Die Innerlichkeit des Außen

Die Innerlichkeit des Außen

Zur Rehabilitierung einer diskreditierten Wirklichkeit

Autor: Dr. Dr. Klaus von Ploetz
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 83

Eine der wichtigsten Leitdifferenzen unserer Kultur ist Innen-Außen. Der Weg der Kultur war bisher vor allem ein Weg in die Innerlichkeit. Dies kommt in vielen Werken der Philosophie und Religion von der Frühzeit bis heute zum Ausdruck. Immer war das Innere das Wesentliche. Der Autor sieht in unserer Zeit nun die Möglichkeit, das Außen zu rehabilitieren und die Innenwelt des Subjekts wieder zu öffnen. Für das Fühlen und die Sensitivität des Körpers brauchen wir das Außen. So werden wir zu vollständigeren Wesen.

Wenn 63 Millionen Menschen 2018 in Deutschland nach einer Studie von ARD und ZDF regelmäßig online gingen, könnte sich die Frage stellen, wohin gehen sie eigentlich genau? Von welchem Ort sind sie gestartet und wo könnten sie angekommen sein?

54 Millionen Menschen nutzten das Internet im Jahr 2018 täglich, in welcher Absicht?

Statistisch bedeutet dies eine durchschnittliche Nutzung der Medien von ca. neun Stunden pro Tag. Diese Befunde, die auch Kinder und Jugendliche betreffen, besorgen nicht zuletzt auch Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesrepublik, und die psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, in denen sich die Betroffenen gelegentlich als Patienten wiederfinden.

Dieser Informationsdruck aus dem Außen muss in Deutschland zur Frage führen, was das für den einstigen deutschen Kultbegriff »Innerlichkeit« bedeutet? Friedrich Gottlieb Klopstock beschrieb die Innerlichkeit in seinen Elegien (1771) und in den Gesängen des »Messias«. Die Erfindung der Innerlichkeit wurde so für die klassische deutsche Dichtung zu einem äußerst weittragenden Begriff.

Die Innerlichkeit ist hier als ein ganz individueller Raum reinsten Empfindens und Selbstfindung gemeint, der gegen ein rohes Außen abgegrenzt wird. Schon der alte Kirchenvater Augustinus hatte in seiner Schrift »De vera religione« formuliert:

»Gehe nicht nach draußen, kehre in dich selbst ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.«

Damit war eine Abgrenzung gegen das fordernde und drängende Außen vorgestellt.

Die Wiederentdeckung der Innerlichkeit

Georg Lukács legte 1916 in einem Beitrag für die »Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft« den Begriff der Innerlichkeit erneut auf, in dem er ihn in seine Theorie des Romans aufnahm. In diesem elitären Anliegen ist er der Philosophie der Natur von Friedrich Schelling nahe, vorgetragen in seiner Antrittsvorlesung 1798 in Jena.

Innerlichkeit wird für Lukács zum Raum, in den sich ein durch die fremd gewordene Außenwelt verstörtes Subjekt zurückzieht.

Nur der Dichter allein kann in seinem Roman den Eigenwert der Innerlichkeit wieder in sein Recht setzen, indem er die verlorene Totalität als regulative Idee im Sinne Kants gebraucht. Zu den Bewunderern dieses Textes, später von Lukács selbst als eine von tiefem Pessimismus erfüllte Schrift gekennzeichnet, gehörten Thomas Mann und Max Weber. Theodor W. Adorno sah in ihr einen Maßstab für die eigene philosophische Ästhetik.

Die feste Burg der Innerlichkeit sollte in den folgenden gesellschaftlichen Entwicklungen des weiteren 20. Jahrhunderts einige Stürme aus dem steigenden Druck des Außen erleben und versuchen durchzustehen.

Wenn Sie mehr über den Einfluss des Konzepts der Innerlichkeit auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts erfahren möchten, können Sie den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen und herunterladen.

