Die Weiblichkeit Gottes in der Kabbala

Die Weiblichkeit Gottes in der Kabbala

Tochter, Schwester, Braut und Mutter

Autor: Prof. Dr. Peter Schäfer
Kategorie: Judentum/Kabbala
Ausgabe Nr: 94

Das Judentum wird im Allgemeinen als eine streng monotheistische Religion gedeutet, die keinen Raum für weitere Gottheiten oder Aspekte Gottes zulässt. Doch ein führender Experte des antiken und mittelalterlichen Judentums Prof. Dr. Peter Schäfer zeigt, dass Deutungen aus der jüdischen Mystik, der Kabbala, die Möglichkeit eines weiblichen Prinzips Gottes eröffnen, wobei sich dieses Prinzip in unterschiedlichen Gewändern präsentiert: von einer elterlichen bis zu einer sexuellen Symbolik.

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Das Judentum gilt seit jeher als die klassische Religion des Monotheismus, die Religion, die der Welt den Glauben an den einen, einzigen und unwandelbaren Gott geschenkt hat. »Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger Gott«, so lautet das Bekenntnis in Dt 6,4, das als dass Shema’ Yisra’el zum feierlichen täglichen Gebet wurde, mit dem auf den Lippen nicht wenige jüdische Märtyrer in den Tod gingen. Das Christentum übernahm den jüdischen Monotheismus und erweiterte ihn gleichzeitig durch die Inkarnation Gottes, seine Menschwerdung in der Welt. Damit legte es das Judentum umso stärker auf einen abstrakten Gottesbegriff fest, der dann leicht zur Karikatur des angeblich fernen und unzugänglichen Gottes des Alten Bundes verkommen konnte, gegen den sich die Botschaft des Neuen Bundes umso strahlender absetzen ließ. Das Judentum hat die ihm zugedachte Rolle in der Auseinandersetzung, nicht im Dialog der beiden Religionen notgedrungen übernommen, in der die Waffen bekanntlich ganz ungleich verteilt waren und das Ergebnis von vornherein feststand.

Die Vorstellung von dem einen, unwandelbaren Gott gehört ohne Zweifel zu den fundamentalen Grundsätzen der jüdischen Religion – und dennoch ist die Annahme, dass das Judentum sich im starren Festhalten an der Einzigkeit Gottes erschöpft, eine krasse Fehleinschätzung, die ihren Erfolg nicht nur der Unkenntnis historischer Entwicklungen des Judentums, sondern gerade auch christlichen Vorurteilen verdankt. Das Judentum hat sich, anders als das Christentum, nie auf Glaubenssätze festlegen lassen und es immer wieder verstanden, allzu fest gefügte religiöse Normen aufzubrechen. Das, was mit dem Anspruch allgemeingültiger Rechtgläubigkeit auftrat, konnte sich unversehens in der Minderheit befinden, und die revolutionäre Neuerung der Minderheit konnte plötzlich zur akzeptierten Norm werden. Allerdings durfte man dies möglichst nicht zu laut sagen: Das Neue musste sich als alt ausgeben, um als Neues akzeptiert zu werden; nur in alte Schläuche gegossen, konnte der neue Wein seine Wirksamkeit entfalten.

