Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften

Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften

Zwei Frauen teilen ihre Erlebnisse

Autor: Uschi Madeisky, Dagmar Margotsdotter
Kategorie: Soziologie
Ausgabe Nr: 88

Dagmar Margotsdotter und Uschi Madeisky haben bereits mehrere Matriarchate besucht und deren »anderes«, das Mütterliche und Fürsorgliche ins Zentrum stellende Gesellschafts- und Familiengefüge selbst erleben dürfen. Diese Erfahrungen veränderten nachhaltig ihr Leben und ihre Sicht auf unser Mensch-Sein, und sie teilten diese auf lebhafte und berührende Weise mit der Redaktion im folgenden Gespräch.

Tattva Viveka: Ich begrüße herzlich Dagmar und Uschi. Wir unterhalten uns heute über die vielfältigen Erfahrungen, die ihr in matriarchalen Gesellschaften sammeln durftet, inwiefern sich Matriarchate von unserer patriarchal geprägten Gesellschaft unterscheiden und was wir von ihnen lernen können. Im Folgenden möchte ich euch kurz vorstellen: Dagmar ist von Haus aus Diplom-Sozialpädagogin und Autorin für Frauenschicksale. Du hast lange Zeit an der Akademie Alma Mater gelehrt und die Schule MatriCon – Internationale Schule für Matriarchales Bewusstsein gegründet. Uschi hat ihre zweite Sozialisation bei matriarchalen Kulturen erlebt, darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Von Beruf bist du Filmemacherin. Seit den 1990er-Jahren produzierst du Dokumentarfilme, die sich mit matriarchalen Gesellschaften und ihren Lebensweisen befassen. Für diese Filme hast du zahlreiche Preise erhalten.

Wie seid ihr mit matriarchalen Kulturen und ihrer für uns anderen Lebensweise in Berührung gekommen, obwohl ihr beide aus Deutschland stammt?

Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften

Uschi: Ich war noch nie wirklich glücklich damit, wie unser Leben hier in unserer Gesellschaft möglich ist, denn sie ist sehr kalt, dominant, in feste Bahnen gelenkt. Bereits als Kind war ich nicht glücklich mit dem, was für uns in der Gesellschaft übrig blieb. Als ich anfing, Filme zu machen, wählte ich Themen wie ganzheitliches Denken in der Medizin oder wie wir mit Kindern anders zusammenleben können, als es in unserer Gesellschaft üblich ist. Ich habe versucht, möglichst viele Anregungen in meine Themen mit einzubringen. Erst in den 1990er-Jahren – ich fand, dass ich bis dahin bereits viel Gutes getan und viele Anregungen für unsere Welt geliefert hatte, die ich für begrenzt hielt mit vielen unglücklichen Menschen um uns herum – begegnete ich Gesellschaften, die matriarchal leben. Dies fand ich zufälligerweise auf einer Reise zu einem untergegangenen Matriarchat heraus, die ich mit der Kamera begleitet hatte. Da erfuhr ich, dass diese Menschen heute auf der Welt so leben. Das machte mich etwas unglücklich, denn ich war Anfang 40 und fragte mich, wieso mir das nicht bereits früher begegnet war. Da ich das Filmhandwerk sehr gut beherrschte, beschloss ich, dorthin zu reisen. Zuerst lernte ich die Khasi im Nordosten Indiens kennen. Das war mein erstes Matriarchat.

Deswegen kann ich sagen, dass ich noch einmal neu sozialisiert worden bin.

Es fühlte sich an, als wäre ich als Kind dort hingebracht worden. Ich konnte alles mit den Menschen dort erleben und miterleben, insbesondere wie anders sie leben, menschlicher. Pauschal gesagt wird dort menschlicher miteinander umgegangen. Das war mein Weg. Vorbereitet war ich insofern gut, als dass ich wusste: So wie in unseren Breitengraden gelebt wird, kann es nicht gut für die Menschheit sein.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie die Besuche bei den verschiedenen Matriarchaten das Leben der beiden Frauen nachhaltig veränderten.

