30 Nov. Thomas Keating
Ein moderner christlicher Mystiker
Autor: Dr. Cynthia Bourgeault
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 105
Der 2018 verstorbene Trappist Thomas Keating gilt als wichtiger Erneuerer des christlichen kontemplativen Pfades, Schöpfer der Meditationsübung des »Gebets der Sammlung« und Wegbereiter eines aufgeschlossenen interspirituellen Dialogs. In ihrem neuen Buch »Thomas Keating: Die Lebensreise eines modernen christlichen Mystikers«, aus dem die folgenden Ausschnitte stammen, würdigt seine langjährige Schülerin Dr. Cynthia Bourgeault seinen Lebensweg und seine Wirkung.
Thomas Keating (1923–2018), der weltbekannte »Gründungsguru« des Gebets der Sammlung oder des Zentrierenden Gebets, wie es auch genannt wird, war fünfundsiebzig Jahre lang ein Trappistenmönch, der seine lange Dienstzeit ungefähr je zur Hälfte aufteilte zwischen seinem Mutterhaus, der St. Joseph’s Abbey in Spencer, Massachusetts (unter anderem zwanzig Jahre lang als deren Abt), und dessen Ableger, dem Benediktinerkloster von Snowmass, Colorado (welches er in den späten 1950er-Jahren zu gründen mitgeholfen hatte und wohin er sich ab 1981 dauerhaft zurückzog).
Sein Werk der Einführung des Gebets der Sammlung vollendete er größtenteils während der 1980er-Jahre, in der zweiten Hälfte seines klösterlichen Werdegangs. In einem fulminanten Ausbruch geistiger Aktivität gab er dieser Kontemplationsmethode ihren letzten Schliff und rief ein ambitioniertes Programm ins Leben, um sie zu vermitteln, bestehend aus einer umfassenden Unterrichtsanleitung sowie einer von ihm gegründeten Organisation mit dem Namen Contemplative Outreach zu ihrer Lehre und Verbreitung. Statt des sanften Ausklingens, als das er sich seinen Ruhestand sicherlich vorgestellt hatte, entpuppte sich dieser als das Anschieben einer Graswurzelbewegung der kontemplativen Wiederbelebung, die Tausende von spirituell dürstenden Christen mit dem in ihrem eigenen Hinterhof vergrabenen Schatz der Kontemplation bekannt machen sollte.
Die Krise des christlichen Mönchtums
Für klösterliche Gemeinschaften waren die 1970er-Jahre eine herausfordernde Zeit, deren Spannungen im Inneren von den umfassenden Veränderungen durch das Zweite Vatikanische Konzil, im Außen vom zunehmenden Druck der kulturellen Revolution der späten 60er-Jahre getrieben waren. Unter der Oberfläche all dieser Unruhen wurde der Ruf nach einer radikalen Erneuerung des monastischen Lebens lauter und ging Thomas Keating als »Hirten seiner Herde« zu Herzen. Mit dieser sich rasant globalisierenden Perspektive begann er (dem die Jahre seines Aufenthalts in den Rocky Mountains von Colorado zweifellos einiges von seiner Ostküstenbürgerlichkeit ausgetrieben hatten), die Ärmel hochzukrempeln und sich an die Räumung der festgefahrenen Wege zu machen.
Und die waren offensichtlich in einem schlechten Zustand. Unterhalb des fulminanten äußeren Erfolgs des Trappistenordens in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das innere Leben langsam aber sicher erstarrt – und dies, um ehrlich zu sein, schon seit mehr als zwei Jahrhunderten. Frömmigkeitspraktiken, ursprünglich einer feurigen mystischen Leidenschaft entsprungen, waren längst zu gewissenhafter Genauigkeit und äußerlicher Observanz gefroren. Die lectio Divina, einst eine dynamische klösterliche Methode des Schwelgens in der Heiligen Schrift, war zu schalem »geistigem Gebet« verkommen und ihre letzte Stufe, die contemplatio, war mittlerweile weggeschlossen wie ein seltenes Geschenk, das nur einigen wenigen Auserwählten zustand. Die lebendigen Wasser der Stille und der wortlosen Vertrautheit mit Gott, die das ursprüngliche Charisma der Trappisten genährt hatten, schienen zu versiegen und die Früchte der monastischen Transformation am Rebstock nach und nach zu vertrocknen. Und obschon noch viele Trappisten ihre ikonischen schwarz-weißen Habite trugen, schien das Licht aus ihren Augen verschwunden zu sein.
Jeder Gedanke impliziert eine Trennung zwischen uns und der unmittelbaren Gegenwart Gottes.
Thomas Keating mag nicht alle Gründe für diesen Niedergang erfasst haben, doch sah er deutlich, wo der Schaden erwuchs. Im Bestreben, jene inneren transformierenden Feuer neu zu entfachen, ohne dafür in seinem direkten institutionellen Umfeld viel Unterstützung zu finden, begann er, auf kontemplative Meister in anderen Glaubenstraditionen zuzugehen, die zu dieser Zeit in immer größerer Zahl in Nordamerika anlandeten und tatsächlich sogar in seinem eigenen Hinterhof mitten in Massachusetts. So ließ er einige frühe Anhänger der Transzendentalen Meditation die ganze Klostergemeinschaft darin unterrichten, und einige Jahre lud er einen Zen-Roshi als Retreat-Lehrer ins Kloster ein, um die Mönche mit der Koan-Arbeit bekanntzumachen. Das war schlicht und einfach eine Starthilfe: ein Weg, seine Mönche mit jenen lebendigen Funken ihres eigenen kontemplativen Erbes in Verbindung zu bringen, von dem er wusste, dass es unter der Oberfläche der eingefrorenen äußeren Form noch immer hell glühte.
