islam in Gott gesetzt wird. Er hat dem Menschen von seinem Geist eingehaucht, und so trägt der Mensch etwas Göttliches in sich. Als Ausdruck dieses »Heiligen« im Menschen mussten sich die Engel vor ihm niederwerfen: »Als ich [Gott] ihn [den Menschen] erschuf und ihm von meinem Geiste einhauchte, warfen sich die Engel vor ihm nieder.« (Koran 15: 29)

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über das barmherzige Wesen Gottes, und welche Rolle der Mensch in der göttlichen Schöpfung einnimmt.

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Über den Autor

Unser Autor Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der WWU Münster und Leiter des Projekts »Koran im Kontext der Barmherzigkeit«. Seine Arbeitsschwerpunkte sind islamische Religionspädagogik und Didaktik, Koranhermeneutik und systematische islamische Theologie.

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