Die dunkle Seite der Liebe

Die dunkle Seite der Liebe

Der weibliche Schatten als ein nachlässig diskutiertes Problem

Autor: Gabriele Sigg
Kategorie: Mann / Frau
Ausgabe Nr: 58

 

Die feministische Bewegung hat den Frauen viele Rechte erstritten und Frauen spielen heute im gesellschaftlichen Leben eine größere Rolle. Dabei wird alles Weibliche unhinterfragt positiv gesehen. Gleichwohl gibt es hier einen Schatten, der bis dato noch nicht zur Diskussion steht. Dabei kommen die Männer zunehmend unter Druck. Emotionaler Missbrauch und Liebesentzug, Intrigen und weibliches Ego werden hier von einer Frau thematisiert.

 

In Tattva Viveka 50 verwies Alexandra Schwarz-Schilling auf einen wichtigen Unterschied in der Polarität der Geschlechter. Beim Mann ist der aktive Pol die Sexualität und der passive Pol das Herz. Bei der Frau ist dies genau umgekehrt: Der aktive Pol ist das Herz und der passive Pol die Sexualität. Beiden Geschlechtern ist es meist ein Leichtes, mit ihren aktiven Polen umzugehen. Betrachtet man die gesellschaftliche Wirklichkeit, ist dies einleuchtend. Männer präsentieren stolz ihre Manneskraft, Frauen sind große Kommunikationskünstlerinnen. Wie Schwarz-Schilling schon angedeutet hat, ist es nun aber weniger die große Kunst, den jeweiligen aktiven Pol zu kultivieren, sondern vielmehr sich dem passiven zu widmen und beide in einen Einklang zubringen. Erst dann ist es auch möglich, den aktiven Pol in gesundem Maße zu leben, denn sie stehen beide in engem Zusammenhang (vgl. Schwarz-Schilling 2012).
Die Sexualität des Mannes und dessen Schattenseiten sind meines Erachtens, vor allem auch durch feministische Bewegungen, in weitem Maße erforscht. Vielmehr sogar werden, wie dies Hollstein (2012) proklamiert, Männer einseitig zur Verantwortung gezogen.

 

 

Der Mann wird hier zur »Verkörperung des Bösen« schlechthin und alle negativen Charaktereigenschaften werden ihm zugeschrieben. Statt dass Jungs raufen dürfen, müssen diese nun (weiblich) kommunizieren. Männliche Qualitäten werden somit per se als schlecht abqualifiziert.

Der folgende Aufsatz möchte deshalb den aktiven Pol der Frau, das (liebende) Herz, und dessen Schattenseiten genauer durchleuchten, denn er ist – anders als der aktive Pol des Mannes – weniger sichtbar, ja gar unsichtbar, was dazu führt, dass seine Schattenseiten schwieriger zu eruieren sind. Die Gender-Forschung etwa hat schon früh erkannt, dass Frauenarbeit unsichtbar ist, und appelliert dafür, dass diese mehr gewürdigt werden müsste. Dabei ist ihr entgangen, dass nicht nur die positiven Attribute weiblicher Aktivität wie etwa Kommunikationskraft, Beziehungsarbeit etc. zu beachten sind, sondern auch deren Schattenseiten, die sich in Intrigen oder emotionalen Übergriffen äußern. Zudem ist zu beachten, dass der aktive Pol der Frau, die Liebe, gesellschaftlich allgemein positiv konnotiert ist, während der aktive Pol des Mannes, die Sexualität, noch immer eher negativ, vielleicht neutral, aber sicher niemals so positiv wie die Liebe betrachtet wird. Somit ist es umso kniffeliger, den weiblichen Schatten auszuleuchten: Die dunkle Seite der Liebe. Da Liebe allgemein positiv bewertet ist, wird verkannt, dass emotionale Übergriffe sexuellen sehr gleichen, gleichwohl sie sicher nicht dasselbe sind und für sich andere Wege der Heilung bei Missbrauch verlangen. Aber: Es bleiben Übergriffe.

 

Die geheilte Frau muss nicht ihren Mann stehen, sie muss Frau sein!

 

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist, dass es an sich nichts »Schlechtes« gibt, sondern es immer um den richtigen bzw. angemessenen Umgang mit den verschiedenen Aspekten des menschlichen Daseins geht. Dafür gibt es allerdings kein Rezept, denn es ist abhängig von dem individuellen und kulturellen Kontext und drückt sich im Gefühl des Einzelnen aus.

