In Bewegung geraten

In Bewegung geraten

Pilgern auf dem Weg nach Assisi

Autor: Christian Busemann
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 106

In der Monotonie des Gehens kommt der Geist zur Ruhe und der Körper gibt den Rhythmus vor. Dies öffnet den Blick für das Wesentliche: die Weite der Landschaft, die innere Stimme ebenso wie die Unmittelbarkeit von Schmerz und Erschöpfung. Christian Busemann schildert seine Pilgererfahrungen auf dem Weg nach Assisi – ein Weg voller Kontraste, der das Leben selbst widerspiegelt.

Bewegung vor dem Denken

Bewegung ist die ursprünglichste Form menschlicher Weltbeziehung. Bevor der Mensch benennt, bewertet oder reflektiert, bewegt er sich. Bewegung geht dem Denken voraus. Sie ist kein Ergebnis von Überlegung, sondern eine unmittelbare Antwort auf das Dasein selbst. Ein Säugling bewegt sich nicht, um ein Ziel zu erreichen, sondern weil das Leben sich bewegt. Er erforscht den Raum durch Greifen, Strampeln und schließlich das Krabbeln, lange bevor die Sprache eine ordnende Struktur über die Welt legt. Diese physische Unmittelbarkeit ist der Urgrund unserer Existenz.

Erst mit zunehmender Sozialisation verliert Bewegung diesen ursprünglichen, zweckfreien Charakter. In unserer modernen Leistungsgesellschaft wird sie funktionalisiert, normiert und optimiert. Wir benutzen unseren Körper oft nur noch als Werkzeug zur Selbstoptimierung, statt ihn als den Ort zu begreifen, an dem wir die Welt erfahren. Diese schleichende Verschiebung bleibt meist unbemerkt – bis das System kollabiert und die gewohnten Abläufe nicht mehr funktionieren. In Krisensituationen kehrt Bewegung oft zu ihrer eigentlichen Bedeutung zurück. Wenn das Denken in den Sackgassen des Grübelns feststeckt und die Seele zu erstarren droht, geht es nicht mehr um Effizienz, sondern um das schlichte Wieder-in-Gang-kommen. Pilgern gehört genau in diesen Kontext. Es ist eine Form der Bewegung, die sich bewusst jeder Optimierungslogik entzieht. Auf einem Pilgerweg gibt es keine Abkürzungen, die nicht den Kern der Erfahrung beschädigen würden. Jeder Schritt ist gleichwertig, ob er über eine blühende Hochwiese führt oder durch den Schlamm eines steilen Aufstiegs.

Bewegungslosigkeit in der beschleunigten Welt

Wir leben paradoxerweise in einer Ära maximaler äußerer Bewegung bei gleichzeitiger innerer Erstarrung. Wir reisen schneller als jede Generation vor uns, wechseln Orte, soziale Rollen und digitale Kommunikationskanäle in rasanter Geschwindigkeit. Das Flugzeug bringt uns in Stunden in fremde Klimazonen, das Internet verbindet uns in Millisekunden mit dem Rest der Welt. Und doch klagen immer mehr Menschen über das Gefühl, innerlich festzustecken. Diese Bewegungslosigkeit ist kein Mangel an Aktivität – im Gegenteil, viele sind hyperaktiv –, sondern ein Mangel an Resonanz.

Bewegung verliert ihre existenzielle Qualität, wenn sie rein funktional wird. Der Körper bewegt sich zwar durch den Raum, aber er erfährt nichts mehr. Er wird zum reinen Transportmittel für den Geist, der bereits drei Termine weiter ist. Informationen werden in rauen Mengen verarbeitet, aber sie bilden keine lebendigen Zusammenhänge mehr. In dieser Situation entsteht die Müdigkeit der Resonanzlosigkeit. Sie äußert sich oft als diffuse Unruhe. Der Schlaf wird flach, die Gedanken reproduzieren sich endlos selbst, und der Körper steht unter einer Daueranspannung, die keine Entlastung mehr findet. Der moderne Mensch funktioniert zwar perfekt innerhalb der Systemlogik, aber er kommt nicht mehr bei sich selbst an. Diese Form der Erschöpfung verlangt nach einer anderen Qualität von Bewegung. Einer Bewegung, die nicht kontrolliert, sondern den Kontrollverlust freigibt. Pilgern bietet einen Raum an, der allein durch die monotone Tätigkeit des Gehens entsteht. Dieser Raum wird nicht durch Reflexion »gebaut«, sondern er öffnet sich, wenn der Kopf vor Erschöpfung aufhört zu dominieren, und der Körper die Führung übernimmt.

Der persönliche Stillstand

Der Moment, in dem radikale Bewegung notwendig wird, kündigt sich selten mit großem Paukenschlag an. Meist ist es ein schleichender Verlust an innerer Beweglichkeit. So war es auch in meinem Fall. Äußerlich betrachtet gab es keinen Grund zur Klage: Als freischaffender Autor und TV-Produzent war ich erfolgreich, die Aufträge kamen zuverlässig, das Familienleben funktionierte. Doch hinter der Fassade des Erfolgs hatte sich das Getriebe festgelaufen. Die Schlaflosigkeit war zum Dauerzustand geworden, und nächtliche Panikattacken meldeten unmissverständlich, dass das bisherige Lebensmodell an seine Grenzen gestoßen war.

In solchen Phasen bagatellisiert man die Signale gern als vorübergehende Belastung. Tatsächlich aber sind sie oft Warnzeichen eines tiefsitzenden inneren Stillstands, der bei mir eng mit einer biografischen Leerstelle verknüpft ist. Mein Vater war gestorben, als ich vier Jahre alt war. Sein Tod war zwar eine bekannte Tatsache meiner Lebensgeschichte, aber er war nie wirklich Teil meines bewussten Erlebens geworden. Er fehlte, ohne dass dieses Fehlen einen klaren Ort hatte – ein weißer Fleck auf der Landkarte meiner Seele, der mitwuchs, ohne je benannt zu werden. Erst viel später verstand ich, dass solche frühen Verluste nicht einfach verschwinden. Sie wirken aus dem Verborgenen weiter, oft als latente Erschöpfung oder als ein tiefes Gefühl des Getrenntseins von den eigenen Wurzeln. Um diese Erstarrung zu lösen, brauchte es eine Bewegung, die nicht fragt oder analysiert, sondern die mich physisch an einen Ort der Verbindung trug.

Tattva Viveka Nr. 106

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Schwerpunkt: Bewegung
Erschienen: März 2026

Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.

Zur Autorin

 

Portrait von Chrsitian Busemann

Christian Busemann ist Autor, Podcaster und TV-Produzent. In seinem Buch »Easy nach Assisi« (Goldmann) beschreibt er seine Erfahrungen auf dem Franziskusweg. Und auch sein neues Buch »Jesus, ich und mein verrücktes heiliges Jahr« (adeo) thematisiert vielfältige Pilgererfahrungen und spirituelle Alltagslektionen.

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