Die Wahrheit als das bisher Unerhörte

In den letzten Vorlesungen 1984 spricht Foucault über den »Mut zur Wahrheit« als ein unvermeidbares Hervorbrechen unveränderbarer Innerlichkeit, einem Willen zur Innerlichkeit. Diese unbeherrschbare Innerlichkeit bezieht er einerseits aus dem antiken Griechenland, aber immer wieder mit einem gegenwärtigen Blick.

Das Risiko, auszusprechen, was sogar nur unter dem Einsatz des Lebens gesagt werden muss, begründet eine Philosophie für das Leben des bisher Unerhörten.

Und er erläutert an zahlreichen Beispielen die griechische Tradition der Parrhesia, des mutigen »Wahr-Sprechens«. Parrhesia wird zur verbalen Aktivität, in der ein Sprecher seine persönliche Beziehung zur Wahrheit aufkommen lässt, weil er das Aussprechen der Wahrheit als Pflicht erkennt. In Parrhesia verwendet der Sprecher seine Freiheit und wählt Offenheit statt Überzeugungskraft, Wahrheit statt Lüge oder Schweigen.

Der Diskurs um die Innerlichkeit zum Außen legte schon aus der Spätantike stammend das Denken als Vermittlung des Außen und Innen zugrunde. Wenn Klopstock elegisch von der Innerlichkeit spricht, hat er das reine Denken insgeheim verlassen, ohne es zu benennen. Er möchte dem meist unerhörten Empfinden Ausdruck und Gestalt geben. Das Denken geht nach innen, es möchte energetisch erfüllt sein von diesem Augenblick.

Ludwig Feuerbach ist ein weiterer möglicher Dialogpartner in diesem fortdauernden Diskurs um die Innerlichkeit des Außen und die Äußerlichkeit des Innen. In der 1843 veröffentlichten Schrift »Grundsätze der Philosophie der Zukunft« heißt es: Die neue Philosophie sei nichts anderes, »als das zum Bewußtsein erhobene Wesen der Empfindung – sie bejaht nur in und mit der Vernunft, was jeder Mensch – der wirklicher Mensch – im Herzen bekennt. Sie ist das zu Verstand gebrachte Herz.«

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

Die Innerlichkeit als ein Ort anderer Authentizität nimmt wohl immer Bezug zum Körper selbst auf. Der Körper aber steht in einer anderen Bezüglichkeit zu seiner zeitlichen Existenz, wo dem Denken immer wieder Vergangenes und möglich Zukünftiges meist sorgenvoll ins Haus steht, scheint es dem Körper immer nur um Homöostase zu gehen, dem augenblicklichen Gleichgewicht.

Der Körper selbst enthält sich des Unabsehbaren, er ist auf Balance gerichtet. Der Körper lässt sich im Gegensatz zum reinen Denken nicht in andere Zeiten verleiten, er beharrt auf das aktuell Fühlbare und das jetzt Existenzielle.

Gleichwohl ist das Fühlbare und innerlich Existenzielle an das Außen und daraus abgeleitete Vernünftige gekoppelt. Diese andere intermittierende Erfahrung findet sich in dem Phänomen der »Emergenz«. Emergenz bedeutet ein zeitbegrenztes Aufscheinen eines sensuellen Inneseins. In diesem Moment kann die eigene Lebendigkeit authentisch erlebt werden, der Augenblick wird zu etwas Ausgedehntem, aber doch Vergehendem. Emergenz ist nicht Achtsamkeit. Achtsamkeit zielt zu stark auf eine geistige Ebene, sie möchte zu einem körperfernen Beobachten abstrahieren.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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Der Autor Dr. Dr. Klaus von Ploetz

Über den Autor

Klaus von Ploetz, Studium der Medizin, Philosophie, Politik, Geschichte und Kunst in Tübingen (Schüler von Ernst Bloch), Aachen, Heidelberg und Berlin. Facharztausbildung in Neurologie und Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie psychotherapeutischer Medizin. Psychotherapeutische Ausbildung in Transaktionsanalyse, systemischer Familientherapie und Psychoanalyse. Mitarbeit in der Freeclinic Heidelberg, Arzt bei den Flying Doctors of South-Australia. Seit September 2017 Chefarzt der Psychosomatischen Gezeitenhaus Klinik Schloss Wendgräben.

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