Inspiration aus der Wolke des Nichtwissens
Dann, im Jahr 1975, an einer schicksalhaften Ordensversammlung, in der die Sorge ausgedrückt wurde, dass sich immer mehr junge ehemalige Katholiken östlichen Meditationspfaden anschlössen, formulierte er laut und deutlich seinen Einwand: »Sollte es nicht möglich sein, aus der ganzen christlichen kontemplativen Tradition eine aktualisierte Meditationsmethode zu machen, die für Laien in ihrem Alltag praktikabel ist?« Einer seiner Mönche, Pater William Meninger, nahm diese Herausforderung an. Er holte sich seinen alten kontemplativen Begleiter aus dem Bücherregal, ein zerlesenes Exemplar des mittelalterlichen spirituellen Klassikers Die Wolke des Nichtwissens, extrahierte daraus die zentrale Methodologie – und das Gebet der Sammlung war geboren.
Zu Beginn wurde diese neue Form der auf dem Christentum basierenden Meditation in der St. Joseph’s Abbey ausschließlich für Priester und »Religiose« angeboten (wie die römisch-katholische Bezeichnung für Menschen lautet, die einem religiösen Orden angehören). Doch das Interesse innerhalb dieser Gruppe war bestenfalls lauwarm, während die ersten Angebote für Laien diesen ein umgehendes und enthusiastisches »Ja!« entlockten. Getragen auf den Schwingen der Zeit sprang die Praxis schon bald über die Klostermauern und setzte eine Laienbewegung in Gang.
Sollte es nicht möglich sein, aus der ganzen christlichen kontemplativen Tradition eine aktualisierte Meditationsmethode zu machen, die für Laien in ihrem Alltag praktikabel ist?
Gegen Ende der 80er-Jahre waren die Fundamente der Bewegung des Gebets der Sammlung gelegt und die charakteristischen Inhalte von Thomas’ Lehre gut etabliert. Was die Kontemplationspraxis selbst betrifft, so fügte er dem sogenannten »heiligen Wort« (einer von jeder und jedem Praktizierenden frei wählbaren Erinnerungsstütze, die im Gebet der Sammlung zeitweilig genutzt wird, um den Fluss zwanghaften Denkens zu unterbrechen) seine eigenen feinen Nuancen hinzu. In deutlichem Kontrast zur klassischen Tradition und sogar zur direkten Quelle des Gebets der Sammlung, der Wolke des Nichtwissens, sagte er klar und deutlich, dass das heilige Wort kein emotionales »Lieblingswort« sei, durch welches die affektive Sehnsucht nach Gott ihren Ausdruck finde, sondern lediglich »einen Platzhalter für unsere Absicht« darstelle.
Er betonte immer wieder, dass das Gebet der Sammlung »nicht mittels Aufmerksamkeit, sondern mittels Absicht« praktiziert wird, und bestand mit zunehmendem Nachdruck darauf, dass wirklich alle »Gedanken« losgelassen werden müssen (ein »Gedanke« ist im Gebet der Sammlung definiert als etwas, was unserer Aufmerksamkeit als Objekt dient), ganz egal, um welchen Inhalt es sich handelt. In einem seiner bekanntesten Bonmots witzelte er: »Selbst wenn die Heilige Jungfrau persönlich während Ihrer Meditation erscheint und anbietet, Ihnen einen Dorn aus dem Fleisch zu ziehen, lautet Ihre Antwort: ›Nicht jetzt, meine Liebe, ich bin gerade in meinem Gebet der Sammlung.‹«
Dies ist nur der Anfang des Artikels. Der vollständige Beitrag ist in der Tattva Viveka 105 erschienen.
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Tattva Viveka Nr. 105
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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025
Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.
Zum Autor
Dr. Cynthia Bourgeault ist US-Amerikanerin, Doktorin der Mediävistik, Priesterin der episkopalen anglikanischen Kirche, Autorin von über einem Dutzend Büchern und hält weltweit Vorträge und Seminare zum Thema des christlichen kontemplativen Pfades. Neben ihrer theologischen Ausbildung studierte sie viele Jahre in einer Gurdjieff-Schule und beschäftigte sich auch intensiv mit dem Sufismus sowie den mystischen Traditionen des Ostens. Sie engagiert sich im interspirituellen Dialog und ist eine der führenden Lehrerinnen der Praxis des Gebets der Sammlung, das sie über ein Jahrzehnt bei Thomas Keating als eine seiner engsten und unabhängigsten Schülerinnen studiert hat. Kurz vor seinem Tod bat er sie, nach ihrem Buch »Das Herz im Gebet der Sammlung« ein weiteres über ihn und seine Lehre zu schreiben.
Webseite: cynthiabourgeault.org
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