 

Die traditionelle Gesellschaft als Ausgangspunkt

Da wir nie in einem luftleeren Raum leben, sondern immer auch in einen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext eingebunden sind, ist es hilfreich, diesen in die Problematik miteinzubeziehen. Wir haben nicht nur eine individuelle Geschichte, sondern sind auch Teil einer kollektiven Geschichte, die in uns wirkt. Jede Frau hat ihre je persönlich-individuellen Stärken und Schwächen, gleichzeitig ist sie an das Kollektivbewusstsein der Frauen angebunden. Gleiches gilt für den Mann. Je bewusster wir uns dies machen, desto eher haben wir die Möglichkeit, die uns behindernden Aspekte zu überwinden. In der traditionellen Gesellschaft gab es klare Rollenvorstellungen von Mann und Frau. Vergegenwärtigen wir uns die Ausgangssituation der traditionellen Ehe, können wir einige Erkenntnisse für unsere gegenwärtigen Probleme erhalten. Denn auch wenn wir heute die traditionellen Muster aufgebrochen haben, ist es noch ein weiter Weg in unsere wirkliche individuelle Kraft zu kommen.

 

 

In der traditionellen Gesellschaft waren die Frau für das Gemüt und der Mann für das Denken zuständig. Die Sexualität der Frau wurde in traditionellen patriarchalen Gesellschaften weitestgehend unterdrückt. Eine freizügige Frau galt leicht als schändlich. Als Jungfrau in die Ehe zu gehen galt als ehrenhaft, es war ein wichtiger Wert auf dem Heiratsmarkt. Hier zeigt sich meines Erachtens schon ein wichtiges Indiz für die negative Konnotation von Sexualität bei Frauen, die heute zwar aufgebrochen ist, aber im kollektiven Unbewussten weiterhin ihr Unwesen treibt. Männer wiederum durften keine Gefühle zeigen. Der Bereich der Frau war drinnen im Haus und der des Mannes im Außen. Die Frau war in der traditionellen Gesellschaft vor allem über den Mann definiert und von ihm abhängig. Allein aus sich selbst war sie nichts wert. Der Mann definierte sich über seinen Status und seine Rolle als Familienoberhaupt. Auch er war nicht einfach aus sich heraus etwas wert. Wichtig in diesem Zusammenhang waren auch die männlichen Nachfahren. War eine Frau nicht fähig diese zu gebären, konnte sie auch »verstoßen« werden. Der Wert der Frau war somit gleichzeitig über ihre Kinder und ihre Gebärfähigkeit definiert. Diese Aspekte wirken heute meines Erachtens noch stark in der Frau weiter. Bei manchen Frauen insofern, als sie weiterhin ihren Wert stark über andere, sprich Mann oder Kinder, definieren und sich selbst zurückstellen. Bei »emanzipierten« Frauen zeigt sich dies insofern, als sie sich über den eigenen Status definieren, also die männliche Rolle übernehmen. Andere Frauen sehen sie oft als ihre Konkurrentinnen an. Dabei geht es nicht selten unbewusst darum, die Gunst des (meist männlichen) Chefs zu erlangen. Tief im kollektiven Unbewussten sitzt die Angst um den eigenen Wert. Meines Erachtens haben sich die grundlegenden Probleme der gegenseitigen Anerkennungssuche und -sucht noch nicht gelöst, sondern vielmehr verschoben und zeigen sich heute in anderen Formen.

 

 

Es hat mich verwundert, als mir ein interessantes Phänomen über Frauen meiner Generation bewusst wurde: Viele von ihnen tun Dinge, weil Männer sie gut finden. Sie tun nun zwar andere Dinge, aber das inhaltliche Problem wurde noch selten überwunden. Die Heilung liegt meines Erachtens in einem selbstbestimmten Leben, das heißt nicht, dass man keine Kinder mehr haben sollte, keine Männer mehr lieben oder sonstige materiellen Güter mehr besitzen dürfte. Vielmehr sollte die Selbstbestimmung vor der Fremdbestimmung stehen. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 58

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 08: Gernot Geise – Der »Ursprung« der »Hexen«.
Die Verunglimpfung der weisen Frauen

TV 13: Dr. Ingeborg Heldmann-Deutinger – Die Schlange.
Symbol der Wandlung, Überwindung und Heilung

TV 26: Bhaktisiddhanta Saraswati Thakur – Transzendentale Erotik.
Religion jenseits von Dogma und Moral

TV 44: Angela Mahr – Tantra, Sex und Erleuchtung. Wie geht das zusammen?

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut ist

TV 50: Sabine Wandjo – Ich fühle mich, also bin ich.
Beziehung, die Grundhaltung des Lebens

TV 51: Alexandra Schwarz-Schilling – Frauen im Matriarchat.
Zur Rekonstruktion der weiblichen Kraft

TV 52: Martin Ucik – Integrale Beziehungen.
Sozialpsychologische und biologische Selektionsprozesse in der Geschlechterbeziehung

TV 56: Gabriele Sigg – Die höhere Einsicht des Herzens.
Jenseits gesellschaftlicher Prägungen

 

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