TV: Inwiefern unterschied sich die matriarchale Gesellschaft von der Gesellschaft, die du kanntest?

Dagmar:

Es gibt einen anderen Umgang zwischen den Geschlechtern als einen sexualisierten, das kannte ich nicht.

Nachdem ich zurückgekehrt war, ging ich zuallererst zu meinen Brüdern. Ich sagte ihnen, dass ich mit ihnen sprechen möchte, denn mir war klar geworden, wie sehr ich sie liebte und welche Bedeutung ihnen in meinem Leben zukam. Ich wollte unsere Beziehung ausbauen und sie feiern. Mir war wichtig, dass wir uns den Wert unserer Beziehung bewusst machen. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und wussten selbst nicht, was die Beziehung zwischen Bruder und Schwester bedeutete. Von da an arbeiteten wir bewusst an ihr und bauten sie aus, später holten wir unsere Mutter dazu. Dadurch kam ein Entstehungsprozess in Gang, der uns alle sehr bereichert hat, ein Bewusstseinsprozess.

Uschi: Ähnliches erlebte auch ich. Bevor ich dorthin reiste, hatten ein paar Freunde bereits zu mir gesagt, dass ich sicherlich unter sozialer Kontrolle stehen würde. In einer Großfamilie, in einem Clan sei man nie allein, und sie würden mich beobachten. Die Freunde fragten mich, wo meine Individualität bleiben würde. Das war eines der großen Vorurteile, Matriarchate betreffend.

Ich musste viele Vorurteile geradezu von mir abwerfen,

denn was meine Freunde im Vorhinein als negativ gesehen hatten, erwies sich als das genaue Gegenteil. Man muss es sich als ein umgedrehtes Lebensgefühl vorstellen.

Du bist ständig behütet, sie denken an dich und mit dir mit und sie wollen, dass es dir gut geht.

Dort gibt es niemanden, der dir die Dinge vermiesen will – wie hier bei uns mit dem Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken, bei dem die Sachen, die du vorhast, erst einmal runtergeputzt werden. Dort war es immer wohlwollend, entgegenkommend. Nirgendwo konnte ich meine Individualität so ausleben wie dort.

Das Mütterliche steht im Zentrum

Uscha: Es ist das Irrste, wie wir das hier handhaben: Mütter mit Kindern werden allein gelassen und erhalten kaum Zuwendung und Unterstützung. Eigentlich müssten Mütter auf Händen getragen werden.

Mutter-Sein läuft hier mittlerweile nebenbei, während in Matriarchaten die Mütter im Zentrum stehen. Das Mutter-Kind-Verhältnis ist ein symbolisches Bild.

Im Prinzip richtet sich die gesamte Gesellschaftsordnung nach diesem Verhältnis.

Alle verhalten sich mütterlich, auch ein Mann ist mütterlich.

Ein Mann, der sich in die Dorfgemeinschaft einbringt und sich politisch engagiert, tut dies auf mütterliche Art und Weise. Das Bild »Mutter – Kind« ordnet ihr Zusammenleben.

Auf allen Ebenen steht das Mütterliche im Zentrum.

Das ist sensationell und muss immer wieder wiederholt und betont werden.

Dagmar: Gleiches gilt für das hohe Ideal von Mutter Welt, Mutter Natur und Mutter Erde als Lehrmeisterin und Vorbild. Du schlägst den Reis nicht, damit er wächst. Das braucht die Natur nicht. Also schlägst du auch deine Kinder nicht.

Uscha: Wenn es ein heiliger Berg ist, ist es ein Mutterberg, weil er alle umfängt.

Die Mutter spendet aus ihrem Leib das Leben. Das Leben und das Nährende kommen aus ihr. Einer der wichtigsten Werte ist die Beziehung zueinander.