Bilder der Weiblichkeit Gottes in der frühen Kabbala

Die Bewegung im Judentum, an der sich eine solche dialektische Entwicklung am besten verfolgen lässt, ist die jüdische Mystik im Mittelalter, die Kabbala. Schon diese Selbstbezeichnung ist verräterisch, meint doch »Kabbala« nichts anderes als »Tradition« und behauptet diese Bewegung damit von sich, dass sie nichts anderes tut, als die bewährte und allgemein als verbindlich akzeptierte Tradition wiederzugeben. Nichts trifft weniger zu als diese Behauptung. Die Kabbala hat in ihren verschiedenen Erscheinungsformen über mehrere Jahrhunderte hinweg die Religion des Judentums in einer Weise revolutioniert, wie dies vor ihrem Auftreten ganz undenkbar gewesen wäre (sie hat das Judentum mehr als einmal an den Rand der Spaltung geführt). Diese radikale Neuerung betrifft zuallererst den Gottesbegriff. Der Gott der Kabbala führt ganz entscheidend über den Gott der Bibel und des rabbinischen Judentums der Spätantike hinaus, und er hat wenig oder gar nichts mit dem Gott der mittelalterlichen jüdischen Philosophie gemeinsam, weder in ihrer neuplatonischen Spielart noch (viel weniger) in der Form des aufkommenden Aristotelismus, wie er etwa im Judentum im 12. Jahrhundert durch Maimonides vertreten wurde. Die Kabbala ignoriert dies alles souverän, erachtet es nicht einmal der Auseinandersetzung wert, und entwickelt stattdessen in schwer verständlichen, oft auch disparaten mythischen Bildern eine völlig neue Vorstellung von Gott. Ihr Ideal ist nicht der unveränderliche Gott, der unbewegte Beweger der Philosophen, sondern im Gegenteil die Entfaltung und Beschreibung des vielfältigen und dynamischen Lebens, das sich in Gott selbst abspielt. Gott bleibt zwar einer und ein einziger, aber er entwickelt gleichzeitig ein unerhört reiches inneres Leben; seine Gottheit entfaltet sich in Potenzen, Wirkkräften (hebräisch Sefirot), die unterschiedliche Aspekte des göttlichen Wesens verkörpern und untereinander in ständigem Austausch stehen.

Dies ist nur der Anfang des Artikels.

Erfahre im vollständigen Beitrag über die vielfältigen Bilder und Symbole rund um die Weiblichkeit Gottes, die mithilfe der zehn Sefirot der Kabbala gedeutet werden. Der vollständige Artikel ist in Tattva Viveka 94 erschienen.

Tattva Viveka 94

Tattva Viveka Nr. 94

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Göttinnen
Erschienen: März 2023

Stefanie Aue • Göttinnen im Tantra. Die zehn göttlichen Erkenntniswege der Dasha Maya Vidyas (Teil 1) • Vanessa Chakour • Die wilde Göttin in uns. Für den Schutz und das Entfachen des Lebens • Sophie Maria Anna Elisabeth Baroness von Wellendorff • Göttinnen im Rhythmus des Jahreskreises zelebrieren. Die spirituelle Tradition der Germanen und Kelten • Ronald Engert • Radha, die indische Göttin der Liebe. Leitbild für eine zukünftige spirituelle Gesellschaft • Prof. Dr. Peter Schäfer • Bilder der Weiblichkeit Gottes in der frühen Kabbala. Tochter, Schwester, Braut und Mutter • Deike Alexa Behringer • »Ganz normale Frauen mit Göttinnen-Power«. Orakelkarten, die uns an unsere innewohnenden Kräfte erinnern • Dipl.-Germ. Petra Baumgart • Germanische Göttinnen und die quantenphilosophische Schau. Ein anderer Blick auf die Welt • Eva-Maria Zander und Nora Hansing • Erwecke die Essenz der Weiblichkeit in dir. Ein weibliches Mehrgenerationengespräch •
Dieter Halbach • Demokratische Kultur. Ein Arbeitsfeld für Mehr Demokratie • Dr. Franz Alt • Wir brauchen eine neue Kultur des Friedens. Plädoyer für eine erneute Abrüstung • Walter Benjamin • Über die Sprache des Menschen und Sprache überhaupt. Das Wesen der Sprache • u.v.m.

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Über den Autor

Prof. Dr. Peter Schäfer

Prof. Dr. Peter Schäfer (geb. 1943) ist ein deutscher Judaist und Hochschullehrer, u.a. von 1992-2013 in Princeton. Er gilt als einer der führenden Experten für das Judentum der Antike und des frühen Mittelalters. Schäfer hat sowohl den Mellon Award als auch den Leibniz-Preis erhalten. Von 2014 bis 2019 leitete er als Direktor das Jüdische Museum Berlin.

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