Der subjektive Faktor

Der subjektive Faktor

Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft

Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft

Autor: Ronald Engert, Gabriele Sigg
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 53

Um Objektivität zu erreichen, wurde das »Problem« der Subjektivität und Emotionalität in den verschiedenen Kulturen, Wissenschaften und Religionen bis dato durch Leugnung oder Trennung zu lösen versucht. Die Autoren zeigen die Problematiken der verschiedenen Wege auf und plädieren für eine Klärung biografisch und gesellschaftlich bedingter Konditionierungen. Nur so kann in der radikalen Subjektivität maximale Objektivität möglich sein. Objektivität ist nicht durch die Leugnung von Subjektivität zu erreichen.

Die modernen Wissenschaften gehen von einem Objektivitätsparadigma aus. Demzufolge ist es notwendig, die Person des Wissenschaftlers aus den Untersuchungen herauszuhalten. Der Vorteil der objektiven Wissenschaften besteht darin, dass eine Anwendung oder ein Produkt zuverlässig funktioniert, egal wer es anwendet und egal, bei wem es angewendet wird. Demgegenüber stellen subjektive Zugänge wie zum Beispiel geistiges Heilen, Placebo, Intuition und Ähnliches eine gewisse Unschärfe dar, die objektive Kriterien nicht befriedigen können.

Gleichwohl zeigt sich in zunehmendem Maße, dass der »subjektive Faktor« nicht vollständig eliminiert werden kann. Es zeigt sich sogar, dass mit zunehmendem Objektivitätsbemühen der Informationswert der wissenschaftlichen Untersuchung mitunter abnimmt. Die geforderte Abstraktion und Verallgemeinerung führte zu einer Einebnung und Verflachung des Informationsgehalts bezogen auf das einzelne Subjekt der Untersuchung. Theorien wie der Radikale Konstruktivismus in der Philosophie, die Unschärferelation in der Physik oder die Unterscheidung von Wahrheit und Illusion in der Spiritualität adressieren dieses Problem von verschiedenen Seiten (vgl. von Glaserfeld 1997, Heisenberg 1969, Prabhupada 1987).

Der subjektive Faktor

Wir haben die These, dass nur in der radikalen Subjektivität maximale Objektivität möglich ist. Zu beachten gilt, dass hier unter Subjektivität nicht Subjektivismus zu verstehen ist, sondern ein Subjekt, das seine Schattenanteile erkennt und benennt. Dann ist bereits in der relativen und bedingten Situation des Subjekts die Objektivität der Daten erreichbar. Dieser kritische Sachverhalt, womit ein nicht-relativistisches Verständnis des Subjekts steht und fällt, wird im Verlauf des Textes weiter ausgeführt.

Der subjektive Standort des Produzenten (Wissenschaftlers oder Autors) muss in der Untersuchung öffentlich gemacht werden. Indem die Subjektivität des Produzenten im Produkt eindeutig und klar gezeigt wird, weiß der Rezipient, wie er subjektive und objektive Gehalte unterscheiden kann. Die Rückführung auf die einzigartige subjektive Position des Produzenten schafft Klarheit in der Botschaft. Der Rezipient ist in der Lage, den Informationswert im Produkt (z.B. im Buch) umso vollständiger mit seiner subjektiven Wirklichkeit in Beziehung zu setzen, je eindeutiger der Produzent in seiner Subjektivität erscheint. Denn auch im Rezipienten ist der subjektive Faktor unreduzierbar.
Alle Wissenschaft und alle Produktion dienen einzig und allein dem Menschen als Person, als Subjekt. In der Erkenntnistheorie und Wissenssoziologie wurden das Objektivitätsdilemma und die soziale Konstruktion von Wissenschaft bereits aufgedeckt (vgl. etwa Latour 1987, Berger/ Luckmann 1980, Kuhn). Leider ist dies noch nicht in viele Wissenschaftsdisziplinen vorgedrungen bzw. wurden daraus keine Konsequenzen oder Lösungsmöglichkeiten angeboten. Der vorliegende Aufsatz ist ein erster Versuch, das »Problem« der Subjektivität einer Lösung näherzubringen.