Menschen, die in Matriarchaten leben, mögen und brauchen keine Versicherungen, denn ihre Clans decken alles ab. Sozialversicherung, Bankwesen mit Krediten oder Ähnliches – sie mögen weder Banken noch Institutionen, sondern regeln alles untereinander und sind damit autonom. Als wir einmal da waren, brannte ein Haus ab. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie alles zusammen, um ein neues zu bauen. Im Gegensatz dazu ist der Layouterin unserer Zeitschrift aufgrund eines Sturms vor ein paar Jahren das Dach vom Haus geflogen. Erst nach drei Jahren wurde ihr das Geld, das sie mühsam erstritten hatte, von der Versicherung zurückerstattet. Dort jedoch wurde den Menschen innerhalb eines Nachmittags geholfen.

Ist es Dagmar und Uscha gelungen, die matriarchale Weltsicht in ihren Alltag zu integrieren? Lesen Sie dies und vieles mehr im vollständigen Artikel. Unten können Sie das Pdf bestellen.

TV: Ich würde gern über das »Heilige Paar« sprechen.

Uschi: Es gibt Frauen und Männer auf der Welt, und sie schaffen als Schwestern und Brüder die Balance. Diese Balance erreichen wir nicht mit dem Mann, der uns einst besucht hat und dem wir Frauen die Treue versprochen haben. Das »Heilige Paar« ist nicht das Liebespaar, sondern das Paar, das aus dem Leib der gleichen Mutter kam. Das ist die symbolische Ordnung. Es ist eine friedliche Angelegenheit, weil sie nicht ständig versuchen müssen, sich zu umwerben und dieses andere Wesen zu halten, denn sie sind aufgrund der Biologie vereint. Sie teilen die gleiche Geschichte und den gleichen Ursprung. Die Gebärmutter wird in den Matriarchaten als starkes Symbol angesehen. Manche Höfe, auf denen der Clan lebt, werden als Gebärmutter bezeichnet, also es wird derselbe Begriff verwendet.

Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften

Dagmar: Alle gehören dazu, die jemals dieselbe Gebärmutter geteilt haben, nicht gleichzeitig, und es kann auch die der Großmutter gewesen sein. Bei der Matrilinearität geht es über den Bauch, über den Leib. Schwester und Bruder sind das Urpaar. Sie bleiben zusammen, auch wenn Konflikte aufkommen, denn sie sind gebärtechnisch aus einem Guss.

Uschi: Sie brauchen nicht miteinander zu konkurrieren – während dies in Deutschland leider geschieht, weil wir unsere Kinder in Gerechtigkeit großziehen wollen. Jeder soll das Gleiche bekommen. Kaum wurde einer nicht bedacht, gibt es Zank untereinander. Aber wenn sich Schwester und Bruder als stabiles Paar sehen, dann kann nicht mehr viel erschüttert werden.

Dagmar: Das ist die Grundlage matriarchaler Gesellschaften. Wenn in matriarchalen Gesellschaften geheiratet wird, ist es eine Patriarchalisierung, also nicht mehr das Ur-Matriarchat. Im Ur-Matriarchat wird nicht geheiratet, sondern besucht.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die matriarchale Weltsicht und Werte, die Dagmar und Uschi faszinieren und nachhaltig verändert haben.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 88 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 12 Seiten).

Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften

 2,00

Dagmar Margotsdotter und Uschi Madeisky
Begegnung mit lebenden matriarchalen Gesellschaften
Zwei Frauen teilen ihre Erlebnisse

Dagmar Margotsdotter und Uschi Madeisky haben bereits mehrere Matriarchate besucht und deren »anderes«, das Mütterliche und Fürsorgliche ins Zentrum stellende Gesellschafts- und Familiengefüge selbst erleben dürfen. Diese Erfahrungen veränderten nachhaltig ihr Leben und ihre Sicht auf unser Mensch-Sein, und sie teilten diese auf lebhafte und berührende Weise mit der Redaktion im folgenden Gespräch.
 


 

Artikelnummer: TV088e_02 Kategorie: Schlagwort:

Kompletter Artikel im PDF-Format (12 Seiten)

 
 

Zu den Autorinnen

Die Autorin Uscha Madeisky

Uschi Madeisky, Gertrudstochter, erhielt ihre zweite Sozialisation bei matriarchalen Völkern. Von Beruf ist sie Filmemacherin und produziert seit den 90er-Jahren Dokumentarfilme, die von matriarchalen Gesellschaften und Lebensweisen erzählen. Dafür bekam sie den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt am Main und den Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen. Sie ist Mitgründerin von MatriaVal e. V. und im Vorstand vertreten. War Mitveranstalterin von: »Internationaler MutterGipfel 2008« in Karlsruhe, dem »Internationalen Goddesskongress 2010« auf dem Hambacher Schloss und dem Kongress »Friedliche Gesellschaften stellen sich vor 2017« im Jenaer Rathaus. Sie lernte und lehrte an der Akademie ALMA MATER und hat die Coleitung von MatriaCon inne, der 2017 gegründeten internationalen Schule für matriarchales Bewusstsein (www.matriacon.net / www.tomult.de).

Dagmar Margotsdotter, Diplom-Sozialpädagogin, Mutter dreier Kinder, Autorin und Kulturreferentin für Matriarchatskunde, ist als Forschende in verschiedenen Matriarchaten unterwegs. Auf ihren Reisen engagiert sie sich u. a. für die weltweite Vernetzung dieser friedlichen und ausbalancierten Gesellschaften. Sie lernte und lehrte an der Akademie ALMA MATER und hat die Coleitung von MatriaCon, der 2017 gegründeten internationalen Schule für matriarchales Bewusstsein, inne. 2006 gründete sie zusammen mit Uschi Madeisky und anderen Matriarchatsforschenden den Verein MatriaVal e. V. (www.matriaval.de), war Mitveranstalterin vom »Internationalen MutterGipfel 2008« in Karlsruhe, dem »Internationalen Goddesskongress 2010« auf dem Hambacher Schloss und dem Kongress »Friedliche Gesellschaften stellen sich vor 2017« im Jenaer Rathaus. Seit 2000 bereist sie Matriarchate rund um die Welt und seit 2012 dokumentiert sie deren Alltag filmisch (www.matria.de).

Die Autorin Dagmar Margotsdotter

Weiterführende Bücher:

Uschi Madeisky (Hrsg.) »Die Ordnung der Mutter – Wege aus dem Patriarchat«, Christel Göttert Verlag.

Dagmar Margotsdotter »Am Herdfeuer – Aufzeichnungen einer Reise zu den matriarchalen Mosuo« und weitere, alle im Christel Göttert Verlag erschienen.

2 Kommentare
  • Elfie von der Heyde
    Posted at 17:05h, 28 September Antworten

    Hab ihn schon geschickt !
    Meine E-Mail war falsch , hab sie korrigiert !
    Danke ❤️

  • Elfie von der Heyde
    Posted at 17:02h, 28 September Antworten

    Ihr geliebten Frauen, dieses Video musste ich ein paar mal pausieren und aus tiefstem Bauch weinen ! — Es hat mich schier wieder erweckt oder erinnert an all die Schmerzen aller Mütter und Frauen, auch der Männer und Kinder,, die letztendlich auch gelitten und leiden ! — was haben wir uns der Erfahrungen wegen alles angetan — notwendigerweise! — Nun aber können wir uns wieder erinnern und uns auf den Weg machen ein natürlicheres Miteinander kreieren, was uns wieder leben und lieben lässt — wie es ursprünglich gedacht war — und vielleicht können wir mehr in der friedlichen segensreichen MITTE bleiben, weil wir jetzt viel erkannt haben !?
    Danke euch Schwestern aus verbundenem Herzen
    Elfie von der Heyde

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