Der subjektive Faktor

Objektive Kultur, subjektive Kultur und individuelle Seele

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel untersucht die »Beziehungen gesellschaftlicher Wechselwirkung, objektiver und subjektiver Kultur und individueller Seele« (Müller 1993: 9; vgl. Simmel 1908). Eine Gesellschaft bildet im Laufe ihrer Entwicklung durch gesellschaftliche Wechselwirkung ihrer Mitglieder eine Kultur heraus, die ein Eigenleben annimmt, das dann als eigene Entität auf die Individuen zurückwirkt. Dies nennt Simmel objektive Kultur. Subjektive Kultur ist vor allem der Habitus, der von den Individuen durch ihren Sozialisations- und Enkulturationsprozess erworben wird, das heißt die Herkunftsfamilie, die soziale Klasse, das soziale Geschlecht, die Umwelt etc. Mit der individuellen Seele greift Georg Simmel nun einen Aspekt auf, den nicht nur sein Fach, die Soziologie, sondern Wissenschaft im Allgemeinen (außer die Philosophie vielleicht) ausklammert. Simmel verdeutlicht, »dass die individuelle Seele nie innerhalb einer Verbindung stehen kann, außerhalb deren sie nicht zugleich steht. […] Wir wissen uns einerseits in die Natur eingegliedert […] und doch hat die Seele das Gefühl eines von diesen Verschlingungen und Einbeziehungen unabhängigen Fürsichseins« (Dahme/ Rammstedt 1983: 285ff). Durch die individuelle Seele hat der Mensch, trotz aller gesellschaftlicher Verschränkungen, folglich die Möglichkeit, mit sich selbst in Wechselwirkung zu stehen und sich außerhalb der Geschehnisse zu bewegen (hier ist auch innere Freiheit möglich). Problematisch sind dabei für Simmel die »Erscheinungen der modernen, geldwirtschaftlich bestimmten Kultur« (ebd.: 284), die die Einzigartigkeit jeder individuellen Seele in ihrer persönlichen Sonderfärbung durch einen Zwang zur Objektivität und Sachlichkeit unterwandert.

Moderne Wissenschaften beschäftigen sich tendenziell mit der materiellen, äußeren Welt. Die »innere Welt« war bis dato höchstens ein Bereich der Philosophie oder Theologie. Es gab eine Trennung zwischen Wissenschaften, die sich mit der »äußeren Welt«, und andere, die sich mit der »inneren Welt« beschäftigten. Nun macht sich ein immer stärkeres Bewusstsein breit, dass diese zwei Welten nicht so einfach zu trennen sind, sondern sich wechselseitig bedingen.

Der subjektive Faktor

Um das angestrebte Objektivitätsideal der Wissenschaften zu erreichen, muss der Wissenschaftler als Subjekt sich selbst erkannt und hinter die Kulissen seiner gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit geschaut haben. Diese gilt es dann aber nicht zu negieren, sondern in der Dekonstruktion in sein authentisches Selbst zu integrieren. In Simmels Termini hieße das, die individuelle Seele zu erkennen und diese mit der subjektiven und objektiven Kultur in eine Wechselwirkung zu bringen, die die Einzigartigkeit des Einzelnen nicht überschattet. »Das bedeutet auch: Das Objekt lässt sich nur soweit erkennen, als das Subjekt erkannt ist – oder anders: Die Welt kann ich nur so weit erkennen und verstehen, als ich mich selbst erkannt habe. In dem Maße, als ich die Subjekt-Seite verzerrt wahrnehme, ist für mich auch die Objekt-Seite verzerrt.« (Klug 1997: 30). Somit wäre für wissenschaftliches Arbeiten die »Arbeit an sich selbst« eine notwendige Vorbedingung, um überhaupt Wissenschaft betreiben zu können. Doch in keiner wissenschaftlichen Ausbildung wird die »innere Reifung« mit ausgebildet. Sachwissen wird kognitiv vermittelt, im schlimmsten Fall über Multiple-Choice-Tests verarbeitet. […]

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Ronald Engert / Gabriele Sigg
Der subjektive Faktor.
Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft

Um Objektivität zu erreichen, wurde das »Problem« der Subjektivität und Emotionalität in den verschiedenen Kulturen, Wissenschaften und Religionen bis dato durch Leugnung oder Trennung zu lösen versucht. Die Autoren zeigen die Problematiken der verschiedenen Wege auf und plädieren für eine Klärung biografisch und gesellschaftlich bedingter Konditionierungen. Nur so kann in der radikalen Subjektivität maximale Objektivität möglich sein. Objektivität ist nicht durch die Leugnung von Subjektivität zu erreichen.
 


 

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